Borderline-Persönlichkeitsstörung

Eine Übersicht.

In der Geschichte der psychiatrischen Diagnostik gab es immer wieder Fälle, die "an der Grenze" ("on the border") existierender diagnostischer Kriterien lagen. Der englische Psychiater C.H. Hughes prägte für sie erstmals in dem im Jahre 1884 erschienenen Artikel "Borderland Psychiatrics Records" den Begriff "borderland patients". Seither wurde die davon abgeleitete Bezeichnung "Borderline" in verschiedensten Publikationen und Arbeiten - stets für Beschwerdebilder, die nicht eindeutig klassifiziert werden konnten - verwendet, wenn diese phänomenologisch im Grenzbereich von Neurose, schwerer Charakterstörung und Psychose angesiedelt waren.
Nach einer Vielzahl von Arbeiten und anderen Bemühungen (speziell seien jene von Kernberg, Kety, Rosenthal, Wender, Gunderson und Kolb erwähnt), die Borderline-Störung besser zu klassifizieren, gilt sie heute zu den empirisch am besten erforschten Störungsbildern, wobei als Begriffsebenen je nach Ausprägung und Dauer der Störung das Borderline Syndrom, die Borderline-Persönlichkeit und der Borderline-Zustand unterschieden werden. Während bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung davon ausgegangen wird, daß es sich um eine dauerhafte Störung der Erlebnis- und Verhaltensweisen handelt, werden Borderline-Syndrom und Borderline-Zustand für kürzere Verlaufsperioden oder 'Schübe' der jeweiligen Symptomatik diagnostiziert.

Diagnostische Merkmale der Borderline-Störung

Gemäß den klinisch-diagnostischen Leitlinien aus Kap. V (F) der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation WHO ist im Bereich "Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen" der "Borderline-Typus" (F60.31) definiert, welcher zu den emotional instabilen, schweren Störungen der charakterlichen Konstitution und des Verhaltens gezählt wird, die mehrere Bereiche der Persönlichkeit betreffen. Das die ICD-10 - Diagnose prägende Konzept stammt ursprünglich aus der psychoanalytischen Forschung und beschreibt eine eigene Störungsgruppe im Übergangsbereich zwischen Neurose und Psychose.
Die Einordnung der Borderline-Störung als Persönlichkeitsstörung beruht unter anderem auf von Gunderson und Otto F. Kernberg definierten Kriterien, wobei von Kernberg auch die bedeutsame Konzeptualisierung der sog. Borderline-Persönlichkeits-Organisation unter strukturellen Gesichtspunkten stammt. Hierbei handelt es sich um eine spezielle Persönlichkeitsstruktur, die aber nicht notwendigerweise zu den - unten im Detail beschriebenen - Störungen führen muß. Diesem Konzept nach schwanken die Betroffenen auch nicht zwischen Neurose und Psychose, da es sich dabei um stabile Strukturmerkmale der Persönlichkeit handelt, und deren Realitätsbezug und Selbstkontrolle nur unter extremen Belastungen oder regressionsfördernden Bedingungen gefährdet sind. Zu den untenstehenden diagnostischen Merkmalen einer Borderline-Störung sei noch ergänzend erwähnt, daß nach Kernbergs Auffassung die Erfüllung der diagnostischen Kriterien allein nicht ausreicht, sondern auch eine Ich-Störung (z.B. mangelhafte Angsttoleranz und/oder Impulskontrolle) vorliegen muss, damit von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gesprochen werden kann.

Gemäß der Kategorisierung des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-IV, Stand 1994) gehört Borderline zu den "dramatisch, emotional oder launenhaften" und damit zu den so genannten "emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen". Dieses Konzept stammt ursprünglich aus der psychiatrischen Forschung und beschrieb Randphänomene im Grenzbereich zu den schizophrenen Störungsbildern. Heute ist es von diesen diagnostisch klar abgegrenzt: die früher fallweise diagnostizierte "Borderline-Schizophrenie" (die sich auch im ICD-10 mit dem Überbegriff "schizotype Störung" als F21 codiert findet) wird ab dem DSM-III unter dem Begriff der schizotypischen Persönlichkeitsstörung (301.22, 301.20) beschrieben. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (301.83) dagegen wird in DSM-III und IV sowohl von ihr als auch der narzißtischen Persönlichkeitsstörung (301.81) klar unterschieden.

