Oct 03

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Depressive Menschen können ihre eigenen negativen GefĂŒhle nicht unterscheiden. Das hat eine Untersuchung der Michigan UniversitĂ€t ergeben. Damit sind sie in weiterer Folge nicht in der Lage, der Ursache dieser Emotionen auf den Grund zu gehen.
Patienten mit Depression werden alltĂ€glich mit Frustration, Trauer, Angst oder Wut konfrontiert. Mit dieser Erhebung wurde versucht zu analysieren, ob depressive Menschen Emotionen anders unterscheiden als gesunde. Die Studie umfasste ĂŒber 100 Teilnehmer zwischen 18 und 40 Jahren, wobei die HĂ€lfte dieser depressiv war.

Ekel und Frust nicht unterscheidbar

Die Teilnehmer mussten sieben negative GefĂŒhle wie Trauer, Wut oder Scham, sowie vier positive wie Freude, AktivitĂ€t oder Begeisterung auf einer Skala von eins bis vier einstufen. Emotionen wie Ekel und Frustration bekamen dabei gleichzeitig dieselbe Bewertung, was darauf zurĂŒckzufĂŒhren ist, dass depressive Menschen diese nicht unterscheiden können. Bei positiven Emotionen konnte sich dieses PhĂ€nomen nicht bestĂ€tigen. Gesunde Menschen konnten beide GefĂŒhlsgruppen unterscheiden.

“Es gibt eine Vielzahl von Ursachen fĂŒr eine Depression, die von beruflichen oder familiĂ€ren Problemen, geringem SelbstwertgefĂŒhl, bis hin zu Schwierigkeiten aus der Kindheit reichen”, sagt der Wiener Psychotherapeut Richard L. Fellner im Interview mit pressetext. Depression sei allerdings auch eine Zeitgeistdiagnose, wobei verschiedene Probleme vorschnell als Depression diagnostiziert werden. “Bei genauerer Untersuchung kann der Patient jedoch mitunter einem anderen Krankheitsbild zugeordnet werden”, so Fellner.

Als typische Symptome einer Depression nennt der Psychotherapeut unter anderem lĂ€ngerfristige Niedergeschlagenheit, Verlust der Freude an Dingen, die frĂŒher Spaß gemacht haben, GefĂŒhle von Sinnverlust, Hoffnungslosigkeit oder WeinanfĂ€lle. “Es können jedoch auch körperliche Symptome wie ein drastisch eingeschrĂ€nktes Immunsystem, Infektionen, MigrĂ€ne oder Verdauungsbeschwerden auftreten”, erklĂ€rt der Experte.

Es kann jeden treffen

Studien weisen darauf hin, dass jeder Zweite im Laufe seines Lebens an einer Depression erkrankt. “Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen selbst betrifft, ist im Gegensatz zu anderen psychischen Störungen damit relativ hoch”, fĂŒhrt Fellner aus. Wichtig sei, eine Depression frĂŒhestmöglich zu diagnostizieren und sie therapeutisch zu behandeln, damit sie nicht chronisiert wird. Denn bei langjĂ€hriger Nichtbehandlung können Depressionen auch zu teils schweren körperlichen Folgeerkrankungen fĂŒhren. Medikamentöse UnterstĂŒtzung sei speziell dann unvermeidlich, wenn die IntensitĂ€t der Depression auch den psychotherapeutischen Prozess zu gefĂ€hrden droht.

(Aus einem Interview mit “Die Presse”, 10/2012; URL: https://www.pressetext.com/news/20121002004)

Aug 16

Die Medizin, Psychologie und andere Humandisziplinen der Forschung befassen sich traditionellerweise vorrangig mit den Ursachen von Problemen und der Suche nach Möglichkeiten, diese zu beheben. Seit einigen Jahren jedoch gewinnt ein neuer Ansatz verstĂ€rkte Bedeutung: die Resilienzforschung. Der Begriff stammt vom lateinischen resilio ab (“abprallen”, “zurĂŒckspringen”) und bezeichnet in der Physik hochelastische Materialien, die nach Verformungen ihre ursprĂŒngliche Form wieder annehmen. In den Humanwissenschaften forscht man nach jenen Potentialen, die Menschen dazu befĂ€higen, Niederlagen, UnglĂŒck, Stressoren und SchicksalsschlĂ€ge besser und schneller zu meistern oder den Körper zu heilen.

