Dec 06

r.l.f., 1994 ūüėČ

Das Universit√§tsklinikum Salzburg ver√∂ffentlichte k√ľrzlich eine Studie, welche bei Depression und Suizidalit√§t eine unterst√ľtzende Wirkung der Psychotherapie und Pharmakotherapie durch Bewegungstherapie nachweist.

Die Idee entstand bei gemeinsamen Film-Deharbeiten zum Thema ‚ÄěAlpen und Suizid‚Äú von Dozent Reinhold Fartacek und Reinhold Messner auf dem Rauriser Sonnblick. Die ver√∂ffentlichte wissenschaftliche Studie ‚ÄěPhysical exercise through mountain hiking in high-risk suicide patients. A randomized crossover trial‚Äú (siehe u.a. Quellverweise) best√§tigt eindrucksvoll die unterst√ľtzende Wirkung einer Bewegungstherapie zu Psychotherapie und Pharmakotherapie. Mit dieser Studie k√∂nnen auch erstmals Schwankungen der psychischen Befindlichkeit nicht nur beobachtet sondern auch verstanden werden.

Die √§u√üerst aufgrund der Vielzahl der abgefragten Parameter (z.B. t√§gliche Selbsteinsch√§tzung der TeilnehmerInnen, psychologische Daten, Prozesseinsch√§tzung, Vorher-/Nachher-Einsch√§tzung, sportphysiologsiche Messungen) √§u√üerst komplexe Wanderstudie “√úbern Berg” ist weltweit einmalig. Es wurde wie heute generell in der Suizidpr√§vention darauf gesetzt, auf individuelle St√§rken anstatt auf Krankheit zu achten. Die Patienten sollten durch die k√∂rperliche Aktivit√§t beim Bergwandern und das Erlebnis ‚Äď “√ľber den Berg zu gehen” ‚Äď f√ľr den Alltag seelisch und k√∂rperlich zu st√§rken. Diese Erfolge, aber auch das Erlebnis der Natur sowie die zwischenmenschlichen Begegnungen w√§hrend des Bergwanderns sollten ihnen Mut und Hoffnung f√ľr die Bew√§ltigung des Alltags geben. Mit Redewendungen wie ‚ÄěEs geht bergauf‚Äú oder ‚ÄěBerge versetzen‚Äú werden im Alltag positive Entwicklungen beschrieben. Doch obwohl in √Ėsterreich mehr als 74% der √ľber 15-J√§hrigen zumindest gelegentlich wandern, k√∂nnen sich gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in Lebenskrisen nur schwer √ľberwinden, k√∂rperlich aktiv zu sein.

Synergetisches Navigationsystem (SNS)

Die interdisziplin√§re Studie (PsychiaterInnen, PsychologInnen, Sportmediziner, PflegemitarbeiterInnen) fand in der Salzburger Bergwelt statt. Die Selbsteinsch√§tzung wurde mittels der Nutzung eines vom Leiter des PMU-Instituts f√ľr Synergetik und Psychotherapie-forschung, Univ.-Prof. Dr. G√ľnter Schiepek entwickelten sog. ‚ÄěSynergetischen Navigationssystems‚Äú (SNS) messbar gemacht. Mit einem darin eigens angelegten Online-Fragebogen wurde 6 Monate hindurch t√§glich die pers√∂nliche Befindlichkeit mit 38 Einzelitems in einer Selbsteinsch√§tzung angegeben. Durch die hochfrequenten Messungen ergab sich eine Verlaufsdarstellung mit mehr oder weniger stark ausgepr√§gten Schwankungen und Phasen√ľberg√§ngen. Speziell in den Bereichen Freude und Selbstwertgef√ľhl kam es in der Wanderphase bei vielen Teilnehmern zu einer Steigerung ‚Äď wobei die √Ąngstlichkeit gleichzeitig abnahm.

Die Studienteilnehmer wurden in zwei Gruppen geteilt. Die Wandergruppe wanderte 9 Wochen lang, w√§hrend die Wartekontrollgruppe keine speziell geplanten Aktivit√§ten durchf√ľhrt. Nach 9 Wochen wurde gewechselt, und jeweils die empfundenen Ver√§nderungen der Hoffnungslosigkeit und Depressivit√§t wie auch die rein k√∂rperliche Ausdauerleistungsf√§higkeit gemessen. Hinsichtlich der empfundenen Hoffnungslosigkeit, Depressivit√§t, wie auch der k√∂rperlichen Ausdauerleistung ging es den TeilnehmerInnen signifikant besser als vor der Studie. Die Studienteilnehmer berichteten von einer neu angeeigneten Tagesstruktur, mehr Appetit, mehr Selbstvertrauen und weniger Stress. Dies berichteten selbst die meisten jener Patienten, die sich zun√§chst alles andere als “sportbegeistert” bezeichnet hatten.

Um √úberforderungen zu vermeiden, wurde zun√§chst der optimale Belastungspuls der PatientInnen ermittelt und bei jeder Wanderung mittels Herzfrequenzmesser √ľberwacht. Bald merkten die Wanderer, dass es bei dieser Sportart nicht darum geht, der Schnellste zu sein – so war es jedem m√∂glich, das eigene Tempo zu finden. Jede Wanderung startete mit einfachen Mobilisations√ľbungen und endete mit abschlie√üenden Dehn√ľbungen. Im Laufe der Studie war an Stelle der fehlenden Motivation die Vorfreude auf die n√§chste Wanderung so gro√ü, dass die Teilnehmer oft schon eine gute Weile vor dem vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt warteten.

Die Teilnahme der Patienten am Wandern war nahezu l√ľckenlos und belegt, dass diese Form der Bewegung nicht nur akzeptiert sondern auch gerne ausge√ľbt wurde ‚Äď und das selbst bei Wind und Wetter. Die verbesserte k√∂rperliche Leistungsf√§higkeit ist insofern g√ľnstig, als k√∂rperliche Bewegung auch rein k√∂rperlich gesund ist, gerade von depressiven Personen aber h√§ufig zu wenig ausge√ľbt wird. Wandern jedoch kann gerade in Mitteleuropa nahezu das ganze Jahr √ľber ausge√ľbt werden.

Schlussfolgerungen

Im Rahmen der Salzburger Wanderstudie konnte mittels täglicher Selbsteinschätzung bestätigt werden, dass bereits nach einer Wanderung die Stimmung verbessert, von negativen Gedanken abgelenkt und Stresssymptome abgebaut werden können. Am Ende des Wanderprogramms konnten Selbstwert und Schlafqualität zusätzlich zur Wirkung der bestehenden psychotherapeutischen und psychopharmakologischen Behandlung verbessert werden, auch Angst- und Borderlinesymptome wurden reduziert. Die körperliche Fitness stieg aufgrund der sorgsam abgestimmten Routenplanung z.T. signifikant.

(Quellen: MedAustria 2012, Acta Psychiatr Scand 2012: 1‚Äď9 (doi: 10.1111/j.1600-0447.2012.01860.x)

May 10

Das letzte filmische Werk des kontroversiellen Regisseurs Darren Aronofsky lie√ü wohl viele Zuseher sprachlos und aufgew√ľhlt zur√ľck – nun, wie so manche seiner Filme wie etwa auch ‘Pi‘…

In Black Swan lernen wir zun√§chst ein fragiles Doppelgespann kennen: Nina ist Ballett-T√§nzerin, und lebt √ľberf√ľrsorglich kontrolliert und von der Au√üenwelt weitgehend gesch√ľtzt mit ihrer Mutter in New York. Ihr Zimmer wirkt wie ein Kinderzimmer, und sie selbst wie ein Teenager im K√∂rper einer jungen Frau. Ihre Mutter ist selbst Ex-Ballerina, und versucht ihre Tochter “mit Zuckerbrot und Peitsche” bei ihrer Karriere im New York City Ballet zu unterst√ľtzen. Emotionen bleiben dabei weitgehend unterdr√ľckt und werden der Leistung und harten Arbeit untergeordnet sowie der Angst der Mutter, ihre Tochter k√∂nnte unter dem Druck der bevorstehenden Herausforderung – der Hauptrolle in einer Neuinszenierung von “Schwanensee” – in fr√ľhere selbstdestruktive Verhaltensmuster (Selbstverletzung) zur√ľckfallen. Die destruktive Beziehung zwischen beiden wird besonders in einer Szene illustriert, in der Nina’s Mutter zur Feier eine kitschige Torte vorbereitet. Als Nina erkl√§rt, keinen Appetit darauf zu haben, droht die Mutter in vorwurfsvollem Ton, die Torte wegzuwerfen. Nina lenkt ein – und mu√ü daraufhin ein St√ľck der Glasur vom ausgestreckten Zeigefinger ihrer Mutter lecken. Die Botschaft: die Mutter hat immer recht, und Nina hat sich gef√ľgig so zu verhalten, wie “man” (ihre Mutter) das von ihr erwartet.

Nina war offenbar schon vom fr√ľhesten Kindheitsalter an gezwungen, sich an den Erwartungen ihrer Mutter zu orientieren, die identische Berufswahl und die Ausrichtung ihres Alltags am Gelingen der Ballett-Karriere verst√§rken diesen Eindruck. Im Zuge der Arbeit am St√ľck “Schwanensee” wird der Zuseher nun Augenzeuge einer zunehmenden Aufl√∂sung der Grenze zwischen dem, was in der kleinen Welt daheim vorzeigbar und “akzeptabel” ist, und den d√ľnkleren Seiten nicht nur der Welt drau√üen, sondern auch Ninas. Der Choreograph des St√ľcks beschleunigt diese Entwicklung durch seine Bemerkung, dass Nina zwar bestens f√ľr die Rolle des “wei√üen Schwans” geeignet, aber nicht leidenschaftlich genug sei, den “schwarzen Schwan” glaubw√ľrdig darzustellen. Vermutlich gef√∂rdert durch die Angst, die Hauptrolle zu verlieren, brechen sukzessive die “dunklen”, bisher von Nina in keiner Weise zugelassenen und ungelebten Seiten durch: sie zeigt Aggression, beginnt, ihren K√∂rper zu erforschen (sie beendet dies schockiert, als sie ihre Mutter im Raum erblickt) und sich in einzelnen Bereichen von ihrer Mutter abzugrenzen. Eine Kollegin verf√ľhrt sie zu einer rauschenden, ja trance√§hnlichen Nacht, von der Nina nach dem Erwachen nicht mehr sicher sagen kann, ob sie dabei tats√§chlich auch erste sexuelle Erfahrungen machte oder nicht. Immer √∂fter bricht ab diesem Zeitpunkt die “andere” Seite durch: zun√§chst flackernd und sekundenlangen Dissoziationen √§hnelnd, dann immer h√§ufiger und l√§nger, wobei Nina zunehmend den √úberblick dar√ľber verliert, was noch Phantasie, Wunschdenken und Einbildung, und was Realit√§t ist.

Das Thema der Spaltung und Dualit√§t zieht sich durch den gesamten Film und beklemmenderweise kann schliesslich nicht einmal mehr der Zuseher mit Sicherheit sagen, was denn nun tats√§chlich geschah und ob einige der verdr√§ngten Phantasien Nina’s tats√§chlich durchbrachen – oder es bei diesen blieb. An diesen Stellen l√§√üt sich ansatzweise der be√§ngstigende Zustand einsetzender psychotischer Sch√ľbe und Dissoziationen erf√ľhlen.

Zunehmend zeigt sich jedoch, dass Nina durch die Integration der “anderen”, abgespaltenen Seite (in der Analytischen Psychologie C.G. Jung‘s: des “Schattens” bzw. des “Schatten-Selbst”)¬† insgesamt lebendiger und st√§rker wird. Nach der Integration der Gef√ľhlsaspekte des “schwarzen Schwans”: Eifersucht, Neid, Hass, Leidenschaft, Erotik und Sexualit√§t u.dgl., wird Nina “komplett”. Ohne das Ende des Films vorwegzunehmen zeigt sich aber auch, dass das brutale Hineingetrieben-werden in eine solche Erfahrung f√ľr die Betreffenden mitunter nur schwer verkraftbar ist, da die psychischen Strukturen um die damit verbundenen inneren Konflikte verarbeiten zu k√∂nnen, nur langsam wachsen – was Zeit (und h√§ufig auch Psychotherapie) erfordert. Im Film ist jedoch meinem Eindruck nach der Weg das Ziel – die Darstellung eines pers√∂nlichen Entwicklungsweges, des in-Erscheinung-Tretens abgespaltener Pers√∂nlichkeitsanteile und Triebe, und schlie√ülich die f√ľr uns alle herausfordernde ad√§quate Integration dieser Teile in den Alltag.

Insgesamt ein packender und aufw√ľhlender Film, den sich insbesondere Psychologie-Interessierte nicht entgehen lassen sollten!

