Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth√§lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst√∂rungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie√ülich psychischer und Verhaltensst√∂rungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf√ľgen aber nicht nur √ľber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf√§higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f√ľr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f√ľr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw√ľrfe zur Ver√∂ffentlichung freigegeben, die endg√ľltigen Fassungen werden dann f√ľr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl√§ge f√ľr den neuen DSM-V ver√∂ffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m√ľssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal √ľberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was √ľber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f√ľr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V√§ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da√ü die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T√ľren stattfinden, selbst ihm habe man einschl√§gige Ausk√ľnfte verwehrt. Sein Nachfolger f√ľr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au√üerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl√ľgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit√§t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro√üe Bedeutung solcher Diagnosem√∂glichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h√§tten sich diese Erwartungen aber nicht erf√ľllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl√§ssig feststellen lie√üen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers√∂nlichkeitsz√ľge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche √Ąnderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit√§t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f√ľnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr√§gt sind. Solcherart soll dem h√§ufigen Umstand besser gerecht werden, da√ü viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St√∂rung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k√∂nnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest√∂rt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k√∂nnte auch dazu f√ľhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f√ľr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f√ľr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den √Ąrzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l√∂st aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar√ľber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef√ľhrt, die ebenfalls f√ľr Diskussionsstoff sorgen d√ľrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr√ľhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k√∂nne zu einer verfr√ľhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn√∂tigen Stigmatisierung f√ľhren, Bef√ľrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr√ľher helfen zu k√∂nenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit√§tsst√∂rung) ist f√ľr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W√ľnschen Transsexueller d√ľrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit√§tsst√∂rung) geben.

Statt der bisher zw√∂lf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f√ľnf Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen geben, n√§mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St√∂rung. Damit w√ľrde auch das fr√ľher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f√ľr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef√ľhlsregulationsst√∂rung mit schlechter Stimmung” zu √ľbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef√ľhlsausbr√ľche und negativer Stimmungszust√§nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k√ľnftig von den “St√∂rungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w√ľrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f√ľr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver√§nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh√§ngigkeit wurde vollst√§ndig durch diejenige von St√∂rungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst√∂rung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh√§ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh√§ngigkeit, sondern von substanzbezogenen St√∂rungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst√∂rungen f√§llt. Ein Pendant f√ľr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m√∂chte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen√ľgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f√ľr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k√∂nnte alternative L√∂sungsm√∂glichkeiten ins Abseits dr√§ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst√∂rungen d√ľrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R√§tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel√∂st werden.” (tp)

(Quellen und Ausz√ľge aus: tp, Science 02/2010)

Feb 12

Immer mehr Senioren leiden an psychischen Erkrankungen. In einem Interview mit der √∂sterr. Tageszeitung “Der Standard” erkl√§rte der Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD) Wiens, G. Psota: “Wir haben eine wachsende Problematik mit den ‘drei Ds’ – Demenz, Delirium und Depression. Davon sind 35 bis 45 Prozent der √ľber 80-J√§hrigen betroffen”.

Immer noch w√ľrden psychisch Kranke oft diskriminiert und stigmatisiert. Doch psychische Leiden spielen sich mitten in der Gesellschaft ab: Ein Prozent der √Ėsterreicher leiden an Schizophrenie, 870.000 haben ein Alkoholproblem, fast 110.000 Menschen sind dement, 400.000 depressiv. Psota: “Psychische Erkrankungen sind eine Herausforderung an Alle.”, eine Organisation allein k√∂nne l√§ngst nicht mehr eine Vollversorgung gew√§hrleisten. Vielmehr m√ľsste das Wissen √ľber eine ad√§quate Betreuung der Betroffenen sich in alle relevanten Bereiche erstrecken, wozu neben den Angeh√∂rigen und √Ąrzten der verschiedenen Fachrichtungen auch die sozialen Dienste ebenso wie beispielsweise auch die Exekutive geh√∂rten. Wichtig sei auch die ambulante Versorgung durch Psychiatrie und Psychotherapie.

Psota: “Wir haben mittlerweile sehr verschiedene Gruppen von Patienten, die wir betreuen und behandeln. Da sind erstens jene alt gewordenen psychisch Kranken, die durch die Wiener Psychiatriereform aus den Anstalten heraus kamen. Die sind mittlerweile √§lter als 60 Jahre. Sie sind durch langfristige Behandlung und in geeigneten Rahmenbedingungen oft einigerma√üen stabil, man muss sich bei ihrer Betreuung aber zunehmend auch um die k√∂rperlichen Aspekte k√ľmmern, weil die Menschen eben √§lter werden.”

Die zweite Gruppe seien “relativ junge Personen, die Psychosen entwickelt haben, schwere (oft bipolare) Depressionen oder andere psychiatrische Erkrankungen wie beispielsweise das Borderline Syndrom haben und Behandlung f√ľr viele Jahre brauchen. Aber auch Patientinnen und Patienten mit mittelgradigen Depressionen und Angstst√∂rungen, die kurz bis mittelfristig eine psychiatrische Betreuung ben√∂tigen, bis sie von niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern betreut werden k√∂nnen.”

(Quellen f. Teile des Textes u. Bild): Der Standard, 11.02.2010)

Nov 07

Cannabis Abh√§ngigkeitDer Drogenbeauftragte der britischen Regierung, Professor David Nutt, kritisiert die im letzten Jahr von der damaligen Innenministerin Jacqui Smith getroffene Entscheidung, Cannabis nach dem Drogenmissbrauchsgesetz von 1971 in die Drogenklasse B einzuordnen. Cannabis sei wie auch Ecstasy oder LSD weniger gef√§hrlich als Alkohol und Zigaretten. Ecstasy und LSD geh√∂ren in England zur Drogenklasse A, in die auch Heroin, Kokain, Crack, halluzinogene Pilze, Metylamphetamin und zu injizierende Amphetamine eingeordnet werden. F√ľr den Handel ist die H√∂chststrafe lebensl√§nglich Gef√§ngnis.

Nutt schreibt in einem Paper als Grundlage eines Vortrags im Centre for Crime and Justice Studies am King’s College, dass es nicht wirklich nachvollziehbar ist, warum die einen Drogen verboten sind und andere, sehr gef√§hrliche Drogen wie Alkohol oder Zigaretten nicht unter das Drogengesetz fallen, sondern nur wie Lebensmittel und mit einer Altersgrenze reguliert und weigehend unreguliert vertrieben werden w√ľrden. Die Unterscheidung etwa zwischen Alkohol oder Nikotin von anderen Drogen, die verboten sind, sei “k√ľnstlich”.

Da das Risiko gering sei, dass durch den Konsum eine Psychose ausgel√∂st wird, und auch sonst sch√§dliche Folgen eher gering sind, pl√§diert er f√ľr die Beibehaltung der Einstufung in die Klasse C. Cannabisraucher h√§tten ein 2,6 Mal so gro√ües Risiko, eine Psychose zu entwickeln wie Nichtraucher. Das aber m√ľsse man etwa im Verh√§ltnis zu Zigarettenrauchern sehen, die ein 20 Mal gr√∂√üeres Risiko haben, an Lungenkrebs zu erkranken.

Man m√ľsse alle Drogen nach ihrer Gef√§hrlichkeit einstufen. Dann k√§me Alkohol an f√ľnfter Stelle nach Kokain, Heroin, Barbituraten und Methadon und m√ľsste in die B-Klasse eingestuft werden. Tabak k√§me an neunter Stelle ‚Äď auch in Klasse B – nach Ketaminen, Benzodiazepine und Amphetaminen. Cannabis bliebe in C an 11. Stelle, vor LSD und Ecstasy. Man m√ľsse offen dar√ľber diskutieren, meint Nutt, welchen Zweck Drogengesetze haben sollen und ob die bestehenden ihrem Zweck dienen.

Doch die Diskussion wird von unerwarter Seite sogar noch um eine ganze Palette weiterer, s√ľchtigmachender Substanzen erweitert: Neurowissenschaftlern vom Scripps Institute (Florida) zufolge macht auch Junk Food – also Chips, Hamburger, W√ľrstchen oder Kuchen, also alles, was viel Salz, Zucker oder Fett enth√§lt – k√∂rperlich abh√§ngig. Und sie ziehen den Vergleich von Junk Food mit Heroin: wenn man sich vor allem von Junk Food ern√§hrt, verliert man die Kontrolle, was zumindest in Versuchen an Ratten nachgewiesen werden konnte. Diese wurden in drei Gruppen aufgeteilt: eine Gruppe erhielt gesundes Fressen, die andere eine begrenzte Menge an Junk Food, und die dritte uneingeschr√§nkte Mengen an Junk Food, also an fetten, s√ľ√üen und salzigen Nahrungsmitteln.

Bei den ersten beiden Gruppen lie√ü sich nichts Negatives feststellen, aber bei den Junk-Food-Ratten konnte man beobachten, wie sie fetter und immer gieriger wurden. Die Wissenschaftler stimulierten das Lustzentrum der Ratten und fanden heraus, dass die mit Junk Food verw√∂hnten Ratten immer mehr Stimulation ben√∂tigten, um die Lust zu versp√ľren, die Ratten mit ges√ľnderer Ern√§hrung hatten. Die verw√∂hnten Ratten a√üen einfach weniger, wenn sie nicht das Richtige erhielten. Und sie fra√üen Junk Food auch dann weiter, wenn sie leichte Elektroschocks erhielten.

Werden, wenn sich diese Ergebnisse auch bei Menschen nachreproduzieren lassen, also Junk-Food-Anbieter bald mit Drogendealern und Hamburger-Hersteller mit Drogenherstellern gleichgesetzt und der Kauf, Besitz und Konsum ihrer Produkte mit Strafandrohung belegt werden?

(Vollartikel auf Telepolis [1], [2], Scripps Institute). Photos: zamnesia, dreamtime

Sep 28

“Binge Drinking” wird analog zum “Binge Eating” aus dem Bereich der Essst√∂rungen wie folgt definiert: f√ľnf oder mehr Drinks pro Anlass, mindestens einmal im vergangenen Monat.

Diese Form des Alkoholmi√übrauchs wird h√§ufig im Zusammenhang mit Teenagern und Studenten erw√§hnt, eine k√ľrzlich im American Journal for Psychiatry ver√∂ffentlichte Studie legt jedoch nahe, dass durchaus auch √§ltere Erwachsene Probleme damit haben. Aus einer ihr zugrundeliegenden Umfrage unter 11.000 Amerikanern ab 50 Jahren geht hervor, dass 23 Prozent der M√§nner und neun Prozent der Frauen solch verst√§rkten Alkoholkonsum aufwiesen. Auch bei den √ľber 65-J√§hrigen fanden sich 14 Prozent bei den M√§nnern und drei Prozent bei den Frauen.

Binge Drinking ist ein Risikofaktor f√ľr verschiedene gesundheitliche Folgeprobleme: Verletzungen, Gewalt, neurologische Sch√§den und Bluthochdruck. Indirekte Folgeprobleme sind Beziehungskrisen und Probleme im sozialen Umfeld. Die Forscher schreiben im American Journal of Psychiatry, dass Binge Drinking im fortgeschrittenen Alter noch einmal ein h√∂heres Risiko f√ľr die Gesundheit bedeutet als in jungen Jahren: so k√∂nnen sich chronische Krankheiten aufgrund des √ľberm√§√üigen Alkoholkonsums verschlechtern. Allerdings, so schreiben die Wissenschafter, hei√üe Binge Drinking meist nicht gleich Alkoholsucht, weswegen das Trinkverhalten von den Betroffenen auch oft nicht thematisiert und verdr√§ngt wird.
Ein weiteres Ergebnis der Studie: M√§nner, die Binge Drinker waren, hatten u.a. auch ein h√∂heres Risiko f√ľr illegalen Drogengebrauch. Frauen hingegen wiesen ein h√∂heres Risiko f√ľr Medikamentenmissbrauch auf.

Weiterf√ľhrende Links:
Selbsttest auf Alkoholismus / Alkoholsucht auf dieser Website
Weitere Blog-Einträge zum Thema Alkoholismus
The Epidemiology of At-Risk and Binge Drinking Among Middle-Aged and Elderly Community Adults: National Survey on Drug Use and Health in: Am J Psychiatry Published August 17, 2009; doi: 10.1176/appi.ajp.2009.09010016

Sep 25

Einer von zehn Todesf√§llen in Europa ist auf Alkoholkonsum zur√ľckzuf√ľhren. Besonders dramatisch ist die Situation demnach in Russland, wo mehr als die H√§lfte der M√§nner zwischen 15 bis 54 Jahren wegen exzessiven Alkoholkonsums in noch relativ jungem Lebensalter sterben. Durch die Massenproduktion und globale Vermarktung aber werde weltweit immer mehr Alkohol getrunken, hei√üt es im Fachjournal “Lancet”, das k√ľrzlich mehrere Studien zu dem Thema ver√∂ffentlichte.

Alkohol habe global einen √§hnlichen Effekt wie das Rauchen, erl√§uterten Forscher vom Zentrum f√ľr Suchtforschung und Mentale Gesundheit im kanadischen Toronto im Fachjournal. Sie ber√ľcksichtigten f√ľr die Analyse nicht nur typische Krankheiten wie die Leberzirrhose, sondern etwa auch von Alkohol mitverursachte Krebsarten und Verkehrsunf√§lle.

Weltweit stirbt einer von 25 Menschen an direkten oder indirekten Folgen des Trinkens, haben Wissenschafter errechnet. Die im Vergleich zu Europa geringe Sterberate liege daran, dass in vielen außereuropäischen Ländern kein oder nur sehr wenig Alkohol getrunken werde. Mehr als die Hälfte der Menschen auf der Erde lebe derzeit abstinent, vor allem in muslimischen Ländern. In wirtschaftlich aufstrebenden Ländern wie etwa Indien und China werde dagegen immer mehr getrunken, wodurch auch die damit verbundenen Probleme zunehmen.

Weiterf√ľhrende Links:
Selbsttest auf Alkoholismus / Alkoholsucht auf dieser Website
Weitere Blog-Einträge zum Thema Alkoholismus
Alcohol: A Global Health Priority in: The Lancet, Vol. 373, Issue 9682 (27 June 2009), Pages 2173-2174 (R. Beaglehole, R. Bonita)

Jul 21

Ab wann hat man nach medizinischen und psychologischem Fachverst√§ndnis eigentlich tats√§chlich ein Alkohol-Problem? Da sowohl von Klienten als auch im Diskussions-Forum meiner Website diese Frage regelm√§√üig aufkommt, hier ein kurzer Abri√ü der Kriterien, nach denen √ľblicherweise “Alkoholismus” bzw. Alkohol-Abh√§ngigkeit definiert wird.

“Alkoholismus” stellt heute eigentlich keinen genauen wissenschaftlichen Begriff mehr dar. In der Diagnostik wird je nach verwendetem diagnostischem Schema unterschieden zwischen Alkohol-Abh√§ngigkeitssyndrom, sch√§dlichem Gebrauch von Alkohol und Mi√übrauch.

Alkohol-Abh√§ngigkeit liegt nach dem internationalen Klassifikationsschema ICD-10 vor, wenn innerhalb des letzten Jahres mindestens 3 der folgenden Kriterien erf√ľllt waren:

  • starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren
  • verminderte Kontrollf√§higkeit bez√ľglich Beginn, Ende und Menge
  • Konsum mit dem Ziel, Entzugssymptome zu mildern
  • k√∂rperliche Entzugssymptome
  • Vorliegen einer Toleranz
  • eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit Alkohol
  • fortschreitende Vernachl√§ssigung anderer Interessen zugunsten A.
  • anhaltender Konsum trotz Nachweis sch√§dlicher Folgen (k√∂rperlicher, psychischer oder sozialer Art)

Alkohol-Abhängigkeit nach dem DSM IV wird in den meisten Kriterien ganz ähnlich definiert, der DSM IV hat bei uns aber weniger (diagnostische) Bedeutung.

Sch√§dlicher Gebrauch und/oder Mi√übrauch liegen vor, wenn der Alkoholkonsum zu einer Gesundheitssch√§digung (k√∂rperlich oder psychisch) f√ľhrt oder ein unangepa√ütes Konsummuster aus mindestens 1 der folgenden Kriterien besteht:

  • fortgesetzter Gebrauch trotz des Wissens um ein st√§ndiges oder wiederholtes soziales, berufliches,psychisches oder k√∂rperliches Problem, das durch den Alkoholkonsum verursacht oder verst√§rkt wird
  • wiederholter Gebrauch in Situationen, in denen der Gebrauch eine k√∂rperliche Gef√§hrdung darstellt
  • einige der Symptome bestehen seit mindestens einem Monat oder sind √ľber eine l√§ngere Zeit hinweg wiederholt aufgetreten
  • wenn die Kriterien f√ľr Abh√§ngigkeit nicht erf√ľllt sind

Sch√§dlicher Gebrauch bzw. Mi√übrauch stellen somit in der Praxis sehr h√§ufig Vorstadien der Alkohol-Abh√§ngigkeit dar. Auch relativ h√§ufig ist das Kriterium, da√ü bereits gesundheitliche (psychisch und/oder k√∂rperlich) Sch√§den vorliegen, aber noch keine oder nicht alle Kriterien f√ľr Alkohol-Abh√§ngigkeit vorliegen.
Es ist zu beachten, da√ü die Kriterien keine Aussagen hinsichtlich der Menge (z.B. einer bestimmten Promilleanzahl oder einer bestimmten Menge an Bier oder Wein) beinhalten. Theoretisch kann also auch schon Mi√übrauchs- oder sch√§dliches Gebrauchsverhalten vorliegen, wenn regelm√§√üig eine Flasche Bier konsumiert wird (und eines der o.a. Kriterien erf√ľllt wird).

Ergänzend möchte ich noch auf den Alkoholsucht / Alkoholismus-Selbsttest auf meiner Website verweisen, der obige und andere Diagnostik-Kriterien abfragt und anschließend eine Einschätzung ausgibt, ob hinsichtlich möglicher Alkoholsucht auffälliges Verhalten vorliegt.

[Weitere Blog-Einträge zum Thema Alkoholismus]

ÔĽŅ31.01.20