Apr 01

Woran es sicherlich keinen Mangel gibt, sind Erfolgsberichte etwa ĂŒber die positive Wirkung von ADHS-Medikamenten, zahlreiche einschlĂ€gige Artikel in der Fach- und etwas zeitversetzt dann in der Regel auch in der Laien-Presse. HĂ€ufig gehen im Zuge des Informationstransports bis zum Endkonsumenten auch die letzten Reste von Wissenschaftlichkeit verloren und weichen einem “Informationscharakter”: etwa wenn das VerhĂ€ltnis von Erfolgs- und Mißerfolgs-Raten gar nicht mehr ErwĂ€hnung findet, sondern generalisierend von “mit Erfolg angewendet” oder “Erfolg in der Behandlung von ADHS mit Medikament XY” gesprochen wird. Wie in anderen Blog-Artikeln angefĂŒhrt, investiert die Pharmaindustrie darĂŒber hinaus deutlich höhere Anteile ihrer Einnahmen in das Marketing ihrer Produkte als in die Forschung, wobei allerdings nur der geringste Teil des Marketings aus expliziter Werbung besteht – viel hĂ€ufiger werden themenorientierte Kongresse mitfinanziert (indirekte Werbung), Studien in Auftrag gegeben (bei denen dann zumeist die Wirksamkeit der eigenen Produkte bestĂ€tigt wird) oder andere vertriebsrelevante KanĂ€le gesponsert.

ADHD Kid (Image © 123rf.com)

Ein symptomatisches Beispiel fĂŒr den sich durch diese Effekte schleichend verĂ€ndernden Zugang der Bevölkerung zur Anwendung von Medikamenten ist der Bereich des Aufmerksamkeits-Defizit/HyperaktivitĂ€ts-Syndroms (ADHS). Es muss sich dabei entweder um eine regelrechte Epidemie oder um eine Modediagnose handeln, denn bereits 7% aller Kinder (!) werden heute in den USA wegen ADHS behandelt. Warum jedoch dieses Störungsbild so hĂ€ufig aufzutreten scheint, und wie dieser enorme Anstieg an Diagnosen tatsĂ€chlich zu erklĂ€ren ist, wird wenig gefragt und ist bis heute in keine Weise geklĂ€rt. Bemerkenswert ist insbesondere auch der “shift” von ganzheitlichen Behandlungsmodellen zu rein physiologischen. So bestand noch vor wenigen Jahren ein weitgehender Konsens darĂŒber, dass die Verhaltensstörungen der betroffenen Kinder und Jugendlichen aus verhaltensorientierter Psychotherapie (in die auch die Eltern einzubinden sind) bestehen, und nur in schweren FĂ€llen Medikamente (damals vorrangig das bekannte Ritalin) verschrieben werden sollten. Heute dagegen scheint weitgehende Einigkeit darĂŒber zu bestehen, dass eine simple Verabreichung der entsprechenden Medikamente die empfehlenswerte Art der Behandlung darstellt – jene Variante also, die fĂŒr die Pharmakonzerne zweifelsfrei die vorteilhafteste, und fĂŒr Eltern und Lehrer die bequemste Herangehensweise darstellt. Es existiert nun einmal keine Lobby fĂŒr die kritische Reflexion jahrelanger Medikation von MinderjĂ€hrigen mit Psychopharmaka.

Die Publikation kritisch-reflektiver Studien wie die eben von Psychiatern des Johns Hopkins Children’s Center geleitete aktuell grĂ¶ĂŸte Langzeitstudie zum Thema, welche im Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry veröffentlicht wurde, sind daher die Ausnahme. In ihr wurden 207 klinisch mit ADHS diagnostizierte Vorschulkinder (75 Prozent davon Jungen) untersucht. Weitere Testungen der Kinder erfolgten 3 Monate spĂ€ter, bevor die Kinder an andere Ärzte ĂŒberwiesen und teils mit Medikamenten wie etwa Methylphenidat behandelt wurden. Nach 3, 4 und 6 Jahren wurden die Kinder erneut von Ärzten auf die ADHS-Symptome untersucht. Eltern und Lehrer beurteilten zusĂ€tzlich die Schwere der Kernsymptome Konzentrationsstörungen, HyperaktivitĂ€t und ImpulsivitĂ€t. Analysiert wurden die VerĂ€nderungen der Symptome ĂŒber die Zeit und die Diagnose.

Die Ergebnisse sind zumindest fĂŒr die Pharmakonzerne, aber auch fĂŒr die Eltern und die behandelnden Ärzte, welche sich von einer medikamentösen Therapie ja Besserung oder Heilung erwarten, ernĂŒchternd. Zwar ging bei einigen Kindern die IntensitĂ€t der ADHS-Symptome zurĂŒck, bei der Mehrheit der Kinder bewirkten die Medikamente jedoch nichts, das ADHS blieb in diesem Sinne chronisch. Möglicherweise auch deshalb, da die jeweiligen Eltern und Ärzte sich ausschließlich auf die Wirkung der Medikamente verließen, dieser Aspekt wurde in der Studie jedoch nicht untersucht. Fest steht jedoch, dass 89% der an der Studie dauerhaft teilnehmenden Kinder auch nach 6 Jahren noch schwere ADHS-Symptome zeigten.

Bemerkenswerterweise war es praktisch egal, ob sie, wie zwei Drittel der Kinder, Medikamente erhielten oder diese abgesetzt wurden – daraus ließen sich keine Vorhersagen ĂŒber die StĂ€rke der Symptome ableiten. 62 der Kinder, die mit Anti-ADHS-Medikamenten behandelt wurden, zeigten weiter signifikante Konzentrationsstörungen, bei den Kindern ohne Medikamente waren es mit 58 Prozent kaum weniger. Dass Pharmakonzerne keinerlei Interesse daran haben, kritische Studien wie diese zu finanzieren, liegt auf der Hand.

Interessantes wird dagegen entdeckt, wenn doch einmal neutrale Untersuchungen nichtmedikamentöser BehandlungsansĂ€tze stattfinden und finanziert werden. Einer aktuellen Metastudie (auf der Basis von 54 Studien mit fast 3.000 Patienten) der europĂ€ischen ADHS-Leitliniengruppe zufolge, welche im American Journal of Psychiatry erschien, ist – eine korrekte ADHS-Diagnose einmal vorausgesetzt – der Griff zum Medikament nicht unbedingt notwendig. Hier wurden in Doppelblindstudien vor allem einer ErnĂ€hrungsumstellung positive Wirkungen auf die Hauptsymptome ImpulsivitĂ€t, schlechte Aufmerksamkeit und motorische Unruhe bescheinigt.

Wirksam erwies sich vor allem die Vermeidung kĂŒnstlicher Lebensmittelfarben und noch stĂ€rker die Vermeidung von Lebensmitteln, gegen welche die Patienten eine UnvertrĂ€glichkeit besitzen. Daraus könne man nicht notwendig ableiten, dass andere TherapieansĂ€tze keine Besserung erzielen. Es gebe allerdings aufgrund von Finanzierungsproblemen zu wenige valide Studien, weswegen die Datenlage ungenĂŒgend sei, sagt Prof. Dr. M. Holtmann von der LWL-UniversitĂ€tsklinik der RUB in Hamm, Mitautor der Studie.

(Quellen: The Preschool Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Treatment Study (PATS) 6-Year Follow-Up in: Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry Vol 52, Issue 3, p264-278.e2, March 2013; Nonpharmacological Interventions for ADHD: Systematic Review and Meta-Analyses of Randomized Controlled Trials of Dietary and Psychological Treatments in: American Journal of Psychiatry 2013;170:275-289. 10.1176/appi.ajp.2012.12070991; Telepolis [1, 2])

Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewissermaßen eine Übersicht ĂŒber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

HĂ€ufigkeit

Nach SchĂ€tzungen stirbt jĂ€hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tatsĂ€chlich dĂŒrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich höher liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen LĂ€ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid trĂ€gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten TodesfĂ€llen bei und ist die zehnthĂ€ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, fĂŒr das Daten verfĂŒgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gefĂ€hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine Änderung ergeben hat, und Ă€ltere Menschen, bei denen ein deutlicher RĂŒckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-LĂ€ndern, Bild: OECD

Zur RegionalitĂ€t: innerhalb Europas liegen die Raten in den nördlichen LĂ€ndern generell etwas höher als in den sĂŒdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der tĂ€glichen Sonnenscheindauer schließen lĂ€sst. Dennoch können andere LĂ€nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Großbritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller TodesfĂ€lle auf Selbsttötung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der die SuizidhĂ€ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal gehĂ€uftes Auftreten von Suiziden erklĂ€rt werden könnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” veröffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in jĂŒngster Zeit in SĂŒdkorea angestiegen: nĂ€mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbsttötungen von MĂ€nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betrĂ€gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am höchsten. Die OECD fĂŒhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Auflösung der traditionellen Familienbindungen zurĂŒck. Ob das allerdings SĂŒdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegenĂŒber den anderen LĂ€ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zurĂŒckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach SĂŒdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine ĂŒberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und Österreich (12,6; 27/100000 bei MĂ€nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegenĂŒber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Großbritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den ĂŒbrigen OECD-LĂ€ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier töten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

WidersprĂŒchliche Daten zur sog. GlĂŒcklichkeitsforschung förderte bemerkenswerterweise allerdings eine Studie zutage, die ZusammenhĂ€ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen LĂ€ndern die Selbstmordrate trotz großer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabhĂ€ngig von harten Wintern, religiösem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen LĂ€ndern (mehr):

Eine ErklĂ€rungsmöglichkeit fĂŒr diesen vordergrĂŒndigen Widerspruch könnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid stĂ€rker empfunden wird. Gesellt sich zum persönlichen LebensunglĂŒck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses verĂ€ndern zu können, kann Suizid von bestimmten Persönlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu Österreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. JĂ€hrlich sterben in Österreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 wĂ€hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamtösterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erwĂ€hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Straßenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in Österreich immer weniger Autopsien durchgefĂŒhrt werden, sinkt die Möglichkeite, Suizide von natĂŒrlichen TodesfĂ€llen zu unterscheiden. So zeigen sich in LĂ€ndern mit den höchsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn höhere Suizidraten als in LĂ€ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in LĂ€ndern, in denen Autopsieraten zurĂŒckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken ĂŒberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den IndustrielĂ€ndern betrĂ€gt das GeschlechterverhĂ€ltnis bezĂŒglich des Suizids etwa zwei bis vier (MĂ€nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische LĂ€nder zeigen ein kleineres VerhĂ€ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als MĂ€nner durch Suizid.

Risikofaktoren fĂŒr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • mĂ€nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 MĂ€nnern, 5,2 bei Frauen)
  • frĂŒhere Selbstverletzungen
  • HomosexualitĂ€t
  • psychiatrische Störungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • MilitĂ€rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben Änderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit höherem Suizidrisiko verknĂŒpft, das Risiko ist jedoch grĂ¶ĂŸer, wenn der niedrigere Spiegel ĂŒber DiĂ€ten anstatt ĂŒber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herrĂŒhren könnte, dass DiĂ€t haltende Menschen ein höheres Risiko fĂŒr psychische Probleme hĂ€tten. Bislang jedoch lĂ€gen hierfĂŒr keine bekrĂ€ftigenden Hinweise vor. FamiliĂ€re Vorgeschichten mit Selbsttötungen verdoppeln zumindest das Risiko fĂŒr MĂ€dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar dĂŒrftig ist, sind ein hohes Maß an aggressiven Verhaltensweisen wie auch ImpulsivitĂ€t mit einem erhöhten Suizidrisiko verknĂŒpft. Suizidraten nehmen ĂŒber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf mĂŒtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter NichtbeschĂ€ftigten höher als bei BerufstĂ€tigen. Höhere Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verknĂŒpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den BerufstĂ€tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erhöhtes Risiko: praktische Ärzte haben in den meisten LĂ€ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch Ärztinnen generell das höchste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den Ärzten gelten AnĂ€sthesisten als besonders gefĂ€hrdet, denn fĂŒr viele Suizide werden betĂ€ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere ZahnĂ€rzte, Apotheker, TierĂ€rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

SexualitÀt, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten LĂ€ndern unter den Ă€lteren Menschen am höchsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der jĂŒngeren Bevölkerung gestiegen, insbesondere bei MĂ€nnern. Suizide werden am hĂ€ufigsten im FrĂŒhling verĂŒbt, auch da besonders unter MĂ€nnern. Im FrĂŒhling oder FrĂŒhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erhöhtes Suizidrisiko. Amerikaner europĂ€ischer Herkunft haben höhere Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls höhere Suizidraten, möglicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und stĂ€rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal höher als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der SexualitĂ€t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen MĂ€nner eher gewalttĂ€tige Mittel der Selbsttötung (zum Beispiel durch HĂ€ngen oder Erschießen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die ErklĂ€rung fĂŒr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen MĂ€nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich hĂ€ufig erfolgen. Verschiedene Bevölkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in SĂŒdasien verbrennen sich Frauen ĂŒblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden könnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat fĂŒhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am höchsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den lĂ€ndlichen Gebieten vieler EntwicklungslĂ€nder ist das Verschlucken von Pestiziden die hĂ€ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte VerfĂŒgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind FrĂŒhwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

KomorbiditÀten und ZusammenhÀnge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbsttötungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst töten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer Störung litten. Depressionen erhöhen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose hĂ€ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt ĂŒberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische UnterstĂŒtzung. Das heißt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine adĂ€quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbsttötung bei Depressionskranken beinhalten frĂŒhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer Störung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am höchsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-HyperaktivitĂ€tsstörung (ADHS) und körperdysmorphe Störung (KDS) erhöhen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erklĂ€rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergrĂ¶ĂŸernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. Überraschenderweise weisen Menschen mit erhöhtem Body-Mass-Index BMI ein zwar stĂ€rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent RĂŒckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter KörperoberflĂ€che beim BMI). Die GrĂŒnde hierfĂŒr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen körperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch ĂŒber die Kindheit hinweg, die gesamte Bevölkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, möglicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erhöhtem Risiko, und SuizidhĂ€ufungen können in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren fĂŒgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die ĂŒber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bevölkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen können.”

JĂŒngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, daß Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren können. Dazu konnten Sie hier im Blog schon frĂŒher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich höher als bei Älteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen dafĂŒr liegen hĂ€ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im frĂŒhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe PlastizitĂ€t auf und ist durch Ă€ußere EinflĂŒsse sehr verĂ€nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, VernachlĂ€ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren fĂŒr spĂ€tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzufĂŒgen. Das AusdrĂŒcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstmörder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund fĂŒr die immer frĂŒher auftretenden Depressionen nennen Experten die frĂŒhere PubertĂ€t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es fĂŒr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu ĂŒberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu können, wĂ€re ein schwierig zu erfĂŒllender, da eine große Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tatsĂ€chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien könnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bevölkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbsttötungsgedanken und –plĂ€nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschlĂ€gige Ausbildung und Vorgangsweise von Ärzten wichtig: Studien aus den nordeuropĂ€ischen LĂ€ndern belegen einen RĂŒckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen AllgemeinĂ€rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In FĂ€llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Maßnahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und Überwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Außerdem mĂŒssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verknĂŒpften psychiatrischen Störung eingeleitet werden.

Auch eine VerĂ€nderung des allgemeinen Zugangs zu gefĂ€hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die EinfĂŒhrung von Sicherheitsgittern auf BrĂŒcken und verstĂ€rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den lĂ€ndlichen Gebieten der EntwicklungslĂ€nder können die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, könnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, daß Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden wĂŒrden, ihr Ziel umzusetzen, mag ĂŒberrascht sein, daß z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbsttötungen drastisch zurĂŒckgingen, wĂ€hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit höchste Suizidrate und konnte diese durch PrĂ€ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen RatschlĂ€ge und Hinweise fĂŒr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung SĂŒdkoreas (das jĂŒngst den weltweit stĂ€rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mußte, siehe oben) zur PrĂ€vention u.a. auch Internet-Sperren einfĂŒhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen ĂŒber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage dafĂŒr geschaffen werden, dass die Polizei die persönlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen ĂŒber Selbstmord gelöscht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den EntwicklungslĂ€ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den IndustrielĂ€ndern erfolgt, die höchste Suizidrate jedoch in den EntwicklungslĂ€ndern zu finden ist. Auch wird von einschlĂ€gig Forschenden auch eine jĂŒngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten lĂ€sst, dass das Risiko fĂŒr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit Störungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angehörige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht plötzlich zurĂŒckzieht, gedrĂŒckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “PrĂ€suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen darĂŒber zu sprechen. Dennoch sind die Möglichkeiten der Angehörigen hĂ€ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von außen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich ĂŒberfordert fĂŒhlt oder das GefĂŒhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu können.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen FĂ€llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erhĂ€rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische Störungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen Störungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben fĂŒhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben können. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen können mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausfĂŒhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfaßt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
PrĂ€suizidales Syndrom – erkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-Überlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-EintrÀge zum Thema Suizid

Aug 05

“Was kann ich schon tun, es liegt in meinen Genen!” Diesen Stehsatz hört man hĂ€ufig, wenn jemand von gesundheitlichen Problemen spricht. Und tatsĂ€chlich existieren nur wenige Krankheiten, zu denen nicht mindestens eine Studie versuchte, “genetische Ursachen” ausfindig zu machen – auch bei psychischen Problemen. Doch bemerkenswerterweise können selbst 150 Jahre, nachdem Gregor Mendel (der “Vater der Genetik”) seine Regeln der Vererbung beschrieb, Krankheitsgeisseln der Menschheit wie Krebs, SĂŒchte, Diabetes oder Gewalt immer noch nicht auf genetischem Wege beseitigt werden. Das soll nun nicht heißen, dass die Genetik kein wichtiges Potential hĂ€tte – aber offenbar ist es zum heutigen Zeitpunkt immer noch klug, sĂ€mtliche nicht-genetischen Einflussfaktoren fĂŒr unsere Krankheiten und Störungen auch weiterhin zu berĂŒcksichtigen.

Einer der haarstrĂ€ubendsten Aspekte der Theorie, dass unser gesamtes Leben genetisch “programmiert” ist, besteht darin, dass diese Sichtweise uns komplett von unserer Umwelt abkoppelt. Da unser Schicksal ohnehin unabĂ€nderlich sei, könnten wir uns demnach eigentlich den Versuch sparen, persönliche oder gesellschaftliche Energien in die Verbesserung unserer Lebenssituation oder Gesundheit zu stecken. TatsĂ€chlich jedoch ist nur ein sehr kleine Gruppe sehr seltener Krankheiten wirklich rein genetisch verursacht. FĂŒr komplexe Störungen wie ADHS, Schizophrenie, eine Neigung zu Gewalt oder AbhĂ€ngigkeit mag es zwar genetische Veranlagungen geben, dies ist aber nicht das gleiche wie eine Vorbestimmung. Gene scheinen uns vielmehr unterschiedliche Möglichkeiten zu geben, auf unsere Umwelt zu reagieren. So wirken EinflĂŒsse in unserer Kindheit und die Art unserer Erziehung ganz entscheidend auf die Art, in der sich unsere genetische Neigung spĂ€ter entwickelt. Wie Untersuchungen zeigen, können diese EinflĂŒsse sogar verschiedene Gene “ein- oder ausschalten”, um uns optimal auf die Anforderungen unserer Umwelt einzustellen.

Eine in Montral durchgefĂŒhrte Studie beispielsweise, die die Gehirne von Suizidopfern untersuchte, fand heraus, dass ein wĂ€hrend der Kindheit stattgefundener Missbrauch offenbar gewisse Gehirngene verĂ€nderte, was bei anderen Menschen nicht. feststellbar war. Derartiges wird als “epigenetischer Effekt” bezeichnet: ein Umwelteinfluss, der bestimmte Gene aktivieren oder deaktivieren kann.

So könnte man in einer Variation zu Shakespeare’s Zitat vielleicht sagen: “Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Wissenschaft auszumalen vermag.” Und es gibt mehr Möglichkeiten, unser Leben zielfĂŒhrend zu verĂ€ndern, als wir es uns vorstellen mögen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:psychcentral.com)

May 03

Arzneimittel ĂŒber das Internet zu bestellen, ist heute einfach, und selbst die meisten Apotheken verkaufen in Asien ohne jegliche RĂŒckfrage Medikamente, die im Westen verschreibungspflichtig wĂ€ren. Besonders beliebt in den Online-Katalogen: Amphetamine, Potenzmittel und Antidepressiva. Doch die “Selbstmedikation” ist gefĂ€hrlich: speziell von Amphetaminen wie Ritalin (Methylphenidat), die leistungssteigernd und konzentrationsfördernd wirken, werden unter dem steigenden Druck der Leistungsgesellschaft immer mehr Menschen abhĂ€ngig und mĂŒssen sich Monate oder Jahre spĂ€ter an spezialisierte Kliniken oder Psychotherapeuten wenden. Einer Studie amerikanischer KinderĂ€rzte zufolge stieg in den letzten acht Jahren die Anzahl der “dopenden” Studierenden um 75 Prozent an. HĂ€ufig werden die Medikamente zudem falsch eingesetzt, da die Ursache etwa der Konzentrationsstörungen oder Erektionsprobleme ganz woanders liegen als dort, wo das Medikament ansetzt. Erektile Dysfunktion etwa hat bei MĂ€nnern unter 55 Jahren zumeist rein psychische Ursachen. Durch Gewöhnungseffekte kommt es dann bei der gewohnheitsmĂ€ĂŸigen Einnahme schließlich hĂ€ufig zu Überdosierungen und einer erhöhten AnfĂ€lligkeit fĂŒr krankmachende Nebeneffekte. Irgendwann behandeln die Nutzer nur noch das Entzugssyndrom (bei Potenzmitteln ist das hĂ€ufig die Unsicherheit, Sex ohne das Medikament auszuĂŒben) – sie verspĂŒren keine deutliche Wirkung mehr, können das Medikament aber auch nicht absetzen und geraten damit in einen Teufelskreis. Erschwerend kommt die oftmalige MehrfachabhĂ€ngigkeit dazu: etwa die Einnahme von Amphetaminen wĂ€hrend des Tags, und dann am Abend die Einnahme von Alkohol und/oder Tranquilizern bzw. Schlafmitteln.

Zeichen beginnender psychischer AbhĂ€ngigkeit von Arzneimitteln können GefĂŒhle von Unsicherheit oder Angst sein, wenn auf die Einnahme verzichtet wird, oder wenn im Laufe der Zeit die Dosis gesteigert wird, die Wirkung des Medikaments jedoch gleich bleibt oder sogar geringer wird oder ganz ausbleibt. Ebenso ein Alarmsignal ist, wenn dem Organismus ohne Ă€rztliche Diagnose und Verschreibung im Laufe der Jahre immer mehr Substanzen zugefĂŒhrt werden (hierzu gehören auch Nahrungssubstitutionsmittel, Injektionen mit Hormonen, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Nasentropfen usw.). Zumeist wird MedikamentenabhĂ€ngigkeit erst sehr spĂ€t eingestanden, wenn bereits Erkrankungen der Organe vorliegen oder UnfĂ€lle (z.B. durch Konzentrationsmangel) auftreten. FĂŒr den psychischen Entzug ist eine Kombination von Psychotherapie und Selbsthilfegruppen sehr effektiv, immer ist aber eine Ă€rztliche AbklĂ€rung auf etwaige körperliche SchĂ€den dringend anzuraten.

In Österreich sind nach Angaben des API-Instituts ca. 350.000 Menschen alkoholkrank, ca. 130.000 sind von Medikamenten, knapp 30.000 von illegalen Drogen abhĂ€ngig.
In den USA wird einer Untersuchung der University Michigan von 2010 zufolge bei fast einer Million Kindern fĂ€lschlicherweise das Aufmerksamkeitsdefizit-HyperaktivitĂ€tsyndroms (ADHS) diagnostiziert. Davon betroffen sind vor allem die jĂŒngeren Kinder einer Jahrgangsstufe in Kindergarten oder Schule.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:vth.biz)

Jan 16

Dass gerade bei Psychopharmaka oder anderen psychoaktiven Medikamenten auch viele negative Auswirkungen auf das Verhalten zu vermuten sind, liegt auf der Hand. Dass ihre Einnahme Aggressionen auslösen kann, ist etwa bei Antidepressiva wie Prozac oder Ritalin bekannt. Systematisch untersucht auf ihre Auswirkung auf Gewalt wurden Medikamente und Medikamentengruppen aber noch nicht

Nun haben US-Wissenschaftler vom Institute for Safe Medication Practices in einer Studie, die im Open Access Journal PLoS One erschienen ist, Daten der fĂŒr Medikamente zustĂ€ndigen Behörde FDA ausgewertet und bei 31 Medikamenten von insgesamt 484 untersuchten Medikamenten festgestellt, dass sie ungewöhnlich oft mit Berichten von Gewalt gegen andere verbunden sind. Das bedeutet zwar nicht, dass diese Medikamente direkt Gewalt verursachen, es könnte jedoch einen Zusammenhang geben.

31 der in einem Zeitraum von 69 Monaten insgesamt 464 evaluierten Medikamente waren mit 79 Prozent der GewaltfĂ€lle verbunden, darunter 11 Antidepressiva, 3 Medikamente zur Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit/HyperaktivitĂ€ts-Syndroms (ADHS/ADHD), 5 Beruhigungsmittel und Vareniclin, das als Nikotinentwöhnungsmittel dient. Dessen Wirkstoff wird unter dem Namen Champix vertrieben, zahlreiche Nebenwirkungen sind bekannt, darunter auch SuizidalitĂ€t und AggressivitĂ€t, die FDA hat deshalb fĂŒr diese Substanz einen Warnhinweis veröffentlicht. Vareniclin ist auch nach dieser Studie höchst bedenklich und steht an der Spitze. Ein FĂŒnftel der Berichte ĂŒber Gewalt ist mit diesem Wirkstoff verbunden, damit ist die Neigung zur Gewalt um das 18-Fache höher als bei den anderen Medikamenten. Bupropion (in Deutschland gehandelt als Elontril), bei dem es eine geringe Verbindung zur Gewalt gibt, wird zwar auch zur Raucherentwöhnung eingesetzt, ist aber vor allem ein Antidepressivum.

Verbindungen zur Gewalt gibt es bei allen Antidepressiva, allen voran bei Fluoxetin (Prozac) mit einer mehr als zehnmal so hohen Wahrscheinlichkeit, an dritter Stelle liegt Paroxetin. Bei allen Antidepressiva ist eine Verbindung zur Gewalt 8,4-fach wahrscheinlicher als bei allen anderen psychoaktiven Medikamenten. Eine hohe Wahrscheinlichkeit liegt auch bei Amphetaminen wie Atomexitin (Strattera) und Methylphenidat (Ritalin) vor, die zur Behandlung von ADHD verwendet werden und ein 9- bzw. 3,4-fach höheres Risiko der Verbindung zur Gewalt aufweisen. Von den psychoaktiven Medikamenten wÀren noch die Schlafmittel Triazolam (Halcion) mit einem 8,7-fach und Zolpidem mit einem 6,7-fach erhöhten Risiko zu nennen. Unter den nicht-psychoaktiven Medikamenten fiel Mefloquin (Lariam), das zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria dient, mit einem 9,5-fachen Risiko auf.

(Quelle mit weiteren Linkverweisen zu Studien, Tabellen etc.: “Medikamente und Gewalt” in telepolis 12.01.2011; Image src:patientsrights.org.nz)

Sep 26

Sie haben eigentlich viel Zeit, können aber die wichtigsten Dinge nicht zu Ende fĂŒhren? Sie sind mit vielerlei kleinen Erledigungen beschĂ€ftigt, aber viel zu hĂ€ufig verschieben Sie das wirklich Wichtige?

Dann könnte es sein, dass Sie eine jener vielen Personen sind, die unter sogenannter Prokrastination leiden. Prokrastination wirkt hĂ€ufig wie Selbstsabotage, da man dadurch mitunter wichtige GeschĂ€ftschancen versĂ€umt, Freunde und Bekannte durch hĂ€ufiges ZuspĂ€tkommen verĂ€rgert, oder es werden gar wichtige Schritte zum Abschluss von Ausbildungs- oder beruflichen Zielen verabsĂ€umt. Dieses Verhalten fĂŒhrt deshalb hĂ€ufig zu SchuldgefĂŒhlen, Stress und einem Verlust von SelbstwertgefĂŒhl, was die Prokrastination noch weiter verstĂ€rken kann. Sogenannte „Messies“ zeigen ebenfalls hĂ€ufig Symptome von Prokrastination.

Ein anderer Grund fĂŒr die Schwierigkeit, Dinge zu Ende zu fĂŒhren, kann aber auch in jugendlicher oder Erwachsenen-ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / HyperaktivitĂ€tsstörung) bestehen. Wird diese nicht behandelt, wirkt man hĂ€ufig desorganisiert oder chaotisch, viele neigen zum Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, um im Alltag ĂŒber die Runden zu kommen. Über ADHS bei Kindern und Jugendlichen finden sich heute viele Medienberichte, doch auch zahlreiche Erwachsene leiden darunter, wenn auch mit leicht unterschiedlichen Symptomen.

Wie aber kann man diese Probleme in den Griff bekommen? Meine Beobachtung ist, dass viele Betroffene dutzendweise Ratgeberliteratur mit verheißungsvollen Titeln wie „Mit Methode XY jedes Ziel erreichen!“ in ihren BĂŒcherregalen sammeln, von denen jedes ĂŒblicherweise mindestens ein Dutzend an Tipps bereithĂ€lt – doch im Endeffekt verstĂ€rkt diese Art von Literatur das VersagensgefĂŒhl sogar noch weiter. Wenn Sie an die Wurzel des Problems kommen möchten, lassen Sie sich zunĂ€chst durch einen Psychiater, Psychotherapeuten oder Psychologen auf ADHS hin untersuchen. ADHS kann in schwereren FĂ€llen medikamentöse UnterstĂŒtzung erfordern, bei dem Psychotherapie stabilisierend und ressourcenverstĂ€rkend wirkt, speziell Prokrastination aber ist ein Problem, das sowohl mit therapeutischer UnterstĂŒtzung, aber auch mit regelmĂ€ĂŸig eingehaltenen Coaching- oder Beratungssitzungen in ĂŒberschaubarer Zeit gut bewĂ€ltigt werden kann.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:psychologytoday.com)

Jun 03

Kinder und Jugendliche waren gemĂ€ĂŸ einer Studie der US Pharmaproduktions- und Gesundheitsmanagement-Firmengruppe MedCo Health Solutions die in den USA am stĂ€rksten wachsende Medikamenten-Konsumentengruppe – sie nahmen 4x so viel verschreibungspflichtige Arzneimittel wie der Rest der Bevölkerung ein. Jedes 4. Kind unter 10 Jahren erhielt Mittel gegen chronische Beschwerden, und bei den 10-19 JĂ€hrigen stieg dieser Anteil sogar auf 30 %.

Zwei Medikamentengruppen verzeichneten wĂ€hrend der letzten Jahre den grĂ¶ĂŸten Anstieg – Medikamente, die man normalerweise eigentlich nicht mit Heranwachsenden in Verbindung bringt: Antidiabetika und Neuroleptika (Antipsychotika). So stieg seit 2001 die Anzahl der 10-19 jĂ€hrigen Jugendlichen, die cholesterinsenkende Arzneimittel einnahmen, um unglaubliche 50%. Die Gruppe der Neuroleptika wird aber in den USA keineswegs nur gegen Psychosen wie z.B. Schizophrenie, sondern zunehmend auch bei AngstzustĂ€nden und Depressionen eingesetzt. Der Gebrauch dieser Arzneimittel-Gruppe hat sich in den USA seit 2001 deshalb verdoppelt, wĂ€hrend der von Antidepressiva seit 2004 um ĂŒber 20% abnahm – etwa zur gleichen Zeit hatte die Arzneimittelbehörde FDA eine Warnung veröffentlicht, dass einige Antidepressiva Selbstmordgedanken bei Jugendlichen verstĂ€rken können. Seither setzen die behandelnden Ärzte eher Neuroleptika ein. Doch ironischerweise vergrĂ¶ĂŸert der Konsum dieser Neuroleptika wiederum die Chance auf das Entstehen einer Typ 2 Diabetes.

Auch die oft kritisierte Vergabe von Medikamenten gegen ADHS ist weiterhin im Anstieg begriffen (2009: 9,1%) und hat sich – wohl aufgrund der Sensibilisierung bezĂŒglich des vielpublizierten “ADHS bei Erwachsenen” – auf die Gruppe der 20-34 JĂ€hrigen ausgeweitet. Dort stiegen die Verschreibungszahlen um ĂŒber 21% an.

Medco analysierte fĂŒr den Report seine 200 Top-Kunden, die ĂŒber 40 Millionen Menschen reprĂ€sentieren. Die Firma sieht eine blĂŒhende Zukunft fĂŒr Pharma-Hersteller: bis 2012 sollen die Ausgaben fĂŒr Arzneimittel um weitere 18% steigen.

Kommentar R.L.Fellner:
Der schon in einer US-Studie vom November letzten Jahres festgestellte Trend in der Sozial- und Gesundheitspolitik wird damit ein weiteres Mal bestĂ€tigt: er fĂŒhrt offenbar weg von AnsĂ€tzen, die Ursachen psychischer, sozialer und körperlicher Probleme und Erkrankungen mit all den uns heute zur VerfĂŒgung stehenden wirksamen Methoden (‘ganzheitlich’) zu behandeln und ihnen damit letztlich -hoffentlich- dauerhaft Herr zu werden, sondern der Mensch soll primĂ€r mit einer auf ihn abgestimmten Palette von parmakologischen Produkten versorgt werden, deren diverse Nebenwirkungen dann im (fĂŒr den Betroffenen..) ungĂŒnstigsten Fall wiederum weitere Arzneimittel nötig machen. Und wer sich von Kindern und Jugendlichen heute zu sehr herausgefordert oder provoziert fĂŒhlt, findet entweder einen Arzt, der nach ein paar Minuten Konsultation ADS / AHDS diagnostiziert und dazu auch gleich das passende Rezept ausstellt, oder eine Behörde, die (tĂ€gliche RealitĂ€t im heutigen England) eine sog. “ASBO” verfasst – mit den damit verbundenen “sozialen” Anpassungsmaßnahmen. Die vielgepriesene “freie Gesellschaft” des Westens scheint zu immer grĂ¶ĂŸeren Teilen in ein potemkinsches Dorf – abgelenkt durch glitzernde Konsumprodukte und “mind- & behavior- optimiert” durch immer neue Produkte der Pharmaindustrie – umgesiedelt zu werden.

(Quelle: Kids’ Consumption of Chronic Medications on the Rise (May 19, 2010), tp; Image src:healthpsych.psy.vanderbilt.edu)

Apr 30

Wissenschaftler der University of Nottingham wiesen in Experimenten nach, dass die Gehirne von Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit / HyperaktivitĂ€ts-Syndrom (ADS / ADHS) auf sofortige Belohnung auf Ă€hnliche Weise reagieren wie auf Medikamente. Bei Kindern, die ein Computerspiel spielten, bei welchem fĂŒr jedes weniger impulsive Verhalten zusĂ€tzliche Punkte vergeben wurden, wurden die GehirnaktivitĂ€t gemessen. Demnach könnte es möglich sein, die Dosis von ĂŒblichen Medikamenten wie Ritalin auch in schweren FĂ€llen deutlich zu reduzieren – dies funktioniert aber nur dann, wenn unmittelbar auf erwĂŒnschtes Verhalten Lob erfolgt. Die Reaktion auf das Lob war nicht ganz, aber nahezu gleich – und wirkte auch in den gleichen Hirnarealen – wie die Gabe von Ritalin.

Der Studienleiter Chris Hollis erklĂ€rte im Fachjournal “Biological Psychiatry”, dass eine Kombination von Medikamenten und Belohnungen die besten Ergebnisse erzielte. Das weise auch darauf hin, dass Kinder mit geringeren Mengen des Medikaments ihr Verhalten kontrollieren könnten.

(Quelle: Effects of Motivation and Medication on Electrophysiological Markers of Response Inhibition in Children with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder, 06.04.2010; Photo:Corbis)

Mar 17

Nach einer US-Studie könnte es einen Zusammenhang zwischen ADHD-Medikamenten und Herzstillstand bei Kindern und Jugendlichen geben, wie die US-Lebensmittel- und Medikamentenbehörde FDA in einem Hinweis gewarnt hat. Stimulierende Mittel wie Ritalin, die zur Behandlung der Aufmerksamkeitsstörung ADHD gegeben werden, könnten demnach auch bei ansonsten gesunden Kindern und Jugendlichen zu einem plötzlichen unerklĂ€rten Tod durch Herzstillstand fĂŒhren.

Die Aussagekraft der Studie, die vom American Journal of Psychiatry veröffentlicht wurde, ist allerdings hinterfragbar, worauf die FDA auch hinweist und erklĂ€rt, dass die Warnung nicht bedeuten soll, dass Eltern die Medikation bei ihren Kindern einstellen sollen. Die behandelten Ärzte werden jedoch aufgefordert, den Therapieplan erst nach einer genauen Anamnese fĂŒr Herzkreislauferkrankungen der Kinder und ihrer Familien zu erstellen.

Allein in den USA werden 2,5 Millionen Kindern mit Medikamenten wie Ritalin, Dexedrin, Modafinil oder Adderall behandelt, die auf diesen Wirkstoffen basieren. Bekannt ist, dass Ritalin und andere dieser Medikamente zu Herzkreislaufstörungen fĂŒhren und den Blutdruck erhöhen können, bei Hochdruck, Herzfehlern und ĂŒberhaupt Herzkreislauferkrankungen sollen sie nicht gegeben werden. Es gab auch immer wieder Berichte ĂŒber plötzliche Tode bei Kindern, die mit den Medikamenten behandelt wurden. Die FDA fordert weitere Studien, um mehr Aussagekraft hinsichtlich der kausalen ZusammenhĂ€nge zu erreichen.

(Quellen: [1], [2], [3])

Mar 14

VerhaltensauffĂ€llige Kinder leiden als Erwachsene doppelt so wahrscheinlich an chronischen Schmerzen wie ihre Altersgenossen, wie eine Langzeitstudie der University of Aberdeen ergab, die kĂŒrzlich im Fachmagazin Rheumatology veröffentlicht wurde.

Mehr als 19.000 Kinder, die 1958 geboren wurden und grĂ¶ĂŸtenteils aus England stammen, wurden fĂŒr die Studie beobachtet – bis zum Alter von 16 Jahren beurteilten Lehrer die SchĂŒler im Hinblick auf mögliche Signale fĂŒr Schwierigkeiten wie Probleme beim Finden von Freunden, Ungehorsam, Daumenlutschen, NĂ€gelbeißen, LĂŒgen, das Schikanieren anderer und SchuleschwĂ€nzen. Im Alter von 42 Jahren fĂŒllten die Teilnehmer einen Fragebogen zu psychologischen Problemen aus. Mit 45 Jahren folgte ein weiterer ĂŒber Schmerzen. In der Folge zeigte sich, dass Kinder mit schweren Verhaltensstörungen ein doppelt so hohes Risiko aufwiesen, an chronischen Ganzkörperschmerzen zu leiden, sowie fĂŒr psychiatrische Probleme wie Depressionen, AngstgefĂŒhle und Drogenmissbrauch.

Die Wissenschafter vermuten die Ursache in einer hormonellen Funktionsstörung, und schlagen vor “bereits in einem frĂŒheren Lebensalter einzugreifen”, um so spĂ€tere Probleme zu verhindern. Vorgeschlagen werden – angesichts der Finanzierungsströme des derzeitigen Wissenschaftsbetriebes nicht ganz ĂŒberraschend – natĂŒrlich primĂ€r pharmakologische Behandlungen, immerhin erklĂ€rte Gary Macfarlane, einer der Mitautoren der Studie, aber, dass VerĂ€nderungen des Lebensstils sowie des sozialen Umfeldes ebenfalls helfen könnten, dieses Muster zu verĂ€ndern. Dazu gehörten Sport aber auch das Achten auf Signale psychologischer Notlagen und VerhaltensauffĂ€lligkeiten in der Kindheit.

(Quelle: Influence of childhood behaviour on the reporting of chronic widespread pain in adulthood: results from the 1958 British Birth Cohort Study)

ï»ż01.09.19