Links zu den erwähnten Filmen:

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth√§lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst√∂rungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie√ülich psychischer und Verhaltensst√∂rungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf√ľgen aber nicht nur √ľber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf√§higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f√ľr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f√ľr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw√ľrfe zur Ver√∂ffentlichung freigegeben, die endg√ľltigen Fassungen werden dann f√ľr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl√§ge f√ľr den neuen DSM-V ver√∂ffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m√ľssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal √ľberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was √ľber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f√ľr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V√§ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da√ü die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T√ľren stattfinden, selbst ihm habe man einschl√§gige Ausk√ľnfte verwehrt. Sein Nachfolger f√ľr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au√üerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl√ľgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit√§t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro√üe Bedeutung solcher Diagnosem√∂glichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h√§tten sich diese Erwartungen aber nicht erf√ľllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl√§ssig feststellen lie√üen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers√∂nlichkeitsz√ľge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche √Ąnderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit√§t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f√ľnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr√§gt sind. Solcherart soll dem h√§ufigen Umstand besser gerecht werden, da√ü viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St√∂rung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k√∂nnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest√∂rt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k√∂nnte auch dazu f√ľhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f√ľr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f√ľr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den √Ąrzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l√∂st aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar√ľber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef√ľhrt, die ebenfalls f√ľr Diskussionsstoff sorgen d√ľrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr√ľhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k√∂nne zu einer verfr√ľhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn√∂tigen Stigmatisierung f√ľhren, Bef√ľrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr√ľher helfen zu k√∂nenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit√§tsst√∂rung) ist f√ľr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W√ľnschen Transsexueller d√ľrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit√§tsst√∂rung) geben.

Statt der bisher zw√∂lf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f√ľnf Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen geben, n√§mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St√∂rung. Damit w√ľrde auch das fr√ľher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f√ľr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef√ľhlsregulationsst√∂rung mit schlechter Stimmung” zu √ľbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef√ľhlsausbr√ľche und negativer Stimmungszust√§nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k√ľnftig von den “St√∂rungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w√ľrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f√ľr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver√§nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh√§ngigkeit wurde vollst√§ndig durch diejenige von St√∂rungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst√∂rung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh√§ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh√§ngigkeit, sondern von substanzbezogenen St√∂rungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst√∂rungen f√§llt. Ein Pendant f√ľr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m√∂chte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen√ľgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f√ľr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k√∂nnte alternative L√∂sungsm√∂glichkeiten ins Abseits dr√§ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst√∂rungen d√ľrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R√§tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel√∂st werden.” (tp)

(Quellen und Ausz√ľge aus: tp, Science 02/2010)

Feb 12

Immer mehr Senioren leiden an psychischen Erkrankungen. In einem Interview mit der √∂sterr. Tageszeitung “Der Standard” erkl√§rte der Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD) Wiens, G. Psota: “Wir haben eine wachsende Problematik mit den ‘drei Ds’ – Demenz, Delirium und Depression. Davon sind 35 bis 45 Prozent der √ľber 80-J√§hrigen betroffen”.

Immer noch w√ľrden psychisch Kranke oft diskriminiert und stigmatisiert. Doch psychische Leiden spielen sich mitten in der Gesellschaft ab: Ein Prozent der √Ėsterreicher leiden an Schizophrenie, 870.000 haben ein Alkoholproblem, fast 110.000 Menschen sind dement, 400.000 depressiv. Psota: “Psychische Erkrankungen sind eine Herausforderung an Alle.”, eine Organisation allein k√∂nne l√§ngst nicht mehr eine Vollversorgung gew√§hrleisten. Vielmehr m√ľsste das Wissen √ľber eine ad√§quate Betreuung der Betroffenen sich in alle relevanten Bereiche erstrecken, wozu neben den Angeh√∂rigen und √Ąrzten der verschiedenen Fachrichtungen auch die sozialen Dienste ebenso wie beispielsweise auch die Exekutive geh√∂rten. Wichtig sei auch die ambulante Versorgung durch Psychiatrie und Psychotherapie.

Psota: “Wir haben mittlerweile sehr verschiedene Gruppen von Patienten, die wir betreuen und behandeln. Da sind erstens jene alt gewordenen psychisch Kranken, die durch die Wiener Psychiatriereform aus den Anstalten heraus kamen. Die sind mittlerweile √§lter als 60 Jahre. Sie sind durch langfristige Behandlung und in geeigneten Rahmenbedingungen oft einigerma√üen stabil, man muss sich bei ihrer Betreuung aber zunehmend auch um die k√∂rperlichen Aspekte k√ľmmern, weil die Menschen eben √§lter werden.”

