Mar 30

Und wieder ist es passiert: die Serie an aufgeflogenen FĂ€llen von PĂ€dophilie wĂ€hrend der letzten Wochen erschien wie ein Stich ins Wespennest, unweigerlich ertappte man sich bei der Frage: “..und was ist da alles noch nicht aufgedeckt?” Einzelne Theologen sehen sich veranlaßt, vor einer Gleichstellung von Zölibat mit PĂ€dophilie bzw. Ephebophilie zu warnen, wĂ€hrend andere zum Schrecken ihrer Kollegen einen direkten Zusammenhang zwischen beiden orten.

Einmal mehr scheint sich auch ein Konnex zwischen Berufen, in denen Erwachsene tagtĂ€glich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und sexuellen Übergriffen auf diese zu zeigen. Wen das ĂŒberrascht oder schockiert, der muß sich entgegenhalten lassen, daß wir seit Darwin, spĂ€testens aber Freud eigentlich wissen sollten, daß wir Menschen – trotz eines enorm entwickelten Großhirnes – immer noch sehr stark sexuell gesteuerte Wesen sind. Und auch wenn sich die Gendermedizin dem heute nicht mehr so generalisierend anschließen wĂŒrde: Abraham H. Maslow sah den Sexualtrieb neben Trinken, Essen und Schlafen als gleichrangig auf einer Stufe seiner “BedĂŒrfnispyramide” stehend, und auch zahlreiche Studien – etwa ĂŒber die Partnerwahl von Menschen – bestĂ€tigen, daß uns sexuelle Antriebe in unserem alltĂ€glichen Tun wohl deutlich stĂ€rker steuern als sich dies viele von uns eingestehen mögen. Ebenso, wie es Teil der (nicht immer nur charmanten) RealitĂ€t ist, daß an den allermeisten ArbeitsplĂ€tzen mitunter auch mal sexuelle Rituale und Signale ausgetauscht werden, muß damit gerechnet werden, daß derartige Spannungsfelder zumindest gelegentlich auch in jenen Berufen existieren, in denen Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Eine tragfĂ€hige und vor allem konstante bewußte Abgrenzung ist in diesen Berufen auch deshalb schwierig, da unser Unbewußtes das letztendlich ja kĂŒnstlich definierte “Schutzalter” (in den meisten LĂ€ndern liegt diese Grenze zwischen 14 und 18 Jahren) kaum verarbeiten kann: gerade in jenen LