Angst vor Körpergeruch -> Zwangsgedanken -> Isolation

Nicht jedem fällt es leicht, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, "einfach" mal jemanden kennenzulernen oder sich in Gruppen selbstsicher zu verhalten. Hier können Sie Erfahrungen dazu (sowie auch allgemein zum Thema "Selbstsicherheit") austauschen.

Thread-EröffnerIn
instagraam
neu an Bo(a)rd!
neu an Bo(a)rd!
anderes/other, 46
Beiträge: 1
Wohnort: Deutschland
Status: Offline

Angst vor Körpergeruch -> Zwangsgedanken -> Isolation

Beitrag Sa., 03.10.2026, 21:40

Hi zusammen,

ich habe mich endlich überwunden, mich in diesem Forum anzumelden, nachdem ich schon einige Jahre immer mal wieder hier hereinschaue. Bislang traute ich mich jedoch nicht, über mein schwierigstes Thema zu schreiben. Ich habe langjährige Therapieerfahrung und konnte auch dort dieses Thema nicht ausreichend bewältigen. Ich möchte daher hier so klar und offen, wie möglich schreiben, da ich glaube, nur so mein Problem lösen zu können.

Mein Problem: Ich habe seit vielen Jahren (seit ca. 1998) massive Angst davor, unangenehm zu riechen - Körpergeruch, Mundgeruch, unkontrollierte Pupse, muffige Kleidung oder Schuhe, you name it.

Meine Fragen:
* Gibt es irgendwo Menschen, denen es genauso geht`?
* Wie bewältigt ihr diese Angst oder wie habt ihr sie überwunden?
* Ist es wichtig, den Auslöser zu wissen und zu bearbeiten, damit diese Zwangsgedanken endlich ausbleiben?


An dieser Stelle schon einmal Danke für's Lesen und ich freue mich auf Antworten.
Viele Grüße

Insta

Zur Einordnung:
Noch nie hat mir jemand direkt gesagt, dass es so wäre. Ich habe immer mal wieder einige Menschen gefragt.
* Meine Therapeutin sagte, es sei kaum möglich, wenn ich "normale" Körper- und Wäschehygiene betreiben würde.
* Eine andere Therapeutin, die in einem Gespräch einen starken Raumbedufter laufen ließ, fragte ich, ob sie den benutzte, weil ich unangenehm rieche. Sie meinte, sie benutze den, weil ihr der Duft gut gefalle. Beantwortete meine Frage jedoch nicht mit Ja oder Nein.
* Mehrere Zahnärzte konnten auf meine Frage keinen Mundgeruch bestätigen, Zähne und Zahnfleisch sind absolut in Ordnung, mir wurde eine sehr gute Zahnhygiene bestätigt.
* ich hatte langjährige und kurze partnerschaftliche wie freundschaftliche Beziehungen, Studium, Ausbildungen, hatte kontinuierlich und habe auch jetzt einen Job (in dem bin ich seit mehr als zehn Jahren)
* ich bin früher viel und regelmäßig feiern gegangen

Woran ich meine Befürchtungen z.B. festmache:
* Menschen fingern an ihrer Nase herum oder schniefen, wenn ich spreche.
* Menschen weichen in einem Gespräch zurück oder drehen den Kopf zur Seite, wenn ich spreche.
* Menschen riechen an sich selbst (hab ich z.B. an Supermarktkassen wahrgenommen), wenn ich an der Reihe bin oder lassen das Rückgeld mit größerem Abstand in meine Hand fallen.

Was das in mir auslöst:
* starke Unruhe, Nervosität und körperliche Anspannung
* Unwohlsein
* Brain Fog
* Tunnelblick
* leichte Dissoziation (sobald ich zu Hause bin, werde ich wieder klarer)
* konstantes Schwitzen, sobald ich mein Zuhause verlasse (!)
* Scham

Mein Verhalten darauf:
* ich beschäftige mich sehr viel mit Hygieneartikeln und entsprechenden Maßnahmen
* in sozialen Interaktionen maskiere ich stark, habe diese Gedanken aber versuche sie zu unterdrücken
* ich vermeide größtenteils alles, was mir eigentlich Spaß machen könnte
* ich vermeide größtenteils Verabredungen
* ich vermeide phasenweise selber einkaufen zu gehen und bestelle dann im Online Supermarkt
* ich lebe eher isoliert (treffe mich mit Leuten und unternehme Sachen aber nicht regelmäßig)
* in sehr schlimmen Phasen habe ich einen starken Hygienezwang, verbringe viel Zeit mit duschen, Wäsche waschen, gebe sehr viel Geld für entsprechende Maßnahmen aus
* wenn ich doch mal mit der Bahn fahren muss oder in eine Veranstaltung gehe, für die feste Plätze gebucht werden, buche ich zwei Sitze/ Plätze, damit ich nicht direkt neben jemandem sitzen muss

Meine Gedanken dazu:
* ich bin wütend, dass ich nicht "normal" bin (habe mehrere Diagnosen und seit meiner Kindheit das Gefühl, nirgendwo hineinzupassen/ dazuzugehören)
* ich schäme mich sehr für diese Ängste
* ich habe starke Angst vor Ablehnung und davor, dass Menschen mir gegenüber nie so richtig ehrlich sind
* ich habe Angst, dass Menschen mich eigentlich richtig nervig und scheiße finden
* ich lehne mein Leben, so wie ich es bislang gelebt habe und mich selber eigentlich ab und habe deshalb diese Ängste

Benutzeravatar

Malia
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 73
Beiträge: 10567
Wohnort: hier
Status: Offline

Beitrag So., 04.10.2026, 08:41

Hallo, Insta,
willkommen hier im Forum :)

Wenn ich ein Verhalten, eine Denkweise nicht ablegen oder akzeptieren (der erste Schritt) kann, frage ich mich:
Welche Funktion hat es?
Welchen Vorteil habe ich davon?
Wofür ist es gut?
Was wäre anders, wenn es nicht da wäre?

Ich hab einige Ideen in der Richtung zu deinem Beitrag, aber es wären halt meine Ideen.
Respektlosigkeit ist der Schrei nach Aufmerksamkeit eines unsicheren Geistes.

Kommentare von unbekannten Userinnen werden aus Selbstschutz vorerst ungelesen ignoriert und sollen bitte nicht kopiert werden


Thread-EröffnerIn
instagraam
neu an Bo(a)rd!
neu an Bo(a)rd!
anderes/other, 46
Beiträge: 1
Wohnort: Deutschland
Status: Offline

Beitrag So., 04.10.2026, 15:04

Hallo Malia,

vielen Dank für die Begrüßung, deine Antwort und die guten Fragen :)

Ich bin sehr interessiert an deinen Gedanken dazu (und auch ausdrücklich an den Gedanken von allen, die welche dazu loswerden möchten) und würde mich freuen, wenn du sie teilen magst (ihr sie teilen mögt). Denn nur hier, in der Anonymität, traue ich mich derzeit, offen zu schreiben und vielleicht so endlich einen ersten Weg daraus zu ebnen. Vielleicht geht es ja noch jemandem so oder so ähnlich und es trägt dazu bei, dass sich der oder die gesehen fühlt.

Danke und hoffentlich einen erholsamen Sonntag für alle, besonders für die, die gerade struggeln.

Viele Grüße
Insta


So lege ich mal mit dem Nachdenken los und antworte eher assoziativ, ohne alles zu zerdenken, auf deine Fragen.

Vielleicht noch ein Hinweis, der hilfreich sein könnte: In der Zeit, als diese zwanghafte Beschäftigung mit dem Thema Körpergeruch angefangen hat, habe ich ohne Unterstützung von einem auf den anderen Tag den regelmäßigen Drogenkonsum nach ca. sechs Jahren eigenständig beendet (Ecstasy, Speed, Kokain). Ich hatte zuletzt nach einem Drogenvorfall psychoseähnliche Zustände, habe mich aber nie getraut, das jemandem zu erzählen. Es hat lange gedauert, diese Zustände weitestgehend in den Griff zu bekommen, nur dieses Gefühl, mich schmutzig zu fühlen, ist geblieben.

Welche Funktion, welchen Vorteil hat es, wofür ist es gut:
* (vermeintlicher) Schutz vor zu viel Nähe
* vor Bewertung
* vor Enttäuschung
* vor schambehafteten Momenten
* Schutz davor, dass entdeckt werden könnte, dass meine äußere Erscheinung und mein Auftreten sich sehr stark von meinem inneren Empfinden und Kampf mit mir selbst unterscheiden → dass mein Maskieren auffliegt

* Es tritt meistens in stressigen Phasen oder in Krisen auf, wenn ich das Gefühl habe, in (zwischenmenschlichen oder auch fachlichen) Interaktionen nicht wahrgenommen, nicht ernstgenommen, belächelt, missachtet, abgelehnt zu werden. Die Folge davon ist, dass ich in diesen Phasen täglich übertrieben oft am Tag dusche (teilweise bis zu fünf Mal). Daher gehe ich davon aus, dass es auch ein Indikator für Scham, Überreizung und/oder einen dauerhaften Meltdown sein könnte und das Duschen eine Regulationsstrategie darstellt. Im Sinne von, mir die Scham und den ganzen Mist vom Körper waschen zu müssen.

* Ich erhalte mein Selbstbild aufrecht → ich muss eklig sein, bzw. etwas an mir muss eklig sein. Ich bin es nicht wert, dass sich jemand für mich entscheidet oder gewillt ist, an der partnerschaftlichen Beziehung gemeinsam zu arbeiten. Lieber wird von meinem Gegenüber akzeptiert, dass die Beziehung durch mich beendet wird, bevor meine Bedürfnisse und Grenzen angenommen und berücksichtigt werden → löst starke Schamgefühle in mir aus → die Folge ist der übertriebene Hygienezwang und das Gefühl, schmutzig zu sein.

* Einen Vorteil kann ich darin nicht erkennen, ganz im Gegenteil, die ständigen Zwangsgedanken und die Beschäftigung mit der Angst vor dem Körpergeruch und was andere über mich denken könnten, nehmen mir die gesellschaftliche Teilhabe. Ich verwehre mir selbst die Möglichkeit auf (regelmäßiges) soziales Miteinander, Zugehörigkeit, positive Bestätigung, schöne Erlebnisse, Freude, Liebe etc.

Was wäre anders, wenn es nicht vorhanden wäre:
* Bei dem Gedanken daran, dass diese Zwangsgedanken abwesend wären, muss ich direkt breit lächeln. Ich stelle es mir vor, wie ein Gefühl von Ruhe, Freiheit und dauerhafter Klarheit im Kopf, die Platz für gute, konstruktive Gedanken lässt. Wie toll wäre es, wenn ich mich uneingeschränkt auf Begegnungen mit Menschen konzentrieren und einlassen könnte – wenn ich nach Begegnungen, Gesprächen oder Nachrichten nicht alles haarklein auseinandernehmen und mich gar nicht infrage stellen würde?!

* Ich würde Veranstaltungen besuchen, regelmäßig in ein Schwimmbad gehen, öfter mal spazieren gehen, Dinge ohne Weiteres erledigen, mit oder ohne Begleitung, vielleicht eine feste Gruppenaktivität besuchen – es mangelt jedenfalls nicht an Ideen.

Benutzeravatar

chrysokoll
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 45
Beiträge: 4563
Wohnort: Bayern
Status: Offline

Beitrag So., 04.10.2026, 15:32

Was sagt denn deine Therapeutin zu dem ganzen, du bist ja offenbar in Therapie? Was schlägt sie vor, was macht ihr da real?
Du bist ja sehr gut darin, zu analysieren was woher kommt. Das ist super als erster Schritt, bringt dich aber nicht weiter, wenn dann keine konkreten Veränderungen folgen.

Ich kann dir z.B. raten, auch mal genau andere zu beobachten: Auch die weichen zurück wenn jemand nahe kommt, auch anderen wird das Geld an der Supermarkkasse ohne große Berührung gegeben etc.

Und ich rate dir, trotz allem kleine Schritte zu machen. Anzahl der Duschen begrenzen, aushalten, schauen was mit dir passiert. Trotzdem zu einer Gruppenaktivität zu gehen etc.

Benutzeravatar

alatan
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 48
Beiträge: 1091
Wohnort: Welt
Status: Offline

Beitrag So., 04.10.2026, 21:04

Hallo insta,
in deinen Worten klingen große Sehnsucht nach Nähe bei gleichzeitiger Angst davor - wie das oft so ist. Auf vielfältige Weise sabotierst du sich selbst (u. a. mit der Scham), wie du beschreibst. Die Frage ist letztlich, warum du dich dermaßen bestrafst (das ist aber rational nicht zu beantworten). Jedenfalls möchtest du dein Gefängnis nicht, es macht dich wütend.
Etwas anderes noch: langjährig Gebrauch von kokain(ähnlichen Substanzen können Langzeitfolgen haben. Einiges von dem, was du schreibst, klingt in Richtung Beziehungswahn. Wie sahen damals deine psychoseartigen Zustände aus?
Eine kleine Spur eines Neuroleptikums kann sehr unterstützend wirken.
Gruß alatan