Unter Zugrundelegung dieser beiden, heute etablierten Diagnoseschemata läßt sich folgendes über die Charakteristika von Borderline-Störungen sagen: die betreffenden Personen neigen zu starken Stimmungsschwankungen (von quälender Angst und Verzweiflungsgefühlen bis hin zu zorniger Erregung), deren Intensität mitunter soweit gehen kann, daß Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen ausagiert werden. Von außen werden Borderline-Patienten deshalb häufig als unberechenbar erlebt. Beim Vorausplanen haben sie Schwierigkeiten (phasenweise wird dies durch viel Planungsaktivität zu kompensieren versucht), und beim Ausbrechen intensiven Ärgers kann es fallweise zu explosivem, in Einzelfällen sogar gewalttätigem Verhalten kommen. Oft richten die Betroffenen ihre aggressiven Impulse aber jedoch gegen sich selbst statt gegen andere - Selbstverletzendes Verhalten (SVV) ist ein Symptom, das verhältnismäßig oft kombiniert mit einer Borderline-Störung auftritt.

Das eigene Selbstbild, die persönlichen Ziele und inneren Präferenzen (einschließlich der sexuellen) sind meist unklar und gestört. Es fällt den Betroffenen schwer, Entscheidungen zu treffen oder ihr Leben so zu planen, daß sie sich auf ihren selbst gewählten Pfaden dauerhaft sicher fühlen und diese längerfristig verfolgen können. So empfinden sie oft auch ein chronisches Gefühl innerer Leere, unbestimmter Angst oder Traurigkeit. Ihre Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen mit übermäßigen Anstrengungen, nicht verlassen zu werden, führen, und mit Suiziddrohungen oder - siehe oben - selbstschädigenden Handlungen (die aber auch ohne äußerlich erkennbare Auslöser vorkommen können) einhergehen. Beziehungspartner erleben mit den Betroffenen oft "Heiß-Kalt-Duschen" - ein sich wiederholendes Wechselspiel zwischen Phasen großer Leidenschaft, Nähe und sehnsüchtiger Bindung auf der einen, und harschen Zurückweisungen, Rückzügen und energiezehrenden Konflikten auf der anderen Seite.

Der Beginn der Symptomatik wird meist im frühen Erwachsenenalter festgestellt. Früher getroffene Diagnosen haben sich als zu unsicher herausgestellt und werden heute unter dem Titel "Borderline" nur mehr selten ausgesprochen.

Die Symptome im Überblick

  Wenn mindestens 5 der folgenden Kriterien auf eine Person zutreffen, besteht Verdacht auf Vorliegen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung: (Kriterien ab DSM III, 1983 [301.83] sowie ab ICD-10, 1991; das zuletzt angeführte Item wurde als Ergänzung des DSM III in den DSM IV von 1994, 1996 aufgenommen.)

Häufige Nebenmerkmale:

(gem. DSM IV)

Häufig gemeinsam mit oder in Folge der Borderline-Symptomatik auftretend:

Nur die wenigsten Betroffenen allerdings leiden unter allen Symptomen, die Symptome können darüber hinaus unterschiedliche Ausprägungen annehmen.

Vorsicht: Eine Diagnose setzt eine entsprechende Ausbildung, zu der auch klinische Erfahrung gehört, voraus. Die oben angeführten Kriterien sollen lediglich eine Übersicht über häufige Symptome von Borderline-Persönlichkeitsstörungen vermitteln. Im Verdachtsfall ist zur genauen Bestimmung der vorliegenden Störung unbedingt eine differentialdiagnostische Abgrenzung durch einen Psychiater, Psychologen oder erfahrenen Psychotherapeuten vorzunehmen - auch, um ggf. einer Verstärkung der Symptomatik möglichst frühzeitig entgegenwirken zu können.

Online-Selbsttest

Auf dieser Website finden Sie einen auf den Kriterien des DSM IV basierenden Online-Selbsttest, der einen gewissen Überblick darüber geben kann, ob Verdacht auf eine Borderline-Störung vorliegt.

Ursachen, Entstehung und Verlauf

Heute wird vor allem das multifaktoriale Modell von Zanaraini & Frankenberg herangezogen, um die Entstehung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen zu erklären. Demnach bedarf es dem kombinierten Auftreten bzw. Vorhandensein mehrerer Risikofaktoren, um BPS ausbrechen zu lassen. So ist diese Störung letztlich meist das Produkt einer komplexen Mischung von angeborenem Temperament, schwierigen und kaum verarbeitbaren Kindheitserfahrungen und relativ subtilen Formen neurologischer und/oder biochemischer Dysfunktionen (welche wiederum die Folge der o.e. Kindheitserfahrungen oder "angeborener" (genetisch vererbter) Anfälligkeit sein können).

Im wesentlichen ist demnach also das Zusammenspiel von 3 Faktoren erforderlich, um eine Borderline-Störung ausbrechen zu lassen:

Zur Häufigkeit des Auftretens von Borderline-Störungen existiert eine Vielzahl von Erhebungen und Arbeiten. Aufgrund der unterschiedlichen Befragungsmethoden, vor allem aber der diagnostischen Richtlinien schwankt die ermittelte Häufigkeit der Erkrankung in der Bevölkerung zwischen 0,2% und 2%.
19,5% der ermittelten Borderliner bedurften einer stationär psychiatrischen Behandlung (in der Gesamtbevölkerung sind dies nur 0,9%!). Das oftmals kombinierte Auftreten von Borderline- mit anderen Persönlichkeitsstörungen führt zu einem ebenso überdurchschnittlichen, bis zu 40%igen Anteil von Borderline-Persönlichkeitsstrukturen in psychiatrischen Anstalten.

Borderliner tendieren zu einem Leben in der Stadt, haben ebenso häufig einen höheren Schulabschluß wie der Bevölkerungs-Gesamtdurchschnitt, jedoch einen niedrigeren sozioökonomischen Status, sind überdurchschnittlich häufig geschieden bzw. vom Partner getrennt lebend, aber insgesamt seltener verheiratet. Das Erkrankungsrisiko wird in der Fachliteratur für Frauen größer als für Männer angegeben, wie die folgende Tabelle zeigt. Möglicherweise ist dies durch die zu vermutende Rolle von sexuellem Mißbrauch und körperlicher Mißhandlung hinsichtlich der Ausbildung der Störung zu erklären.

Der Verlauf der Erkrankung wird als deutlich günstiger eingeschätzt als der der Schizophrenie - nach stationären Intensivtherapien konnte nach ca. 1 Jahr nach Stone, Stone und Hurt 1987 bei 42% der PatientInnen die Gesundheit wiedererlangt werden, bei 30,2% war immerhin ein guter Verlauf möglich. Die Suizidrate dagegen ist im Vergleich zu der der Schizophrenie bedeutend höher: sie wird mit bis zu 9,5% angegeben (Schizophrenie: 1%), auch die Suizidversuche sind mit (wieder je nach Untersuchung) 49-75% überdurchschnittlich häufig.

  Borderliner Gesamtpopulation
Anteil der Frauen 73,2 % 52,2 %
stürmische Ehebeziehungen 50 % 29,9 %
körperliche Behinderung 7,8 % 0,3 %
Arbeitsplatzprobleme 31,1 % 21,1
Alkoholprobleme 57,1 % 17,6 %
Drogenprobleme 48,1 % 22,2 %
sexuelle Probleme 30,7 % 4,3 %
antisoziales Verhalten 16,3 % 18,1 %

(Quelle: Adelheid Kühn, "Borderline-Persönlichkeitsstörung", 05/2001)

Der Verlauf der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist unterschiedlich, was sich auch in der Literatur über die Therapie der Störung niederschlägt. Die größte Übereinstimmung bei den meisten Betroffenen dürfte jedoch im Beginn - chronischer Instabilität im frühen Erwachsenenalter - bestehen, häufig gefolgt von Episoden schwerer affektiver und impulsiver Unkontrolliertheit. Ebenso häufen sich Inanspruchnahmen des Gesundheitssystems aus Gründen, die im Zusammenhang mit der oben erwähnten Symptomatik stehen. Die Phase größter Stabilität liegt zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, den meisten Betroffenen gelingt es hier, in ihrem Leben zumindest grundlegende Stabilität zu erreichen, was Beruf und Privatleben betrifft.

Frühestmögliche Erkennung ebenso wie ein frühestmöglicher Beginn mit therapeutischen Maßnahmen haben sich als essentiell für die Therapie von Borderline erwiesen. Es ist heute möglich, der Symptomatik durch Psychotherapie (Verhaltenstherapie, Systemische Therapie, Psychoanalyse, Gestalttherapie, mit denen gute Erfolge erreicht werden konnten, seien hier besonders hervorgehoben) kombiniert mit spezifisch eingestellten Psychopharmaka so gut begegnen, daß stationäre Psychiatrieaufenthalte nur mehr vergleichsweise selten nötig sind - sofern frühzeitig damit begonnen wurde. Hier sind Angehörige ebenso wie Betroffene gefordert - die Erfahrung zeigt, daß leider meist zu lange zugewartet wird, bis Hilfe von außen gesucht wird.

 

Therapie

Die wichtigste und auch zielführendste Behandlung des Borderline-Syndroms stellt heute die Psychotherapie dar. Oft wird sie, je nach Intensität der Symptome, zumindest vorübergehend mit einer pharmakologischen Therapie kombiniert. In schwereren Fällen, das sind ca. 20% der Borderline-Erkrankungen, bedürfen die Betroffenen auch einer zumindest vorübergehenden stationär psychiatrischen Behandlung, etwa bei:

In der Psychotherapie kommen heute vor allem verhaltenstherapeutische, tiefenpsychologische, systemische und gestalttherapeutische, vereinzelt auch körpertherapeutische Methoden zum Einsatz.
Während der letzten Jahre machte speziell auch die Dialektisch-Behaviourale Therapie (DBT), eine von Marsha M. Linehan entwickelte verhaltenstherapeutische Methode, von sich reden, die insbesondere in stationär psychiatrischen Therapien zur Anwendung kommt und dort gute Erfolge erzielen konnte.

Ziel der Therapie von Borderline-Störungen ist in erster Linie eine stärkere Selbstregulation. Die in vielen Bereichen destruktiven Anteile des eigenen Verhaltens sollen in ihren (meist in der persönlichen Geschichte liegenden) Ursachen erkannt, und passende Alternativen dazu entwickelt werden. Ganz wesentlich ist es auch, mit den alltäglichen Belastungen des Lebens besser fertig zu werden. So wird schrittweise angemessenes Sozialverhalten als Ersatz für gestörtes Verhalten entwickelt und sukzessive trainiert, bis auch in schwierigen Situationen, die früher zu Eskalationen führen konnten, adäquat reagiert werden kann.

Ganz wesentlich und somit auch wichtigster Teil der Therapie ist die Beziehung zwischen dem Patienten und dem Therapeuten. Gerade die Stabilität und das Vertrauen in einer solch emotional nahen Beziehung ist etwas, das für Borderline-PatientInnen üblicherweise nur schwierig herzustellen ist und daher langsam und behutsam entwickelt werden muß. Gelingt es dem Patienten, den Therapeuten als Vertrauensfigur anzunehmen, kann diese Beziehung sich zu einer tragfähigen Basis, die die laufenden Veränderungen begleitet und Halt auch in schwierigsten Situationen bietet, entwickeln.
Letztlich dient diese therapeutische Beziehung aber nur als Basis für eine spätere Erweiterung des eigenen Vertrauens, der eigenen Hoffnungen und Erwartungen, auch auf andere Personen. Eigentliches Ziel der Psychotherapie ist es, dem Patienten zu helfen, sich individuell zu entwickeln und mehr persönliche Freiheit nutzen und realisieren zu können. Im Laufe der Psychotherapie werden die das eigene Verhalten dominierenden Ängste reduziert und gelernt, die Impulshaftigkeit des Verhaltens besser zu kontrollieren.

Schritt für Schritt gelingt es dadurch, sich mehr und mehr in einen lebendigeren und gelösteren "Fluß" mit der Umwelt einzulassen - etwas, das letzlich ermöglicht, Intimität und Liebe zuzulassen und somit auch im Alltag und in den persönlichen Beziehungen dauerhafte Geborgenheit empfinden - und auch geben - zu können.

 

Borderline - eine Verlegenheitsdiagnose?

Statistiken zeigen im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine signifikante Zunahme der Diagnose "Borderline".
Skeptiker - insbesondere solche, die die Borderline-Symptomatik einfach als 'speziellen Lifestyle' betrachten möchten - äußern deshalb mitunter die Vermutung, daß es sich dabei wohl häufig um eine Verlegenheitsdiagnose handelt.

Nun, jede Zeit hat ihre Verlegenheits- und "Modediagnosen" (oder birgt, aus anderer Sichtweise, Auslöser für bestimmte psychische Probleme). Zu Zeiten Freuds etwa war es die Hysterie (eine Diagnose dieses Namens existiert in modernen Diagnoseschlüsseln nicht einmal mehr), heute sind es unter anderem Borderline (bei Erwachsenen) und AD(H)S (bei Kindern und Jugendlichen). Der Verdacht, nicht eindeutig diagnostizierbare PatientInnen würden einfach mit Borderline oder AD(H)S diagnostiziert, ist also verständlich.

Persönlich glaube ich aber nicht, daß man die überwiegende Anzahl von durch Fachpersonen vorgenommenen Borderline-Diagnosen einfach als "Verlegenheitsdiagnosen" oder dergleichen abtun kann - dazu sind die Diagnosekriterien (siehe oben) heute zu genau abgegrenzt. Vielmehr bin ich der Ansicht, daß die häufige Borderline-Symptomatik eine Auswirkung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, die seit Jahrzehnten weite Teile unserer Kultur bestimmt. Die extreme Haltlosigkeit, die großen emotionalen Schwankungen und die tiefsitzenden Ängste von "Borderlinern" sind höchstwahrscheinlich in vielen Fällen Auswirkungen einer auch emotional instabilen Kindheit, in der es in bestimmten Bereichen wenig Grenzen, wenig Sicherheit, aber viel Grund für Ängste (insbesondere emotionale Verlustängste und/oder emotionalen Terror) gab. Die geliebten Eltern waren und sind da oft auch die gehaßten Eltern - weil sie nicht wirklich für ihre Kinder da waren oder Ihnen nicht die Sicherheit gaben, die ein Kind nun einmal benötigt. Auch heutzutage ist auffällig, daß viele Kinder zwar schon (sehr!) früh emotional reif und abgeklärt wirken (weil sie es in ihren instabilen und/oder karrieregeprägten Familien auch sein müssen!), aber auf emotionalen Streß häufig unadäquat (entweder deutlich überzeichnet und unkontrolliert bis aggressiv oder andererseits gefühskalt, scheinbar kaum berührt und nüchtern) reagieren. Gelingt es diesen Kindern nicht, sich selbst und ihre Bedürfnisse besser zu spüren (häufig ein schwieriges, durch sie allein kaum lösbares Unterfangen), dann werden das später jene "Borderliner", die sich auch als Erwachsene nie wirklich dauerhaft geborgen und angenommen fühlen können.

Diese Hypothese wird durch einschlägige Ergebnisse von Statistiken gestützt, die aufzeigten, daß "Borderline-Kinder" in signifikanter Häufigkeit Eltern haben, die ihrerseits an Neurosen und zum Teil schweren Persönlichkeitsstörungen leiden oder litten. Diese Kinder lebten signifikant häufiger als die Kinder aus Vergleichsgruppen außerhalb ihrer Herkunftsfamilien (Adoptivfamilien, Pflegefamilien, Heimen). Sie erlebten also häufiger Trennungen von ihren primären Bezugspersonen und von ihrer Wohnumgebung als die anderen Kinder. Diesen Trennungen gingen in der Regel bedeutsame Ereignisse, wie Tod der Eltern, Dissozialität oder Suchterkrankungen, Unfähigkeit zur Erziehung, Mißhandlung oder sexueller Mißbrauch, voraus.

Borderline stellt heute also - natürlich in verschiedenen Ausprägungsgraden - tatsächlich ein überdurchschnittlich häufig anzutreffendes Beschwerdebild dar.

 


Persönliche Erfahrungsberichte

Erfahrungsbericht von Sibylle*:

es ist sehr schwierig, mich in in worte zu fassen, da genau liegt mein problem.

ich weiss nicht, wo ich beginnen soll. für mich bedeutet es, mein leben zu leben, diese form von leben. ohne richtigen bezug zu irgendetwas. ich weiss, selbstdiagnosen, gerade in dieser hinsicht, sind mit vorsicht zu geniessen, davon schliesse ich mich jetzt nicht aus.

meine "vorgeschichte" passt einfach zu gut, als dass es nicht sein könnte. ich weiss jetzt nicht, ob es interessiert, es sind keine monster-geschichten mit missbrauch etc, mein handicap ist mehr die ungewollte schwangerschaft, selbstmordversuch der mutter, frühgeburt im 6. monat, die extremen probleme der mutter (misshandlung, nachkriegskind, vater soldat, scheidung der eltern). was so nach meiner geburt war, weiss ich nicht genau, ich wurde viel herumgeschoben. war bei meiner überlasteten grossmutter (ca. 65 J. alt, krank). mir wurde schon sehr früh beigebracht dass ich unerwünscht und nicht liebenswert bin. mit der gesamten problematik. diebstahl im kindergarten, probleme kindergarten, einschulung, etc pp. nun, emotionale misshandlung und vernachlässigung ist wohl mein "trauma", wenn es denn eines ist.
meine erinnerungen sind sehr bruchstückhaft, so richtig beginnen sie im alter von 10-11-12 (ich war sehr früh in der pubertät). nunja, lange rede, kurzer sinn. mir fehlt etwas entscheidendes, das wird mir bei jeder begegnung mit menschen bewusst. etwas fehlt, ich kann keinen kontakt herstellen. es ist paradox, ich habe einen gesundheit-handwerks-beruf, sehr viel und engen kontakt mit kunden. bin beliebt, gemocht etc. aber privat versuche ich, überhaupt keine kontakte zu haben, es macht mich krank gezwungenermassen mit kollegen zusammen zu sein. in solchen situationen schalte ich häufig völlig ab und hoffe, das es bald vorüber ist. dieser zustand wird schlimmer, und macht mir ehrlich gesagt etwas sorgen. nun weiss ich natürlich nicht, wieweit ich mich da reinsteigere.

ich glaube zu meinen, dass ich nicht der hypochondrische typ bin (ausser ich habe kopfschmerzen, sie sollten mich jammern hören). nur, je mehr ich versuche, es zu verstehen (und mist, es passt einfach zu gut) desto mehr verstehe ich mich tatsächlich. ich habe mir lange zeit etwas vorgemacht, mit partnerschaften (2 längere, eine davon war eine mutter-ich-beziehung, soll heissen, eine einzige quälerei für mich und mein gegenüber, 5 lange Jahre, bis ich endlich für mich den schlussstrich gezogen habe). Kurz darauf eine 6 j. beziehung zu einem ebenso verschlossenem mann, kein austausch, kein kontakt, auch diese wurde von mir beendet vor 4 jahren. seither lebe ich ohne partner, soll heissen ohne beziehung. einen sexualpartner benötige ich wohl immer. allerdings sehr auf distanz. ich suche mir wohl immer die richtigen männer, auch mein jetziger "bekannter" (dauer ca. 2-3 jahre, mit unterbrechung) ist ein freund auf distanz, dem ich sehr gut zuhören kann, dem ich aber nichts von mir mitteile, auch aus dem grund, weil es dort nichts gibt, was mitzuteilen wäre.

