Jun 21
Der Psychotherapie-Blog RSS-Feed informiert Sie stets aktuell und kostenlos über die neuesten Artikel hier.
Oder melden Sie sich im Blog an, um einzelne Artikel zu kommentieren und optional kostenlose Email-Updates zu erhalten. Die Tage der Menschheit sind gezählt. Zumindest, wenn der australische Mikrobiologe Frank Fenner recht behält. “Der Homo sapiens wird aussterben, vielleicht innerhalb von 100 Jahren”, prognostiziert er in der Zeitung “The Australian”.
Der 95-jährige Fenner hat in Australien den Status eines Nationalhelden. Mit Hilfe des Myxoma-Virus gelang es ihm in den 1950er Jahren, die damalige Kaninchenplage auf dem fünften Kontinent in den Griff zu bekommen. In den 1960er Jahren war er führend an der Ausrottung der Pocken beteiligt. Heute setzt sich der Gründer der Fenner School of Environment and Society in Canberra für den Klimaschutz und für einen nachhaltigen Lebensstil der Weltbevölkerung ein.
Fenner kommt zu dem düsteren Schluss, dass sich die Menschheit binnen drei Generationen quasi selbst ausrotten werde. Die Gründe seien “Bevölkerungsexplosion und unkontrollierter Konsum”. Zwar werde etwas gegen den Klimawandel unternommen, zu viel würde jedoch auf die lange Bank geschoben. Das “Anthropozän” – das Zeitalter, in dem menschliche Aktivität das Klima beeinflusst – sei vergleichbar mit globalen Katastrophen wie Eiszeiten oder Kometeneinschlägen. Der Menschheit drohe dasselbe Schicksal wie seinerzeit den Bewohnern der Osterinseln, warnt Fenner. Die Eingeborenen hatten durch die rücksichtslose Abholzung der Wälder ihre einst blühende Insel in eine Ödnis verwandelt.
Ein realistisches Szenario? Nur teilweise, findet Nick Barton, Professor für Evolutionbiologie am Institute of Technology in Maria Gugging. Er sieht keine Gefahren für die gesamte Menschheit, aber Gefahren für Zivilisationen. “Das Alarmierende ist, dass der technologische Wandel – und damit der Einfluss der Menschen auf das Klima – weitaus schneller stattfindet als die Evolution. Das war noch nie da und es ist unmöglich, die Folgen abzuschätzen”, sagt Barton. Er fügt hinzu: “Kaum eine Zivilisation hat je mehr als ein paar 1000 Jahre überlebt und viele sind daran zu Grunde gegangen, dass sie ihre Umwelt übermäßig ausgebeutet haben.”
Kommentar R.L.Fellner:
Die Angst vor der Apokalypse gehört zu den Angstformen, die uns Menschen – soweit wir es zurückverfolgen können – bereits begleiten, solange es uns gibt. Ob der Auslöser in einem Eingreifen himmlischer Mächte (mit darauffolgender “Abrechnung” der Bilanz unseres Lebens) besteht, in einer Invasion Außerirdischer, einem Meteoreinschlag, einer Umweltkatastrophe oder einer bestimmten Datumskombination: es gibt genügend potenzielle Auslöser im Verlauf eines Menschenlebens, anhand derer uns Unheilverkünder an die etwaige Möglichkeit eines so genannten “Weltuntergangs” (meist ist damit aber “nur” das Aussterben der menschlichen Gattung gemeint) erinnern.
Bei der Angst vor der Apokalypse wird die Angst vor dem Ende der eigenen Existenz gewissermaßen auf die Menschheit als Ganzes übertragen – und macht die Idee vom Ende unserer eigenen Existenz noch schmerzvoller: wenn wir nicht mehr sind, aber auch das von uns “Hinterlassene” letztendlich keinen “Sinn” macht, worin besteht dann unsere Rolle in den Geschichtsbüchern des Kosmos überhaupt – stellen wir uns am Ende wirklich nur als das “Schluckauf der Mutter Natur” heraus, als das der Mensch in Karikaturen gelegentlich dargestellt wird?
(Quelle und z.T. kritische Repliken anderer Forscher: Wiener Zeitung 22.06.2010) 
Mai 22
Bewaffnete Konflikte wühlen uns auf. Sie erinnern uns unbewußt an die eigene Sterblichkeit und lösen einen starken Impuls aus, sich entweder mit der einen Seite (der des „Aggressors“) oder der anderen (der des „Opfers“) zu solidarisieren. Danach wird die eingenommene Position nur mehr selten korrigiert, sondern, speziell bei Gegenwind, eher noch vehementer vertreten – teils sogar unter der Ausblendung oder Verzerrung von Sinneswahrnehmungen oder neuerer Informationen. Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen hat dies hervorragend in seiner Serie von Büchern, die sich mit den Ursachen für menschliche Destruktivität beschäftigen, analysiert.
Mit der beschriebenen Dynamik ist es erklärbar, warum so viele Menschen, aber auch internationale Medien und Organisationen sich so schwer taten, die gewalttätigen Facetten der stattgefundenen politischen Proteste als solche zu benennen. Eine offen signalisierte Sympathie für die Verfechter demokratischer Werte durch einzelne Reporter etwa ist ja verständlich – wenn aber auch nach Brandstiftung und Attacken gegen Zivilisten noch von „Verteidigung“ oder „berechtigtem Ärger“ zu lesen war, waren viele von uns doch fassungslos über die merkliche Parteinahme und Rationalisierung der angerichteten Schäden.
Beklommen machte viele von uns auch eine Dynamik, die wir im Lager der UDD beobachten konnten: zahlreiche Menschen dort, aber auch viele Sympathisanten außerhalb, waren durch die leidenschaftlichen und ständig eine angebliche Tötungsabsicht der Regierung betonenden Reden derart emotionalisiert worden, daß der zur Zeitpunkt ihrer Verhaftung erfolgte Aufruf ihrer Anführer, ab sofort die Radikalisierung einzustellen, nichts mehr nützte: der Zug war bereits auf voller Fahrt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Revolutionsbewegungen immer auch solche Elemente anziehen, die sich ihnen weniger aus politischer Überzeugung, sondern vielmehr aus Lust an der Zerstörung und Gewalt anschließen, und deren Entfesselung letztlich nur auf den passenden Anlaß wartet…
(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010)
 Touristen laufen durch das während der Unruhen zerstörte Stadtviertel (Fotoquelle: ZEIT Online)
Link-Tipps:
- Arno Gruen Literaturliste
- Bangkok iReport CNN
- This is no peasant’s revolt (The Nation)
- Put an end to this rebellion (Bangkok Post)
revolt-30129826.html” target=”_blank”>The Shame of the UDD (Bangkok Post)
- Zwei “Protestführer” – zwei Auffassungen von friedlichem Widerstand
- What would your government do about this (Bangkok Post Gastkommentar) 
Mai 22
Armed conflicts are hard to process. Subconsciously they remind us of our own mortality and trigger a strong impulse to sympathize with either the aggressor’s or the victim’s side. After that, the position taken will rarely be corrected. A headwind will often amplify this, sometimes by suppressing or distorting new perceptions and information. The Swiss psychoanalyst Arno Gruen analyzed the causes for human destructiveness in a remarkable way in his publications.
This momentum explains why so many individuals as well as international media and organizations had such obvious difficulties to name the violent aspects of the political protests that took place. An openly signaled sympathy for the proponents of democratic values by individual reporters would be justifiable – but having to read and hear terms like ‘defense’ or ‘justifiable anger’ even after arson and attacks against civilians took place, many of us were stunned by the noticeable partisanship and rationalization of the damage caused.
A dynamic we saw in the camp of UDD was just as disturbing. Many people inside the camp as well as many supporters outside were so emotionalized by the passionate speeches (which constantly alleged the government of having an intent to kill them), that when their leaders finally called to immediately stop the radicalization at the time of their arrest, it did not help anymore because the train was already at full speed. Not least because revolutionary movements often attract elements who join them not from political belief but rather for the pleasure of destruction and violence – a drive just waiting for the appropriate opportunity to unleash.
(This short article is part of a weekly series dealing with psychological expat problems and general mental health issues and was published in various newspapers and magazines in Thailand, 2010)
 Tourists walking through one of the destroyed districts of Bangkok (Image: ZEIT Online)
Links:
- Arno Gruen – books dealign with
- Bangkok iReport CNN
- This is no peasant’s revolt (The Nation)
- Put an end to this rebellion (Bangkok Post)
- The Shame of the UDD (Bangkok Post)
- Two “protest leaders” – two interpretations of ‘peaceful opposition’
- What would your government do about this (Bangkok Post guest comment) 
Mai 01
Presumably many of you, like myself, were shocked by the recent events in Bangkok, and we can only hope that by the time you read this article, the tense situation on Ratchadapisek has already been defused.
During the previous weeks it was hard to ignore how little knowledge about modern strategies of conflict resolution seems to exist in this country. According to F. Glasl’s 9-stage model of conflict escalation, the country is already trapped in a ‘lose-lose’ stage: there is only one other level of escalation remaining now, ultimately aiming at the physical destruction of opponents – if necessary, at the price of self destruction… Needless to say who would have to pay this price in a national crisis.
For organizations or in couple therapy, it is state-of-the-art to involve an external party to resolve insolvable and chronic conflicts or a hardening of the situation. Such a consultant or mediator will take a neutral position and attend and support a process of de-escalation and reconciliation. In a catch-22 situation like the current one, however, it requires either a powerful outside party or one of the conflicting parties to involve a mediator! Let us hope that our politicians succeed in finally doing that – ideally, as discreetly as many couples do it when they need help, instead of argueing in front of TV cameras, as we have recently experienced.

(This short article is part of a weekly series dealing with psychological expat problems and general mental health issues and was published in various newspapers and magazines in Thailand, 2010; Pictures (c) BangkokDailyNews.com) 
Mrz 30
Und wieder ist es passiert: die Serie an aufgeflogenen Fällen von Pädophilie während der letzten Wochen erschien wie ein Stich ins Wespennest, unweigerlich ertappte man sich bei der Frage: “..und was ist da alles noch nicht aufgedeckt?” Einzelne Theologen sehen sich veranlaßt, vor einer Gleichstellung von Zölibat mit Pädophilie bzw. Ephebophilie zu warnen, während andere zum Schrecken ihrer Kollegen einen direkten Zusammenhang zwischen beiden orten.
Einmal mehr scheint sich auch ein Konnex zwischen Berufen, in denen Erwachsene tagtäglich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und sexuellen Übergriffen auf diese zu zeigen. Wen das überrascht oder schockiert, der muß sich entgegenhalten lassen, daß wir seit Darwin, spätestens aber Freud eigentlich wissen sollten, daß wir Menschen – trotz eines enorm entwickelten Großhirnes – immer noch sehr stark sexuell gesteuerte Wesen sind. Und auch wenn sich die Gendermedizin dem heute nicht mehr so generalisierend anschließen würde: Abraham H. Maslow sah den Sexualtrieb neben Trinken, Essen und Schlafen als gleichrangig auf einer Stufe seiner “Bedürfnispyramide” stehend, und auch zahlreiche Studien – etwa über die Partnerwahl von Menschen – bestätigen, daß uns sexuelle Antriebe in unserem alltäglichen Tun wohl deutlich stärker steuern als sich dies viele von uns eingestehen mögen. Ebenso, wie es Teil der (nicht immer nur charmanten) Realität ist, daß an den allermeisten Arbeitsplätzen mitunter auch mal sexuelle Rituale und Signale ausgetauscht werden, muß damit gerechnet werden, daß derartige Spannungsfelder zumindest gelegentlich auch in jenen Berufen existieren, in denen Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Eine tragfähige und vor allem konstante bewußte Abgrenzung ist in diesen Berufen auch deshalb schwierig, da unser Unbewußtes das letztendlich ja künstlich definierte “Schutzalter” (in den meisten Ländern liegt diese Grenze zwischen 14 und 18 Jahren) kaum verarbeiten kann: gerade in jenen Ländern, in denen es vergleichsweise spät endet, wirken die laut Gesetz noch schützenswerten Jugendlichen körperlich häufig bereits “erwachsen”, zumeist agieren sie auch erwachsen, und nicht selten sind sie seit Jahren bereits auch sexuell aktiv – den “primitiven Es’s” der Umwelt wird sexuelle Reife signalisiert.
Wie ist aber mit der Problematik umzugehen, daß trotz dieser Umstände Jugendliche und insbesondere Kinder vor sexueller Ausbeutung (hier beziehe ich mich auf das bewußte Ausnutzen der emotionalen Unreife von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene mit der Absicht, sexuelle Ziele zu erreichen), vor vorzeitiger sexueller Initiation (hier beziehe ich mich auf erste sexuelle Erfahrungen in einem Stadium der körperlichen und psychischen Reifung, in dem ein Sexualakt mit einer anderen Person körperliche oder psychische Schäden nach sich ziehen kann) und nicht zuletzt vor einem körperlichen und emotionalen Übergriff – der Verletzung der Schutzbedürftigkeit und grundsätzlichster Elemente der Professionalität in einem pädagogischen, ärztlichen oder anderen vergleichbaren Umfeld mit “Machtgefälle” – geschützt werden müssten?
Ich bin davon überzeugt, daß mit sämtlichen Ansätzen, in denen von Menschen verlangt wird, ihren Sexualtrieb zu negieren oder gar abzuschalten, dieser Konflikt nicht zu lösen, und der Kampf gegen den Mißbrauch im institutionellen Kontext nicht zu gewinnen ist. Unsere inneren Konflikte und die Versuchungen des Lebens lassen sich nicht lösen, indem wir sie ausblenden oder negieren. Und die – zumindest gelegentlich – bei allen von uns aufkommenden Impulse körperlicher Lust lassen sich nicht besser kontrollieren, indem wir sie “wegdefinieren”: indem wir etwa sagen, daß “wir unsere Sexualität Gott schenkten” , wenn das an die Oberfläche dringende sogleich wegzensiert wird oder wenn über sexuelle Gedanken nicht einmal gesprochen werden kann, da dies sofort mit entrüsteten und funkelnden Blicken bestraft würde (etwas, das besonders häufig im – von Frauen dominierten – pädagogischen Bereich beobachtbar ist).
Konsequenterweise prognostiziere ich auch, daß solange Institutionen existieren, in denen Sexualität per definitionem nicht gelebt werden darf, sexuelle Übergriffe auch weiterhin stattfinden werden – trotz aller, sicherlich gut gemeinter, Absichtsbekundungen der jeweiligen “Chefs”. Solange ein Zölibat existiert, werden sich die sexuellen Triebkräfte – Geister, die zumindest gelegentlich ihren Weg auch in das beste Kloster finden – unweigerlich auf jene richten, die greifbar sind und bei denen ein gewisses (alters- oder hierarchisch bedingtes) Machtgefälle die Hoffnung zuläßt, daß nichts davon je bekannt werden wird. Ganz unabhängig von einem ebenfalls existierenden Kreis an Menschen, die sich ganz bewußt in Bereichen und Institutionen niederlassen, in denen Opfer verfügbar sind. Und will man wirklich ehrlich sein, kann man auch die Anziehungskraft nicht verleugnen, welche Institutionen, in denen ein vor herkömmlichen Ansprüchen an ein “geglücktes Leben” freier Raum existiert (wie etwa dem, eine sexuelle Beziehung zu einer erwachsenen Frau zu unterhalten) auf manche Menschen haben müssen. Man kann davon ausgehen, daß religiöse Institutionen deshalb eine gewisse Sogwirkung auf homosexuelle Männer und Frauen ausüben, ebenso auf Menschen, die entweder eine eigene Mißbrauchsvergangenheit haben und deshalb einst ein vor Sexualität geschütztes Umfeld suchten, aber auch solche, die Mißbrauchserfahrungen autoritärer Art machten und massive Selbstwertprobleme haben. Wer sich aber selbst als schwach erlebt oder tatsächlich eine schwache Persönlichkeit ist, in dem wächst leicht der Wunsch, auch einmal der Stärkere zu sein und dieses Gefühl in einer Weise auszuleben, in der er existierende Machtgefälle ausnützt. Noch einmal: all dies sind größtenteils völlig unbewußt ablaufende Prozesse und Emotionen, die gerade im Dunkel von Denkverboten und Tabus gut gedeihen.
Insofern scheint mir zusätzlich auch ein offenerer und weniger tabubestimmter Umgang mit Sexualität in den Institutionen, ja in der Gesellschaft an sich notwendig. Auch erotische Gefühle zwischen “Erwachsenen” und “Kindern” (die Anführungszeichen sollen die Schwierigkeiten der Grenzziehung unterstreichen) müssen sowohl in Berufen, in denen es “Helfer” und “Anvertraute” gibt, als auch in unserer Gesellschaft, artikulierbar werden. Es muß darüber gesprochen werden können, ohne, daß man sich “verdächtig” macht und einen die Berufslaufbahn gefährdenden Schlag mit der moralischen Keule riskiert. Denn erst wenn Menschen über ihre Gefühle ohne Einschränkung sprechen können und es keine der menschlichen Lebensrealität widersprechenden Dogmen mehr gibt, ist es möglich, sich über potenziell destruktive Gedanken offen auszutauschen. Erst dann kann man das, was einem auf der Seele liegt, ans Tageslicht lassen, wird man es wagen, sich Hilfe und Stärkung zu suchen. Ein Ja zum Menschen – das sich viele Religionen gerne auf die Fahne schreiben – das muß auch das Ja zu seiner Sexualität einschließen!
(Lesetipp zu den Kämpfen zwischen “Über-Ich”, dem bewußten “Ich” und dem “Es”: Sigmund Freud, “Das Ich und das Es“) 
Diskussion des Artikels im Psychotherapie-Forum (bereits 37 Antworten):
(Klicken Sie hier, um den Eintrag im Psychotherapie-Forum zu diskutieren)
Abgelegt unter: Therapie,Zeitgeschehen von r.l.fellner
Tags: Darwin, Ephebophilie, Freud, Kindesmissbrauch, Kirche, Maslow, Pädophilie, Religion, Sexualität, Zölibat
Mrz 23
Einmal etwas ganz anderes hier im Blog – ein Buchtipp. Aus gutem Grund..

Jens Johler: “Kritik der mörderischen Vernunft”
Dieses Buch klang nicht nur von der Thematik her interessant, bewogen hat mich in der speziellen Situation, als ich es kaufte, auch sein geringer Preis: nur 9,95 (bei Amazon online) …: “da kann nicht viel verhaut sein, wenn es sein Leben in meinem Warteregal aushaucht” dachte ich mir spontan
Der Buchtitel mag manchen BesucherInnen meiner Website “irgendwie bekannt” vorkommen, und tatsächlich: einer der Hauptakteure im Buch nennt sich “Kant” – allerdings hat er es sich anscheinend zum Ziel gesetzt, die führenden Hirnforscher Deutschlands zu ermorden. Warum er das will, erschließt sich bald einem Wissenschaftsjournalisten, der vom Mörder persönlich kontaktiert wird: Kant sieht den freien Willen des Menschen durch die Hirnforschung bedroht – und will weitertöten, um ihn zu bewahren. Je mehr sich Troller, der Journalist, aber mit den Thesen und Zielen befaßt, die die attackierten Hirnforscher mit ihrer Forschung verbinden, umso mehr sieht er sich in einem Gewissenskonflikt gefangen …
Das Lesen dieses “Wissenschafts-Krimis” ist nicht nur sprachlich packend, sondern vor allem auch inhaltlich. Seine Hintergründe sind sehr gut recherchiert und quasi im Vorbeigehen werden manche der zahlreichen ethischen und philosophischen Fragen, die durch die (realen oder zu befürchtenden) Konsequenzen der Hirnforschung aufgeworfen werden, angesprochen. Auf bemerkenswerte Weise werden auch die Querverbindungen zwischen einer immer stärker an Kontrolle interessierten Politik, den sich dadurch auftuenden Gewinnmöglichkeiten bestimmter Medizin-, Forschungs- und Industriezweige und die damit verbundene Vermarktungsmaschinerie, welche den Blick der Bürger genau auf jene Aspekte der einschlägigen Forschung lenkt, die ihren Interessen entspricht, moralische Grundsätze aber solange aushöhlt, bis von diesen nichts mehr übrig bleibt, aufgezeigt.
Dieses Buch ist für jeden, der an Philosophie, Ethik, Medizin, Pharmaindustrie, und den Perspektiven der modernen Hirnforschung interessiert ist, sicherlich ein großes – wenn auch teils beklemmendes und sehr nachdenklich machendes – Lesevergnügen. 
Feb 27
Psychische und physische Gewalt in Partnerschaften nimmt in den meisten westlichen Industrieländern zu, wobei in wissenschaftlichen Kreisen Unsicherheit darüber besteht, ob diese Zuwächse nicht auch damit ganz wesentlich zusammenhängen, daß die diesbezügliche Tabusierung in der Gesellschaft abnimmt, vorkommende Gewalt also nicht mehr totgeschwiegen wird.
Doch auch die reinen Fakten sind schockierend genug: so sind alleine im Jahre 2008 in Frankreich 147 Frauen durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen. Unter der Annahme, daß körperlicher Gewalt psychische Gewalt vorausgeht, die Möglichkeit der Bestrafung dieser also vielleicht auch physische Gewalt verhindern könne, wurde im französischen Parlament diese Woche nun “psychische Gewalt in Paarbeziehungen” als Straftat eingeführt. Unter den Unterstützern fanden sich nicht nur die Abgeordneten der Regierungspartei UMP, sondern auch die Sozialisten. Für psychische Gewalt sind demnach zukünftig Strafen bis zu 3 Jahren Gefängnis und Geldstrafen bis zu € 75.000,- vorgesehen, sowie die erzwungene Trennung des Paares und die Intensivierung der Überwachung durch elektronische Fußfesseln für die TäterInnen.
Was die praktische Exekutierbarkeit des neuen Gesetzes angeht, dürften sich in vielen Einzelfällen jedoch Probleme auftun: etwa, wie psychische Gewalt vor Gericht zu beweisen sei, wie sie sich überhaupt genau definiert und von Beleidigungen, Demütigungen, verletzenden Verhaltensweisen etc. unterscheidet, die bei Streitigkeiten in der Ehe oder in Partnerschaften ja fast immer geschehen. Im Diskurs rund um das Gesetz wurde denn auch von KritikerInnen des Entwurfs angeführt, daß namhafte französische Schriftsteller, Maler usw. heute angesichts dessen, was über ihre Beziehungsvergangenheit bekannt wäre, wohl langjährige Gefängnisinsassen wären. Männerorganisationen dagegen dürften die neuen Regelungen freuen, wird doch von diesen oft die psychische Gewalt von Frauen in Partnerschaften bemängelt, gegen die jedoch keinerlei rechtliche Handhabe bestünde.
Anmerkung R.L.Fellner:
Kulturkritisch könnte man anmerken, daß die seit einigen Jahren beobachtbaren Bestrebungen vieler westlicher Staaten, selbst die Emotionen ihrer BürgerInnen zu kontrollieren und die Überschreitung von -im Grunde recht eng gesetzten- künstlichen Grenzen sogleich als krankhaft oder strafbar zu definieren, bedenklich stimmen; speziell dann, wenn in der Bevölkerung ein Gefühl aufkommen sollte, daß gewohnheitsmäßig mit zweierlei Maß gemessen wird (z.B. Bonizahlungen an Finanzmanager bei gleichzeitiger Massenenteignung kleiner Kapitalanleger, straflos bleibende Waffenschiebereien von Politikerinnen-Ehegatten, Freunderlwirtschaft zwischen Wirtschaftselite und Politik, ohne Konsequenzen bleibender Machtmißbrauch von Politikern etc.). So könnte etwa der in Großbritannien kürzlich ebenfalls in der Gesetzgebung verankerte Begriff des sog. ‘Antisozialen Verhaltens’ (Antisocial Behaviour, ASBO) alleine was die dortigen Verfehlungen einzelner PolitikerInnen während der letzten 10 Jahre betrifft, durchaus auch für diese angewendet werden – wird es aber nicht.
(Quelle: Franz. Staatsekretariat für Familie und Solidarität) 
Okt 13
…so titelte zumindest der österreichische “Standard” in seiner Ausgabe vom 04.10.09. Diese Schlußfolgerung bezieht sich auf eine Studie der englischen Lucy Faithful Foundation (LFF), einer Kinderschutzorganisation, die sich mit Sexualtäterinnen auseinandersetzt. Dieser zufolge ist etwa jede fünfte der Pädophilen in Großbritannien eine Frau. Auch Scotland-Yard-Mitarbeiter würden beobachten, dass der Anteil an weiblichen Sexualtätern zunimmt.
Steve Lowe, Leiter der gerichtlichen Beratungsstelle Phoenix, die wegen Kindesmissbrauchs verurteilte Täter behandelt, sagte im oben verlinkten Interview, die Anzahl an weiblichen Pädophilen sei zu lange versteckt und sogar in den öffentlichen Statistiken kaschiert worden: “Für eine Gesellschaft ist es schwierig, Frauen als Sexualtäter anzuerkennen. Aber jene von uns, die mit Pädophilen arbeiten, haben Belege dafür gesehen, dass Frauen dazu fähig sind, furchtbare Verbrechen an Kindern zu begehen – so schlimme wie Männer.”
Literaturempfehlungen:
Von der Mutter mißbraucht von Alexander M. Homes
Frauen als Täterinnen von Michelle Elliott
Siehe auch in der Literatur-Empfehlungsliste auf meiner Website. 
Okt 13
Mit einer Waffe in der Hand steigt das Risiko, selbst erschossen zu werden. Epidemologen der University of Pennsylvania untersuchten die Opfer von 677 Schießereien, zu denen es in den Jahren 2003 – 2006 in der Stadt Philadelphia gekommen war und werteten aus, wie viele Opfer zum Tatzeitpunkt selbst eine Waffe mitführten. Das Ergebnis wurde mit den durchschnittlichen Bewohnern der Stadt gleichen Alters, Geschlechts und Herkunft verglichen und sozio-ökonomische Merkmale berücksichtigt.
Das im “American Journal of Public Health” veröffentlichte Ergebnis: Mit Waffe werden Menschen 4,5 mal häufiger angeschossen und 4,2 mal häufiger erschossen als ohne. Dieses Risiko stieg zusätzlich, wenn die Opfer noch Chance der Verteidigung hatten.
Eine Waffe schützt demnach ihren Träger meistens nicht davor, selbst erschossen zu werden. “Erfolgreiche Verteidigung durch Schusswaffen bei Zivilpersonen gibt es kaum”, so der Leiter der Untersuchung, welche die Binsenweisheit bestätigt, daß wenn man Menschen mit großer Gewalt (schwerer Verletzung oder Tod) droht, diese auch selbst eher zu Gewalt neigen, um ihr Leben zu schützen. “Wer Schusswaffen mit sich führt, die dem eigenen Schutz dienen sollen, sollte sich dies lieber noch einmal überlegen.”
Daß die Untersuchung dazu führt, daß etwa die amerikanische Waffenlobby – vehemente Verfechter der Grundsatzhypothese, wonach der freie Zugang zu Schusswaffen die (auch ganz persönliche) Sicherheit erhöhe – von ihren einschlägigen politischen Agitationen abläßt, darf bezweifelt werden.
Quelle: American Journal of Public Health: Investigating the Link Between Gun Possession and Gun Assault 
Jul 30
Bei meiner regelmäßigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stieß ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Veröffentlichung in einem Fachmagazin:
Warum Magersüchtige an ihrem gestörten Essverhalten festhalten:
Geringe Verhaltensflexibilität ist durch Veränderungen im Gehirn bedingt
Als hätten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft – weil wir dann in unserem persönlichen Leben nichts verändern müßten . Im Anschluß wird erklärt, daß Wissenschaftler am Universitätsklinikum Heidelberg “mit Hilfe der Magnetresonanztomographie erstmals Vorgänge in den Gehirnzellen entdeckt” hätten, “welche das gestörte Essverhalten von Anorexie-PatientInnen erklären”.
Wow. Ich muß allerdings gestehen, daß mich nach jahrelanger Tätigkeit als Psychotherapeut – trotz großen Interesses und laufender Beschäftigung mit aktueller Forschung – derartig reißerische Schlagzeilen heute nicht mehr so recht vom Hocker reißen können wie früher. Meist ertappe ich mich eher beim Gedanken: “welches Gen ist es denn diesmal” oder “dreht es sich wieder um das gute, alte Serotonin oder etwas anderes?” Aber natürlich lese ich wie immer diszipliniert weiter:
Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 30 junge Frauen mit oder ohne Anorexie mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Dabei erfasste das MRT-Gerät, wie hoch der Blutfluss in verschiedenen Gehirnarealen ist. Eine stärkere Durchblutung bedeutet vermehrter Stoffwechsel und damit eine größere Aktivität dieses Hirnbereich.
Derartiges haben wir ja alle schon mal irgendwo gehört. Aber nur “30 junge Frauen” zur Begründung einer solchen These? Wie auch immer, weiter geht’s:
Die Teilnehmerinnen unterzogen sich einem Test, der die Fähigkeit zu einem flexiblen Verhaltenswechsel aus einem kurzfristig eingeübten Verhalten prüft. Dazu werden den Testpersonen verschiedene geometrische Figuren in schneller Abfolge gezeigt, die zugeordnet werden müssen. Nach einem Durchlauf wird die Zuordnung geändert.
“Wir haben mit der Studie bestätigt, dass Magersuchtkranke häufiger als gesunde Vergleichspersonen an der vertrauten Verhaltensantwort festhielten, wodurch eine alternative Verhaltensweise unterdrückt wurde”, erklärte der Leiter der Arbeitsgruppe. Die Analyse der MRT-Bilder zeigte zudem, dass bei Magersucht Patientinnen im Vergleich zu gesunden Testpersonen ein bestimmter Netzwerk-Pfad zwischen Großhirn und Zwischenhirn vermindert aktiviert ist. Dieser Netzwerk-Pfad spielt unter sich rasch verändernden Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle für die Einleitung und Kontrolle von Handlungen.
Nun ist allerdings die Art, wie hier Zusammenhänge konstruiert werden, bemerkenswert. Es wird gewissermaßen geschlußfolgert, daß die anorektischen Frauen geistig weniger flexibel seien als andere, und sich daher schwer täten, ihre Verhaltensmuster den offensichtlichen Notwendigkeiten anzupassen.
Daß “bestimmte Netzwerk-Pfade” des Gehirns oder der Neurotransmitter-Haushalt bei psychisch leidenden Personen gegenüber jenen von nicht einschlägig leidenden Menschen verändert sind, ist im Grunde alles andere als überraschend, denn natürlich müssen psychische Veränderungen irgendwo auch im Gehirn nachweisbar sein, nur Anhänger esoterischer Erklärungsmodelle würden dies bestreiten. Jedoch zu behaupten, diese Veränderungen würden das entsprechende Verhalten (womöglich sogar unausweichlich) verursachen, und wären nicht vielleicht schlicht eine Folge ganz anderer – womöglich auch gar nicht so schlecht erforschter, jedoch halt nicht der Biochemie Nutzen bringender – Zusammenhänge, ist sehr gewagt, zumal wir heute wissen, daß psychische Erkrankungen ihrerseits hirnorganische Veränderungen bewirken können (Neuroplastizität) und daher die Ursachensuche ein wenig der antiken Frage gleicht, ob zuerst die Henne oder das Ei gewesen sei.
Doch der wirkliche Clou liegt in den Schlußfolgerungen, die die Wissenschafter aus der Studie ableiten:
Die Ergebnisse der Studie tragen maßgeblich zu einem besseren Verständnis der Magersucht bei. Vor allem machen sie deutlich, dass neurobiologische Faktoren beteiligt sind und das Erkrankungsbild aufrechterhalten. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen können, ergeben sich für die Anorexie neue Therapieansätze.
“Wir haben ein Behandlungsprogramm für Magersuchtpatientinnen entwickelt, das gezielt den flexiblen Wechsel von Verhaltensantworten trainiert“, so der Untersuchungsleiter. Die Wissenschaftler hoffen dadurch den Erfolg der psychotherapeutischen Behandlung verbessern zu können. Zur Erfolgskontrolle könnte die MRT- Untersuchung des Gehirns einen Beitrag leisten.
Es wird also eine Art revolutionärer Durchbruch für die Behandlung der Anorexie postuliert. Für ein verhaltenstherapeutisches Konzept, das a) grob gesagt schlicht die geistige Flexibilität ein wenig erhöhen soll und b) meint, damit eine Art bisheriger “unsichtbarer Mauer” für den ultimativen Behandlungerfolg zu durchbrechen, erscheint dies aber doch als eine sehr gewagte Behauptung.
Daß neurobiologische Faktoren beteiligt sind – nun, da wäre wohl eher das Gegenteil eine aufsehenerregende Neuigkeit gewesen! Daß die neurobiologischen Strukturen das Krankheitsbild aufrechterhalten, dafür liefert die Studie, liest man sie im Originaltext, keinerlei Hinweise – es handelt sich also um eine reine Hypothese, deren Beforschung wohl weitere Studien (und Studien-Fördermittel..) erfordern würde. Und ob es besonders effizient ist, wenn Anorexie-Patientinnen für einen derart hypothetischen Zuwachs an Behandlungserfolg regelmäßig ein extrem kosten- und materialaufwändiges MRT absolvieren müssen, darüber kann sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden…
Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen Studienfülle, den uns die heutzutage so gehypte Genetik und Neurobiologie beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale Therapieansätze nur wenig Fundiertes zutage gefördert hat und wohl nicht überraschend vermehrt in Kritik gerät.
(Quelle zur Studie: Am. J. Psychiatry 166, 608-616 (doi: 10.1176/appi.ajp.2008.08050775)) 
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