Die zweite Gruppe seien “relativ junge Personen, die Psychosen entwickelt haben, schwere (oft bipolare) Depressionen oder andere psychiatrische Erkrankungen wie beispielsweise das Borderline Syndrom haben und Behandlung f√ľr viele Jahre brauchen. Aber auch Patientinnen und Patienten mit mittelgradigen Depressionen und Angstst√∂rungen, die kurz bis mittelfristig eine psychiatrische Betreuung ben√∂tigen, bis sie von niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern betreut werden k√∂nnen.”

(Quellen f. Teile des Textes u. Bild): Der Standard, 11.02.2010)

Dec 15

Den aktuellen Stand der Behandlung von Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen wurde k√ľrzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) pr√§sentiert.

Unter einer Persönlichkeitsstörung versteht man die extrem starke Ausprägung eines Persönlichkeitsstils wie etwa die zwanghafte, stark abhängige, ängstlich-vermeidende, paranoide, schizoide, die Aufmerksamkeit suchende, antisoziale oder stark narzisstische Veranlagung (Klassifikation siehe ICD-10). Charakteristisch ist bei allen Formen fehlende Flexibilität im Verhalten. Zwischen sechs und neun Prozent der Europäer leben mit so einer Störung, unter Psychiatrie-Patienten beträgt der Anteil in Deutschland sogar 40 Prozent. Betroffene, die besonders stressanfällig, emotional labil und ängstlich sind, entwickeln häufig andere psychische Folgeerkrankungen.

Man nimmt heute an, dass ein belastendes Lebensereignis oder eine nicht gel√∂ste Lebensaufgabe dazu f√ľhren k√∂nnen, dass ein durch Vererbung, Beziehungs- oder Esserfahrungen gepr√§gter Pers√∂nlichkeitsstil kranke Formen annimmt, die auch Behandlung erfordern. “Glaubte man lange, PS w√ľrden erstmals in der Pubert√§t auftreten und dann stabil bleiben, k√∂nnen das aktuelle Studien nicht best√§tigen. Bei 35 Prozent der Patienten liegt das Vollbild der St√∂rung nach zwei Jahren, bei 85 Prozent nach acht Jahren nicht mehr vor”, so Sabine C. Herpertz, Direktorin der Heidelberger Universit√§tsklinik f√ľr allgemeine Psychiatrie. Ohne Behandlung k√∂nne ein zur Krankheit gewordener Pers√∂nlichkeitsstil fatale Auswirkungen haben, die bis zum Suizid reichen.

Die am besten erforschte Pers√∂nlichkeitsst√∂rung ist Borderline (BPS). Schl√ľsselpunkt sei das Training bestimmter Fertigkeiten, wie z.B. die der Regulation von Emotionen und Stress, die Steigerung des Selbstwertgef√ľhls, das Achten auf sich selbst und sich in Schl√ľsselsituationen abzulenken oder zu entspannen. Bew√§hrte Ans√§tze seien jene der DBT, Tiefenpsychologie, basale Kognitionen (z.B. in der Systemischen Therapie) oder auf Mentalisierung (z.B. in der Hypnotherapie), bei der man unter anderem auch die richtige Interpretation des eigenen oder fremden Verhaltens ein√ľbt.

Wer zu einer Pers√∂nlichkeitsst√∂rung neige, sei laut Herpertz nicht von seiner genetischen Disposition abh√§ngig, sondern k√∂nne lernen, die Auswirkungen auf Psyche und Verhalten zu steuern. Am besten vor Pers√∂nlichkeitsst√∂rung gesch√ľtzt seien extrovertierte, kontaktfreudige Charaktere, die nicht zu hohe Anspr√ľche an sich selbst stellen. “G√ľnstig ist auch Ausdauer in Lebensaufgaben und Frust sowie soziale Zuverl√§ssigkeit.” Allerdings k√∂nnen auch zuviel Skrupel sowie sch√§dlicher Perfektionismus, √ľbertriebene Ausdauer, Unf√§higkeit zum Genuss und extreme Extrovertiertheit zu Problemen f√ľhren. “Es gilt stets den Weg der Mitte zu finden”, so die Heidelberger Psychiaterin.

(Quellen: Der Standard, DGPPN (Presseinfo / Abstract))

ÔĽŅ25.06.19