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Feb 27

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Psychische und physische Gewalt in Partnerschaften nimmt in den meisten westlichen Industrieländern zu, wobei in wissenschaftlichen Kreisen Unsicherheit darüber besteht, ob diese Zuwächse nicht auch damit ganz wesentlich zusammenhängen, daß die diesbezügliche Tabusierung in der Gesellschaft abnimmt, vorkommende Gewalt also nicht mehr totgeschwiegen wird.
Doch auch die reinen Fakten sind schockierend genug: so sind alleine im Jahre 2008 in Frankreich 147 Frauen durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen. Unter der Annahme, daß körperlicher Gewalt psychische Gewalt vorausgeht, die Möglichkeit der Bestrafung dieser also vielleicht auch physische Gewalt verhindern könne, wurde im französischen Parlament diese Woche nun “psychische Gewalt in Paarbeziehungen” als Straftat eingeführt. Unter den Unterstützern fanden sich nicht nur die Abgeordneten der Regierungspartei UMP, sondern auch die Sozialisten. Für psychische Gewalt sind demnach zukünftig Strafen bis zu 3 Jahren Gefängnis und Geldstrafen bis zu € 75.000,- vorgesehen, sowie die erzwungene Trennung des Paares und die Intensivierung der Überwachung durch elektronische Fußfesseln für die TäterInnen.

Was die praktische Exekutierbarkeit des neuen Gesetzes angeht, dürften sich in vielen Einzelfällen jedoch Probleme auftun: etwa, wie psychische Gewalt vor Gericht zu beweisen sei, wie sie sich überhaupt genau definiert und von Beleidigungen, Demütigungen, verletzenden Verhaltensweisen etc. unterscheidet, die bei Streitigkeiten in der Ehe oder in Partnerschaften ja fast immer geschehen. Im Diskurs rund um das Gesetz wurde denn auch von KritikerInnen des Entwurfs angeführt, daß namhafte französische Schriftsteller, Maler usw. heute angesichts dessen, was über ihre Beziehungsvergangenheit bekannt wäre, wohl langjährige Gefängnisinsassen wären. Männerorganisationen dagegen dürften die neuen Regelungen freuen, wird doch von diesen oft die psychische Gewalt von Frauen in Partnerschaften bemängelt, gegen die jedoch keinerlei rechtliche Handhabe bestünde.

Anmerkung R.L.Fellner:
Kulturkritisch könnte man anmerken, daß die seit einigen Jahren beobachtbaren Bestrebungen vieler westlicher Staaten, selbst die Emotionen ihrer BürgerInnen zu kontrollieren und die Überschreitung von -im Grunde recht eng gesetzten- künstlichen Grenzen sogleich als krankhaft oder strafbar zu definieren, bedenklich stimmen; speziell dann, wenn in der Bevölkerung ein Gefühl aufkommen sollte, daß gewohnheitsmäßig mit zweierlei Maß gemessen wird (z.B. Bonizahlungen an Finanzmanager bei gleichzeitiger Massenenteignung kleiner Kapitalanleger, straflos bleibende Waffenschiebereien von Politikerinnen-Ehegatten, Freunderlwirtschaft zwischen Wirtschaftselite und Politik, ohne Konsequenzen bleibender Machtmißbrauch von Politikern etc.). So könnte etwa der in Großbritannien kürzlich ebenfalls in der Gesetzgebung verankerte Begriff des sog. ‘Antisozialen Verhaltens’ (Antisocial Behaviour, ASBO) alleine was die dortigen Verfehlungen einzelner PolitikerInnen während der letzten 10 Jahre betrifft, durchaus auch für diese angewendet werden – wird es aber nicht.

(Quelle: Franz. Staatsekretariat für Familie und Solidarität)

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Okt 13

…so titelte zumindest der österreichische “Standard” in seiner Ausgabe vom 04.10.09. Diese Schlußfolgerung bezieht sich auf eine Studie der englischen Lucy Faithful Foundation (LFF), einer Kinderschutzorganisation, die sich mit Sexualtäterinnen auseinandersetzt. Dieser zufolge ist etwa jede fünfte der Pädophilen in Großbritannien eine Frau. Auch Scotland-Yard-Mitarbeiter würden beobachten, dass der Anteil an weiblichen Sexualtätern zunimmt.

Steve Lowe, Leiter der gerichtlichen Beratungsstelle Phoenix, die wegen Kindesmissbrauchs verurteilte Täter behandelt, sagte im oben verlinkten Interview, die Anzahl an weiblichen Pädophilen sei zu lange versteckt und sogar in den öffentlichen Statistiken kaschiert worden: “Für eine Gesellschaft ist es schwierig, Frauen als Sexualtäter anzuerkennen. Aber jene von uns, die mit Pädophilen arbeiten, haben Belege dafür gesehen, dass Frauen dazu fähig sind, furchtbare Verbrechen an Kindern zu begehen – so schlimme wie Männer.”

Literaturempfehlungen:
Von der Mutter mißbraucht von Alexander M. Homes
Frauen als Täterinnen von Michelle Elliott
Siehe auch in der Literatur-Empfehlungsliste auf meiner Website.

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Okt 13

Mit einer Waffe in der Hand steigt das Risiko, selbst erschossen zu werden. Epidemologen der University of Pennsylvania untersuchten die Opfer von 677 Schießereien, zu denen es in den Jahren 2003 – 2006 in der Stadt Philadelphia gekommen war und werteten aus, wie viele Opfer zum Tatzeitpunkt selbst eine Waffe mitführten. Das Ergebnis wurde mit den durchschnittlichen Bewohnern der Stadt gleichen Alters, Geschlechts und Herkunft verglichen und sozio-ökonomische Merkmale berücksichtigt.
Das im “American Journal of Public Health” veröffentlichte Ergebnis: Mit Waffe werden Menschen 4,5 mal häufiger angeschossen und 4,2 mal häufiger erschossen als ohne. Dieses Risiko stieg zusätzlich, wenn die Opfer noch Chance der Verteidigung hatten.

Eine Waffe schützt demnach ihren Träger meistens nicht davor, selbst erschossen zu werden. “Erfolgreiche Verteidigung durch Schusswaffen bei Zivilpersonen gibt es kaum”, so der Leiter der Untersuchung, welche die Binsenweisheit bestätigt, daß wenn man Menschen mit großer Gewalt (schwerer Verletzung oder Tod) droht, diese auch selbst eher zu Gewalt neigen, um ihr Leben zu schützen. “Wer Schusswaffen mit sich führt, die dem eigenen Schutz dienen sollen, sollte sich dies lieber noch einmal überlegen.”

Daß die Untersuchung dazu führt, daß etwa die amerikanische Waffenlobby – vehemente Verfechter der Grundsatzhypothese, wonach der freie Zugang zu Schusswaffen die (auch ganz persönliche) Sicherheit erhöhe – von ihren einschlägigen politischen Agitationen abläßt, darf bezweifelt werden.

Quelle: American Journal of Public Health: Investigating the Link Between Gun Possession and Gun Assault

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Jul 30

Bei meiner regelmäßigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stieß ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Veröffentlichung in einem Fachmagazin:

Warum Magersüchtige an ihrem gestörten Essverhalten festhalten:
Geringe Verhaltensflexibilität ist durch Veränderungen im Gehirn bedingt

Als hätten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft – weil wir dann in unserem persönlichen Leben nichts verändern müßten ;-) . Im Anschluß wird erklärt, daß Wissenschaftler am Universitätsklinikum Heidelberg “mit Hilfe der Magnetresonanztomographie erstmals Vorgänge in den Gehirnzellen entdeckt” hätten, “welche das gestörte Essverhalten von Anorexie-PatientInnen erklären”.

Wow. Ich muß allerdings gestehen, daß mich nach jahrelanger Tätigkeit als Psychotherapeut – trotz großen Interesses und laufender Beschäftigung mit aktueller Forschung – derartig reißerische Schlagzeilen heute nicht mehr so recht vom Hocker reißen können wie früher. Meist ertappe ich mich eher beim Gedanken: “welches Gen ist es denn diesmal” oder “dreht es sich wieder um das gute, alte Serotonin oder etwas anderes?” Aber natürlich lese ich wie immer diszipliniert weiter:

Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 30 junge Frauen mit oder ohne Anorexie mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Dabei erfasste das MRT-Gerät, wie hoch der Blutfluss in verschiedenen Gehirnarealen ist. Eine stärkere Durchblutung bedeutet vermehrter Stoffwechsel und damit eine größere Aktivität dieses Hirnbereich.

Derartiges haben wir ja alle schon mal irgendwo gehört. Aber nur “30 junge Frauen” zur Begründung einer solchen These? Wie auch immer, weiter geht’s:

Die Teilnehmerinnen unterzogen sich einem Test, der die Fähigkeit zu einem flexiblen Verhaltenswechsel aus einem kurzfristig eingeübten Verhalten prüft. Dazu werden den Testpersonen verschiedene geometrische Figuren in schneller Abfolge gezeigt, die zugeordnet werden müssen. Nach einem Durchlauf wird die Zuordnung geändert.

“Wir haben mit der Studie bestätigt, dass Magersuchtkranke häufiger als gesunde Vergleichspersonen an der vertrauten Verhaltensantwort festhielten, wodurch eine alternative Verhaltensweise unterdrückt wurde”, erklärte der Leiter der Arbeitsgruppe. Die Analyse der MRT-Bilder zeigte zudem, dass bei Magersucht Patientinnen im Vergleich zu gesunden Testpersonen ein bestimmter Netzwerk-Pfad zwischen Großhirn und Zwischenhirn vermindert aktiviert ist. Dieser Netzwerk-Pfad spielt unter sich rasch verändernden Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle für die Einleitung und Kontrolle von Handlungen.

Bildquelle: Cartoonstocks.comNun ist allerdings die Art, wie hier Zusammenhänge konstruiert werden, bemerkenswert. Es wird gewissermaßen geschlußfolgert, daß die anorektischen Frauen geistig weniger flexibel seien als andere, und sich daher schwer täten, ihre Verhaltensmuster den offensichtlichen Notwendigkeiten anzupassen.
Daß “bestimmte Netzwerk-Pfade” des Gehirns oder der Neurotransmitter-Haushalt bei psychisch leidenden Personen gegenüber jenen von nicht einschlägig leidenden Menschen verändert sind, ist im Grunde alles andere als überraschend, denn natürlich müssen psychische Veränderungen irgendwo auch im Gehirn nachweisbar sein, nur Anhänger esoterischer Erklärungsmodelle würden dies bestreiten. Jedoch zu behaupten, diese Veränderungen würden das entsprechende Verhalten (womöglich sogar unausweichlich) verursachen, und wären nicht vielleicht schlicht eine Folge ganz anderer – womöglich auch gar nicht so schlecht erforschter, jedoch halt nicht der Biochemie Nutzen bringender – Zusammenhänge, ist sehr gewagt, zumal wir heute wissen, daß psychische Erkrankungen ihrerseits hirnorganische Veränderungen bewirken können (Neuroplastizität) und daher die Ursachensuche ein wenig der antiken Frage gleicht, ob zuerst die Henne oder das Ei gewesen sei.

Doch der wirkliche Clou liegt in den Schlußfolgerungen, die die Wissenschafter aus der Studie ableiten:

Die Ergebnisse der Studie tragen maßgeblich zu einem besseren Verständnis der Magersucht bei. Vor allem machen sie deutlich, dass neurobiologische Faktoren beteiligt sind und das Erkrankungsbild aufrechterhalten. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen können, ergeben sich für die Anorexie neue Therapieansätze.

“Wir haben ein Behandlungsprogramm für Magersuchtpatientinnen entwickelt, das gezielt den flexiblen Wechsel von Verhaltensantworten trainiert“, so der Untersuchungsleiter. Die Wissenschaftler hoffen dadurch den Erfolg der psychotherapeutischen Behandlung verbessern zu können. Zur Erfolgskontrolle könnte die MRT- Untersuchung des Gehirns einen Beitrag leisten.

Es wird also eine Art revolutionärer Durchbruch für die Behandlung der Anorexie postuliert. Für ein verhaltenstherapeutisches Konzept, das a) grob gesagt schlicht die geistige Flexibilität ein wenig erhöhen soll und b) meint, damit eine Art bisheriger “unsichtbarer Mauer” für den ultimativen Behandlungerfolg zu durchbrechen, erscheint dies aber doch als eine sehr gewagte Behauptung.


Daß neurobiologische Faktoren beteiligt sind – nun, da wäre wohl eher das Gegenteil eine aufsehenerregende Neuigkeit gewesen! Daß die neurobiologischen Strukturen das Krankheitsbild aufrechterhalten, dafür liefert die Studie, liest man sie im Originaltext, keinerlei Hinweise – es handelt sich also um eine reine Hypothese, deren Beforschung wohl weitere Studien (und Studien-Fördermittel..) erfordern würde. Und ob es besonders effizient ist, wenn Anorexie-Patientinnen für einen derart hypothetischen Zuwachs an Behandlungserfolg regelmäßig ein extrem kosten- und materialaufwändiges MRT absolvieren müssen, darüber kann sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden…

Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen Studienfülle, den uns die heutzutage so gehypte Genetik und Neurobiologie beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale Therapieansätze nur wenig Fundiertes zutage gefördert hat und wohl nicht überraschend vermehrt in Kritik gerät.

(Quelle zur Studie: Am. J. Psychiatry 166, 608-616 (doi: 10.1176/appi.ajp.2008.08050775))

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Jul 22

Auf der im Mai 2009 stattgefundenen Gesundheitsförderungskonferenz des Fonds Gesundes Österreich referierten Experten über Lösungsansätze der brisanten Zukunftsszenarien. Ein Kernpunkt war dabei die Frage der Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens.

Übergewicht ist eines der drängendsten Gesundheitsprobleme und zieht sich quer durch alle Alters- und sozialen Gruppen. Jeder fünfte Schüler zwischen sechs und 15 Jahren weist ein zu hohes Körpergewicht auf, acht Prozent davon sind sogar adipös. Bei den Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren ist fast die Hälfte übergewichtig oder adipös. “Als Folge dieser Entwicklung rollt eine Welle von Krankheiten und damit auch Kosten auf das Gesundheitswesen zu, denn Übergewicht ist ein zentraler Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten”, sagte Ch. Hörhan, der Leiter des Fonds.

(Photo: ehow.com)Stress wiederum stellt als indirekter Mitauslöser von Herz-Kreislauferkrankungen und psychischen Erkrankungen einen zunehmenden wichtigen (wenn auch indirekten und damit häufig unterschätzten) Faktor für die Gesundheitspolitik dar. Nach einer Umfrage des FGÖ fühlen sich die Österreicher immer häufiger gestresst. Die Zahl der verordneten Psychopharmaka ist angestiegen, ebenso die Zahl der Krankenstandstage aufgrund von psychischen Problemen, kommentiert Hörhan die Studienergebnisse. Bei den Gründen für Invaliditätspensionen nehmen psychische Erkrankungen mit 29 Prozent heute bereits die zweite Stelle ein.

In den vergangenen Jahren sei deutlicher geworden, wie groß der Einfluss von sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung ist.

Ergänzender Hinweis R.L.Fellner: nach aktuellen Forschungen erhöht Streß neben anderen hormonellen Veränderungen auch die Cortisol-Ausschüttung – dies kann u.U. ebenfalls Übergewicht zumindest mitverursachen (Cushing’s Syndrome bzw. Hypercortisolismus [mehr]).

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Jun 28

Der kürzliche Tod von Michael Jackson ließ wohl die wenigsten Menschen unberührt – selbst jene, die mit seiner Musik oder den von ihm entwickelten Tanzelementen nichts anfangen konnten. Wie nur wenige öffentliche Ikonen polarisierte Jackson, und sein Lebensweg wurde in einem Ausmaß von den öffentlichen Medien verfolgt und kommentiert wie kein anderer. In krassem Kontrast zu unserer Aufmerksamkeitskultur wollte dieser Künstler selbst diese Aufmerksamkeit jedoch niemals: bei seinen öffentlichen Auftritten – selbst den inszenierten, vorbereiteten – erlebte man einen Menschen, der sich im Rampenlicht und unter Kamerascheinwerfern alles andere als wohlfühlte und um Worte verlegen war. Als jemanden, dessen Beruf es ist, mich in andere einzufühlen, schmerzte es mich beinahe, diese Gewaltakte, zu denen Medienauftritte für ihn geworden waren, mitansehen zu müssen. Seine Aussage, die bevorstehende Welttournee würde voraussichtlich gleichzeitig auch sein Abschied vom Pop-Business sein, war daher so glaubhaft wie von den wenigsten seiner Berufskollegen. Die Medien werden natürlich auch nach seinem Tod nicht ruhen – in den nächsten Wochen und Jahren wird man jedoch vermutlich Handfesteres als bisher über die Hintergründe der dramatischen Metamorphose Michael Jacksons – von einem musikalischen Wunderkind in ein emotionales und auch körperliches Wrack, einen Schatten seiner selbst – erfahren als früher. Und vermutlich wird auch erst dann die volle Tragweite seiner Traumatisierungen durch einen gewalttätigen Vater und den enormen Druck, dem er von frühester Kindheit an ausgesetzt war und der nie auch nur ansatzweise nachließ, in vollem Ausmaß erahnbar. Als Coping-Versuch kann u.a. die Verwirklichung eines seiner größten Träume, der sog. “Neverland-Ranch”, verstanden werden: ein in seiner Abgelegenheit Schutz bietender Kokon, ein Traumland inmitten der Wüste, benannt nach der Phantasie-Insel in der Geschichte von Peter Pan, auf der Kinder niemals erwachsen werden (müssen). Als Metapher für die Themen der Realitätsverweigerung, Weltflucht und Unsterblichkeit, drängen sich hier diverse Analogien zum Leben Jacksons geradezu auf.