ist für mich auch völlig verwirrend, aber das bedeutet es für mich, ein "borderliner" zu sein:
zu funktionieren, meinen lebensunterhalt zu verdienen, zu versuchen, meinen selbstmörderisches verhalten mit geld zu kontrollieren (tz, immer wenn ein brief von der bank im kasten liegt, bekomme ich einen adrenalin-stoss, ich glaube, das brauche ich, um zu wissen, dass ich noch lebe, SVV?), in ruhe gelassen zu werden, von niemandem abhängig zu sein, mich bedeckt halten, abends hier sitzen und lesen, musik hören, träumen, phantasien von einem normalen leben nachhängen, zu kiffen, spass zu haben. ja, ich bin sehr einsam, das wird mir oft bewusst, es schmerzt und macht mich sehr traurig (selbstmitleid?), nur sehr kurz. depressive phasen habe ich keine, zumindest funktioniere ich auf knopfdruck wieder (soll heissen, arbeiten gehen können, lächeln, geld verdienen).

ich bin einsam, aber nicht alleine. ich sehne mich nach keinem bestimmtem menschen, ein diffuses gefühl von etwas, k.A. fühle mich wie taub in bestimmten situationen. ich bin da, spüre aber keinen kontakt zu den menschen, es läuft "ein film", alles in 3-D und doch irreal, lange zeit dachte ich: naja, meine optik stimmt nicht (ich schiele tatsächlich leicht, wenn ich müde oder überreizt bin), es ist mehr das gefühl in einem film zu sein und eine rolle zu spielen, als es wirklich so zu sehen. bis vor kurzem dachte ich es ist eine normale empfindung, gespräche mit einer freundin brachten mich dem spalten und dissoziation näher. hm, ich denke, das rede ich mir nicht ein, meine emotionen und mein verstand fahren zweigleisig. vor allem bei intimen kontakten (bei fremden weniger, peinlich das zuzugeben), bin ich nicht so richtig bei mir. aber wer wer kann das schon so richtig von sich sagen? oh weh, ich denke es geht etwas aus den fugen. zu diesem thema kann ich kein konzept aufstellen, ich muss drauflosschreiben, wenn überhaupt.

wie es sich anfühlt?
es fühlt sich irgendwie überhaupt nicht an, eine leere in mir, die ich nicht in worte fassen kann. die mich meinem gegenüber gleichgültigkeit empfinden lässt (vermeidend, destinteressiert ?), ich würde so gerne, kann aber nicht, alles erstarrt in mir. ich beginne so zu tun als-ob. mitgefühl ist angebracht hier, lächeln da. alles ist gesteuert, ich überlege vorher, was wohl richtig ist. was nicht heissen soll, ich kann mich nicht einfühlen, aber ich überlege eben sehr genau, was verletzend oder ähnliches sein kann, irgendwie kann ich soetwas nicht fühlen. doch, ich ärgere mich manchmal sehr schnell über ungerechtigkeiten oder offene dummheit, aber wohlkontrolliert, naja, manchmal vielleicht etwas übertrieben. und ich bin nahe "am wasser" gebaut, kann sehr über Lassie und flipper weinen, manchmal auch über mich.

das war es im grossen und ganzen an gefühlswelt. eine gewisse resignation, aber mit dem bewusstsein, es selbst so gewollt zu haben, das beste daraus zu machen, die dinge zu tun, die mir freude bereiten (wenn das auch grösstenteils nichtstun ist *g*).

*) (Name geändert)

Literaturtipps - zur weiterführenden Information über die Borderline-Persönlichkeitsstörung

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DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Coach und Supervisor in Wien.
Nachdruck gerne gesehen, aber nur mit korrekter Quellenangabe.
Bei Volltext-Übernahme zusätzlich auch Genehmigung des Verfassers erforderlich.

Artikelbezogene Themenbereiche und verwandte Begriffe: Borderline, Kontaktstörung, Therapie, Therapeuten, Therapeut, Borderline-Personality-Disorder, BPD, Borderliner, Borderliners, Symptome, Diagnose, ADD, Attention-Deficit-Disorder, SVV, Selbstverletzendes Verhalten, Borderline-Syndrom, Borderlinesyndrom, Borderlinestörung, Borderline-Störung, Psychotherapie

Anhang: weitere Literatur zum Thema, mit Leserrezensionen: