Nov 13

In seiner mittlerweile ber√ľhmt gewordenen “Marshmallow-Studie” pr√§sentierte der Psychologe Walter Mischel 4-J√§hrige mit einer Herausforderung: “I√ü’ ein Marshmallow gleich jetzt – oder warte eine Weile und bekomme zwei!”

Einige begannen sofort zu essen, andere dagegen waren in der Lage, zu widerstehen. 14 Jahre sp√§ter fand Mischel erstaunliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen: jene, die gewartet hatten, waren vertrauensw√ľrdig geworden, selbstsicher und hatten guten schulischen Erfolg; jene, die nicht gewartet hatten, waren dagegen vergleichsweise impulsiv, stur, und schnitten deutlich schlechter bei einem Psychologischen Test ab, der die Probleml√∂sungskompetenz mi√üt (SAT Reasoning Test).

Der wichtigste Unterschied aber war nach Prof. Philip G. Zimbardo, PhD, ihre zeitliche Perspektive: Menschen, die ihre Belohnung aufschieben k√∂nnen, sind auch in ihrer Entscheidungsfindung zukunftsorientierter, w√§hrend diejenigen, die eine sofortige Belohnung erwarten, an ihre gegenw√§rtigen Bed√ľrfnisse gekettet sind. Jede Entscheidung ist demnach durch unsere internale Zeitperspektive bestimmt, eine Art unbewusste Reaktion, welche von Faktoren wie Familie, Wirtschaft, Geographie, Bildung und Kultur gepr√§gt ist. Wichtig sei eine Balance zwischen der Orientierung auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so Zimbardo – wenn man den dunklen Aspekten einer dieser Zeitebenen zu viel Aufmerksamkeit schenke, k√∂nne sich das desastr√∂s auf unsere Gesundheit, Beziehungen und Finanzen auswirken.

Neigen Sie, das Leben in vollen Z√ľgen zu genie√üen, haben aber nie genug Geld am Konto? Dann sind Sie gegenwartsorientiert, was sowohl das Potenzial f√ľr gro√üe St√§rken, aber auch Risken hat: Gegenwartsorientierung findet sich einer einschl√§gigen Studie zufolge h√§ufig bei Spielern und Menschen, die riskante Formen von Sexualverkehr aus√ľben, oft ist sie verbunden mit Drogenmi√übrauch oder alkoholisiertem Fahren. Unter ihnen finden sich jedoch auch die am meisten energiegeladenen, freundlichen, spontanen und kreativen Menschen (Personality and Individual Differences Vol. 23, No. 6, p=1700).

Auch bei vergangenheitsorientierten Personen gibt es diese Polarit√§t: “Vergangenheits-Negative” glauben, die beste Zeit liege hinter ihnen, oder sie machen die Vergangenheit f√ľr ihre aktuellen Probleme verantwortlich. “Vergangenheits-Positive” dagegen haben ein vergleichsweise hohes Selbstwertgef√ľhl, sch√§tzen Weisheit und zeigen Dankbarkeit. Aber beide Typen haben Probleme, wenn sie mit ihrem Denken zu sehr in der Vergangenheit verhaftet sind: es sind die sog. Fortschrittsverweigerer – sie z√§hlen in einer Welt der st√§ndigen Ver√§nderung bald zu den Verlierern.

Hinsichtlich des materiellen und sozialen Erfolgs im Leben bew√§hrt sich offenbar ein leichter Hang zur Zukunftsorientierung, erl√§utert Zimbardo anhand Mischel’s Studie. Zukunftsorientierte Denker sind √∂fters erfolgreich, sparen Verm√∂gen an und achten mehr auf ihre k√∂rperliche und seelische Gesundheit. Eine zu starke Zukunftsorientiertheit allerdings kann zu sozialer Isolierung f√ľhren oder zur Vernachl√§ssigung von Beziehungen, Sex und Schlaf zugunsten der Arbeit oder abstrakten Lebenszielen.

Das Wissen √ľber die zeitbezogene Denkorientierung kann helfen, Patienten in Bezug auf ihre Therapieerfolge besser einzusch√§tzen, vielleicht auch zu unterst√ľtzen. Sowohl in der medizinischen Therapie, der Rehabilitation als auch in Psychotherapien sind Erfolge “vom Fleck weg” eher selten, zumeist mu√ü eine Phase ohne deutliche Ver√§nderung oder sogar Unwohlgef√ľhle (in der medizinischen Therapie nicht selten auch Schmerzen) ausgehalten werden, um gute Heilungserfolge zu erzielen. Patienten, die Therapien fr√ľhzeitig abbrechen, sind meist vergangenheits- oder gegenwartsorientiert. Jene, die durchhalten, realisieren, da√ü es ihnen langfristig besser gehen wird, auch wenn es im Moment unangenehm ist oder gar weh tut.

Insofern ist es wichtig, Patienten zu helfen, diese Dynamik zu verstehen, sie dabei zu unterst√ľtzen, ihre Perspektiven je nach Notwendigkeit flexibel anzupassen und damit ihr Potenzial besser zu n√ľtzen. “Wenn es Arbeit zu erledigen gibt, seien Sie zukunftsorientiert. Nach der Arbeit aber legen Sie eine Pause ein, g√∂nnen Sie sich eine Massage, belohnen und verw√∂hnen Sie die hedonistische Seite in Ihnen”, sagt Zimbardo. Auf die Balance kommt es an.”

(Photo credit: creatas; Quelle: Focus.de)

Blog-Begriffswolke:
ÔĽŅ10.06.18