In der Verhaltensforschung und Psychologie werden Menschen als resilient bezeichnet, die aus Schwierigkeiten das Beste machen, daraus lernen und reifen, oder zumindest weniger Schaden nehmen als andere unter Ă€hnlichen UmstĂ€nden. Resilienz ist jedoch keineswegs mit Unempfindlichkeit oder der Selbstverleugnung traumatischer Erlebnisse oder zwischenmenschlicher Schwierigkeiten in unserem Leben zu verwechseln. Vielmehr beschreibt diese FĂ€higkeit eine Haltung innerer StabilitĂ€t, eine positive Grundhaltung, die Menschen in die Lage versetzt, an Leidenserfahrungen und Konflikten zu wachsen, statt sich in den damit verbundenen Emotionen festzulaufen und damit ihre LebensqualitĂ€t noch weiter einzuschrĂ€nken. In der Regel erfolgt bereits nach verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurzer Zeit ein Perspektivenwechsel: entweder wird die Situation neu interpretiert oder der Fokus verlagert sich auf andere, positive Lebensbereiche. Befragt man diese Personen nach ihrer problematischen Erfahrung, werden hĂ€ufig positive Seiteneffekte oder durch das einschneidende Ereignis verursachte Lernmöglichkeiten mit erwĂ€hnt. In besonders schwierigen Lebenssituationen suchen Personen mit hoher Resilienz aktiv professionelle Hilfe, um baldmöglichst wieder auf die Beine zu kommen, statt sich einer womöglich chronisch belastenden Situation auszusetzen.

In der kulturĂŒbergreifenden Forschung wurde beobachtet, dass Resilienz eine FĂ€higkeit ist, die nicht durch die individuelle Person allein erklĂ€rt werden kann. “Gute” Familien, Schulen, eine “gesunde” soziale Umgebung und faire gesellschaftliche Bedingungen helfen dabei, die entsprechenden FĂ€higkeiten zu entwickeln, und jĂŒngere Menschen haben diese eher als Ă€ltere. Ebenso existieren entsprechende Risikofaktoren: etwa frĂŒhe psychische oder körperliche Gewalterfahrungen, psychische Leiden enger Bezugspersonen sowie diverse kulturelle Faktoren.

Psychologen haben 7 SĂ€ulen der Resilienz ausgemacht – Indikatoren fĂŒr eine starke FĂ€higkeit zur Stress- und KrisenbewĂ€ltigung. Über je mehr dieser Eigenschaften jemand verfĂŒgt, umso resilienter die betreffende Person:

  • Selbstbewusstsein: Resiliente Menschen glauben an die eigenen Kompetenzen. Sie werden aktiv statt zu jammern und damit in eine Opferrolle zu verfallen, und sie vertrauen ihren FĂ€higkeiten, ĂŒber kurz oder lang Problemlösungen zu finden.
  • Kontaktfreude: Resiliente Menschen kommunizieren gern. Sie lösen Schwierigkeiten bevorzugt gemeinsam mit anderen Menschen statt im Alleingang und suchen sich dafĂŒr passende Partner aus. Ihren hĂ€ufig gut entwickelten sozialen Fertigkeiten versetzen sie in die Lage, gute und lang anhaltende Beziehungen aufzubauen.
  • GefĂŒhlsstabilitĂ€t: Resiliente Menschen verfĂŒgen ĂŒber gute Fertigkeiten, ihre Emotionen und gedanklichen Muster zu analysieren. Dadurch können sie die eigene GefĂŒhlswelt und ihre Reaktionen so steuern, dass sie hohe Belastungen nicht nur als Stress, sondern auch als Herausforderung empfinden, wodurch sie in der Regel handlungsfĂ€higer als andere bleiben.
  • Optimismus: eine GrundĂŒberzeugung hinsichtlich positiver Möglichkeiten, die selbst in schwierigen Lebenssituationen stecken, ist eine integrale Voraussetzung fĂŒr WiderstandsfĂ€higkeit. Man wird von resilienten Menschen deshalb in schwierigen Situationen nur selten negative Verallgemeinerungen hören, sondern eher hoffnungsvolle Formulierungen wie „Diesmal hatte ich keinen Erfolg, nĂ€chstes Mal schon.“
  • Handlungskontrolle: Resiliente Menschen sind alles andere als impulsiv, sondern vielmehr in der Lage, auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen kontrolliert und ĂŒberlegt zu reagieren. Dazu gehört auch die FĂ€higkeit, sofortige Belohnungen zugunsten eines höheren Ziels in der Zukunft aufzuschieben – im Fachjargon heißt das Gratifikationsverzicht. Diese Kontrolle ist zugleich eine wichtige Komponente der emotionalen Intelligenz (EQ).
  • Realismus: Resiliente Menschen denken langfristig und entwickeln fĂŒr sich realistische Ziele. Dadurch werden sie von vorĂŒbergehenden Krisen im Leben – etwa Trennungen, dem Tod der Eltern oder bei beruflichen Problemen – nicht so leicht aus dem Gleichgewicht geworfen. Da sie eine lĂ€ngere Perspektive im Kopf haben, stabilisiert sich ihr emotionaler Zustand zumeist rascher wieder.
  • AnalysestĂ€rke: Resiliente Menschen sind in der Lage, kreativ zu denken und sich leichter von eingefahrenen Denkpfaden zu lösen. Ihre FĂ€higkeit, die Ursachen von Krisen zu identifizieren, zu analysieren und damit zukunftsorientiert umzugehen, ermöglicht ihnen, adĂ€quate Lösungen zu entwickeln. Und wenn sie dazu einmal nicht selbst in der Lage sein sollten, holen sie sich pragmatisch Hilfe.

