Jun 21

Die Tage der Menschheit sind gez√§hlt. Zumindest, wenn der australische Mikrobiologe Frank Fenner recht beh√§lt. “Der Homo sapiens wird aussterben, vielleicht innerhalb von 100 Jahren”, prognostiziert er in der Zeitung “The Australian”.

Der 95-j√§hrige Fenner hat in Australien den Status eines Nationalhelden. Mit Hilfe des Myxoma-Virus gelang es ihm in den 1950er Jahren, die damalige Kaninchenplage auf dem f√ľnften Kontinent in den Griff zu bekommen. In den 1960er Jahren war er f√ľhrend an der Ausrottung der Pocken beteiligt. Heute setzt sich der Gr√ľnder der Fenner School of Environment and Society in Canberra f√ľr den Klimaschutz und f√ľr einen nachhaltigen Lebensstil der Weltbev√∂lkerung ein.

Fenner kommt zu dem d√ľsteren Schluss, dass sich die Menschheit binnen drei Generationen quasi selbst ausrotten werde. Die Gr√ľnde seien “Bev√∂lkerungsexplosion und unkontrollierter Konsum”. Zwar werde etwas gegen den Klimawandel unternommen, zu viel w√ľrde jedoch auf die lange Bank geschoben. Das “Anthropoz√§n” ‚Äď das Zeitalter, in dem menschliche Aktivit√§t das Klima beeinflusst ‚Äď sei vergleichbar mit globalen Katastrophen wie Eiszeiten oder Kometeneinschl√§gen. Der Menschheit drohe dasselbe Schicksal wie seinerzeit den Bewohnern der Osterinseln, warnt Fenner. Die Eingeborenen hatten durch die r√ľcksichtslose Abholzung der W√§lder ihre einst bl√ľhende Insel in eine √Ėdnis verwandelt.

Ein realistisches Szenario? Nur teilweise, findet Nick Barton, Professor f√ľr Evolutionbiologie am Institute of Technology in Maria Gugging. Er sieht keine Gefahren f√ľr die gesamte Menschheit, aber Gefahren f√ľr Zivilisationen. “Das Alarmierende ist, dass der technologische Wandel ‚Äď und damit der Einfluss der Menschen auf das Klima ‚Äď weitaus schneller stattfindet als die Evolution. Das war noch nie da und es ist unm√∂glich, die Folgen abzusch√§tzen”, sagt Barton. Er f√ľgt hinzu: “Kaum eine Zivilisation hat je mehr als ein paar 1000 Jahre √ľberlebt und viele sind daran zu Grunde gegangen, dass sie ihre Umwelt √ľberm√§√üig ausgebeutet haben.”

Kommentar R.L.Fellner:

Die Angst vor der Apokalypse geh√∂rt zu den Angstformen, die uns Menschen – soweit wir es zur√ľckverfolgen k√∂nnen – bereits begleiten, solange es uns gibt. Ob der Ausl√∂ser in einem Eingreifen himmlischer M√§chte (mit darauffolgender “Abrechnung” der Bilanz unseres Lebens) besteht, in einer Invasion Au√üerirdischer, einem Meteoreinschlag, einer Umweltkatastrophe oder einer bestimmten Datumskombination: es gibt gen√ľgend potenzielle Ausl√∂ser im Verlauf eines Menschenlebens, anhand derer uns Unheilverk√ľnder an die etwaige M√∂glichkeit eines so genannten “Weltuntergangs” (meist ist damit aber “nur” das Aussterben der menschlichen Gattung gemeint) erinnern.
Bei der Angst vor der Apokalypse wird die Angst vor dem Ende der eigenen Existenz gewisserma√üen auf die Menschheit als Ganzes √ľbertragen – und macht die Idee vom Ende unserer eigenen Existenz noch schmerzvoller: wenn wir nicht mehr sind, aber auch das von uns “Hinterlassene” letztendlich keinen “Sinn” macht, worin besteht dann unsere Rolle in den Geschichtsb√ľchern des Kosmos √ľberhaupt – stellen wir uns am Ende wirklich nur als das “Schluckauf der Mutter Natur” heraus, als das der Mensch in Karikaturen gelegentlich dargestellt wird?

(Quelle und z.T. kritische Repliken anderer Forscher: Wiener Zeitung 22.06.2010; Bildquelle: hqdesktop.net/apocalypse-wallpaper-24838/)

Jun 04

Meist geht es Paul gut, und er genie√üt das Leben. Dann aber gibt es Phasen, wo ihm seine Angst den Schlaf raubt und ihm auch tags√ľber keine Ruhe mehr l√§√üt: die Angst, schwer erkrankt zu sein. Kopfschmerzen k√∂nnten ein Hinweis auf einen Gehirntumor sein, geschwollene Lymphknoten, Durchfall oder ein Muttermal ein Hinweis auf Krebs, die Erinnerung an ein bestimmtes sexuelles Abenteuer l√∂st Furcht aus, sich dabei mit HIV infiziert zu haben.

Paul verbringt t√§glich viel Zeit damit, seinen K√∂rper auf verd√§chtige Hinweise zu untersuchen, ebenso wie mit dem Studium der denkbaren Krankheitssymptome. Das Internet erweist sich hierbei als diabolischer Gef√§hrte: Unmengen an Information sind verf√ľgbar, mitunter aber ist ihre Seriosit√§t zweifelhaft, oder es tauchen Widerspr√ľche auf. Arztbesuche bringen ebenfalls nur vor√ľbergehende Erleichterung: k√∂nnte sich der Arzt nicht geirrt oder etwas √ľbersehen haben?

H√§ufig sind die Betroffenen dieser √Ąngste zwar k√∂rperlich fit und leben sehr gesund – mit ihrer angstvollen Haltung aber k√∂nnen sie ihr Leben kaum mehr dauerhaft genie√üen. Kurzen Phasen der Erleichterung folgt unweigerlich ein R√ľckfall in die gleichen, scheinbar unbezwingbaren Panikgef√ľhle – oder neue Krankheitssorgen.

Doch man braucht sich, wenn man unter derartigen √Ąngsten leidet, nicht zu sch√§men – es handelt sich dabei um eine Angst mit Ursachen, f√ľr die man nichts kann, und die mit Methoden aus der Psychotherapie und Hypnotherapie gut behandelbar ist, sofern die Bereitschaft besteht, √ľber einen gewissen Zeitraum hindurch regelm√§√üige ambulante Sitzungen zu absolvieren. In diesen werden Strategien f√ľr einen Umgang mit den chronischen Bef√ľrchtungen erarbeitet, der das Herz wieder zunehmend frei macht von dem schweren Mantel der Angst.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:CBSnews.com)

Jun 03

Kinder und Jugendliche waren gemäß einer Studie der US Pharmaproduktions- und Gesundheitsmanagement-Firmengruppe MedCo Health Solutions die in den USA am stärksten wachsende Medikamenten-Konsumentengruppe Рsie nahmen 4x so viel verschreibungspflichtige Arzneimittel wie der Rest der Bevölkerung ein. Jedes 4. Kind unter 10 Jahren erhielt Mittel gegen chronische Beschwerden, und bei den 10-19 Jährigen stieg dieser Anteil sogar auf 30 %.

Zwei Medikamentengruppen verzeichneten w√§hrend der letzten Jahre den gr√∂√üten Anstieg – Medikamente, die man normalerweise eigentlich nicht mit Heranwachsenden in Verbindung bringt: Antidiabetika und Neuroleptika (Antipsychotika). So stieg seit 2001 die Anzahl der 10-19 j√§hrigen Jugendlichen, die cholesterinsenkende Arzneimittel einnahmen, um unglaubliche 50%. Die Gruppe der Neuroleptika wird aber in den USA keineswegs nur gegen Psychosen wie z.B. Schizophrenie, sondern zunehmend auch bei Angstzust√§nden und Depressionen eingesetzt. Der Gebrauch dieser Arzneimittel-Gruppe hat sich in den USA seit 2001 deshalb verdoppelt, w√§hrend der von Antidepressiva seit 2004 um √ľber 20% abnahm – etwa zur gleichen Zeit hatte die Arzneimittelbeh√∂rde FDA eine Warnung ver√∂ffentlicht, dass einige Antidepressiva Selbstmordgedanken bei Jugendlichen verst√§rken k√∂nnen. Seither setzen die behandelnden √Ąrzte eher Neuroleptika ein. Doch ironischerweise vergr√∂√üert der Konsum dieser Neuroleptika wiederum die Chance auf das Entstehen einer Typ 2 Diabetes.

Auch die oft kritisierte Vergabe von Medikamenten gegen ADHS ist weiterhin im Anstieg begriffen (2009: 9,1%) und hat sich – wohl aufgrund der Sensibilisierung bez√ľglich des vielpublizierten “ADHS bei Erwachsenen” – auf die Gruppe der 20-34 J√§hrigen ausgeweitet. Dort stiegen die Verschreibungszahlen um √ľber 21% an.

Medco analysierte f√ľr den Report seine 200 Top-Kunden, die √ľber 40 Millionen Menschen repr√§sentieren. Die Firma sieht eine bl√ľhende Zukunft f√ľr Pharma-Hersteller: bis 2012 sollen die Ausgaben f√ľr Arzneimittel um weitere 18% steigen.

Kommentar R.L.Fellner:
Der schon in einer US-Studie vom November letzten Jahres festgestellte Trend in der Sozial- und Gesundheitspolitik wird damit ein weiteres Mal best√§tigt: er f√ľhrt offenbar weg von Ans√§tzen, die Ursachen psychischer, sozialer und k√∂rperlicher Probleme und Erkrankungen mit all den uns heute zur Verf√ľgung stehenden wirksamen Methoden (‘ganzheitlich’) zu behandeln und ihnen damit letztlich -hoffentlich- dauerhaft Herr zu werden, sondern der Mensch soll prim√§r mit einer auf ihn abgestimmten Palette von parmakologischen Produkten versorgt werden, deren diverse Nebenwirkungen dann im (f√ľr den Betroffenen..) ung√ľnstigsten Fall wiederum weitere Arzneimittel n√∂tig machen. Und wer sich von Kindern und Jugendlichen heute zu sehr herausgefordert oder provoziert f√ľhlt, findet entweder einen Arzt, der nach ein paar Minuten Konsultation ADS / AHDS diagnostiziert und dazu auch gleich das passende Rezept ausstellt, oder eine Beh√∂rde, die (t√§gliche Realit√§t im heutigen England) eine sog. “ASBO” verfasst – mit den damit verbundenen “sozialen” Anpassungsma√ünahmen. Die vielgepriesene “freie Gesellschaft” des Westens scheint zu immer gr√∂√üeren Teilen in ein potemkinsches Dorf – abgelenkt durch glitzernde Konsumprodukte und “mind- & behavior- optimiert” durch immer neue Produkte der Pharmaindustrie – umgesiedelt zu werden.

(Quelle: Kids’ Consumption of Chronic Medications on the Rise (May 19, 2010), tp; Image src:healthpsych.psy.vanderbilt.edu)

Mar 14

Verhaltensauff√§llige Kinder leiden als Erwachsene doppelt so wahrscheinlich an chronischen Schmerzen wie ihre Altersgenossen, wie eine Langzeitstudie der University of Aberdeen ergab, die k√ľrzlich im Fachmagazin Rheumatology ver√∂ffentlicht wurde.

Mehr als 19.000 Kinder, die 1958 geboren wurden und gr√∂√ütenteils aus England stammen, wurden f√ľr die Studie beobachtet – bis zum Alter von 16 Jahren beurteilten Lehrer die Sch√ľler im Hinblick auf m√∂gliche Signale f√ľr Schwierigkeiten wie Probleme beim Finden von Freunden, Ungehorsam, Daumenlutschen, N√§gelbei√üen, L√ľgen, das Schikanieren anderer und Schuleschw√§nzen. Im Alter von 42 Jahren f√ľllten die Teilnehmer einen Fragebogen zu psychologischen Problemen aus. Mit 45 Jahren folgte ein weiterer √ľber Schmerzen. In der Folge zeigte sich, dass Kinder mit schweren Verhaltensst√∂rungen ein doppelt so hohes Risiko aufwiesen, an chronischen Ganzk√∂rperschmerzen zu leiden, sowie f√ľr psychiatrische Probleme wie Depressionen, Angstgef√ľhle und Drogenmissbrauch.

Die Wissenschafter vermuten die Ursache in einer hormonellen Funktionsst√∂rung, und schlagen vor “bereits in einem fr√ľheren Lebensalter einzugreifen”, um so sp√§tere Probleme zu verhindern. Vorgeschlagen werden – angesichts der Finanzierungsstr√∂me des derzeitigen Wissenschaftsbetriebes nicht ganz √ľberraschend – nat√ľrlich prim√§r pharmakologische Behandlungen, immerhin erkl√§rte Gary Macfarlane, einer der Mitautoren der Studie, aber, dass Ver√§nderungen des Lebensstils sowie des sozialen Umfeldes ebenfalls helfen k√∂nnten, dieses Muster zu ver√§ndern. Dazu geh√∂rten Sport aber auch das Achten auf Signale psychologischer Notlagen und Verhaltensauff√§lligkeiten in der Kindheit.

(Quelle: Influence of childhood behaviour on the reporting of chronic widespread pain in adulthood: results from the 1958 British Birth Cohort Study)

Feb 16

Bisher war kaum bekannt, welchen psychischen Risiken Prostituierte ausgesetzt sind. Eine Forschergruppe der Universit√§t Z√ľrich um den Psychiater W. R√∂ssler hat nun in einer weltweit einmaligen Studie rund 200 Prostituierte in Z√ľrich befragt, etwa 5% der in Z√ľrich registrierten Prostituierten. “Um ein m√∂glichst repr√§sentatives Bild der Situation von Prostituierten zu erhalten, kontaktierten wir die Frauen unterschiedlicher Nationalit√§ten in Bars, Bordellen, Studios, Begleitdiensten und auf der Strasse”, erkl√§rte der Psychiater. Die Befragten waren zwischen 18 und 63 Jahre alt, die Mehrheit war in der Schweiz geboren, zwei Drittel besassen einen Schweizer Pass.

Die k√ľrzlich in der renommierten Wissenschaftszeitschrift “Acta Psychiatrica Scandinavica” ver√∂ffentlichten Ergebnisse zeigen, dass circa die H√§lfte der Befragten psychische St√∂rungen w√§hrend des letzten Jahres aufwiesen. “30 Prozent erf√ľllten die Kriterien f√ľr eine Depression, 34 Prozent die Kriterien f√ľr eine Angstst√∂rung”, fasst R√∂ssler die Studie zusammen. In der Gesamtbev√∂lkerung hingegen weisen nur 12 Prozent der Frauen psychische St√∂rungen w√§hrend eines Jahres auf, davon rund 6 Prozent Depressionen und 9 Prozent Angstst√∂rungen.

Besondere Risikofaktoren f√ľr psychische St√∂rungen sind einerseits Gewalterfahrungen im und ausserhalb des Milieus sowie die speziellen Arbeitsbedingungen und die Nationalit√§t. Schweizer Frauen, die ihre Dienste auf der Strasse anbieten, sind besonders gef√§hrdet; ebenso Frauen aus Asien oder S√ľdamerika, die in Bars oder Studios arbeiten. Von diesen wiesen bis zu 90 Prozent psychische St√∂rungen auf. “Es hat sich aber auch gezeigt”, so R√∂ssler, “dass soziale Unterst√ľtzung das Risiko f√ľr psychische St√∂rungen reduziert.”

Er betont, dass vor allem die Rahmenbedingungen der Sexarbeiterinnen verbessert werden m√ľssen: “Sichere Arbeitsbedingungen sind ebenso wichtig wie soziale Hilfen f√ľr diese Frauen, die allein im Raum Z√ľrich j√§hrlich bis zu 2,8 Millionen Kontakte mit Freiern haben.”
Aus therapeutischer Sicht m√∂chte ich anmerken, da√ü die soziale Stigmatisierung von Prostituierten sowie die soziale Isolation, in der insbesondere viele sich prostituierende Immigrantinnen erster und zweiter Generation leben, sicherlich ebenfalls einen erheblichen Anteil an der Pr√§valenz psychischer St√∂rungen unter Prostituierten haben. W√ľrden Prostituierte als Dienstleisterinnen anerkannt, legalisiert und vor allem auch von staatlicher Seite mit “moralisch einwandfreien” Berufen gleichberechtigt behandelt (z.B. hinsichtlich Sozialversicherung etc.), w√ľrde dies mit Sicherheit nicht ohne positive Auswirkung f√ľr die Szene insgesamt, besonders aber f√ľr die individuellen Schicksale der Sex-Arbeiterinnen bleiben.

(Quellen: MedAustria, Acta Psychiatrica Scandinavica, 2010: 1-10 (doi: 10.1111/j.1600-0447.2009.01533.x; Photo src:thebackbencher.co.uk)

Dec 13

Amerikanische Psychologen der Universit√§t New York haben eine v√∂llig medikamentfreie, nichtinvasive Technik entwickelt, mit der sich Angstreaktionen auf einen bestimmten Reiz blockieren und sukzessive ausschalten lassen. Damit er√∂ffnen sich neue Wege zur Therapie von Panikst√∂rungen. Offenbar ist das Ged√§chtnis beim Akt des Erinnerns an ein Angsterlebnis √ľber einen mehrst√ľndigen Zeitraum labil, bevor der neue Eindruck wieder dauerhaft abgespeichert wird – w√§hrend dieser instabilen Phase lassen sich dann Erinnerungen mit neuen Informationen √ľberschreiben.

Die Forscher zeigten den Teilnehmern farbige Quadrate, denen stets ein leichter elektrischer Sto√ü am Handgelenk folgte. Schon nach wenigen Durchl√§ufen verspannten sich die Probanden allein beim Anblick der Objekte. Am Folgetag wollten die Psychologen den Personen die Angst wieder abgew√∂hnen. Daf√ľr pr√§sentierten sie ihnen zun√§chst die Quadrate plus Stromreiz, um das Angstged√§chtnis zu reaktivieren. Pr√§sentierten die Forscher in den folgenden sechs Stunden die Objekte ohne Schmerz, wurde das Angstged√§chtnis wieder zuverl√§ssig gel√∂scht. Selbst ein Jahr sp√§ter reagierten die so behandelten Teilnehmer auf die Kombination aus Elektrizit√§t und Quadraten weitgehend unempfindlich, wie die Psychologen im Magazin “Nature” schreiben. Erfolgte die Umgew√∂hnung ohne vorherige Aktivierung des Schmerzged√§chtnisses oder erst nach dem sechsst√ľndigen Zeitfenster, blieben die unangenehmen Erinnerungen dagegen bestehen. Die Methode, welche sich vor allem f√ľr Panikst√∂rungen und objekt- bzw. situationsbezogene Angstformen eignet, l√§√üt sich grunds√§tzlich in jeder Psychotherapiemethode anwenden.

(Quellen: Nature, 9 December 2009 | doi:10.1038/nature08637, [2], APA. Photo src:bubblews.com)

Dec 10

Ein neues Störungsbild in psychotherapeutischen Praxen

Seit einigen Jahren beobachtet der Wiener Psychotherapeut Richard L. Fellner die deutliche Zunahme einer speziellen Form von Zwangsgedanken in seiner Praxis: M√§nner suchen ihn in der gro√üen Sorge auf, p√§dophil zu sein. Unter Zwangsgedanken versteht man wiederkehrende Gedanken, die den Betroffenen in stereotyper Weise immer wieder besch√§ftigen. Obwohl die Gedanken ungewollt sind und h√§ufig als absto√üend empfunden werden, erkennen die Personen sie als ihre eigenen Gedanken an. Bei p√§dophilen Zwangsgedanken besteht die starke Angst, m√∂glicherweise p√§dophil zu sein. Die Betroffenen sind emotional meist schwer belastet – das Gef√ľhl, mit niemandem √ľber ihre Sorgen sprechen zu k√∂nnen, ist besonders schwer zu ertragen. ‚ÄěIch hatte letzte Woche bereits daran gedacht, mir das Leben zu nehmen ‚Äď ich k√∂nnte doch nie meiner Tochter etwas antun!‚Äú, erz√§hlte etwa ein mehrfacher Familienvater unter Tr√§nen. Der betreffende Mann jedoch war nicht p√§dophil, denn unter P√§dophilie wird eine tats√§chliche sexuelle Pr√§ferenz f√ľr Kinder, welche sich meist in der Vorpubert√§t oder in einem fr√ľhen Stadium der Pubert√§t befinden, verstanden. P√§dophile haben √ľber einen l√§ngeren Zeitraum sexuell erregende Phantasien, Bed√ľrfnisse oder Verhaltensweisen, die sich auf Kinder oder Fr√ľhpubert√§re beziehen. Bei unter der beschriebenen Form von Zwangsgedanken leidenden Personen jedoch findet sich in der Regel kein sexuelles Interesse an Minderj√§hrigen.

Fellner: ‚ÄěHeutzutage besteht ein breiter gesellschaftlicher Konsens dar√ľber, da√ü Kindesmi√übrauch eine der schlimmsten kriminellen Handlungen darstellt. Insofern stehen die von dieser Art von Zwangsgedanken Betroffenen unter enormem Druck, da sie mit heftiger Entr√ľstung rechnen und eine Aussto√üung aus ihrer sozialen Umgebung bef√ľrchten.‚Äú Der Wiener Psychotherapeut erkl√§rt die starke Zunahme des St√∂rungsbildes mit der verst√§rkten medialen Aufmerksamkeit, die das Thema P√§dophilie w√§hrend der letzten Jahre erhielt, der versch√§rften Gesetzgebung speziell im Bereich der Kinderpornografie, sowie sexueller Tabuisierung. ‚ÄěZwangsgedanken haben unbehandelt eine starke Tendenz, sich zu verst√§rken. Betroffene, die glauben, an einer einschl√§gigen St√∂rung zu leiden, sollten die Symptomatik deshalb fr√ľhzeitig fachlich von einem mit Zwangsst√∂rungen erfahrenen Psychotherapeuten, Psychologen oder Sexualtherapeuten abkl√§ren lassen‚Äú, so Fellner. (Presse-Ver√∂ffentlichung, 10.12.2008. Photo: Spectral/canstockphoto.com)

Hinweis: Weiterf√ľhrender Informations-Artikel verf√ľgbar!
Die Angst, pädophil zu sein РEine Sonderform der Zwangsstörung.

Nov 28

Wer w√§hrend der letzten Wochen die diversen Pressemeldungen verfolgte, konnte ein bemerkenswertes Bild √ľber unseren gesellschaftlichen Zugang zu den “Umtrieben” heutiger Kinder und Jugendlicher bekommen: da wurde von einem ober√∂sterreichischen Schuldirektor den Sch√ľlerInnen etwa das √∂ffentliche K√ľssen untersagt (nach vehementen √∂ffentlichen Protesten ist das Verbot mittlerweile wieder aufgehoben), angeblich werden Jugendliche immer d√ľmmer (Computer und Fernsehen seien schuld), wir erinnern uns an die Debatte um bauchfreie T-Shirts vor 2 Jahren, seit vielen Jahren deuten einschl√§gige Studien in England aber vor allem auch auf steigende Angst der √Ėffentlichkeit vor Kindern und Jugendlichen hin: mehr Respekt wird da gefordert, und die Kategorie des “antisozialen Verhaltens” wurde geschaffen, um Jugendliche entsprechend mit ASBO’s (Anti-Social Behavior Orders) und einschl√§gigen Medikamenten zu disziplinieren. Mittlerweile bilden sich bereits Gruppierungen, die gegen diesen Trend zu mobilisieren versuchen, denn √úberwachen und Strafen l√∂sen – wie auch in anderen Lebensbereichen – die zugrundeliegenden Probleme nicht.

Alarmierend ist die Verst√§ndnislosigkeit und K√§lte, mit der der jungen Generation (wie man so sch√∂n sagt: unseren [hoffentlich!] “Pensionszahlern von morgen”) begegnet wird. Politik wird in erster Linie f√ľr die Erwachsenen und Pensionisten gemacht, an der Jugend besteht kaum ein anderes Interesse, als dass diese zu “funktionieren”, sich in das gesellschaftliche Gef√ľge einzuordnen habe. Das Bestehende wird verwaltet, Zukunftsdenken oder gar Visionen sind eher die Ausnahme als die Regel. Da ist es dann kein Wunder, wenn Klassengr√∂√üen trotz steigender sozialer Probleme und zunehmendem Integrationsbedarf immer gr√∂√üer werden und Lehrer immer mehr Erziehungsaufgaben zu √ľbernehmen haben, gleichzeitig aber ihre Fortbildungsbudgets, sowie jene f√ľr Beratungsstellen und Psychotherapie schon seit Jahrzehnten ausged√ľnnt werden. Auch Eltern schaffen kaum den Spagat, ihre Karriereziele mit den Bed√ľrfnissen ihrer Kinder nach Zuwendung zu vereinbaren.

Wie das Schicksal so spielt: w√§hrend ich diese Zeilen schrieb, wurde eine Pressemitteilung der √∂sterr. Bildungsministerin Claudia Schmied ver√∂ffentlicht: nach einem heute stattgefundenen “Bildungs-Gipfel”, an dem 600 Experten von Schulaufsicht und Schulpartnern bis zu Polizei, Schulpsychologen und NGO’s teilnahmen, soll ein F√ľnf-Punkte-Programm f√ľr das Thema Gewalt an Schulen sensibilisieren und diese zu verhindern helfen. “Die Lehrer k√∂nnen soziale Probleme nicht alleine l√∂sen”, so die Bildungsministerin.
Wichtigstes Ergebnis des Gipfels: im kommenden Jahr soll es um 20 Prozent mehr Schulpsychologen an √Ėsterreichs Schulen geben (derzeit kommen z.T. auf 5-10 Schulen 1 SchulpsychologIn, und das Engagement externer BeraterInnen wie im Projekt “SchulePlus” des Wiener GRG3 oder von “Schule mit Biss” bleibt fast ausschlie√ülich Elternvereinen und engagierten Direktionen vorbehalten), und es wird einschl√§gige Schwerpunkte in der LehrerInnenausbildung geben. Gewaltt√§tige Sch√ľler, sogenannte ‘Bullies’ verursachen langfristig hohe Kosten f√ľr den Staat: addiert man Ma√ünahmen wie Pflege, Heimbetreuung, Gerichtsverfahren und Strafvollzug, kostet ein Bully den Staat √ľber eine Million Euro. Die L√∂sung laut dem Psychologen Friedrich L√∂sel: “Kinder aus Risikofamilien sollten von der Geburt an betreut werden.”

Scheint, als w√§re √Ėsterreich doch “anders” und als g√§be es begr√ľndete Hoffnung, dass das Steuer gerade noch herumgerissen werden kann. Sofern die Ma√ünahmen tats√§chlich im Parlament bewilligt und dann auch konsequent umgesetzt werden jedenfalls.

ÔĽŅ01.09.19