Psychotherapie in Wien bei Richard L. Fellner

Inhalt: Zwangsgedanken DefinitionSymptomatikGesellschaftliche RahmenbedingungenPrognoseDiagnostische AbgrenzungKomorbiditätenSchlussfolgerungenLiteratur

Die Angst, homosexuell zu sein (HOCD)

Eine unbekanntere Form von Zwangsgedanken

Eine zunehmende Anzahl von Menschen - speziell Männern - leidet unter ausgeprägten Ängsten, homosexuelle Neigungen zu besitzen oder womöglich bereits schwul zu sein oder zu werden. Obwohl diese Ängste, wie dieser Artikel noch ausführen wird, zumeist unbegründet sind, erzeugen sie in ihrer Intensität bei den von der hier beschriebenen Symptomatik Betroffenen massiven Leidensdruck und peinigende Angstgefühle - diagnostisch ist dann von Zwangsgedanken zu sprechen. Im Englischen hat sich für diese spezielle Form von Zwangsgedanken das Kürzel "HOCD" (für "Homosexual obsessive-compulsive disorder") etabliert. Zu unterscheiden sind derartige Zwangsgedanken von einem Coming-Out-Prozess real Homosexueller, auf den ich weiter unten ebenfalls noch eingehen werde ("Diagnostische Abgrenzungen").

Zur Einleitung möchte ich zunächst einen Auszug aus dem Kapitel V des ICD-10, dem von der WHO herausgegebenen Klassifikationssystem psychischer Krankheiten, anführen - in diesem werden Zwangsstörungen und Zwangsgedanken folgendermassen definiert:

"Menschen mit einer Zwangsstörung leiden unter wiederkehrenden Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen. Unter Zwangsgedanken versteht man wiederkehrende Gedanken, die den Betroffenen in stereotyper Weise immer wieder beschäftigen. Sie werden meist als quälend empfunden, weil ihre Inhalte häufig sinnlos, gewalttätig oder obszön sind. Erfolglos versuchen die Betroffenen, diese Gedanken nicht zu denken. Obwohl die Gedanken als ungewollt und häufig als abstoßend empfunden werden, erkennen die Personen sie als ihre eigenen Gedanken an. (..) Zwangshandlungen sind sich ständig wiederholende Verhaltens-Stereotypien. Wie die Zwangsgedanken sind auch die Zwangshandlungen den Betroffenen nicht angenehm, sie werden in der Regel als sinnlos und ineffektiv erkannt und es wird erfolglos versucht, den Handlungen Widerstand zu leisten. Eine steigende innere Anspannung zwingt die betroffenen Personen jedoch immer wieder, die Zwangshandlung auszuführen. Beispiele für Zwangshandlungen sind Kontrollzwänge (z.B. immer wieder kontrollieren, ob der Herd ausgemacht und die Tür abgeschlossen wurde), Zählzwänge (z.B. immer wieder die Ringe der Gardinenstange zählen zu müssen) oder Waschzwänge (z.B. mehrere Stunden täglich die Hände waschen und sich umkleiden zu müssen)." (ICD-10, F42)

Als diagnostische Kriterien für Zwang sind folgende angeführt:

  • Gedanken oder Impulse werden als von der eigenen Person herrührend erkannt (Unterschied z.B. zur Psychose)
  • gegen die Handlungen oder Gedanken wird erfolglos Widerstand geleistet
  • Gedanken oder Handlungen sind an sich nicht angenehm für die Person
  • Gedanken, Handlungen wiederholen sich in einer als unangenehm erlebten Weise

Wie stellen sich für Betroffene Zwangsgedanken, homosexuell zu sein, dar?

Zumeist kann ein Initialereignis ausgemacht werden, bei dem die Angst, möglicherweise homosexuell zu sein, erstmals verspürt wurde - z.B. körperliche Erregung bei der Berührung durch einen anderen Mann, als erregend empfundene Filmszenen, ein sexuell gefärbter Traum, oder auch Bilder, die als homoerotisch einstufbar sind. Von diesem Zeitpunkt an werden die eigenen Gedankenläufe bezüglich anderer Männer, insbesondere attraktiv wirkenden Männern gegenüber, sehr genau beobachtet. So wird z.B. innerlich geprüft, ob sich emotionale oder sexuelle Regungen einstellen, wenn den Betroffenen einem attraktiven Mann begegnen, Phantasie-Szenen werden experimentell im Kopf durchgespielt (um z.B. zu erahnen, ob es sich erregend anfühlen würde, mit einem Mann Sex zu haben) und es wird jegliche Veränderung registriert - besonders, ob die Intensität der Gedanken zu- oder abnimmt. Dies wirkt sich häufig auch auf die Stimmungslage stark aus: nehmen die Gedankenläufe und inneren Bilder ab, dann fühlen sich die Betroffenen besser; nehmen sie dagegen zu, entstehen starke Gefühle von Depression oder Selbsthass, welche äußerst peinigenden Charakter annehmen können (nächtliche Albträume, Schlaflosigkeit, sich selbst abwertende innere Dialoge etc.). Wie bei anderen Formen von Zwangsgedanken existiert auch bei der Angst, womöglich homosexuell zu sein, häufig die umgekehrte Kopplung: sind die Betroffenen in guter Stimmung und läuft im alltäglichen Leben alles gut, dann treten auch die Zwangsgedanken rund um Homosexualität zurück, ja sie können auch für die Betroffenen als geradezu absurd erscheinen. Wird die Stimmung dagegen schlecht, gibt es innere oder äußere Konflikte, dann werden die Gedanken wieder intensiver und peinigender. Derart phasenhafte Verläufe sind ebenfalls für Zwangsstörungen typisch.

Im Unterschied zum normaltypischen Umgang mit der prinzipiellen Idee, über homosexuelle Neigungen zu verfügen, ist Personen, die unter Zwangsgedanken leiden, insofern die Kontrolle über die damit verbundenen Gedankenläufe weitgehend entzogen. Obwohl gemeinhin keinerlei aktive sexuelle Handlungen stattfanden und sich das reale sexuelle Interesse auf Frauen richtet, scheint in der inneren Vorstellung jederzeit mit dem empfundenen Schlimmsten - nämlich dem plötzlichen und nicht beherrschbaren Aufflammen von realen sexuellen Gefühlen für Männer - gerechnet werden zu müssen.

Betroffene sind meiner Erfahrung nach nahezu ausschliesslich Männer und nur in Einzelfällen Frauen mit der dem Störungsbild entsprechenden Angst, möglicherweise lesbisch zu werden oder womöglich im Grunde immer schon zu sein.

Was schafft den Rahmen für eine solche "Zeitkrankheit"?

Die beschriebene Zwangssymptomatik wäre nur schwer vorstellbar, wenn die Betroffenen einen völlig gelassenen und positiven Zugang zum Thema Homosexualität hätten. Wir leben zwar in einer Zeit, in der Homosexualität in den westlichen Ländern offen gelebt werden darf, diese Liberalisierung begann jedoch erst vor wenigen Jahrzehnten und ist "in den Köpfen" noch keineswegs abgeschlossen. Zu einem wichtigen Teil des Männlichkeitsbilds gehört es auch heute noch, "auf Frauen zu stehen", während Homosexualität häufig zunächst Unsicherheit, Befremden oder gar Ablehnung auslöst. Selbst wenn anderen Homosexuellen gegenüber keine Vorbehalte bestehen, löst die Vorstellung, womöglich selbst homosexuell zu sein, eine Reihe sorgenvoller Befürchtungen (v.a. sozialer Natur) aus und bedroht die Konstruktion des eigenen Identitätsentwurfs. Ergibt sich also eine entsprechende Vermutung - und sei es auch nur ein kurzer Gedanke, ausgelöst durch eine kurze Situation! -, "muß" dieser Vermutung nachgegangen, auf den Grund gegangen werden. Es fühlt sich bedrohlich und besorgniserregend an, wenn sich herausstellen sollte, daß man womöglich tatsächlich "schwul" sein könnte. Einfacher wäre es, wenn man so wie man es bisher von sich überzeugt war, heterosexuell zu sein - und muß somit den Ursachen der Befürchtung auf den Grund gehen. Dies jedoch ist ein klassischer Einstiegspunkt für Zwangsgedanken.

