Nov 18

Einer Untersuchung der University of Maryland der Zeitbudgets von 30.000 Menschen ├╝ber einen Zeitraum von 30 Jahren (1975-2006) zufolge sehen ungl├╝ckliche oder unzufriedene Menschen l├Ąnger fern, w├Ąhrend die “sehr gl├╝cklichen” Personen mehr lesen und l├Ąngere Zeit f├╝r soziale Kontakte aufwenden. Auch scheinen Arbeits- und Fernsehzeit negativ zu korrelieren: wenn Menschen mehr Zeit f├╝r sich zur Verf├╝gung haben (z.B. durch mehr Freizeit bzw. geringere Arbeitszeiten oder Arbeitsplatzverlust), steigen sowohl der Fernsehkonsum als auch die Schlafzeiten.

Die gl├╝cklicheren Menschen sind sozial aktiver, gehen ├Âfter in die Kirche, w├Ąhlen ├Âfter und lesen auch ├Âfter Tageszeitungen, die ungl├╝cklichen Menschen fernsehen hingegen bis zu 20 Prozent mehr, auch wenn man Bildung, Alter, Einkommen, Geschlecht und andere Faktoren ber├╝cksichtigt, die sich auf Zufriedenheit und Fernsehschauen auswirken k├Ânnen. Zudem haben unzufriedene Menschen eher das Gef├╝hl, mehr Zeit, als sie wollen zur Verf├╝gung zu haben, gleichzeitig f├╝hlen sie aber zeitlich auch eher wieder unter Druck.

Fernsehen sei eine Art Sucht, sagen die Soziologen. Es f├╝hre kurzzeitig zu Zufriedenheit, langfristig aber zu Elend, vor allem wenn die Menschen sozial oder pers├Ânlich benachteiligt sind. ├ťberdies ist die Belohnung durchs Fernsehen leicht zu haben. Man muss nirgendwohin gehen, nichts ausmachen, sich anziehen oder sich anstrengen, um sofort zufriedengestellt zu werden.

Ungel├Âst scheint allerdings zu sein, ob nun die Unzufriedenen eher vom Fernsehen angezogen werden oder ob Fernsehen auch an sich Zufriedene ins Ungl├╝ck st├╝rzen kann. (Quelle) Oder handelt es sich nicht vielleicht viel eher um einen Teufelskreis?

Nahezu zeitgleich erreicht uns eine mindestens ebenso d├╝stere Nachricht aus England:

W├Ąhrend verschiedenen Studien zufolge fr├╝her der Intelligenzquotient in westlichen L├Ąndern um durchschnittlich 3 Punkte pro Jahrzehnt anstieg, scheint er nun wieder abzufallen, was die in den letzten Jahren bereits h├Ąufiger ge├Ąu├čerten Vermutungen von Psychologen zu best├Ątigen scheint: 800 13- bis 14-J├Ąhrige wurden Intelligenztests unterzogen, wonach die Ergebnisse mit einem ├Ąhnlichen Test aus dem Jahr 1976 verglichen wurden. Danach sind die durchschnittlich Intelligenten zwar kl├╝ger geworden, die Intelligentesten wurden aber “d├╝mmer” bzw. weniger. Komplizierte Denkf├Ąhigkeiten, die mathematisches Wissen beinhalten, k├Ânnen nicht mehr 25 Prozent leisten, wie noch 1976, sondern gerade einmal noch 5 Prozent der Jugendlichen. Der untersuchende Psychologe Shayer meint, die Jugendlichen heute w├╝rden schneller antworten, k├Ânnten aber nur noch oberfl├Ąchlich denken. Die Ursachen k├Ânnten im Schulsystem liegen, welches vor allem auf das Bestehen von Tests trainiert, oder auch in ver├Ąnderten Freizeitbesch├Ąftigungen, welche sich heute zu einem hohen Anteil auf elektronische Medien (Computer, Computerspiele, Internet, passiver Fernsehkonsum etc.) richten.

Kommentar R.L.Fellner:

Ich frage mich ja schon seit langem, wie weit wir es mit dem alle Lebensbereiche durchdringenden “Zwang zur Optimierung” (welcher dann h├Ąufig auf etwas hinausl├Ąuft, das ich “aufwandsoptimierte Wunschresultatsproduktion” bezeichnen m├Âchte..) noch bringen k├Ânnen. Allerorten mu├č “gespart” werden (freilich ohne, dass Sie oder ich etwas von den dadurch hereingespielten Gewinnen zu sehen bekommen!), die Leistung bzw. der Output mu├č jedoch stetig ansteigen, will doch vom Lehrer bis zum Finanzjongleur jeder steigende Kurven pr├Ąsentieren k├Ânnen. Der Zwang zur “steigenden Kurve” kann aber, das ist den meisten Systemen immanent, nicht ewig durchgehalten werden, und auch beim besten Willen ist Leistungsf├Ąhigkeit endlich – Zitronen lassen sich nur bis zu einer bestimmten Grenze auspressen, ab dann geben sie immer weniger Saft… auf die ├Ąu├čere Welt ├╝bertragen: die Fehlerrate steigt, der “Unterbau” des Systems wird labil und br├╝chig. Es bilden sich, wie wir auch in der Finanzwelt beobachten k├Ânnen, “Blasen”, welche irgendwann platzen. Der Abschwung oder Crash ist also in jeder Aufw├Ąrtsentwicklung bereits vorprogrammiert, systemimmanent.

Wenn wir Kinder und uns selbst nur darauf trimmen, heute -oder bestenfalls noch morgen- zu bestehen, aber nicht auch ausreichend in langfristige und nachhaltige Ressourcenentwicklung investieren, wird eines Tages ein Preis daf├╝r zu bezahlen sein. Es scheint, als n├Ąherten wir uns gerade auch in der westlichen Welt einem Scheideweg: wenn wir nicht bald wieder zu jenen Prinzipien zur├╝ckfinden, welche gerade Europa zu seiner weltweit anerkannten sozialen und wissenschaftlichen Entwicklung verhalfen, wie etwa Forschung und sozialen Grundprinzipien, haben wir – ├Ąhnlich wie die USA bereits seit einigen Jahren – den “Peak Point” unseres Fortschrittes vielleicht bereits ├╝berschritten. Nicht nur im Bereich der Intelligenz unserer Jugendlichen.

(Photo credit: Digital Vision/GettyImages.com)

´╗┐31.03.20