In der Literatur werden eine Reihe von AnsĂ€tzen angefĂŒhrt, mit denen die eigene Resilienz ĂŒber bereits vorhandene FĂ€higkeiten hinaus erhöht bzw. angeregt werden kann:

  • Resiliente Kommunikation: “Das, was bei mir okay ist, hat mehr Einfluß als das, was nicht passt.”
  • Fokus auf die StĂ€rken einer Person – und die Frage: “wie kann ich diese StĂ€rken dazu nutzen, um Probleme zu ĂŒberwinden?”
  • Positiv sein: das Leben als herausfordernd, dynamisch und gefĂŒllt mit Chancen wahrnehmen
  • Fokus: ein Ziel festlegen und dieses bewusst anpeilen
  • FlexibilitĂ€t: sich bei Unsicherheiten alle Optionen offen halten
  • Selbstorganisation: unsicheres Terrain benötigt durchdachte Strategien
  • Eigeninitiative: vorausschauend und aktiv handeln
  • Coaching: wenn sich nichts zu bewegen scheint, professionellen Input holen
  • Geduld: sich zu erholen, benötigt selbst bei den besten Strategien Zeit
  • anderen helfen

 

(Quellenangabe: die Beschreibung der ResilienzsĂ€ulen basiert auf einem Artikel der “Wirtschaftswoche”).

May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigermaßen verspĂ€tet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich kĂŒrzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und rĂŒcksichtslos agiert und schließlich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtmĂ€ĂŸigen Anteile betrogen. SpĂ€ter werden auf Anraten der AnwĂ€lte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt – dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit jĂŒngste MilliardĂ€r.

Auch wenn natĂŒrlich keinerlei Sicherheit darĂŒber besteht, ob die dargestellten Persönlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die kĂŒhle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits wĂ€hrend der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit MĂ€dchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der fĂŒr “Aspies” hĂ€ufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine völlige Außerachtlassung ihrer GefĂŒhle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog veröffentlicht und andere VorfĂ€lle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines GefĂŒhls von AbsurditĂ€t nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verstĂ€rken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verstört, Freundschaften zerbrechen am Außerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder geschĂ€ftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer Störung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschlĂ€gigen Websites entnehmen kann, ĂŒbrigens auch den ĂŒberwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich hĂ€ufig durch hohes Talent, was spezifische FĂ€higkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder kĂŒnstlerischen Berufen tĂ€tig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich verĂ€ndernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum annĂ€hert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verfĂŒgt ĂŒber hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” fĂŒhlen kann – wie wĂŒrde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben trĂ€fe … und wĂŒrde man dies ĂŒberhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erhöhen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu hĂ€ufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter BerĂŒcksichtigung der Erkenntnisse ĂŒber NeuroplastizitĂ€t auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren prĂ€frontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen FĂ€higkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erklĂ€ren, dass wir immer hĂ€ufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen MitschĂŒlern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktstörungen neben Depressionen zur Gruppe zur am stĂ€rksten zunehmenden Gruppe psychischer Störungen dieses Jahrhunderts gehört.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

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ï»ż10.06.18