Aug 02

Bulimie ist eine hĂ€ufige Eßstörung insbesondere bei jungen Diabetes-Patientinnen
(Photo: Biomantal, P. Marcinski @ Shutterstock)

Bei Frauen mit Typ-1-Diabetes besteht beinahe doppelt so hĂ€ufig gestörtes Essverhalten – insbesondere Bulimie- wie bei gesunden Altersgenossinnen. Das GefĂ€hrliche an dieser Kombination: durch ihren schwankenden Blutzuckerspiegel erleiden Betroffene meist deutlich frĂŒher an FolgeschĂ€den der Augen, Nieren oder Nerven. In der neuen Leitlinie “Psychosoziales und Diabetes” empfiehlt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) deshalb, Diabetespatientinnen mit Essstörungen so zeitig wie möglich psychotherapeutisch zu behandeln.

An Bulimie leiden etwa zwei Prozent der 14- bis 20-jĂ€hrigen Frauen. Sie essen in einem Anfall unkontrolliert und versuchen die ĂŒberschĂŒssigen Kalorien durch DiĂ€ten, Erbrechen oder exzessiven Sport loszuwerden. Typisch fĂŒr essgestörte Patientinnen mit Diabetes ist zudem das sogenannte “Insulin-Purging”: Sie spritzen sich gezielt zu wenig vom Blutzuckersenker Insulin, um abzunehmen. Durch den niedrigen Insulinspiegel bleibt mehr Zucker im Blut, den die Nieren dann mitsamt den Kalorien ĂŒber den Urin aus dem Körper schwemmen. Die Frauen verlieren zwar Gewicht, verfehlen aber das Ziel ihrer Diabetestherapie: Ihr dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel fĂŒhrt deutlich frĂŒher zu SchĂ€den an GefĂ€ĂŸen und Nerven als bei nicht essgestörten Patientinnen.

“Schwanken Blutzuckerwert und Gewicht bei einer jungen Typ-1-Diabetes – Patientin stark, sollte eine Bulimia nervosa in ErwĂ€gung gezogen werden”, sagt Professor Dr. med. Herpertz, Direktor der Klinik fĂŒr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am UniversitĂ€tsklinikum Bochum und Mitautor der Leitlinie. BestĂ€tigt sich der Verdacht, empfehlen die Experten in dem neuen Behandlungsleitfaden eine Psychotherapie. Dabei sollte sich der Therapeut mit der Zuckerkrankheit auskennen, damit sich die Patientin verstanden fĂŒhlt.

Typ-1-Diabetes entwickelt sich hĂ€ufig im jugendlichen Alter, erlĂ€utert Herpertz – einer Zeit also, in der sich Menschen intensiv mit dem eigenen Selbstwert auseinandersetzen. Diagnose und Behandlung der Zuckerkrankheit stellten diesen Selbstwert oft in Frage: Betroffene Jugendliche mĂŒssen eine DiĂ€t einhalten, auf Alkohol verzichten, Medikamente nehmen, Insulin spritzen. Entwickeln die Patientinnen eine Essstörung, so hĂ€nge dies in der Regel mit einem Selbstwertkonflikt zusammen. “Hier muss die Therapie ansetzen”, so Herpertz. Wichtig sei auch, bei jungen Patientinnen die Familie in die Behandlung mit einzubeziehen.

Neben der Bulimie spielen auch andere Essstörungen bei Menschen mit Diabetes eine Rolle, wie etwa die Binge-Eating-Störung bei der es mindestens einmal in der Woche zu EssanfĂ€llen kommt, die allerdings nicht von gegenregulatorischen Maßnahmen wie etwa Erbrechen gefolgt werden. Sie betrifft vor allem Typ-2-Diabetes-Patienten. Zwar kommt diese Essstörung nicht hĂ€ufiger vor als bei Menschen mit gesundem Stoffwechsel. Weil die Betroffenen dadurch aber an Gewicht zulegen, wirkt Insulin bei ihnen noch weniger blutzuckersenkend, und der Diabetes verschlimmert sich.

Die DDG empfiehlt im Falle einer Essstörung bei Diabetespatienten eine Psychotherapie. „Ob ambulant, teilstationĂ€r oder stationĂ€r: Eine Psychotherapie ist die Therapie der ersten Wahl“, sagt Privatdozent Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG, Bad Mergentheim, Koordinator der Leitlinie. Reine Schulungs- und Selbsthilfe-Programme allein reichten nicht aus, heißt es in der neuen Leitlinie.

In Kauf nehmen die Experten dabei, dass der Heilungsprozess bei einer Psychotherapie meist mehrere Monate umfasst. Herpertz hebt dafĂŒr das oft positive Ergebnis der Behandlung hervor: Bei Typ-1-Diabetikern stabilisiere sich Untersuchungen zufolge der Blutzuckerspiegel nachhaltig und reduziere das Risiko diabetischer SpĂ€tschĂ€den.

(Quellen: Deutsche Gesellschaft fĂŒr Diabetes [Link zu den Leitlinien]; MedAustria 06/2013)

Apr 16

Mit Druck auf ein verstĂ€rktes Engagement von molligen Models hofften FrauenverbĂ€nde und Gesundheitsorganisationen, das zumeist niedrigere SelbstwertgefĂŒhl von molligeren Frauen nicht noch weiter zu beeintrĂ€chtigen – doch die erwĂŒnschte Wirkung bleibt in den meisten FĂ€llen aus, wie eine aktuelle gemeinsame Studie der UniversitĂ€ten Köln, der Arizona State University und Erasmus-UniversitĂ€t Rotterdam zeigt. Das SelbstwertgefĂŒhl ist diesen zufolge höher, wenn dĂŒnne oder “idealgewichtige” Models werben.

“Unsere Forschung zeigt, dass sich Personen spontan mit den Models vergleichen, die Ihnen aus der Werbung entgegen lachen. Diese sozialen Vergleiche beeinflussen, wie wir uns selbst sehen und uns verhalten”, sagte der an der Studie mitwirkende Prof. T. Mussweiler, Leiter des Lehrstuhls fĂŒr Sozialpsychologie an der UniversitĂ€t zu Köln. FĂŒr die Studie zeigten die Wissenschaftler Probandinnen mit unterschiedlichem Gewicht Bilder von Models, welche entweder extrem dĂŒnn, moderat dĂŒnn, moderat mollig oder extrem mollig waren. Idealgewichtige Frauen zeigten ein höheres SelbstwertgefĂŒhl, wenn auf den Bildern moderat dĂŒnne Models anstelle von moderat molligen Models abgelichtet waren. Molligere Probandinnen hatten hingegen ein niedriges SelbstwertgefĂŒhl, unabhĂ€ngig davon, welches Bild sie gezeigt bekamen. Auch extrem mollige Models steigerten das SelbstwertgefĂŒhl hier nicht. Ein anderes Experiment der Studie zeigte darĂŒber hinaus, dass normalgewichtige Menschen nach dem Betrachten von Werbeanzeigen im Experiment weniger Kekse essen, wenn sie extrem dĂŒnne Models in der Werbung sahen, als wenn extrem mollige Models in der Werbung auftauchten.

Unklar ist noch, wie sich der Einsatz von molligen Models bezĂŒglich des Risikos auf Essstörungen wie etwa Anorexie auswirkt.

(Quellen: The Effects of Thin and Heavy Media Images on Overweight and Underweight Consumers: Social Comparison Processes and Behavioral Implications, in: Journal of Consumer Research, Vol. 36, Apr 2010 (doi: 10.1086/648688); Photo src:stuttgarter-nachrichten.de)

Mar 13

Anorexie und Bulimie sind in der Bevölkerung zwar stark verbreitet und schwere Erkrankungen, werden aber aus Scham und Angst vor Stigmatisierung auch heute noch von den Betroffenen lange Zeit verschwiegen.

Wie Johann Kinzl von der Klinischen Abteilung fĂŒr Psychosomatische Medizin der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Psychiatrie der Medizinischen UniversitĂ€t Innsbruck am Freitag anlĂ€sslich des ErnĂ€hrungskongresses in Wien referierte, suchen Betroffene meist viel zu spĂ€t – durchschnittlich erst nach fĂŒnf Jahren – professionelle Hilfe. “Selbst dann kommen die Patienten zumeist nicht aus eigenem Antrieb, sondern werden von ihren verzweifelten Eltern oder anderen Angehörigen in die Klinik geschleppt”, berichtet der Arzt. Nur ganz wenige von ihnen hĂ€tten eine “positive Motivation”, ihrer Krankheit zu begegnen, nĂ€mlich jene, die sich von ihr nicht weiter einschrĂ€nken lassen wollen. “Meist verleugnen die Betroffenen ganz einfach ihr Problem – so lange, bis es manchmal zu spĂ€t ist”.

Hinsichtlich der zeitgerechten Diagnose sind Allgemeinmediziner, Internisten, GynĂ€kologen, Psychotherapeuten, Psychologen aber auch SchulĂ€rzte gleichermaßen gefragt. Das Bewußtsein bezĂŒglich der Erkrankungen nehme zwar zu, nach wie vor sei jedoch manches verbesserungswĂŒrdig. “Es ist ganz einfach wichtig, dass jegliche Essstörung so frĂŒh wie möglich diagnostiziert wird, um mögliche negative körperliche und psychische Folgen zu verhindern”, so der Arzt. Genauso spielen DiĂ€tologen beim AufspĂŒren der Krankheit sowie bei der Therapie eine wichtige und unterstĂŒtzende Rolle. UnterstĂŒtzung ist im Regelfall zudem durch Psychotherapie notwendig, um das “Grundproblem” der Erkrankung aufzuspĂŒren.

Die Liste der Folgen von Essstörungen ist lang und beunruhigend: Den Betroffenen ist stĂ€ndig kalt (Untertemperatur), sie haben niedrigen Blutdruck oder Amenorrhoen (Ausbleiben der Menstruation) – im schlimmsten Fall kann dies zur InfertilitĂ€t fĂŒhren. Die Patienten haben zudem ein erhöhtes Risiko von Knochenabbau (Osteoporose), verbunden mit einer verstĂ€rkten Neigung zu KnochenbrĂŒchen. Durch das stĂ€ndige Erbrechen ist der Elektrolythaushalt gestört, die Speiseröhre erhĂ€lt Risse und es kommt zu Zahnproblemen wie Karies. Genauso wird mit der Zeit die Hirnleistung immer schlechter. Betroffene fĂŒhlen sich zudem hĂ€ufig antriebs- und freudlos, unterliegen Stimmungsschwankungen und Libidoverlust.

WeiterfĂŒhrende Links:

Artikel Essstörungen (Bulimie, Anorexie etc.)

Selbsttest auf Vorhandensein einer Essstörung

(Quelle: Der Standard 13.03.2010; Photo src:umkcwomenc.files.wordpress.com)

ï»ż01.09.19