Zwangsgedanken Homosexualität

Image: healthtap.com

Prognose von homosexuellen Zwangsgedanken

Die Prognose von Zwangsgedanken ist leider nicht besonders günstig. Zwangsgedanken entwickeln sich häufig zu einer immensen, die Lebensqualität massiv einschränkenden psychischen Störung. Obwohl die betreffenden Gedanken am Beginn häufig nur sporadisch auftreten und bewältigbar sind, können sie im Verlauf weniger Monate, ja Wochen, ein Ausmass annehmen, das ein geregeltes Leben und positive Stimmungslagen immer mehr verhindern. Ein erhebliches Problem besteht außerdem darin, dass viele PatientInnen auch im realen Leben (also nicht nur gedanklich) "überprüfen" möchten, ob etwa einschlägige sexuelle Aktivitäten als erregend empfunden würden. Es kann dann zu verkrampften und stark schuldbesetzten Aktivitäten wie z.B. dem Besuch von "Schwulen-Lokalen" kommen (die dabei auftretenden Emotionen lassen sich dann von den Betroffenen wiederum als Bestätigung potentiell vorhandener homosexueller Neigungen deuten), zum unweigerlichen Erröten, ja Angststarren ähnlichen Zuständen im Beisein anderer, sobald Gespräche oder Witze das Thema Homosexualität berühren, oder zur Äußerung der betreffenden Ängste guten Freunden oder gar der Partnerin gegenüber, wodurch eine Belastung der Partnerschaft entstehen kann und die Gedanken engste Vertrauenspersonen unweigerlich mit zu erfassen beginnen. Entsprechende Dynamiken können in letzter Konsequenz sogar zum Bruch von Freundschaften und Partnerschaften führen.

Alleine das mit dieser Dynamik untrennbar verbundene Risiko läßt eine möglichst frühzeitige psychotherapeutische Behandlung dieser Form von Zwangsgedanken dringend als indiziert erscheinen. Psychotherapeuten mit Erfahrung in der Sexualtherapie und Sexualberatung können üblicherweise sehr treffend einschätzen, ob tatsächlich homosexuelle Empfindungen vorliegen oder es sich um die hier beschriebene Form von homosexuellen Zwangsgedanken handelt - und dann passende weitere Schritte empfehlen. Bei beiden Diagnosen – Zwangsgedanken und Homosexualität - ermöglicht eine frühestmögliche Abklärung und therapeutische Unterstützung eine deutlich bessere Behandlungsprognose als bei allzu langem Zuwarten. Wichtig erscheint es mir hierbei jedenfalls, den - selbst von zahlreichen Ärzten und Therapeuten begangenen - Fehler zu vermeiden, die Inhalte der Zwangsgedanken aufzugreifen und zum Therapiegegenstand zu erklären (denn Selbst- und Fremdwahrnehmung sind durch die Zwangsstörung verzerrt), sondern das dahinterstehende psychische Problem, und zu diesem gehört eben auch die "Zwangs-Situation", in die sich der Patient aufgrund seiner Prägungen manövriert hat, ernst- und wahrzunehmen.

Grenzziehung zwischen Zwangsgedanken und Homosexualität

Hier sind zunächst die wissenschaftlichen Definitionen der Homosexualität interessant, wieder zitiert aus dem ICD-10 Manual:

Homosexualität (gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung) ist definiert als "...eine sexuelle Orientierung, bei der das sexuelle Verlangen überwiegend auf Personen des gleichen Geschlechts gerichtet ist." (Quelle: Broschüre des Österr. Gesundheitsministeriums, 2016).

Festgestellt wird eine homosexuelle Orientierung durch Befragungen, die Bewertung von Häufigkeitsangaben, sowie durch Messungen von körperlichen Reaktionen auf visuelle Reize. Im mitteleuropäischen Raum wären demzufolge - je nach Quelle - etwa 1-2% der Frauen und 2-4% der Männer als homosexuell einzustufen. Dieser Anteil ist unter Jugendlichen aufgrund der noch stattfindenden Ausformung der eigenen Sexualität deutlich höher.
Über die Entstehung von Homosexualität herrscht (obwohl regelmäßig Studien veröffentlicht werden, die behaupten, Ursachen für Homosexualität identifiziert zu haben!) bis heute Unklarheit: eine genetische Beteiligung scheint möglich, allerdings gibt es kein "schwules Gen" oder eine anderwertige nachweisbare, fixe Veranlagung zur Homosexualität.

Eine Herausforderung bei der Abgrenzung "echter" Homosexualität zu homosexuellen Zwangsgedanken stellt genau diese fließende Konsistenz dar: es dürfte zahlreichen Studien (und auch ganz praktischen Erfahrungen in der Sexualtherapie) zufolge keine Menschen geben, die zu 100% homosexuell sind, ebenso wie es keine gibt, die zu 100% heterosexuell sind. Unter bestimmten Bedingungen sind nämlich auch Menschen, die sich als eindeutig heterosexuell empfinden, durch homosexuelle Inhalte erregbar. Auch kulturelle, zeitgeschichtliche, situative und andere Faktoren sind zu berücksichtigen.
Die wissenschaftliche Debatte spaltet sich bezüglich der sexuellen Vorlieben in die essentialistische und die konstruktivistische Identitätstheorie. Bei der essentialistischen Identitätstheorie wird davon ausgegangen, dass der Mensch eine feste und angeborene Identität und damit auch sexuelle Orientierung - wie etwa Heterosexualität - hat. Die konstruktivistische Identitätstheorie dagegen geht davon aus, dass Identität veränderlich und kulturell konstruiert ist.

