Jul 25
Autismus Schwangerschaft Antidepressiva

Erhöhtes Risiko bei Antidepressiva-Einnahme der Mutter wÀhrend der Schwangerschaft (Bildquelle: Fotolia)

Schon seit vielen Jahren wird ein Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen (besonders Depressionen) von MĂŒttern und der Wahrscheinlichkeit derer Kinder, an Autismus zu erkranken, vermutet. Nun scheint eine im British Medical Journal veröffentlichte Studie der UniversitĂ€t Bristol diese Vermutung – wenn auch auf andere Weise – zu erhĂ€rten.

So scheint der Konsum von Antidepressiva wĂ€hrend der Schwangerschaft zumindest teilweise mit dem spĂ€teren Auftreten von Autismus bei Kindern zusammenzuhĂ€ngen. Kinder, deren MĂŒtter wĂ€hrend der Schwangerschaft zu Antidepressiva greifen, tragen den gefundenen Zahlen zufolge ein höheres Autismus-Risiko als Kinder, deren psychisch erkrankten MĂŒtter auf diese medikamentöse Intervention verzichten. Dieses Risiko ist – dieser Studie zufolge – allerdings nur leicht erhöht.

In der Studie wurden 250.000 zwischen vier und 17 Jahre alte schwedische Kinder und Jugendliche, unter denen sich mehr als 5.000 Menschen mit Autismus befanden, untersucht. Ihre MĂŒtter waren entweder psychisch unbelastet oder von Depression betroffen, manche der letzteren nahmen Antidepressiva ein oder verzichteten auf Medikamente. Die Kinder der MĂŒtter, welche wĂ€hrend ihrer Schwangerschaft Antidepressiva einnahmen, waren spĂ€ter zu 4,1% von Autismus betroffen, jene von MĂŒttern, die keine entsprechenden Medikamente einnahmen, nur zu 2,9%.
Demnach brachten mehr als 95% der MĂŒtter, die Antidepressiva einnahmen, keine autistischen Kinder zur Welt.

Bemerkenswert ist allerdings, dass andere Studien mit Ă€hnlichen Fragestellungen teils deutlich höhere Wahrscheinlichkeiten fĂŒr Autismus-Entwicklung der Kinder ergaben (bis zu einer Verdopplung des Risikos bei der Einnahme von SSRI’s, selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, wĂ€hrend des 2. und 3. Trimesters der Schwangerschaft im Zuge einer Studie der UnversitĂ€t von Montreal 2015 (p=145.000), teils auch gar keinen Zusammenhang fanden (z.B. 2015).

Aus den zur VerfĂŒgung stehenden Forschungsergebnissen ist nach Meinung des Autors somit keine generelle Warnung hinsichtlich der Einnahme von Antidepressiva abzuleiten: ist also eine unterstĂŒtzende Einnahme von Antidepressiva rechtzufertigen (z.B. bei erheblich belastenden und trotz regelmĂ€ĂŸiger Psychotherapie nur wenig verĂ€nderlichen Depressionsformen), sollte diese durchaus auch wĂ€hrend der Schwangerschaft fortgesetzt werden – sofern sich die damit verbundene hormonelle Umstellung nicht ohnedies bereits positiv auf die Depression auswirkt!

Apr 15

Störungen aus dem Autismus-Spektrum werden in ihrer KomplexitÀt bis heute nur unzureichend verstanden.

Dies ist ein “Sammeleintrag” Ă€hnlich meinen Blog-EintrĂ€gen zu den Themen “Partnersuche” oder “Suizid“, in dem ich Forschungsergebnisse zum Autismus-Spektrum (davon insbesondere auch dem Asperger-Syndrom) zusammentrage. Falls Ihnen einschlĂ€gige Studien bekannt sind, die hier noch nicht gelistet sind, fĂŒge ich sie nach einer kurzen E-Mail gerne hinzu.

ASD (Autism Spectrum Disorder) ist der Name fĂŒr eine bestimmte Gruppe von Verhaltens- und Entwicklungsstörungen, die das Sozialverhalten und die Kommunikation der Betroffenen beeinflussen. Sie werden durch seltene genetische Varianten verursacht, die beeinflussen, wie das Gehirn wĂ€chst und sich entwickelt. Gerade im psychotherapeutischen Bereich stigmatisiert man Menschen heute nur mehr ungern verallgemeinernd als “Autisten”, sondern verortet sie eher in ihrer individuellen AusprĂ€gung auf dem gesamten, breit gelagerten Spektrum dieser Störungssymptomatik.

Zur Einleitung möchte ich einige hĂ€ufige Grundannahmen sowie den tatsĂ€chlichen therapeutischen Wissensstand zum Thema Autismus anfĂŒhren. Sie basieren auf einem Interview mit Dr. Peter Szatmari, einem der fĂŒhrenden Autismus-Forscher in Kanada.

MYTHOS: “Es gibt immer mehr Autisten.”

FAKT: Die PrĂ€valenz von Menschen, die mit Störungen aus dem Autismus-Spektrum diagnostiziert wurden, nahm seit Mitte der 1980er-Jahre etwa um das Zehnfache zu – vermutlich jedoch vor allem deshalb, weil sich seither die diagnostischen Kriterien verĂ€nderten, und auch ein stĂ€rkeres Wissen im medizinischen und therapeutischen Bereich ĂŒber die Erscheinungsformen von Autismus-Störungen in unterschiedlichen Altersstufen existiert. Es gibt keine Hinweise auf Umweltfaktoren, die fĂŒr den Anstieg der HĂ€ufigkeit verantwortlich sein könnten (siehe auch: http://www.heise.de/tp/news/USA-Starker-Anstieg-von-Autismus-bei-Kindern-2006864.html )

MYTHOS: “Impfungen verursachen Autismus.”

FAKT: Es gilt heute als absolut gesichert, dass Autismus nicht durch Impfstoffe verursacht wird. Die erste und bislang einzige “wissenschaftliche” Studie, die zu diesem Thema veröffentlicht wurde, wurde widerlegt. Die darin getroffene Behauptung wurde als betrĂŒgerisch erkannt und wird z.T. juristisch verfolgt. In einigen Regionen wurden dennoch jene Wirkstoffe, die angeblich Autismus hĂ€tten verursachen sollen, aus den Impfstoffen entfernt, was aber die Zahlen der Autismus-Diagnosen nicht beeinflußte.
Einen PT-Blog-Eintrag zu diesem Thema finden Sie auch hier: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/autismus-impfschaeden/ .

MYTHOS: “Erziehungsfehler sind der Grund fĂŒr Störungen aus dem Autismus-Spektrum.”

FAKT: Dieser Mythos stammt aus qualitativ sehr schlechten ForschungsansĂ€tzen der 1950er-Jahre (z.B. Bruno Bettelheim), wurde aber bereits in den 1960er-Jahren weitgehend widerlegt. Es gibt absolut keinen Beweis dafĂŒr, dass schlechte Erziehung oder schlechte Eltern-Kind-Beziehungen Autismus verursachen. ASD wird durch genetische Faktoren verursacht, möglicherweise mit Umweltfaktoren in utero kombiniert.

MYTHOS: “Nur Jungen können Autismus haben.”

FAKT: Das GeschlechterverhĂ€ltnis bei dieser Art von Störung ist in etwa 4 Jungen zu 1 MĂ€dchen. MĂ€dchen können ebenso wie Jungen an ASD erkranken, sind aber hĂ€ufig stĂ€rker betroffen als diese. Das könnte an der teils unterschiedlichen Symptomatik liegen, welche die korrekte Diagnose hĂ€ufig verzögert. Wegen dieser Schwankungen sollten die diagnostischen Kriterien fĂŒr MĂ€dchen angepasst werden.

MYTHOS: “ASD kann mit einer DiĂ€t oder andere alternativen Behandlungen geheilt werden.”

FAKT: Ob Autismus “geheilt” werden kann oder nicht, ist umstritten – es gilt jedoch als gesichert, dass Kinder mit ASD bessere Fortschritte erzielen können, wenn sie z.B. frĂŒher und intensiver Förderungsmaßnahmen erfahren.

MYTHOS: “Menschen mit ASD haben verkĂŒmmerte GefĂŒhle und knĂŒpfen nicht gerne Kontakte.”

FAKT: Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen fĂŒhlen sehr wohl Emotionen und möchten auch Kontakte knĂŒpfen, aber ihre Kommunikation und der Ausdruck ihrer GefĂŒhle ist untypisch und wird in seiner Art von anderen hĂ€ufig als schwierig empfunden. Auch ist der Kontaktwunsch hĂ€ufig nicht so intensiv wie bei regulĂ€r entwickelten Kindern und Erwachsenen.

