Oct 24

Arno Gruen (Foto: SRF, 2015)

Ein großer Versteher der menschlichen Psyche ist von uns gegangen – der Psychoanalytiker und Psychologe Arno Gruen (*1923 in Berlin) ist am 20.10.2015 in ZĂŒrich verstorben. Im Alter von 13 Jahren emigrierte Gruen’s jĂŒdische Familie in die USA, wo er spĂ€ter Psychologie studierte und ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in Harlem leitete. 1958 eröffnete er eine psychoanalytische Praxis in New York und promovierte beim Freud-SchĂŒler Theodor Reik. SpĂ€ter folgten Professuren in Neurologie und Psychologie. Seit 1979 lebte und praktizierte Arno Gruen wieder in der Schweiz, unterhielt aber nach wie vor viele Verbindungen in die USA.

Unter dem Eindruck der Geschehnisse in den Konzentrationslagern und der Dynamiken des Faschismus entwickelte Gruen ein tiefes VerstĂ€ndnis fĂŒr die Funktionsmechanismen von AutoritĂ€t, Gewalt, Fremdenhass, menschlicher DestruktivitĂ€t und Angst, widmete sich aber auch aktuellen gesellschaftspolitischen Themen wie etwa dem islamistischen Terrorismus. Er verfaßte in ihrer Tiefe außergewöhnliche Werke, die einen neuen Blick besonders auf die geknechtete menschliche Psyche, die sich hĂ€ufig unter einer gefĂŒhlskalten oder aalglatten Erscheinung verbirgt, eröffnet hat. Mit Gruen geht ein ganz feiner, unaufdringlicher Beobachter der menschlichen Psyche verloren, der mich als praktizierender Therapeut in meinem Tun und meinem eigenen VerstĂ€ndnis der TriebkrĂ€fte des Menschseins, der Empathie, den AbgrĂŒnden der Gewalt und des Extremismus stark beeinflußt hat. Ich hatte vor einigen Jahren brieflichen Kontakt mit Gruen, in dem mich seine Bescheidenheit und sein BemĂŒhen, “da zu sein” und auch da wieder seine Beobachtungsgabe und EinsichtsfĂ€higkeit beeindruckte. Er war kein “Belehrer”, der sich im Glanz der Öffentlichkeit und der Medien sonnte, sondern ein leiser Nachdenker und einfĂŒhlsamer Zuhörer, dessen IntensitĂ€t und Tiefe sich oft erst in dem, was seine Sprache transportierte, erschloß.

Das vorerst letzte Buch “Wider die kalte Vernunft”, einer Kritik der abstrakten Rationalisierung, wird voraussichtlich in wenigen Monaten erscheinen.

Interviews und empfehlenswerte Literatur:

Interview mit Arno Gruen in “Sternstunde Kultur”, 06/2015

 

Oct 02

Welchen Eindruck die Medien und zahlreiche Politiker uns auch immer vermitteln wollen: ausgeĂŒbte Gewalt – sei es Völkermord, Kriegsverbrechen, Menschenopfer, Folter, Sklaverei oder Mord – hat in der Geschichte in allen beobachteten Dimensionen und sowohl in Richtung ethnischer Minderheiten, Frauen, Kindern und Tieren deutlich abgenommen. Das zeigte eine auf der EDGE Master Class 2011 vorgestellte Studie von Harvard-Professor Steven Pinker.

Doch was sind die GrĂŒnde, die hinter dieser in Teilbereichen sogar Ă€ußerst starken Abnahme von Gewalt stehen? Pinker fĂŒhrt dafĂŒr eine sukzessive Zunahme von Vernunft (‘escalator of reason‘) im Verlauf der Menschheitsgeschichte an. Die Zunahme von Alphabetisierung, Bildung, und die Intensivierung des öffentlichen Diskurses ermutigt Menschen, abstrakter und universeller zu denken, was unweigerlich eine Verringerung der Gewalt zur Folge hat. Wenn sich die Engstirnigkeit und Kurzsichtigkeit von Menschen reduziert, wird es schwieriger, stĂ€ndig die eigenen Interessen anderen gegenĂŒber durchzusetzen. Eine Zunahme von Vernunft fĂŒhrt dazu, dass eine auf Tribalismus, AutoritĂ€t und Puritanismus beruhende Moral zunehmend durch eine auf Fairness und universellen Regeln basierende Moral ersetzt wird. Außerdem werden Menschen ermutigt, den hohen Preis und die letztendliche Nutzlosigkeit der KreislĂ€ufe von Gewalt zu erkennen – und Gewalt eher als eigenstĂ€ndiges Problem denn als einen zu gewinnenden Wettbewerb zu sehen.

Diverse intellektuelle FĂ€higkeiten, abzulesen ĂŒber Meßinstrumente wie etwa IQ-Tests, haben seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts messbar und regelmĂ€ĂŸig (ca. 3 IQ-Punkte pro Dekade, “Flynn-Effekt”) zugenommen. Ein steigender IQ ist jedoch auch ein Indikator fĂŒr ansteigende AbstrahierungsfĂ€higkeiten. Menschen (und zwar sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene), die ĂŒber eine höhere Bildung und gemessene Intelligenz verfĂŒgen, begehen weniger gewalttĂ€tige Verbrechen, kooperieren mehr, denken liberaler, und sind weniger anfĂ€llig fĂŒr rassistische, sexistische, fremdenfeindliche, homophobe Einstellungen und sie sind empfĂ€nglicher fĂŒr demokratische Grundprinzipien.

Doch wir können nicht selbstverstÀndlich davon ausgehen, dass diese Entwicklung anhÀlt. Eine Reduktion der Investitionen in Bildung und ein Abbau bzw. eine Aushöhlung demokratischer Institutionen und Grundprinzipien gefÀhrden die Grundpfeiler, auf denen die Abnahme gesellschaftlicher und individueller Gewalt ruht.

(Quelle: A History of Violence, Edge Master Class 2011, Steven Pinker [9.27.11]

Vortragsvideo (engl.; 1:26h – lĂ€dt vor Anzeige etwas lĂ€nger):

May 22

Bewaffnete Konflikte wĂŒhlen uns auf. Sie erinnern uns unbewußt an die eigene Sterblichkeit und lösen einen starken Impuls aus, sich entweder mit der einen Seite (der des „Aggressors“) oder der anderen (der des „Opfers“) zu solidarisieren. Danach wird die eingenommene Position nur mehr selten korrigiert, sondern, speziell bei Gegenwind, eher noch vehementer vertreten – teils sogar unter der Ausblendung oder Verzerrung von Sinneswahrnehmungen oder neuerer Informationen. Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen hat dies hervorragend in seiner Serie von BĂŒchern, die sich mit den Ursachen fĂŒr menschliche DestruktivitĂ€t beschĂ€ftigen, analysiert.

Mit der beschriebenen Dynamik ist es erklĂ€rbar, warum so viele Menschen, aber auch internationale Medien und Organisationen sich so schwer taten, die gewalttĂ€tigen Facetten der stattgefundenen politischen Proteste als solche zu benennen. Eine offen signalisierte Sympathie fĂŒr die Verfechter demokratischer Werte durch einzelne Reporter etwa ist ja verstĂ€ndlich – wenn aber auch nach Brandstiftung und Attacken gegen Zivilisten noch von „Verteidigung“ oder „berechtigtem Ärger“ zu lesen war, waren viele von uns doch fassungslos ĂŒber die merkliche Parteinahme und Rationalisierung der angerichteten SchĂ€den.

Beklommen machte viele von uns auch eine Dynamik, die wir im Lager der UDD beobachten konnten: zahlreiche Menschen dort, aber auch viele Sympathisanten außerhalb, waren durch die leidenschaftlichen und stĂ€ndig eine angebliche Tötungsabsicht der Regierung betonenden Reden derart emotionalisiert worden, daß der zur Zeitpunkt ihrer Verhaftung erfolgte Aufruf ihrer AnfĂŒhrer, ab sofort die Radikalisierung einzustellen, nichts mehr nĂŒtzte: der Zug war bereits auf voller Fahrt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Revolutionsbewegungen immer auch solche Elemente anziehen, die sich ihnen weniger aus politischer Überzeugung, sondern vielmehr aus Lust an der Zerstörung und Gewalt anschließen, und deren Entfesselung letztlich nur auf den passenden Anlaß wartet…

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010)

Touristen laufen durch das wÀhrend der Unruhen zerstörte Stadtviertel (Fotoquelle: ZEIT Online)

Link-Tipps:
Arno Gruen Literaturliste
Bangkok iReport CNN
This is no peasant’s revolt (The Nation)
Put an end to this rebellion (Bangkok Post)
revolt-30129826.html” target=”_blank”>The Shame of the UDD (Bangkok Post)
Zwei “ProtestfĂŒhrer” – zwei Auffassungen von friedlichem Widerstand
What would your government do about this (Bangkok Post Gastkommentar)
(Photo 1: nycjunta.com; 2: ZEIT Online)

ï»ż10.06.18