Dec 08

Frauen, die kurz nach der Geburt wegen schwerer psychiatrischer Erkrankungen (einschließlich Depressionen) behandelt werden mussten, werden im späteren Leben häufiger als bipolar diagnostiziert verglichen mit Frauen, deren erste psychiatrische Episode während eines anderen Lebensabschnitts auftritt, wie eine neue Studie aus Dänemark zeigt.

Es besteht jedoch noch Unklarheit darüber, ob es sich bei postpartalen Depressionen oder Schizophrenie-ähnlichen Episoden nicht gelegentlich tatsächlich um falsch diagnostizierte bipolare Störungen handelt – oder, ob mehr Frauen mit diesen Erstdiagnosen im Laufe der Zeit womöglich vermehrt bipolare Störungen entwickeln. Doch während postpartale Depressionen relativ häufig sind, treten schwere Depressionen und andere psychiatrische Episoden, welche stationäre oder ambulante Klinikaufenthalte erfordern, nur bei ca. 1 von 1.000 neuen Müttern auf.

Bipolare Störungen sind durch Wechsel zwischen schweren Depressionen und “Manien” (während denen eine Person übermäßig aufgeregt, glücklich und voller Energie ist) gekennzeichnet. Sie werden heute i.d.R. mit Kombinationstherapien aus Medikamenten und Psychotherapie behandelt. Am häufigsten manifestieren sie sich im frühen Erwachsenenalter – und das National Institute of Mental Health (USA) schätzt, dass immerhin 6% der US-Bevölkerung an einem gewissen Punkt im Leben an dieser Störung erkranken.

Frühere Studien suggerierten, dass der Geburtsvorgang als Auslöser für eine erste bipolare Episode fungieren könnte. Doch nur wenige Frauen wurden während der ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes entsprechend diagnostiziert. Nach der vorliegenden Arbeit wird nun vermutet, dass eine schwere psychische Krise kurz nach der Geburt auf eine zugrunde liegende bipolare Störung hindeuten könnte.

In der Studie wurde der Status von dänischen Frauen nach einer ersten psychiatrischen Episode über 15 Jahre hindurch beobachtet, um zu sehen, ob der Zeitpunkt der Episode – kurz nach der Geburt oder nicht – eine Schlußfolgerung darüber erlauben würde, ob sich später eine bipolare Störung zeigen würde. Zu diesem Zweck wurden die Krankheitsgeschichten von 120.000 Frauen, welche seit 1970 aufgrund schwerer Depressionen oder einer anderen psychiatrischen Erkrankung stationär behandelt wurden, analysiert. Von diesen hatten 2.900 die Episoden innerhalb eines Jahres nach der Geburt ihres ersten Kindes.

Die Ergebnisse zeigten, dass eine schwere psychiatrische Episode in dem Monat nach der Geburt (im Vergleich zu einer Episode zu einem anderen Zeitpunkt) mit einer vierfachen Wahrscheinlichkeit letztlich zu einer bipolaren Diagnose führt. Von Frauen, die ihre erste psychiatrische Folge im ersten Monat nach der Geburt hatten, wurden 14 Prozent schließlich als bipolar diagnostiziert im Vergleich zu 4-5% der Frauen mit psychiatrischen Episoden zu einem anderen Zeitpunkt. Die früheren Studienergebnisse wurden also bestätigt, jedoch auch ein Zusammenhang mit anderen psychiatrischen Diagnosen aufgezeigt. Die Geburt eines Kindes ist somit ein potenter und spezifischer möglicher Auslöser für bipolare Störungen.

Daran beteiligt sein könnten hormonelle Veränderungen, die während der letzten Schwangerschaftswochen und beim Geburtsvorgang selbst auftreten, ebenso wie Schlafmangel und verschiedene Stressfaktoren. Häufig werden in diesen Folgen jedoch fälschlicherweise Depression oder Angststörungen diagnostiziert.

Keineswegs sicher ist jedoch, ob die betreffenden Frauen nicht auch ohne die Geburt eines Kindes eine bipolare Störung entwickelt hätten. Ebenso ist mit der Studie kein Beweis eines Zusammenhangs zwischen Geburt bzw. ‘postpartaler Depression’ und bipolaren Störungen gefunden, und ob es sich etwa auch bei leichteren Depressionen um bipolare Symptome handeln könnte.

Sehr wohl aber vertreten die Studienautoren die Ansicht, dass behandelnde Ärzte bei auftretenden psychiatrischen Symptomen nach der Geburt verstärkt die Möglichkeit bipolarer Störungen in ihre Überlegungen einbeziehen sollten. Auch sollte Schwangerschaft in die Liste potenzieller Risiken für die Auslösung dieser Störung aufgenommen werden. Mit diesen Maßnahmen könnte die Früherkennung deutlich verbessert werden und damit auch eine frühestmögliche, effiziente Behandlung oder zumindest Stützung der Frauen erreicht werden, statt mit einer vorschnellen Behandlung ausschließlich mittels Antidepressiva womöglich bestimmte bipolare Symptome noch zu verschlimmern.

(Quellen: Reuters; Psychiatric Disorders With Postpartum Onset: Possible Early Manifestations of Bipolar Affective Disorders in: Arch Gen Psychiatry. Published online December 5, 2011. doi:10.1001/archgenpsychiatry.2011.157. Image credit: drop.ndtv.com)

Nov 06

Hatten Sie kürzlich mit jemandem Kontakt, der völlig die Kontrolle über sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensstörungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich für problematisch, denn denn wer dürfte sich schon anmaßen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivität, Bullying, Lügen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegenüber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck darüber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderjährigen kommen meist aus problematischen Verhältnissen, haben Mißbrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gelöst, können sich bei ihnen Persönlichkeitsstörungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Persönlichkeitsstörung”, bipolare Störungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko für eigene oder fremde körperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gefängnisstrafen, Mord oder Suizid stark erhöhen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und häufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückschrecken. Häufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betrügen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerstören. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen äußerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewußt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, ängstlich und hoffnungslos fühlen, was nicht selten zu Alkoholmißbrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen führt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erklärt werden. Mediziner suchen nach rein körperlichen (z.B. genetischen) Erklärungen, lassen dabei aber häufig außer Acht, dass für viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil für emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen übermäßig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Persönlichkeitszügen mangelt es zusätzlich an Empathie und Verständnis für die Situation der anderen, was die Hemmung für Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur würden diese Leute im Konfliktfall unfähig sein, sich in Ihre persönliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gesprächsebene zu klären, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zunächst auf Abstand zu gehen, um das Gegenüber emotional “abkühlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewissermaßen eine Übersicht über die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Schätzungen stirbt jährlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tatsächlich dürfte diese Zahl aber sogar noch deutlich höher liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen Ländern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid trägt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesfällen bei und ist die zehnthäufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, für das Daten verfügbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gefährdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine Änderung ergeben hat, und ältere Menschen, bei denen ein deutlicher Rückgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalität: innerhalb Europas liegen die Raten in den nördlichen Ländern generell etwas höher als in den südlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der täglichen Sonnenscheindauer schließen lässt. Dennoch können andere Länder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Großbritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesfälle auf Selbsttötung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der die Suizidhäufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal gehäuftes Auftreten von Suiziden erklärt werden könnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” veröffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in jüngster Zeit in Südkorea angestiegen: nämlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbsttötungen von Männern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und beträgt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am höchsten. Die OECD führt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Auflösung der traditionellen Familienbindungen zurück. Ob das allerdings Südkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegenüber den anderen Ländern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zurückgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach Südkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine überdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und Österreich (12,6; 27/100000 bei Männern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegenüber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Großbritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den übrigen OECD-Ländern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier töten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widersprüchliche Daten zur sog. Glücklichkeitsforschung förderte bemerkenswerterweise allerdings eine Studie zutage, die Zusammenhängen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen Ländern die Selbstmordrate trotz großer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabhängig von harten Wintern, religiösem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen Ländern (mehr):

Eine Erklärungsmöglichkeit für diesen vordergründigen Widerspruch könnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid stärker empfunden wird. Gesellt sich zum persönlichen Lebensunglück dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses verändern zu können, kann Suizid von bestimmten Persönlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu Österreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. Jährlich sterben in Österreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 wählten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamtösterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erwähnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Straßenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in Österreich immer weniger Autopsien durchgeführt werden, sinkt die Möglichkeite, Suizide von natürlichen Todesfällen zu unterscheiden. So zeigen sich in Ländern mit den höchsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn höhere Suizidraten als in Ländern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in Ländern, in denen Autopsieraten zurückgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken überhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industrieländern beträgt das Geschlechterverhältnis bezüglich des Suizids etwa zwei bis vier (Männer) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische Länder zeigen ein kleineres Verhältnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als Männer durch Suizid.

Risikofaktoren für Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • männliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 Männern, 5,2 bei Frauen)
  • frühere Selbstverletzungen
  • Homosexualität
  • psychiatrische Störungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Militärdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben Änderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit höherem Suizidrisiko verknüpft, das Risiko ist jedoch größer, wenn der niedrigere Spiegel über Diäten anstatt über Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herrühren könnte, dass Diät haltende Menschen ein höheres Risiko für psychische Probleme hätten. Bislang jedoch lägen hierfür keine bekräftigenden Hinweise vor. Familiäre Vorgeschichten mit Selbsttötungen verdoppeln zumindest das Risiko für Mädchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar dürftig ist, sind ein hohes Maß an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivität mit einem erhöhten Suizidrisiko verknüpft. Suizidraten nehmen über die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf mütterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbeschäftigten höher als bei Berufstätigen. Höhere Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verknüpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufstätigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erhöhtes Risiko: praktische Ärzte haben in den meisten Ländern ein hohes Risiko, wobei jedoch Ärztinnen generell das höchste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den Ärzten gelten Anästhesisten als besonders gefährdet, denn für viele Suizide werden betäubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahnärzte, Apotheker, Tierärzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten Ländern unter den älteren Menschen am höchsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der jüngeren Bevölkerung gestiegen, insbesondere bei Männern. Suizide werden am häufigsten im Frühling verübt, auch da besonders unter Männern. Im Frühling oder Frühsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erhöhtes Suizidrisiko. Amerikaner europäischer Herkunft haben höhere Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls höhere Suizidraten, möglicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und stärkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal höher als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualität an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen Männer eher gewalttätige Mittel der Selbsttötung (zum Beispiel durch Hängen oder Erschießen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erklärung für den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen Männern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig erfolgen. Verschiedene Bevölkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in Südasien verbrennen sich Frauen üblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden könnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat führt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am höchsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den ländlichen Gebieten vieler Entwicklungsländer ist das Verschlucken von Pestiziden die häufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verfügbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind Frühwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbsttötungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst töten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer Störung litten. Depressionen erhöhen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose häufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt überhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterstützung. Das heißt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine adäquate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbsttötung bei Depressionskranken beinhalten frühere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer Störung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am höchsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und körperdysmorphe Störung (KDS) erhöhen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erklärt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergrößernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. Überraschenderweise weisen Menschen mit erhöhtem Body-Mass-Index BMI ein zwar stärkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent Rückgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter Körperoberfläche beim BMI). Die Gründe hierfür sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen körperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch über die Kindheit hinweg, die gesamte Bevölkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, möglicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erhöhtem Risiko, und Suizidhäufungen können in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren fügen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die über suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bevölkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen können.”

Jüngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, daß Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren können. Dazu konnten Sie hier im Blog schon früher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich höher als bei Älteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen dafür liegen häufig in den traumatisierenden Erlebnissen im frühen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizität auf und ist durch äußere Einflüsse sehr veränderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren für spätere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzufügen. Das Ausdrücken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstmörder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund für die immer früher auftretenden Depressionen nennen Experten die frühere Pubertät und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es für Jugendliche viel leichter, eine Krise zu überwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu können, wäre ein schwierig zu erfüllender, da eine große Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tatsächlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien könnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bevölkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbsttötungsgedanken und –plänen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschlägige Ausbildung und Vorgangsweise von Ärzten wichtig: Studien aus den nordeuropäischen Ländern belegen einen Rückgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemeinärzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In Fällen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Maßnahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und Überwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Außerdem müssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verknüpften psychiatrischen Störung eingeleitet werden.

Auch eine Veränderung des allgemeinen Zugangs zu gefährlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einführung von Sicherheitsgittern auf Brücken und verstärkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer können die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, könnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, daß Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden würden, ihr Ziel umzusetzen, mag überrascht sein, daß z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbsttötungen drastisch zurückgingen, während z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit höchste Suizidrate und konnte diese durch Präventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschläge und Hinweise für das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung Südkoreas (das jüngst den weltweit stärksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mußte, siehe oben) zur Prävention u.a. auch Internet-Sperren einführen. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen über Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass die Polizei die persönlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen über Selbstmord gelöscht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsländern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industrieländern erfolgt, die höchste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsländern zu finden ist. Auch wird von einschlägig Forschenden auch eine jüngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten lässt, dass das Risiko für Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit Störungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angehörige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht plötzlich zurückzieht, gedrückt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Präsuizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen darüber zu sprechen. Dennoch sind die Möglichkeiten der Angehörigen häufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von außen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich überfordert fühlt oder das Gefühl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu können.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen Fällen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erhärteter Fakten dargelegt, dass einige psychische Störungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen Störungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben führen und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben können. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen können mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausführlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfaßt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom – erkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-Überlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

Nov 09

Die Bipolare Störung ist eine ernsthafte psychische Erkrankung (früher bekannt als “manisch-depressive Störung”), welche mit Ungleichgewichten im Hirnstoffwechsel in Verbindung steht.

Psychotherapie und die Kombination mit der Einnahme von Psychopharmaka können sehr gut dabei helfen, diese Störung besser in den Griff zu bekommen. Die American Academy for Family Physicians empfiehlt deshalb, auch im regulären Alltag folgende Dinge zu beachten:

  • beobachten Sie den Verlauf Ihrer psychischen Verfassung, und halten Sie Ihre Nächsten darüber auf dem Laufenden
  • gewöhnen Sie sich an einen bestimmten täglichen Zeitablauf für Tätigkeiten wie Schlafen-gehen und Aufwachen, Essen, Sport und andere
  • nehmen Sie Ihnen verschriebene Medikamente möglichst regelmäßig ein
  • vermeiden Sie Koffein und versuchen Sie, ohne Medikamente gegen Erkältungskrankheiten und Allergien sowie Schmerzmittel auszukommen.
  • Fragen Sie Ihren Facharzt, ob Sie persönlich a) Alkohol eher vermeiden sollten sowie b) ob Sie eine spezielle andere Medikation benötigen
  • versuchen Sie, Stress oder andere psychischen Belastungen möglichst zu reduzieren bzw. ganz zu vermeiden
  • halten Sie mit Ihrem Arzt und/oder Psychotherapeuten rechtzeitig Rücksprache, wenn Sie bemerken, daß sich Ihr Verhalten zu verändern beginnt oder Sie beginnen, anderwertige bipolare Symptome an sich festzustellen
  • suchen Sie eine lokale Selbsthilfegruppe, um sich mit anderen Betroffenen zu vernetzen.
25.06.19