MYTHOS: “Autismus verleiht den Betroffenen spezielle FĂ€higkeiten oder macht sie genial.”

FAKT: Diese Vorstellung stammt aus Ă€lteren Forschungen, die suggerierten, daß viele Autismus-Betroffene trotz stark reduzierten Sprachausdrucks oder kognitiver Behinderungen ein fantastisches GedĂ€chtnis oder z.B. ein ĂŒberdurchschnittliches Zeichen- oder Rechentalent hĂ€tten. FĂŒr eine kleine Minderheit von Autismus-Spektrum-Störung-Betroffenen stimmt das, aber wĂ€re treffender, diese FĂ€higkeiten als starke TeilleistungsstĂ€rken zu sehen, statt sie als “GenialitĂ€t” zu bezeichnen. Die Definition eines Genies erfordert einen IQ von ĂŒber 120, der bei Autismus-Betroffenen leider weitaus weniger wahrscheinlich ist als in der Durchschnittsbevölkerung.

MYTHOS: “Autistische Kinder sollten in speziellen Programmen gezielt gefördert werden.”

FAKT: Kinder mit ASD profitieren von Interaktionen mit alterstypisch entwickelten Kindern, weil dies ihre sozialen und kommunikativen FĂ€higkeiten verbessert und ihre eigenen wiederholenden Spielmuster reduziert. Die Behandlungsempfehlung ist heute, Kinder nach Möglichkeit im Bildungs-Mainstream zu halten und sie nur unter außergewöhnlichen UmstĂ€nden und fĂŒr kurze ZeitrĂ€ume aus diesen herauszuziehen. Kinder mit Autismus-Störungen benötigen allerdings besondere BildungsplĂ€ne, die ihre Behinderung berĂŒcksichtigen.

MYTHOS: “Man sollte versuchen, wiederholende Verhaltensmuster autistischer Kinder zu stoppen.”

FAKT: Wichtig ist es, die Funktion dieser Verhaltensmuster zu verstehen. Diese kann z.B. im Überwinden von Langeweile bestehen, aber auch Stress oder ein SpielbedĂŒrfnis ausdrĂŒcken. Ziel der Behandlung ist in diesem Bereich, das sich wiederholende Verhalten in Richtung eines mehr entwicklungsförderlichen und typischen Spiels zu Ă€ndern. Es geht also um die VerĂ€nderung der Ursachen der Verhaltensmuster statt darum, lediglich das gezeigte Verhalten zu verĂ€ndern.

MYTHOS: “Kinder mit Autismus können nicht selbstĂ€ndige Erwachsene werden.”

FAKT: Die Bandbreite der Entwicklungsmöglichkeiten fĂŒr Kinder mit Asperger-Syndrom ist enorm. Viele Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen können als Erwachsene unabhĂ€ngig leben, arbeiten, enge Freundschaften entwickeln, auch romantische Beziehungen. Es ist zwar wahrscheinlich, dass die meisten Erwachsenen mit derartigen Störungen immer irgendeine Art von UnterstĂŒtzung benötigen, doch kann dies oft in grĂ¶ĂŸeren AbstĂ€nden erfolgen (z.B. regelmĂ€ĂŸige Psychotherapie in ambulantem Rahmen). Viele Autisten dagegen benötigen spezielle Vollzeitbetreuung, aber auch hier gibt es die gesamte Bandbreite vom klinischen Kontext bis zu Services, wie sie in jeder grĂ¶ĂŸeren Stadt zur VerfĂŒgung stehen (z.B. betreutes Wohnen, Integrations-ArbeitsplĂ€tze etc.).

Noch einige weitere Fakten zum Thema Autismus:

Quellen: Debunking Autism Myths, 11/2015
Image sources: sciencebasedmedicine.org (brain)

May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigermaßen verspĂ€tet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich kĂŒrzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und rĂŒcksichtslos agiert und schließlich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtmĂ€ĂŸigen Anteile betrogen. SpĂ€ter werden auf Anraten der AnwĂ€lte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt – dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit jĂŒngste MilliardĂ€r.

Auch wenn natĂŒrlich keinerlei Sicherheit darĂŒber besteht, ob die dargestellten Persönlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die kĂŒhle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits wĂ€hrend der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit MĂ€dchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der fĂŒr “Aspies” hĂ€ufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine völlige Außerachtlassung ihrer GefĂŒhle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog veröffentlicht und andere VorfĂ€lle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines GefĂŒhls von AbsurditĂ€t nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verstĂ€rken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verstört, Freundschaften zerbrechen am Außerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder geschĂ€ftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer Störung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschlĂ€gigen Websites entnehmen kann, ĂŒbrigens auch den ĂŒberwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich hĂ€ufig durch hohes Talent, was spezifische FĂ€higkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder kĂŒnstlerischen Berufen tĂ€tig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich verĂ€ndernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum annĂ€hert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verfĂŒgt ĂŒber hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” fĂŒhlen kann – wie wĂŒrde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben trĂ€fe … und wĂŒrde man dies ĂŒberhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erhöhen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu hĂ€ufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter BerĂŒcksichtigung der Erkenntnisse ĂŒber NeuroplastizitĂ€t auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren prĂ€frontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen FĂ€higkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erklĂ€ren, dass wir immer hĂ€ufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen MitschĂŒlern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktstörungen neben Depressionen zur Gruppe zur am stĂ€rksten zunehmenden Gruppe psychischer Störungen dieses Jahrhunderts gehört.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enthĂ€lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensstörungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschließlich psychischer und Verhaltensstörungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verfĂŒgen aber nicht nur ĂŒber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun fĂŒr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: fĂŒr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten EntwĂŒrfe zur Veröffentlichung freigegeben, die endgĂŒltigen Fassungen werden dann fĂŒr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der VorschlĂ€ge fĂŒr den neuen DSM-V veröffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden mĂŒssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal ĂŒberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was ĂŒber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt fĂŒr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “VĂ€ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, daß die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen TĂŒren stattfinden, selbst ihm habe man einschlĂ€gige AuskĂŒnfte verwehrt. Sein Nachfolger fĂŒr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Außerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“BeflĂŒgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard UniversitĂ€t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die große Bedeutung solcher Diagnosemöglichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, hĂ€tten sich diese Erwartungen aber nicht erfĂŒllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverlĂ€ssig feststellen ließen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, PersönlichkeitszĂŒge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche Änderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-MentalitĂ€t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise fĂŒnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgeprĂ€gt sind. Solcherart soll dem hĂ€ufigen Umstand besser gerecht werden, daß viele Patienten nicht nur an einer einzelnen Störung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch könnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgestört und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz könnte auch dazu fĂŒhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert fĂŒr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon fĂŒr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den Ärzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, löst aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

DarĂŒber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingefĂŒhrt, die ebenfalls fĂŒr Diskussionsstoff sorgen dĂŒrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die frĂŒhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das könne zu einer verfrĂŒhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unnötigen Stigmatisierung fĂŒhren, BefĂŒrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit frĂŒher helfen zu könenn.
“Hypersexual disorder” (HypersexualitĂ€tsstörung) ist fĂŒr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den WĂŒnschen Transsexueller dĂŒrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (GeschlechtsidentitĂ€tsstörung) geben.

Statt der bisher zwölf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch fĂŒnf Persönlichkeitsstörungen geben, nĂ€mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische Störung. Damit wĂŒrde auch das frĂŒher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere fĂŒr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “GefĂŒhlsregulationsstörung mit schlechter Stimmung” zu ĂŒbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter GefĂŒhlsausbrĂŒche und negativer StimmungszustĂ€nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll kĂŒnftig von den “Störungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings wĂŒrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger fĂŒr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine VerĂ€nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder AbhĂ€ngigkeit wurde vollstĂ€ndig durch diejenige von Störungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumstörung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (AlkoholabhĂ€ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder AbhĂ€ngigkeit, sondern von substanzbezogenen Störungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollstörungen fĂ€llt. Ein Pendant fĂŒr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man möchte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn genĂŒgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan fĂŒr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, könnte alternative Lösungsmöglichkeiten ins Abseits drĂ€ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen dĂŒrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige RĂ€tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gelöst werden.” (tp)

(Quellen und AuszĂŒge aus: tp, Science 02/2010)

Oct 20

An der UniversitĂ€t Wisconsin-Madison wurden 1.200 Autismus-FĂ€lle und 300.000 Geburten untersucht, ca. 50% mehr als in jeder anderen zuvor durchgefĂŒhrten, einschlĂ€gigen Studie. Hierbei wurde nachgewiesen, daß die Erstgeborenen sowie die Kinder Ă€lterer Eltern ein besonders hohes Risiko haben, an Autismus zu erkranken.

Das Risiko eines erstgeborenen Kindes, an einer Krankheit des autistischen Spektrums zu erkranken, verdreifachte sich, nachdem eine Mutter das 35. Lebensjahr, und der Vater das 40. Lebensjahr erreichte. Mit jeder Erhöhung des Alters der Eltern um 10 Jahre stieg das Risiko um etwa 20%. Das als viertes geborene Kind hatte nur etwa das halbe Risiko, unabhÀngig vom Alter der Eltern.

Über die GrĂŒnde fĂŒr diese ZusammenhĂ€nge sind die Forscher noch im Unklaren. Am wahrscheinlichsten werden als Grund fĂŒr die Verbindung zwischen dem Lebensalter der Eltern und dem Störungsbild genetische Faktoren (z.B. altersbedingte SchĂ€den an den Chromosomen), toxische EinflĂŒsse (die Toxinanreicherung im menschlichen Körper nimmt mit dem Alter zu) oder die Folgen von Hormonbehandlungen mit dem Ziel einer kĂŒnstlichen Befruchtung angenommen. James Crow, ein Genetiker an der UniversitĂ€t, will die ersteren (genetischen) Ursachen allerdings eher ausschließen, da die altersbedingten genetischen VerĂ€nderungen bei MĂ€nnern und Frauen unterschiedlich sind und die beobachteten ZusammenhĂ€nge nicht vollstĂ€ndig erklĂ€ren könnten.
Das scheinbar höhere “Risiko” fĂŒr Erstgeborene sieht Crow nicht als solches, sondern erklĂ€rt den verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hohen Prozentsatz damit, daß Frauen nach der Geburt eines (ersten) autistischen Kindes zumeist kein zweites mehr zur Welt bringen. Seine Kollegin Durkin jedoch möchte einen Zusammenhang nicht ausschließen: im Laufe der bisherigen Lebensjahre akkumulierte Toxine etwa wĂŒrden möglicherweise in den Fötus des Erstgeborenen eingelagert oder ĂŒber die Muttermilch ĂŒbertragen, und spĂ€ter dann ein etwaiges zweites Kind nicht mehr so stark belasten. Auch wĂŒrde Autismus hĂ€ufig ja erst nach dem 2. oder 3. Lebensjahr diagnostiziert – einem Zeitraum, in dem viele MĂŒtter bereits das 2. Kind empfangen haben. Ein weiterer Grund könnte darĂŒber hinaus auch eine Autoimmun-Reaktion des kindlichen Hirns sein, da Erstgeborene weniger stark von anderen Kindern verbreiteten Infektionen ausgesetzt sind. ImpfschĂ€den werden als Ursachen fĂŒr autistische Störungen ausgeschlossen – diese waren zwar nicht Untersuchungsgegenstand, schon in frĂŒheren Untersuchungen konnte jedoch kein einschlĂ€giger Zusammenhang festgestellt werden.

Störungen aus dem autistischen Spektrum werden etwa bei jedem 150. Menschen festgestellt, mit steigender Tendenz.

Literatur zum Thema

(Quelle: APA, 01.01.2009)

Update zum Blog-Artikel vom 20.10.2009 u. 10.02.2010:

Das Ergebnis der angefĂŒhrten Studie wird auch durch eine neuere Untersuchung von Daten des California Department of Development Services bestĂ€tigt. Sowohl ein höheres Alter der Mutter als auch beider Elternteile sind unabhĂ€ngig mit einer Steigerung des Autismus-Risikos des Nachwuchses assoziiert. Aufzeichnungen von 7.550.026 Kindern, die zwischen 1989 und 2002 geboren wurden, wurden untersucht und dabei autistische Kinder (n=23.311) identifiziert und mit dem Rest der Studienpopulation verglichen. Ein Anstieg des Alters der Mutter war um 10 Jahre mit einer 38%igen Steigerung des Autismus-Risikos assoziiert, ein Anstieg des Alters beider Eltern um 10 Jahre mit einer 22%igen Steigerung des Autismus-Risikos.  Es scheinen also eindeutig biologische Mechanismen fĂŒr die oben beschriebene unabhĂ€ngige Assoziation zwischen mĂŒtterlichem und elterlichem Alter und Autismusrisiko vorzliegen. [Quellen]. Photo:SundayTimes

ï»ż01.09.19