Wesentlich ist also die sexuelle Präferenz, die bevorzugte Form der Sexualität. Damit besteht ein deutlicher Unterschied zu den Sexualpräferenzen anderer Menschen in der Fokussierung auf gleichgeschlechtliche PartnerInnen (das sexuelle Interesse gleichgeschlechtlich empfindender Menschen ist meist seit der Pubertät überwiegend oder ausschliesslich auf Angehörige des eigenen Geschlechts gerichtet und auch nur in Bezug auf sie kann in aller Regel sexuelle Erregung verspürt werden). Sind die bevorzugten PartnerInnen gegengeschlechtlich, besteht aber auch sexuelle Anziehung gleichgeschlechtlichen Personen gegenüber, liegt in aller Regel Bisexualität vor. Es ist dabei nicht relevant, ob tatsächlich entsprechende sexuelle Handlungen ausgeübt wurden oder nicht: die sexuelle Erregbarkeit durch entsprechende Inhalte, Aktivitäten oder deren Vorstellung ist relevant. Bei unter Zwangsgedanken leidenden Menschen dagegen machen sich keine entsprechenden Bedürfnisse und auch keine langfristigen oder regelmäßigen Phantasien (im Sinne von als lustvoll empfundenen Szenen) bemerkbar, die sich auf Angehörige des eigenen Geschlechts beziehen.

Häufige Komorbidität bei Zwangsgedanken an Homosexualität

Störungen, die häufig in Verbindung oder zu anderen Zeitpunkten der Lebensgeschichte Betroffener auftreten, sind depressive Störungsbilder, Störungen des Selbstwertgefühls und soziale Ängste. Auch sexuelle Störungen, wie etwa Erektile Dysfunktion oder Ejaculatio praecox (vorzeitiger Samenerguß) ebenso wie Libidostörungen (Störungen des sexuellen Antriebs) kommen häufiger als bei Personen vor, die unter dieser Form von Zwangsgedanken leiden.

Schlussfolgerungen für Beratung und Therapie

Diagnostik, Abklärung, Beratung - und diese so frühzeitig wie möglich!
Es ist zu befürchten, dass durch nicht auf Sexualtherapie spezialisierte Beratungseinrichtungen, TherapeutInnen und BeraterInnen zahlreiche unter Zwangsgedanken leidende Klienten fälschlicherweise als homosexuell eingestuft würden, was aufgrund der oben beschriebenen Dynamiken das Risiko einer Problemverstärkung beinhaltet - oder um es hypnosystemisch zu formulieren: es ist äußerst schwierig, die Idee nach einer solchen 'Diagnose' wieder aus dem System zu bekommen. Liegen keine konkreten homosexuellen Erfahrungen von Klienten vor, sondern wird vor allem von Ängsten, Befürchtungen und Phantasien berichtet, ist deshalb meiner Ansicht nach eine fachliche Diagnostik, angesichts der relativen Unbekanntheit der Symptomatik evt. mit dem expliziten Auftrag der Abklärung auf eine Zwangssymptomatik (ICD-10, F42.0), empfehlenswert. Je nach Diagnose kann dann beim Vorliegen von Zwangsgedanken zielgerichtet eine adäquate psychotherapeutische Behandlung avisiert werden.

Literatur und Quellenangaben

Austausch

DSP Richard L. Fellner ist Psychotherapeut, Sexualtherapeut und Coach in Wien.
Nachdruck gerne gesehen, aber nur mit korrekter Quellenangabe.
Bei Volltext-Übernahme zusätzlich auch Genehmigung des Verfassers erforderlich.

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Artikelbezogene Themenbereiche und verwandte Begriffe: HOCD, Homosexualität, Angst, Zwang, Zwangsgedanken, Sexualtherapie, Sextherapie, Sexualmedizin, Sexualstörungen, sexuelle Probleme, Beratung, Therapie, Wien, Zwänge, Gedanken, Befürchtung, Furcht, Angst, homosexuell, Homophobie, homophob, schwul, lesbisch

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