Dec 06

r.l.f., 1994 😉

Das Universitätsklinikum Salzburg veröffentlichte kürzlich eine Studie, welche bei Depression und Suizidalität eine unterstützende Wirkung der Psychotherapie und Pharmakotherapie durch Bewegungstherapie nachweist.

Die Idee entstand bei gemeinsamen Film-Deharbeiten zum Thema „Alpen und Suizid“ von Dozent Reinhold Fartacek und Reinhold Messner auf dem Rauriser Sonnblick. Die veröffentlichte wissenschaftliche Studie „Physical exercise through mountain hiking in high-risk suicide patients. A randomized crossover trial“ (siehe u.a. Quellverweise) bestätigt eindrucksvoll die unterstützende Wirkung einer Bewegungstherapie zu Psychotherapie und Pharmakotherapie. Mit dieser Studie können auch erstmals Schwankungen der psychischen Befindlichkeit nicht nur beobachtet sondern auch verstanden werden.

Die äußerst aufgrund der Vielzahl der abgefragten Parameter (z.B. tägliche Selbsteinschätzung der TeilnehmerInnen, psychologische Daten, Prozesseinschätzung, Vorher-/Nachher-Einschätzung, sportphysiologsiche Messungen) äußerst komplexe Wanderstudie “Übern Berg” ist weltweit einmalig. Es wurde wie heute generell in der Suizidprävention darauf gesetzt, auf individuelle Stärken anstatt auf Krankheit zu achten. Die Patienten sollten durch die körperliche Aktivität beim Bergwandern und das Erlebnis – “über den Berg zu gehen” – für den Alltag seelisch und körperlich zu stärken. Diese Erfolge, aber auch das Erlebnis der Natur sowie die zwischenmenschlichen Begegnungen während des Bergwanderns sollten ihnen Mut und Hoffnung für die Bewältigung des Alltags geben. Mit Redewendungen wie „Es geht bergauf“ oder „Berge versetzen“ werden im Alltag positive Entwicklungen beschrieben. Doch obwohl in Österreich mehr als 74% der über 15-Jährigen zumindest gelegentlich wandern, können sich gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in Lebenskrisen nur schwer überwinden, körperlich aktiv zu sein.

Synergetisches Navigationsystem (SNS)

Die interdisziplinäre Studie (PsychiaterInnen, PsychologInnen, Sportmediziner, PflegemitarbeiterInnen) fand in der Salzburger Bergwelt statt. Die Selbsteinschätzung wurde mittels der Nutzung eines vom Leiter des PMU-Instituts für Synergetik und Psychotherapie-forschung, Univ.-Prof. Dr. Günter Schiepek entwickelten sog. „Synergetischen Navigationssystems“ (SNS) messbar gemacht. Mit einem darin eigens angelegten Online-Fragebogen wurde 6 Monate hindurch täglich die persönliche Befindlichkeit mit 38 Einzelitems in einer Selbsteinschätzung angegeben. Durch die hochfrequenten Messungen ergab sich eine Verlaufsdarstellung mit mehr oder weniger stark ausgeprägten Schwankungen und Phasenübergängen. Speziell in den Bereichen Freude und Selbstwertgefühl kam es in der Wanderphase bei vielen Teilnehmern zu einer Steigerung – wobei die Ängstlichkeit gleichzeitig abnahm.

Die Studienteilnehmer wurden in zwei Gruppen geteilt. Die Wandergruppe wanderte 9 Wochen lang, während die Wartekontrollgruppe keine speziell geplanten Aktivitäten durchführt. Nach 9 Wochen wurde gewechselt, und jeweils die empfundenen Veränderungen der Hoffnungslosigkeit und Depressivität wie auch die rein körperliche Ausdauerleistungsfähigkeit gemessen. Hinsichtlich der empfundenen Hoffnungslosigkeit, Depressivität, wie auch der körperlichen Ausdauerleistung ging es den TeilnehmerInnen signifikant besser als vor der Studie. Die Studienteilnehmer berichteten von einer neu angeeigneten Tagesstruktur, mehr Appetit, mehr Selbstvertrauen und weniger Stress. Dies berichteten selbst die meisten jener Patienten, die sich zunächst alles andere als “sportbegeistert” bezeichnet hatten.

Um Überforderungen zu vermeiden, wurde zunächst der optimale Belastungspuls der PatientInnen ermittelt und bei jeder Wanderung mittels Herzfrequenzmesser überwacht. Bald merkten die Wanderer, dass es bei dieser Sportart nicht darum geht, der Schnellste zu sein – so war es jedem möglich, das eigene Tempo zu finden. Jede Wanderung startete mit einfachen Mobilisationsübungen und endete mit abschließenden Dehnübungen. Im Laufe der Studie war an Stelle der fehlenden Motivation die Vorfreude auf die nächste Wanderung so groß, dass die Teilnehmer oft schon eine gute Weile vor dem vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt warteten.

Die Teilnahme der Patienten am Wandern war nahezu lückenlos und belegt, dass diese Form der Bewegung nicht nur akzeptiert sondern auch gerne ausgeübt wurde – und das selbst bei Wind und Wetter. Die verbesserte körperliche Leistungsfähigkeit ist insofern günstig, als körperliche Bewegung auch rein körperlich gesund ist, gerade von depressiven Personen aber häufig zu wenig ausgeübt wird. Wandern jedoch kann gerade in Mitteleuropa nahezu das ganze Jahr über ausgeübt werden.

Schlussfolgerungen

Im Rahmen der Salzburger Wanderstudie konnte mittels täglicher Selbsteinschätzung bestätigt werden, dass bereits nach einer Wanderung die Stimmung verbessert, von negativen Gedanken abgelenkt und Stresssymptome abgebaut werden können. Am Ende des Wanderprogramms konnten Selbstwert und Schlafqualität zusätzlich zur Wirkung der bestehenden psychotherapeutischen und psychopharmakologischen Behandlung verbessert werden, auch Angst- und Borderlinesymptome wurden reduziert. Die körperliche Fitness stieg aufgrund der sorgsam abgestimmten Routenplanung z.T. signifikant.

(Quellen: MedAustria 2012, Acta Psychiatr Scand 2012: 1–9 (doi: 10.1111/j.1600-0447.2012.01860.x)

May 23

Bei Kindern und Jugendlichen bewähren sich psychotherapeutische Präventionsprogramme definitiv – die einjährige Studie „Saving and Empowering Young Lives in Europe (SEYLE): Gesundheitsförderung durch Prävention von riskanten und selbstschädigenden Verhaltensweisen“, die in Deutschland an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg durchgeführt wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse und wies eine Reduktion psychischer Probleme bei den teilnehmenden Schülern sowie einen deutlichen Rückgang von depressiven Symptomen, selbstschädigenden Verhaltensweisen und Selbstmordgedanken insbesondere bei Mädchen nach.

Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu überprüfen und effiziente Programme langfristig an bundesweit allen Schulen zu etablieren. Sie lief unter der Federführung des Karolinska-Instituts in Stockholm gleichzeitig in neun anderen EU-Staaten sowie Israel.

„Es gibt ein hohes Maß an gefährdeten Jugendlichen, doch viele von ihnen kommen nicht bei den Therapeuten an”, erklärt Studienleiter R. Brunner. „Bei psychischen Problemen gibt es eine immer noch ausgeprägte Stigmatisierung.” Viele Jugendliche haben Angst, von ihren Mitschülern ausgelacht zu werden. „Wir waren im Vorfeld mehrfach in den Klassen, um Aufklärung zu betreiben”, sagt Studienkoordinator M. Kaess, „etwa darüber, dass die vertrauliche Kommunikation mit den Schülern und ihre Anonymität gewährleistet sind.” Rund 70 Prozent entschlossen sich daraufhin zur Teilnahme.

Über 1.400 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren waren an der Studie beteiligt. Sie kamen von 26 Gymnasien, Real- Hauptschulen des Rhein-Neckar-Kreises und Heidelberg. Zunächst beantworteten die Acht- und Neuntklässler bei der Eingangsuntersuchung im Januar 2010 einen Fragebogen, der unter anderem die Themenbereiche Suizidgefährdung, Selbstverletzung, Angst, Depression, Delinquenz, gestörtes Essverhalten, exzessiver Medienkonsum, Schulschwänzen und Mobbing abhandelte. Je eines von vier Präventionsprogrammen wurde den Schulen per Zufall zugeteilt. Beim sogenannten Professional Screening erhielten über 60 Prozent der Schüler aufgrund ihrer Antworten eine Einladung zu einem Interview. Bei 30 Prozent derer, die zum Termin erschienen waren, stellten die Psychiater einen Behandlungsbedarf fest.

In einem der anderen drei Präventionsprogramme nahmen etwa 100 Lehrer an einem Training teil, dass sie in die Lage versetzte, betroffene Jugendliche zu erkennen und mit ihnen umzugehen („Gatekeeper-Training”). 450 Schüler wurden im Rahmen von fünf Unterrichtsstunden über riskante und selbstschädigende Verhaltensweisen sowie den Umgang damit aufgeklärt („Awareness Training”). An anderen Schulen wurden den Klassenräumen Informationsplakate aufgehängt und den Jugendlichen Visitenkarten mit den Kontaktinformationen der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgehändigt („Minimal Intervention”).

Bei etwa 25 Prozent der Schüler sank die Suizidgefährdung im Laufe der Folgeuntersuchungen. Besonders bei den Mädchen verringerten sich die psychischen Probleme. „Eine genaue Analyse der unterschiedlichen Gruppen und Wirkfaktoren steht noch aus”, betont Brunner. „Diese ersten Ergebnisse stellen ausschließlich Tendenzen bezogen auf die Heidelberger Gesamtstichprobe dar. Es fehlen allerdings noch genaue Analysen im Vergleich mit anderen EU-Staaten, die sicher noch weitere Erkenntnisse bringen werden.”

(Quelle: http://www.seyle.eu , Der Standard v 20.01.2011; Photo:Matthias Cremer)

Jan 14

Haben Sie manchmal starke Angst? Wenn Ihre Ängste immer wiederkehren und ihr Alltagsleben einschränken, könnte es sich dabei um eine Phobie, eine spezielle Form von Angststörungen, handeln. Das Hauptsymptom einer Phobie ist eine intensive und anhaltende Angst vor bestimmten Situationen, Aktivitäten, Dingen, Tieren oder Menschen – aber in der Regel ist diese Angst irrational, oft gab es auch keine konkreten früheren Erfahrungen, welche die Phobie ausgelöst haben könnten. Phobiker bemühen sich oft auf das Äußerste, die angstbehafteten Situationen zu vermeiden – oft in einem Ausmaß, dass die Angst das tägliche Leben stört und beeinträchtigt, und zunehmend das Denken dominiert.

Ein früherer Klient etwa fühlte sich in normalen sozialen Situationen wie Partys oder Geschäftstreffen unwohl und versuchte, diese nach Möglichkeit zu vermeiden. Auch das Trinken und Essen in der Öffentlichkeit wurde für ihn zu einem Problem und führte zu großen inneren Spannungen. Diese spezielle Form der Phobie heißt “soziale Phobie”, da sie andere Menschen oder gesellschaftliche Situationen betrifft. Auftrittsangst (die Angst, Reden zu halten oder auf einer Bühne aufzutreten), ist etwas, unter dem viele Menschen leiden und ebenfalls eine Form der sozialen Phobie.

Die Schwierigkeit, Phobien wieder loszuwerden, liegt darin, dass rationale Erklärungen und Bemühungen der Umwelt so gut wie nie helfen, ja manches Mal den inneren Druck sogar noch zusätzlich erhöhen. Auch die im TV gern demonstrierte “Expositionstherapie” bewährt sich nur bei wenigen Menschen langfristig. Gute Erfolge verzeichnen hingegen moderne psychotherapeutische Ansätze, die Methoden aus der Hypnotherapie und lösungsorientierten Gesprächsführung nutzen. In schweren Fällen können Medikamente den Einstieg in Therapie und Beratung gut unterstützen. Danach ist eine kontinuierliche Arbeit am Problem wichtig, um zu vermeiden, bald wieder in die alten Angstmuster zurückzufallen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:life123.com)

Sep 07

Sein Herz schlägt mit jeder Sekunde stärker, Schweiß beginnt, den Rücken hinunterzulaufen und er bekommt kaum mehr Luft – als wären seine Lungen blockiert. Plötzlich ein intensiver Schmerz in der Brustgegend: ist es nun soweit, ist das der erste Herzinfarkt? Panikgefühle breiten sich in seinem Körper aus: er könnte genau hier zusammenbrechen und sterben, wenn nicht rechtzeitig Hilfe kommt – unaushaltbare Angst kriecht in seinen Körper hoch…

Die Symptome von Panikattacken sind unterschiedlich – die meisten Personen aber empfinden intensivste Angst, entweder eine Herzattacke zu erleiden, verrückt zu werden oder vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen. Eine Panikattacke zu erleiden, kann eines der schockierendsten, unangenehmsten und bedrohlichsten Erlebnisse sein, die eine Person in ihrem Leben erfährt.
Aber im Unterschied zu landläufigen Vermutung sind Panikattacken bei weitem nicht immer von hohem Stress verursacht, sondern können gerade auch Menschen ereilen, die eigentlich ein recht entspanntes Leben führen. Relativ häufig sind die Attacken etwa Zeichen für eine Angststörung, Depression oder andere psychische Belastungen, die lange Zeit hindurch ignoriert, “beiseite gewischt” oder – etwa durch Selbstmedikation – unfachgemäß behandelt wurden. Andere mögliche Ursachen können Seiteneffekte von Medikamenten, Alkoholkonsum, Medikamenten- oder Drogenentzug oder chronische Erkrankungen sein.

Wenn Panikattacken unbehandelt bleiben, kann sich die sogenannte Agoraphobie entwickeln, bei der eine Person Angst davor entwickelt, an bestimmten Orten oder in bestimmten Situationen Panikattacken zu erleiden. In der Sorge, dass in solchen Situationen keine Fluchtmöglichkeit besteht oder eine Panikattacke auftreten könnte, vermeiden sie zunehmend Situationen, in denen sie in ein solches Risiko geraten könnten, wie z.B. offene Plätze, Straßen, öffentlichen Transport – zuletzt vermeiden manche von ihnen sogar, das Haus zu verlassen. Panikattacken und Agoraphobie treten häufig im Zusammenhang mit sogenannter Sozialphobie auf, bei der sich die Angst auf soziale Situationen (etwa das Essen oder Sprechen in Gruppen) bezieht und die Sorge besteht, von den anderen beurteilt oder entblößt zu werden. Dies wiederum kann eine der schädlichsten Seiteneffekte der Panikstörung darstellen, da es die Leidenden daran hindert, sich frühestmöglich fachliche Unterstützung zu suchen, und damit Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch begünstigt. Erfolgreiche Behandlung ist jedoch möglich und besteht meist aus einer individuell bestimmten Anzahl von regelmäßigen Psychotherapie-Sitzungen, manchmal ergänzt durch unterstützende Medikation. Auf diese Weise können 90% der Agoraphobiker eine vollständige Befreiung von ihrem Problem erreichen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:Erin O’Brien/Getty Images)

Jun 21

Die Tage der Menschheit sind gezählt. Zumindest, wenn der australische Mikrobiologe Frank Fenner recht behält. “Der Homo sapiens wird aussterben, vielleicht innerhalb von 100 Jahren”, prognostiziert er in der Zeitung “The Australian”.

Der 95-jährige Fenner hat in Australien den Status eines Nationalhelden. Mit Hilfe des Myxoma-Virus gelang es ihm in den 1950er Jahren, die damalige Kaninchenplage auf dem fünften Kontinent in den Griff zu bekommen. In den 1960er Jahren war er führend an der Ausrottung der Pocken beteiligt. Heute setzt sich der Gründer der Fenner School of Environment and Society in Canberra für den Klimaschutz und für einen nachhaltigen Lebensstil der Weltbevölkerung ein.

Fenner kommt zu dem düsteren Schluss, dass sich die Menschheit binnen drei Generationen quasi selbst ausrotten werde. Die Gründe seien “Bevölkerungsexplosion und unkontrollierter Konsum”. Zwar werde etwas gegen den Klimawandel unternommen, zu viel würde jedoch auf die lange Bank geschoben. Das “Anthropozän” – das Zeitalter, in dem menschliche Aktivität das Klima beeinflusst – sei vergleichbar mit globalen Katastrophen wie Eiszeiten oder Kometeneinschlägen. Der Menschheit drohe dasselbe Schicksal wie seinerzeit den Bewohnern der Osterinseln, warnt Fenner. Die Eingeborenen hatten durch die rücksichtslose Abholzung der Wälder ihre einst blühende Insel in eine Ödnis verwandelt.

Ein realistisches Szenario? Nur teilweise, findet Nick Barton, Professor für Evolutionbiologie am Institute of Technology in Maria Gugging. Er sieht keine Gefahren für die gesamte Menschheit, aber Gefahren für Zivilisationen. “Das Alarmierende ist, dass der technologische Wandel – und damit der Einfluss der Menschen auf das Klima – weitaus schneller stattfindet als die Evolution. Das war noch nie da und es ist unmöglich, die Folgen abzuschätzen”, sagt Barton. Er fügt hinzu: “Kaum eine Zivilisation hat je mehr als ein paar 1000 Jahre überlebt und viele sind daran zu Grunde gegangen, dass sie ihre Umwelt übermäßig ausgebeutet haben.”

Kommentar R.L.Fellner:

Die Angst vor der Apokalypse gehört zu den Angstformen, die uns Menschen – soweit wir es zurückverfolgen können – bereits begleiten, solange es uns gibt. Ob der Auslöser in einem Eingreifen himmlischer Mächte (mit darauffolgender “Abrechnung” der Bilanz unseres Lebens) besteht, in einer Invasion Außerirdischer, einem Meteoreinschlag, einer Umweltkatastrophe oder einer bestimmten Datumskombination: es gibt genügend potenzielle Auslöser im Verlauf eines Menschenlebens, anhand derer uns Unheilverkünder an die etwaige Möglichkeit eines so genannten “Weltuntergangs” (meist ist damit aber “nur” das Aussterben der menschlichen Gattung gemeint) erinnern.
Bei der Angst vor der Apokalypse wird die Angst vor dem Ende der eigenen Existenz gewissermaßen auf die Menschheit als Ganzes übertragen – und macht die Idee vom Ende unserer eigenen Existenz noch schmerzvoller: wenn wir nicht mehr sind, aber auch das von uns “Hinterlassene” letztendlich keinen “Sinn” macht, worin besteht dann unsere Rolle in den Geschichtsbüchern des Kosmos überhaupt – stellen wir uns am Ende wirklich nur als das “Schluckauf der Mutter Natur” heraus, als das der Mensch in Karikaturen gelegentlich dargestellt wird?

(Quelle und z.T. kritische Repliken anderer Forscher: Wiener Zeitung 22.06.2010; Bildquelle: hqdesktop.net/apocalypse-wallpaper-24838/)

Jun 04

Meist geht es Paul gut, und er genießt das Leben. Dann aber gibt es Phasen, wo ihm seine Angst den Schlaf raubt und ihm auch tagsüber keine Ruhe mehr läßt: die Angst, schwer erkrankt zu sein. Kopfschmerzen könnten ein Hinweis auf einen Gehirntumor sein, geschwollene Lymphknoten, Durchfall oder ein Muttermal ein Hinweis auf Krebs, die Erinnerung an ein bestimmtes sexuelles Abenteuer löst Furcht aus, sich dabei mit HIV infiziert zu haben.

Paul verbringt täglich viel Zeit damit, seinen Körper auf verdächtige Hinweise zu untersuchen, ebenso wie mit dem Studium der denkbaren Krankheitssymptome. Das Internet erweist sich hierbei als diabolischer Gefährte: Unmengen an Information sind verfügbar, mitunter aber ist ihre Seriosität zweifelhaft, oder es tauchen Widersprüche auf. Arztbesuche bringen ebenfalls nur vorübergehende Erleichterung: könnte sich der Arzt nicht geirrt oder etwas übersehen haben?

Häufig sind die Betroffenen dieser Ängste zwar körperlich fit und leben sehr gesund – mit ihrer angstvollen Haltung aber können sie ihr Leben kaum mehr dauerhaft genießen. Kurzen Phasen der Erleichterung folgt unweigerlich ein Rückfall in die gleichen, scheinbar unbezwingbaren Panikgefühle – oder neue Krankheitssorgen.

Doch man braucht sich, wenn man unter derartigen Ängsten leidet, nicht zu schämen – es handelt sich dabei um eine Angst mit Ursachen, für die man nichts kann, und die mit Methoden aus der Psychotherapie und Hypnotherapie gut behandelbar ist, sofern die Bereitschaft besteht, über einen gewissen Zeitraum hindurch regelmäßige ambulante Sitzungen zu absolvieren. In diesen werden Strategien für einen Umgang mit den chronischen Befürchtungen erarbeitet, der das Herz wieder zunehmend frei macht von dem schweren Mantel der Angst.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:CBSnews.com)

Jun 03

Kinder und Jugendliche waren gemäß einer Studie der US Pharmaproduktions- und Gesundheitsmanagement-Firmengruppe MedCo Health Solutions die in den USA am stärksten wachsende Medikamenten-Konsumentengruppe – sie nahmen 4x so viel verschreibungspflichtige Arzneimittel wie der Rest der Bevölkerung ein. Jedes 4. Kind unter 10 Jahren erhielt Mittel gegen chronische Beschwerden, und bei den 10-19 Jährigen stieg dieser Anteil sogar auf 30 %.

Zwei Medikamentengruppen verzeichneten während der letzten Jahre den größten Anstieg – Medikamente, die man normalerweise eigentlich nicht mit Heranwachsenden in Verbindung bringt: Antidiabetika und Neuroleptika (Antipsychotika). So stieg seit 2001 die Anzahl der 10-19 jährigen Jugendlichen, die cholesterinsenkende Arzneimittel einnahmen, um unglaubliche 50%. Die Gruppe der Neuroleptika wird aber in den USA keineswegs nur gegen Psychosen wie z.B. Schizophrenie, sondern zunehmend auch bei Angstzuständen und Depressionen eingesetzt. Der Gebrauch dieser Arzneimittel-Gruppe hat sich in den USA seit 2001 deshalb verdoppelt, während der von Antidepressiva seit 2004 um über 20% abnahm – etwa zur gleichen Zeit hatte die Arzneimittelbehörde FDA eine Warnung veröffentlicht, dass einige Antidepressiva Selbstmordgedanken bei Jugendlichen verstärken können. Seither setzen die behandelnden Ärzte eher Neuroleptika ein. Doch ironischerweise vergrößert der Konsum dieser Neuroleptika wiederum die Chance auf das Entstehen einer Typ 2 Diabetes.

Auch die oft kritisierte Vergabe von Medikamenten gegen ADHS ist weiterhin im Anstieg begriffen (2009: 9,1%) und hat sich – wohl aufgrund der Sensibilisierung bezüglich des vielpublizierten “ADHS bei Erwachsenen” – auf die Gruppe der 20-34 Jährigen ausgeweitet. Dort stiegen die Verschreibungszahlen um über 21% an.

Medco analysierte für den Report seine 200 Top-Kunden, die über 40 Millionen Menschen repräsentieren. Die Firma sieht eine blühende Zukunft für Pharma-Hersteller: bis 2012 sollen die Ausgaben für Arzneimittel um weitere 18% steigen.

Kommentar R.L.Fellner:
Der schon in einer US-Studie vom November letzten Jahres festgestellte Trend in der Sozial- und Gesundheitspolitik wird damit ein weiteres Mal bestätigt: er führt offenbar weg von Ansätzen, die Ursachen psychischer, sozialer und körperlicher Probleme und Erkrankungen mit all den uns heute zur Verfügung stehenden wirksamen Methoden (‘ganzheitlich’) zu behandeln und ihnen damit letztlich -hoffentlich- dauerhaft Herr zu werden, sondern der Mensch soll primär mit einer auf ihn abgestimmten Palette von parmakologischen Produkten versorgt werden, deren diverse Nebenwirkungen dann im (für den Betroffenen..) ungünstigsten Fall wiederum weitere Arzneimittel nötig machen. Und wer sich von Kindern und Jugendlichen heute zu sehr herausgefordert oder provoziert fühlt, findet entweder einen Arzt, der nach ein paar Minuten Konsultation ADS / AHDS diagnostiziert und dazu auch gleich das passende Rezept ausstellt, oder eine Behörde, die (tägliche Realität im heutigen England) eine sog. “ASBO” verfasst – mit den damit verbundenen “sozialen” Anpassungsmaßnahmen. Die vielgepriesene “freie Gesellschaft” des Westens scheint zu immer größeren Teilen in ein potemkinsches Dorf – abgelenkt durch glitzernde Konsumprodukte und “mind- & behavior- optimiert” durch immer neue Produkte der Pharmaindustrie – umgesiedelt zu werden.

(Quelle: Kids’ Consumption of Chronic Medications on the Rise (May 19, 2010), tp; Image src:healthpsych.psy.vanderbilt.edu)

Feb 16

Bisher war kaum bekannt, welchen psychischen Risiken Prostituierte ausgesetzt sind. Eine Forschergruppe der Universität Zürich um den Psychiater W. Rössler hat nun in einer weltweit einmaligen Studie rund 200 Prostituierte in Zürich befragt, etwa 5% der in Zürich registrierten Prostituierten. “Um ein möglichst repräsentatives Bild der Situation von Prostituierten zu erhalten, kontaktierten wir die Frauen unterschiedlicher Nationalitäten in Bars, Bordellen, Studios, Begleitdiensten und auf der Strasse”, erklärte der Psychiater. Die Befragten waren zwischen 18 und 63 Jahre alt, die Mehrheit war in der Schweiz geboren, zwei Drittel besassen einen Schweizer Pass.

Die kürzlich in der renommierten Wissenschaftszeitschrift “Acta Psychiatrica Scandinavica” veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass circa die Hälfte der Befragten psychische Störungen während des letzten Jahres aufwiesen. “30 Prozent erfüllten die Kriterien für eine Depression, 34 Prozent die Kriterien für eine Angststörung”, fasst Rössler die Studie zusammen. In der Gesamtbevölkerung hingegen weisen nur 12 Prozent der Frauen psychische Störungen während eines Jahres auf, davon rund 6 Prozent Depressionen und 9 Prozent Angststörungen.

Besondere Risikofaktoren für psychische Störungen sind einerseits Gewalterfahrungen im und ausserhalb des Milieus sowie die speziellen Arbeitsbedingungen und die Nationalität. Schweizer Frauen, die ihre Dienste auf der Strasse anbieten, sind besonders gefährdet; ebenso Frauen aus Asien oder Südamerika, die in Bars oder Studios arbeiten. Von diesen wiesen bis zu 90 Prozent psychische Störungen auf. “Es hat sich aber auch gezeigt”, so Rössler, “dass soziale Unterstützung das Risiko für psychische Störungen reduziert.”

Er betont, dass vor allem die Rahmenbedingungen der Sexarbeiterinnen verbessert werden müssen: “Sichere Arbeitsbedingungen sind ebenso wichtig wie soziale Hilfen für diese Frauen, die allein im Raum Zürich jährlich bis zu 2,8 Millionen Kontakte mit Freiern haben.”
Aus therapeutischer Sicht möchte ich anmerken, daß die soziale Stigmatisierung von Prostituierten sowie die soziale Isolation, in der insbesondere viele sich prostituierende Immigrantinnen erster und zweiter Generation leben, sicherlich ebenfalls einen erheblichen Anteil an der Prävalenz psychischer Störungen unter Prostituierten haben. Würden Prostituierte als Dienstleisterinnen anerkannt, legalisiert und vor allem auch von staatlicher Seite mit “moralisch einwandfreien” Berufen gleichberechtigt behandelt (z.B. hinsichtlich Sozialversicherung etc.), würde dies mit Sicherheit nicht ohne positive Auswirkung für die Szene insgesamt, besonders aber für die individuellen Schicksale der Sex-Arbeiterinnen bleiben.

(Quellen: MedAustria, Acta Psychiatrica Scandinavica, 2010: 1-10 (doi: 10.1111/j.1600-0447.2009.01533.x; Photo src:thebackbencher.co.uk)

25.06.19