Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

Für einen Gesamtvertrag..

(..statt den derzeitigen Schein-Lösungen "Psychotherapie auf Krankenschein" und
"Psychotherapie mit Teil-Kostenrefundierung")

Ergänzend zu meinem Artikel "Information zum Kassenvertrag" veröffentliche ich hier einen Grundsatzartikel der "Plattform Psychotherapie-PatientInnen", da auch mir aus grundsätzlichen Überzeugungen ein Gesamtvertrag zwischen Krankenkassen und Psychotherapeuten (und zwar einer, der es jedem Versicherten in Österreich, der an einer psychischen Krankheit im Sinne des ASVG leidet, ermöglicht, Psychotherapie bei freiberuflichen PsychotherapeutInnen in Anspruch zu nehmen, anstelle der "Zweiklassen-Psychotherapie" in der derzeitigen Form) wichtig und erstrebenswert ist.

Vorgeschichte:

Seit dem Jahr 1992 ist Psychotherapie eine Pflichtleistung der Krankenkassen. Der Gesetzgeber hat beabsichtigt, dass jeder Versicherte, der an einer psychischen Krankheit im Sinne des ASVG (Allgemeines Sozialversicherungsgesetz) leidet, die Möglichkeit haben soll, Psychotherapie auf Krankenschein bei freiberuflichen PsychotherapeutInnen in Anspruch nehmen zu können. Dies sollte im Rahmen eines Gesamtvertrages zwischen dem ÖBVP (Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie) und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger erfolgen. Für die Übergangszeit ist die Zahlung von Kostenzuschüssen vorgesehen. Es wurde jahrelang verhandelt, im April 2000 aber ein unterschriftsreifer Vertrag von den Krankenversicherungsträgern abgelehnt.

Unter dem Deckmantel "Psychotherapie auf Krankenschein"...

Seither bieten einige Krankenkassen "Psychotherapie auf Krankenschein" über so genannte "Versorgungsvereine" an, die von den Kassen zur Verfügung gestellte, stark beschränkte Psychotherapiestunden-Kontingente verteilen. In allen Bundesländern ist das Stundenkontingent so knapp bemessen , dass es bei weitem nicht für alle reicht, die Psychotherapie wirklich brauchen und auch in Anspruch nehmen wollen. Viele PatientInnen haben daher große Schwierigkeiten, einen „Krankenkassenplatz“ bei den für diese Vereine arbeitenden freiberuflichen PsychotherapeutInnen zu bekommen. Wegen des geringen Stundenkontingents sind die meisten PsychotherapiepatientInnen gezwungen, sich mit einem Zuschuss zur psychotherapeutischen Behandlung abspeisen zu lassen! Der Kostenzuschuss für eine Einzelpsychotherapiestunde beträgt seit dem Jahr 1992 (!) nur 21,80 Euro. Da die PsychotherapeutInnenhonorare meist erheblich höher sind, bedeutet dies eine große finanzielle Belastung für diese Patientengruppe. Manche können sich deshalb ihre notwendige Psychotherapie überhaupt nicht leisten!

Dagegen wehren wir uns:

Ungleichbehandlung von PatientInnen: Es kann nicht angehen, dass die Kassen im Bereich der Psychotherapie – bislang von der Politik, den Gerichten und der Öffentlichkeit unwidersprochen – eine Zwei-Klassen-Gesellschaft einrichten. Obwohl alle Versicherten mit ihrem Krankenversicherungsbeitrag für psychotherapeutische Leistungen zahlen, gibt es in Österreich "Psychotherapie auf Krankenschein" nur für einige wenige und zwar nach dem Prinzip "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst"! Der Großteil der Psychotherapie-PatientInnen muss den Löwenanteil seiner Behandlung aus der eigenen Tasche finanzieren.

Versorgungsdschungel:

Wie man zur Psychotherapie kommt, ist für viele PatientInnen kaum noch durchschaubar! Neben zahllosen, kleinen Sonderverträgen mit Institutionen hat nämlich jedes Bundesland seine eigene Regelung für die Psychotherapie in den freien Praxen. In diesem Versorgungschaos herauszufinden wie man zur Psychotherapie kommt, ist für viele PatientInnen schon im Vorfeld einer Behandlung eine sehr große, manchmal sogar unüberwindbare Hürde.

Ziele hinsichtlich eines Gesamtvertrages:


Realer Stand der Ankündigungspolitik:

Aus dem Brief des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger an alle Abgeordneten zum Nationalrat vom 16. April 1999:

"Eindeutiges Ziel der Selbstverwaltung des Hauptverbandes ist es, jedem im Sinne der Sozialversicherungsgesetze kranken Anspruchsberechtigten, der Psychotherapie benötigt, die Inanspruchnahme auf Krankenschein zu ermöglichen."

Aus dem Regierungsprogramm der österreichischen Bundesregierung für die XXI. Gesetzgebungsperiode:

"Grundsätzlich gleicher Zugang zu allen medizinischen Versorgungsleistungen nach jeweils fachlich definierten Qualitätsstandards für alle, keine Rationierungen der Leistungen nach den Kriterien von Alter, Geschlecht, Religion usw."

Aus dem Regierungsprogramm der österreichischen Bundesregierung für die XXII. Gesetzgebungsperiode:

"Wir wollen das erprobte und bewährte solidarische Gesundheitssystem erhalten und verbessern. Eine hochstehende medizinische Versorgung für alle Bürgerinnen und Bürger unabhängig von Einkommen, ist vorrangiges Ziel. Wir lehnen eine Zweiklassenmedizin ab. Effizienz und Wirtschaftlichkeit, Transparenz und Qualität sind Voraussetzung für die optimale Versorgung der Patienten. Die Förderung eines partnerschaftlichen Verhältnisses zwischen Patient und Leistungsanbieter soll durch Verstärkung der Patientenrechte, Mitverantwortung und Mitbestimmung des Patienten erreicht werden."

Die Wiener Gebietskrankenkasse über die Vergaberichtlinien von Vereinspsychotherapiestunden in einem Schreiben vom 15. April 2003:

"Dem jeweiligen Verein obliegt es als Vertragspartner der Wiener Gebietskrankenkasse, für eine ausgewogene Verteilung der als Vertragsleistung verrechenbaren Therapien zu sorgen.
Im Sinne einer ausreichenden und ausgewogenen Versorgung ist nach den vertraglichen Bestimmungen insbesondere auch auf die Betreuungsnotwendigkeiten von Kindern und Jugendlichen, alten Menschen, Suchtkranken, Personen die an Psychosen leiden und behinderten Menschen zu achten."

Weiterführende Informationen

DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Coach und Supervisor in Wien.
Nachdruck gerne gesehen, aber nur mit korrekter Quellenangabe.
Bei Volltext-Übernahme zusätzlich auch Genehmigung des Verfassers erforderlich.
Hinweis: lediglich zur einfacheren Lesbarkeit des Textes wurde der männlichen Ausdrucksform der Vorrang gegeben. Geschlechtsspezifische Zuordnungen sind damit nicht beabsichtigt.

Artikelbezogene Themenbereiche und verwandte Begriffe: Psychotherapie, Kassenvertrag, Gesamtvertrag, Zuschuss, Zuschuß, Sozialversicherung, Österreichischer, Psychotherapie auf Krankenschein, Psychotherapie mit Kostenzuschuß