Frühe Traumatisierungen und ein Gefühl sozialer Isolation führen häufig auch zu einer Affinität zu Drogen – vor diesem Hintergrund ist die massive Abhängigkeit Jacksons von Analgetika, Opiaten und Beruhigungsmitteln zu sehen, über die erstmals bereits vor 15 Jahren Details an die Öffentlichkeit gelangten. Der Einstieg erfolgte wohl im Zuge der Folgetherapie der massiven medizinischen Eingriffe und Veränderungen, welche Jackson an sich vornehmen ließ; die Suchtdynamik jedoch ist im Zusammenhang mit seinen psychischen Problemen wie etwa seiner Angst vor Infektionen, sozialen Ängsten, vermutlich auch Körperdysmorphophobie und Anorexie, allesamt in psychotherapeutischen Praxen bekannte Problembilder, zu sehen – “nicht einmal” Jackson mit seinem enormen Stab an Betreuern und Beratern war offenbar vor der typischen Suchtdynamik wie Einengung, Abkapselung usw. gefeit. Vertraute berichteten, Jackson habe bezüglich seines Suchtverhaltens seit Jahren sukzessive eine Mauer um sich herum aufgebaut, hinter die nur wenige Zutritt erhielten: darunter tragischerweise exakt die Personen, welche die Abwärtsspirale, in der er sich befand, ebenso wie er selbst verdrängten und negierten, ja teils sogar beschleunigten, indem sie ihn weiterhin mit den einschlägigen Arzneimitteln versorgten. Seinem sonstigen Umfeld wiederum scheint, wohl aus Angst vor den Reaktionen der Medien, der Mut gefehlt zu haben, wirkungsvolle Hilfsmaßnahmen einzuleiten. Gegenüber seiner Ex-Frau Lisa-Marie Presley hatte Jackson schon vor mehreren Jahren angedeutet, daß ihm ein ähnliches Schicksal wie ihrem Vater bevorstehen könnte – was nun tatsächlich der Fall gewesen zu sein scheint. Die bevorstehende Konzertserie muß für Jackson unvorstellbaren Druck bedeutet und immense Versagensängste ausgelöst haben, von den Proben durchgesickerte Details ließen die Frage aufkommen, ob er überhaupt in der Lage gewesen wäre, die Konzerte körperlich und psychisch durchzustehen. Michael Jackson hat versucht, diese Ausnahmevariante von Leben, in die er bis unmittelbar vor seinem Ableben wohl von Dritten stets mehr hineingedrängt wurde als er es sich selbst gewünscht und ausgesucht hätte, zu bewältigen. Seine Eltern hatten ihn zu einer Ikone und Marionette geformt, welche sich alleine, ohne Ziehfäden, zunehmends ausgeliefert und dem aggressiv-invasiven Leben draußen immer weniger gewachsen fühlte. Nicht zufällig gehörten wohl Kinder in ihrer Unbefangenheit und Naivität zu jenen, denen gegenüber er am ehesten Vertrauen und ihm sicher erscheinende Beziehungen aufbauen konnte, und die er schließlich als eigentliche Zielgruppe seiner Bemühungen – sowohl was seine künstlerischen, als auch seine sozialen und karitativen Ambitionen betraf – sehen wollte. Wie weit diese Vertrautheit mit Kindern in einzelnen Fällen ging, war die Schlüsselfrage aufsehenerregender Prozesse, die seinem bereits angeschlagenen Image in der Öffentlichkeit wohl nicht wieder zu reparierenden Schaden zufügten. Michael Jackson – glitzernder “King of Pop” und sanftes, verletzliches Kind zugleich – hat versucht, dieses Leben auszuhalten, und wohl an einen bestimmten Punkt festgestellt, daß ihm Betäubung nicht nur die Schmerzen seines Körpers, sondern wohl auch den Schmerz an der Welt und seinen Lebensumständen ein Stück weit erleichtern konnte. Und so beschleicht einen bei aller Betroffenheit die Vermutung, ob es sich der “Peter Pan” des Pop – in seinen Lebensumständen und immanenten Zwängen eingeschlossen wie ein Paradiesvogel in einem zu kleinen Käfig – nicht ausgesucht haben oder zumindest in Kauf genommen haben könnte, diesen Weg, dessen Verlauf er wohl nur selten jemals das Gefühl gehabt hatte, kontrollieren zu können, nicht mehr weitergehen zu wollen. Was Michael Jackson neben einem Berg an Schulden und offenen Fragen hinterläßt, ist jedoch vor allem auch eines: ein zeitloses kreatives Vermächtnis und ein Reigen unvergeßlicher Erinnerungen vor den Plattenspielern und TV-Geräten (Thriller“!) seiner abermillionen Fans.

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Jan 21

20.01.2009: Barack Obama’s Amtseinführung. Ich erhalte die Anfrage einer Redakteurin, welche durch Obama’s Wahlspruch “Yes We Can!” zu einer Story über Selbstbewußtsein und positives Denken inspiriert wurde. Könnte ich dazu ein paar Gedanken beitragen?

Nicht, daß mir gerade heute langweilig gewesen wäre – aber ich hatte mir  schon öfters zu Obama’s Wirkung auf die Menschen Gedanken gemacht (auch hier im Blog) und war gerne bereit, diese bei Gelegenheit in die Tasten zu klopfen:

Barack Obama’s Wahlslogan “Yes We Can!” war zweifellos ein genialer Wurf seines Teams. Jedes Wortelement des Slogans ist “stark” im Sinne einer Ermutigung und Hervorhebung des Wertes jedes Einzelnen, der/die sich der Wahlbewegung anschließt.

“Yes!” – ein erleichterndes, positives “JA” statt dem jahrelangen, negativen “Nein”, in dem vor allem die Gefahren, die auf die Menschen lauern, und die Feindlichkeit einzelner Facetten des Lebens beschworen wurden. Diese waren dann durch den  jeweiligen “War against XY” zu bekämpfen. Selbstsichere Menschen sagen “Ja” zum Leben und versuchen, Probleme zu lösen, statt die Schuld für die Umstände ausschließlich bei anderen zu suchen.

“We!” – auch wenn dies viele Menschen auf der Suche nach mehr Selbstbewußtsein mißverstehen: Selbstbewußtsein ist nicht mit Egomanie zu verwechseln, und schon gar kein Selbstzweck. Wir sind durch Jahrhunderttausende als soziale Wesen ‘programmiert’, Einzelgänger sind meist nicht dauerhaft glücklich und haben eine Tendenz, in eher skurille Weltbilder abzudriften. Obama’s Team beschwor das Gemeinsame – gemeinsam erreicht man mehr als allein, große und schwierige Projekte sind überhaupt nur so zu bewältigen. Schön fand ich, wie liebevoll und offen diese Familie augenscheinlich miteinander umgeht, und sich Obama selbst in den heißesten Wahlkampfphasen immer wieder Zeit für das “We!” rund um die eigene Familie nahm.

“Can!” – ein ganz wesentlicher Bestandteil eines positiven Lebensgefühls ist die Erfahrung, etwas Sinnvolles bewirken oder etwas an einem Mißstand verändern zu können. Selbst kleinste Aufgaben ermöglichen es uns, am Glücksgefühl über das Gelungene teilzuhaben. Es war rührend, in TV-Dokumentationen sogar an Obama-Plakaten mitbastelnde Kleinkinder, Alte, geistig Behinderte usw. zu sehen – aber in ihrer aller Augen leuchtete dieses “Can!”-Gefühl. Und – sie haben es tatsächlich geschafft!

Ich bin zu sehr Realist, um zu glauben, daß positives Denken diesen Erfolg bewirkt hat – ermöglicht hat er ihn aber definitiv. Dieses Potenzial “positiven Denkens” aber sollte uns auch – bei aller kritischen Selbstreflexion – im ganz normalen Alltag ermutigen, die Herausforderungen des Lebens letztlich dennoch auf möglichst positive Weise anzunehmen.

Ich meine, daß es eine der großen Leistungen von Barack Obama und seinem Team war, den Amerikanern, aber auch vielen Bürgern in aller Welt wieder ein Gefühl von Selbstwert zu geben – das Gefühl, daß die eigene Rolle gerade auch in einer immer stärker regulierten und entfremdenden Welt eine wichtige ist und es – nicht nur bei der Wahl! – auf jede einzelne erhobene Stimme ankommt. Denn man kann noch so selbstbewußt sein, noch so positiv denken: das größte Glücksgefühl stellt sich ein, wenn auch andere etwas von der eigenen positiven Energie haben…

Inwieweit die beworbene Botschaft auch tatsächlich der Politik Obamas entsprechen wird, wird die Zukunft zeigen.

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Dez 23

Vor einigen Tagen sendete “SWR” die Dokumentation “Die Rache der Ozeane“, eine Dokumentation über das Abschmelzen des Packeises in der Antarktis und das Kippen der Weltmeere, aufbauend auf die im Fiction-Bestseller “Der Schwarm” von Frank Schätzing beschriebenen Veränderungen. Wie immer nach solchen Dokus blieb ein beklemmendes Gefühl bei uns, die sie sahen, zurück: ist es “wirklich” schon so schlimm? Nach Auffassung vieler Meeresforscher bleiben uns nur noch wenige Jahre, um irreversible Schäden und eine vermutlich dauerhafte Veränderung essentieller ökologischer Meeresressourcen (wie z.B. den Meeresspiegel in seiner heutigen Form, die Kalt-/Warm-Ströme, ein ausreichendes biologisches Gleichgewicht in diesem Biotop usw.) zu verhindern. Schon jetzt müssen die Malediven mit Wällen vor dem vordringenden Meeresspiegel geschützt werden, und die Todeszonen (aufgrund von Sauerstoffmangels biologisch faktisch tote Zonen in der Größe von je hunderttausenden Quadratkilometern) in den Weltmeeren haben dramatische Dimensionen erreicht. Aber wie schon der (2008 verstorbene) US-’Comedian’ George Carlin sagte: “The planet is fine – the people are f*cked! [..] Sooner or later, it will just shake us off like a little surface nuisance, a disease… [..] It doesn’t punish .. it doesn’t reward .. it doesn’t judge at all .. it just is, and so are we: there for just a little while.”

Dafür wird wohl auch ein Öl-Crash (“Peak Oil“) sorgen, sollte es uns nicht gelingen, die gesamte Wirtschaft rechtzeitig auf alternative Energieträger (und Materialien, wenn es um die Gütererzeugung geht) umzustellen.  Denn innerhalb weniger Jahrzehnte haben wir bereits einen Großteil der Erdölvorräte aufgebraucht, die die Natur in hunderten Millionen Jahren entwickelt hat.

Für einen kleinen Augenblick im historischen Kontext war wohl auch nur die USA die Supermacht, als die wir sie früher kannten. Massive wirtschaftliche Probleme und eine Staatsverschuldung in geradezu unvorstellbarem Ausmaß könnten nach Auffassung von Wirtschaftswissenschaftern schon in Kürze dazu führen, daß die USA den Bankrott erklären müssen. Die Alternative scheint zu sein, einmal mehr die Geldpresse anzuwerfen, was nach der Leitzinsensenkung auf 0% gerade geschieht und wohl eine extreme Abwertung des US-Dollars zur Folge haben wird. So er tatsächlich den versprochenen “Change” schafft: hat der zukünftige Präsident Obama überhaupt eine Chance, die zu erwartenden dramatischen Folgen von den USA abzuwenden? Auch für den Rest der Welt wäre ein Niedergang der weltweit größten Wirtschaftsmacht folgenschwer – schon jetzt wird weltweit mit 25 Millionen mehr Arbeitslosen (10 Mio davon allein in der OECD) bis zum Jahre 2010 gerechnet. Gleichzeitig haben jene, die den Boden für die aktuelle Wirtschaftskrise bereiteten (die einstigen Großmeister der Geldvermehrung, welche seit dem Paradigmenwechsel nur mehr “Bankster” genannt werden) bestens daran verdient: 2,6 Millionen Dollar Gehalt, Boni für ihre “Leistungen” im vergangenen Jahr und andere Zuwendungen erhielt durchschnittlich jeder der leitenden US-Bankmanager, welche mit dem “Rettungspaket” gestützt wurden. Bezahlt werden diese Rettungspakete vom Steuerzahler, und die Österreicher durften vor kurzem erstaunt erfahren, daß an die Rettungspakete in ihrem Land weltweit die geringsten Gegenforderungen von Seiten der Regierung geknüpft wurden. Wird das Pyramidenspiel – welches für die Verantwortlichen ja weitgehend ohne Konsequenzen blieb – letztlich also munter weitergehen, sich bald die nächste Blase auf höherer Ebene zu bilden beginnen – jener der Staaten? Wird die Entmenschlichung der Wirtschaft bis zu einem Ausmaß weitergehen, bis die 80:20-Gesellschaft tatsächlich unvermeidbar ist? Vielleicht lernen wir Menschen ja wirklich nur durch Strafe in Bereichen, wo unsere Vernunft nur bis zum eigenen Geldsäckel reicht. Mit ein wenig Sarkasmus wäre das eine der Schlußfolgerungen, die man sowohl aus den dramatischen ökologischen als auch den wirtschaftlichen Entwicklungen des zu Ende gehenden Jahres ziehen muß.

In diesem Sinne wünsche ich allen LeserInnen meines Blogs ein glückliches neues Jahr, und uns allen, daß wir – als Individuum, Gesellschaft, Länder und biologische Hervorbringung unseres Planeten – im nächsten Jahr Weichenstellungen schaffen, die auch unseren Kindern eine gute Basis für ein langes, erfülltes Leben ermöglichen.

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Nov 29

Was haben moderne Kriegsführung und Wirtschaftspolitik gemein? Beide basieren auf dem Prinzip der Entmenschlichung ihrer Prozesse. Mit dieser Einsicht eines Ökonomen beginnt der Dokumentarfilm über die zunehmende Privatisierung ehemals staatlicher Institutionen. Der Film sucht die Orte der Privatisierung weltweit auf und führt Beispiele dafür an: In Südafrika ist es die Stromversorgung, in England die Bahn, das Gesundheitssystem auf den Philippinen, die Wassersorgung in Bolivien. Der Film lässt die Menschen zu Wort kommen, die nicht von diesen Entwicklungen profitieren. Ihnen werden die Vertreter der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und der Weltgesundheitsorganisation gegenübergestellt, die für die globalen Privatisierungstendenzen mitverantwortlich sind.

Kommentar R.L.Fellner:

Ein sehenswerter und bewegender Film aus dem Jahre 2007 von Florian Opitz über die mannigfaltigen Auswirkungen der häufig als Lösung für Finanzierungsprobleme verkauften “Privatisierungen”.

Um die Produktion derartiger Dokumentationen zu unterstützen, sollten Sie das Video bitte auf DVD erwerben… und evt. weiterschenken.

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Nov 18

Einer Untersuchung der University of Maryland der Zeitbudgets von 30.000 Menschen über einen Zeitraum von 30 Jahren (1975-2006) zufolge sehen unglückliche oder unzufriedene Menschen länger fern, während die “sehr glücklichen” Personen mehr lesen und längere Zeit für soziale Kontakte aufwenden. Auch scheinen Arbeits- und Fernsehzeit negativ zu korrelieren: wenn Menschen mehr Zeit für sich zur Verfügung haben (z.B. durch mehr Freizeit bzw. geringere Arbeitszeiten oder Arbeitsplatzverlust), steigen sowohl der Fernsehkonsum als auch die Schlafzeiten.

Die glücklicheren Menschen sind sozial aktiver, gehen öfter in die Kirche, wählen öfter und lesen auch öfter Tageszeitungen, die unglücklichen Menschen fernsehen hingegen bis zu 20 Prozent mehr, auch wenn man Bildung, Alter, Einkommen, Geschlecht und andere Faktoren berücksichtigt, die sich auf Zufriedenheit und Fernsehschauen auswirken können. Zudem haben unzufriedene Menschen eher das Gefühl, mehr Zeit, als sie wollen zur Verfügung zu haben, gleichzeitig fühlen sie aber zeitlich auch eher wieder unter Druck.

Fernsehen sei eine Art Sucht, sagen die Soziologen. Es führe kurzzeitig zu Zufriedenheit, langfristig aber zu Elend, vor allem wenn die Menschen sozial oder persönlich benachteiligt sind. Überdies ist die Belohnung durchs Fernsehen leicht zu haben. Man muss nirgendwohin gehen, nichts ausmachen, sich anziehen oder sich anstrengen, um sofort zufriedengestellt zu werden.

Ungelöst scheint allerdings zu sein, ob nun die Unzufriedenen eher vom Fernsehen angezogen werden oder ob Fernsehen auch an sich Zufriedene ins Unglück stürzen kann. (Quelle) Oder handelt es sich nicht vielleicht viel eher um einen Teufelskreis?

Nahezu zeitgleich erreicht uns eine mindestens ebenso düstere Nachricht aus England:

Während verschiedenen Studien zufolge früher der Intelligenzquotient in westlichen Ländern um durchschnittlich 3 Punkte pro Jahrzehnt anstieg, scheint er nun wieder abzufallen, was die in den letzten Jahren bereits häufiger geäußerten Vermutungen von Psychologen zu bestätigen scheint: 800 13- bis 14-Jährige wurden Intelligenztests unterzogen, wonach die Ergebnisse mit einem ähnlichen Test aus dem Jahr 1976 verglichen wurden. Danach sind die durchschnittlich Intelligenten zwar klüger geworden, die Intelligentesten wurden aber “dümmer” bzw. weniger. Komplizierte Denkfähigkeiten, die mathematisches Wissen beinhalten, können nicht mehr 25 Prozent leisten, wie noch 1976, sondern gerade einmal noch 5 Prozent der Jugendlichen. Der untersuchende Psychologe Shayer meint, die Jugendlichen heute würden schneller antworten, könnten aber nur noch oberflächlich denken. Die Ursachen könnten im Schulsystem liegen, welches vor allem auf das Bestehen von Tests trainiert, oder auch in veränderten Freizeitbeschäftigungen, welche sich heute zu einem hohen Anteil auf elektronische Medien (Computer, Computerspiele, Internet, passiver Fernsehkonsum etc.) richten.

Kommentar R.L.Fellner:

Ich frage mich ja schon seit langem, wie weit wir es mit dem alle Lebensbereiche durchdringenden “Zwang zur Optimierung” (welcher dann häufig auf etwas hinausläuft, das ich “aufwandsoptimierte Wunschresultatsproduktion” bezeichnen möchte..) noch bringen können. Allerorten muß “gespart” werden (freilich ohne, dass Sie oder ich etwas von den dadurch hereingespielten Gewinnen zu sehen bekommen!), die Leistung bzw. der Output muß jedoch stetig ansteigen, will doch vom Lehrer bis zum Finanzjongleur jeder steigende Kurven präsentieren können. Der Zwang zur “steigenden Kurve” kann aber, das ist den meisten Systemen immanent, nicht ewig durchgehalten werden, und auch beim besten Willen ist Leistungsfähigkeit endlich – Zitronen lassen sich nur bis zu einer bestimmten Grenze auspressen, ab dann geben sie immer weniger Saft… auf die äußere Welt übertragen: die Fehlerrate steigt, der “Unterbau” des Systems wird labil und brüchig. Es bilden sich, wie wir auch in der Finanzwelt beobachten können, “Blasen”, welche irgendwann platzen. Der Abschwung oder Crash ist also in jeder Aufwärtsentwicklung bereits vorprogrammiert, systemimmanent.

Wenn wir Kinder und uns selbst nur darauf trimmen, heute -oder bestenfalls noch morgen- zu bestehen, aber nicht auch ausreichend in langfristige und nachhaltige Ressourcenentwicklung investieren, wird eines Tages ein Preis dafür zu bezahlen sein. Es scheint, als näherten wir uns gerade auch in der westlichen Welt einem Scheideweg: wenn wir nicht bald wieder zu jenen Prinzipien zurückfinden, welche gerade Europa zu seiner weltweit anerkannten sozialen und wissenschaftlichen Entwicklung verhalfen, wie etwa Forschung und sozialen Grundprinzipien, haben wir – ähnlich wie die USA bereits seit einigen Jahren – den “Peak Point” unseres Fortschrittes vielleicht bereits überschritten. Nicht nur im Bereich der Intelligenz unserer Jugendlichen.

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