Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

"Ich kann einfach nicht genug bekommen!" - Die Droge Sex.

Interview zur "Sexsucht" bzw. Hypersexualität

Gibt es die Krankheit "Sex-Sucht" wirklich, ist sie wissenschaftlich anerkannt?
Und wo liegt der Unterschied zu Hypersexualität?

"Der Begriff "Sexsucht"* wird alltagssprachlich häufig schon dann verwendet, wenn jemand lediglich seine Sexualität frei und intensiv auslebt. Mitunter erklärt sich das mit einem rigideren eigenen Wertesystem, welches gerade in der westlichen Kultur bis heute stark durch christliche Moralvorstellungen beeinflußt ist. Als jemand, der mit Menschen zu tun hat, die zum Teil erheblichen Leidensdruck verspüren bzw. ihre Lebensqualität als reduziert empfinden, halte ich diesen Begriff jedoch nicht nur für unexakt, sondern angesichts der üblichen Wortverwendung im Alltag auch als abwertend.

Aus wissenschaftlich-psychologischer Sicht wird unter dem korrekteren Terminus "Hypersexualität" ein behandlungsbedürftiges Störungsbild verstanden, das bei den Betroffenen großen Leidensdruck verursachen kann. Wie auch die sog. PC-/Internet-Abhängigkeit bzw. "Internet-Sucht", mit der ich mich fachlich bereits vor über 10 Jahren zu beschäftigen begann, gehört sie zur Gruppe der nicht substanzbezogenen Abhängigkeiten.
Verursacht durch einen übermäßigen, extrem gesteigerten Sexualtrieb nimmt die Sexualität dabei in Gedanken und Verhalten große Teile des Alltags in Anspruch. Betroffene sind fortwährend auf der Suche nach sexueller Befriedigung, können jedoch keinen persönlichen Bezug zum jeweiligen Partner aufbauen, erleben häufig keinen sexuellen Höhepunkt oder keine dauerhafte (mitunter auch gar keine) sexuelle Befriedigung. Das unbefriedigende Gefühl schon kurz nach den jeweiligen sexuellen Erlebnissen veranlaßt sie dazu, ständig nach neuen sexuellen Erlebnissen (und sei es nur virtuell) zu suchen.

Dabei zeigen sich typische Symptome, die mit Abhängigkeit assoziert werden:

Leider gibt es keine zuverlässigen Zahlen über die Verbreitung von Hypersexualität. Auf Basis meiner eigenen beruflichen Erfahrungen würde ich jedoch schätzen, dass etwa 1-3% der Männer und 0,5-2% der Frauen im Laufe ihres Lebens darunter leiden."

*) andere häufig verwendete und z.T. veraltete Begriffe sind die "Satyriasis" bzw. der "Donjuanismus" des Mannes, die "Nymphomanie" der Frau oder "sexuelle Manie" (beide Geschlechter), Anm.d.Verf.

Gibt es in Deutschland auch solche Sexkliniken wie in den USA*, in denen man sich behandeln lassen kann?

David Duchovny

"Mir ist davon nichts bekannt. Die Existenz derartiger Einrichtungen scheint mir jedoch mehr im Geschäftssinn cleverer Klinikmanager als durch sachliche Notwendigkeit begründet. Denn im Unterschied zu substanzbezogenen Abhängigkeiten besteht ja bei Hypersexuellen keine Notwendigkeit, sie vor ihrem sozialen Umfeld zu schützen, und es gibt keine "Fertigkeiten", die durch tägliches Training erlernt oder vermittelt werden müssten.
Eine ambulante Therapie reicht meinen Erfahrungen nach völlig aus, um gute und auch anhaltende Erfolge im Sinne einer dauerhaften Befreiung von zwanghaft induzierter Sexualität zu erzielen."

* (Anspielung auf die einschlägige Therapie des Hollywood-Schauspielers David Duchovny im Jahre 2008 in einer Reha-Klinik in Arizona; diese wurde in einem anderen Teil der betr. Magazin-Beilage erwähnt)

Wie sieht dann eigentlich die Therapie aus?

"Ziel ist wie bei jeder anderen Suchttherapie auch der Wiedererwerb der Fähigkeit, "nein" zu sagen, also langfristig selbstschädigende Handlungen zu vermeiden. Dazu ist es jedoch wichtig, die Zusammenhänge der eigenen Abhängigkeit zu verstehen: was "macht" mich süchtig, was "treibt" mich dazu, immer und immer wieder auf die "Jagd" gehen zu müssen? Gerade bei nicht substanzbezogenen Abhängigkeiten ist dies eine zentrale Frage, da rein organisch ja keine Abhängigkeit vorliegt. Die Betroffenen müssen wieder in die Lage versetzt werden, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Rein vom Ablauf her bildet einen wesentlichen Teil der Therapie das therapeutisch geleitete, reflektive Gespräch und hierbei die gemeinsame Suche nach Zusammenhängen und Entwicklung von Lösungsstrategien. Mitunter setze ich, sofern meine KlientInnen dies nutzen wollen, ergänzend auch Hypnotherapie und sogenannte "Hausaufgaben" ein, also Beobachtungen oder Verhaltensexperimente, die neue Erfahrungen oder Ideen vermitteln können.

Meist ist innerhalb von ein paar Monaten regelmäßig stattfindender Psychotherapie (im ambulanten Kontext, es ist also kein Klinikaufenthalt notwendig) eine sehr gute Stabilisierung, häufig sogar völlige Problemlösung erzielbar. Damit dauerhafte Problemfreiheit erreicht wird, ist es allerdings gerade bei Suchtverhalten wichtig, die Therapie äußerst konsequent, also in regelmäßiger Frequenz durchzuziehen."

Was passiert psychologisch während eines „Sex-Rauschs“? Denken Sexsüchtige permanent an Sex?

"Die Variationsbreite von Hypersexualität ist enorm: es gibt Menschen, die schon auf äußere Schlüsselreize (wie aufreizend gekleidete Frauen oder die Atmosphäre von Rotlichtbezirken) enorm stark reagieren und dann einen fast unstillbaren Drang nach sexueller Aktivität verspüren, aber auch solche, deren Alltag kaum eingeschränkt ist, deren Gedankenwelt aber vom nächsten Urlaub oder Sexurlaub dominiert ist, auf dem sie sich dann getrieben fühlen, all das nachzuholen, was sie während ihres "normalen" Lebens ihrem Empfinden nach entbehren mußten.
Innerhalb dieser Bandbreite ist als Gemeinsamkeit die starke Orientierung auf sexuelle Aktivität auszumachen, für die ein erheblicher Teil der verfügbaren Ressourcen an gedanklicher- und Lebensenergie, an Zeit und finanziellen Mitteln aufgewendet wird. Es gibt Betroffene, die im normalen Alltag ein äußerst bescheidenes und sparsames Leben führen, im Kontext realer oder erhoffter sexueller Begegnungen aber enorme Summen Geld investieren. Bei Außenstehenden drängt sich häufig unweigerlich die Frage auf, ob denn das Leben nicht auch noch aus anderen Interessen bestehen könnte als aus sexuellen Begegnungen."

Ab wann gilt man als sexsüchtig? Wo ist die Grenze zwischen extrem potent und süchtig?

"Diese Grenze ist insofern schwer zu ziehen, als Sexualität sehr stark auch von hormonellen Faktoren mitbestimmt wird, welche von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Manche Männer fühlen sich nicht nur psychisch, sondern auch körperlich äußerst unwohl, wenn sie sich nicht zumindest 2x pro Woche sexuell "entladen" können, für andere stellt es kein Problem dar, selbst wochenlang keinerlei sexuellen Aktivitäten nachzugehen. Bei Frauen ist die Abgrenzung zu rein physiologisch verursachten Bedürfnissen nochmals schwieriger.
Laut den Spezifikationen der Klassifikationsschemata wie dem ICD-10 ist Hypersexualität als "Gesteigertes sexuelles Verlangen" mit dem Diagnoseschlüssel F52.7 definiert, ebenso wie die sog. "Störung der Impulskontrolle" (F63.8). Häufig sind in Kombination damit auch andere Störungen, insbesondere sog. Sexuelle Funktionsstörungen, diagnostizierbar.
Pornografie-Konsum Konkret äußert sich dies in den schon vorhin beschriebenen Verhaltensweisen, der überdurchschnittlich intensiven Beschäftigung mit "all things sex", also suchtartigem Sexualverhalten bei Vernachlässigung anderer Lebensbereiche und sozialer Beziehungen (z.B. auch Familie, Freunde und Beruf). Ist Sex nicht möglich, erfolgen häufig unkontrollierbare Kompensationsversuche über Surrogate wie Pornografie, Telefonsex, übermäßige Masturbation. Orgasmen verschaffen meist nur kurzzeitige oder gar keine Befriedigung.

Über das vor allem im amerikanischen Raum verbreitete Diagnoseschema DSM IV liesse sich Hypersexualität ebenfalls in die Gruppe der Störungen der Impulskontrolle einordnen. Explizit definiert und damit klinisch als eigenständiges Störungsbild diagnostizierbar und über die Krankenkassen behandelbar ist sie damit in den USA allerdings nicht."

Was können Auslöser für Sexsucht sein – oder ist das erblich?

"Hypersexualität bzw. Sexsucht ist ein in den allermeisten Fällen rein psychisch bedingtes Problem, und sie ist nicht erblich.

Als Systemischer Therapeut hat für mich der Begriff "erblich" jedoch eine Doppelbedeutung: Verhaltensmuster können nämlich durchaus über Generationen weitervermittelt werden, dazu gehört auch die Neigung zu Paraphilien (sexuell abweichendem Verhalten). In der Tat findet sich fast immer ein auffälliger Bezug zur Sexualität in der Geschichte der Betroffenen - häufig starke Tabuisierung durch die Eltern oder auch prägende Lebensereignisse (die nicht immer auf Sexualität bezogen sein müssen, es können durchaus auch traumatisierende Erfahrungen sein, die das betreffende Verhalten indirekt auslösen, oder eine kontinuierlich belastende Lebenssituation). Es gibt auch einige potenzielle organische Ursachen für hypersexuelles Verhalten, etwa Funktionsstörungen der Nebennierenrinde oder Bauchspeicheldrüse, eine Schädigung der Temporallappen im Hirn, bestimmte Medikamente und Drogen, aber auch während der Pubertät sowie bei bipolaren Störungen (früher bekannt als "Manisch-depressives Krankheitsbild") können Phasen von Hypersexualität auftreten."

Was raten Sie Sex-Süchtigen?

"Moralische Vorbehalte, wie sie häufig direkt oder subtil von der Umwelt geäußert werden, sind hier fehl am Platz und helfen den Betroffenen nicht weiter.
Sich selbst einschätzen können Betroffene etwa mit der Frage, ob sie andere Personen mit dem eigenen Verhalten schädigen (z.B. durch Außenbeziehungen) und wie hoch der Preis ist, den sie selbst für das Verhalten bezahlen (etwa durch häufiges Aufsuchen von Prostituierten oder die Vernachlässigung anderer Lebensbereiche). Wie bei den meisten Formen von Abhängigkeit ist die Selbstwahrnehmung jedoch häufig verzerrt, und das eigene Verhalten wird entweder idealisiert, rationalisiert oder schlicht ausgeblendet.

So üben zahlreiche Hypersexuelle ihr Verhalten oft jahrelang regelrecht zwanghaft aus und suchen erst dann Unterstützung, wenn "sich der Karren bereits viel zu tief in den Dreck gegraben hat", wie das ein Klient kürzlich über sich selbst sagte. Erst wenn ernste gesundheitliche Probleme auftreten, die Ehe bedroht ist, finanzielle Probleme auftreten oder sich sexuelle Störungen wie z.B. Erektionsstörungen manifestieren, suchen Betroffene therapeutische Hilfe. Hier würde ich den betreffenden Menschen wünschen, ihr eigenes Erlebensspektrum nicht vorrangig nur auf den sexuellen Bereich zu beschränken, sondern den Blick wieder für das Leben "draußen" zu öffnen, sich von den eigenen "Süchten" unabhängiger zu machen und wieder die Kontrolle über das eigene Tun zu erlangen. Hierbei können kleine eigene Schritte dienlich sein oder zielgerichtete, fundierte therapeutische Unterstützung durch einen Sexualtherapeuten oder Psychotherapeuten. Jeder Schritt hin zur Erlangung wirklicher innerer Freiheit und Lebensfreude ist einer, auf den man einmal mit positiven Gefühlen zurückblicken können wird."

(Interview 09/2008)

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DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Sexualtherapeut und Coach in Wien.
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1 "Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen." (offizielle Definition von Gesundheit gemäß der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom 22. Juli 1946)

Anhang: weitere Literatur zum Thema, mit Leserrezensionen: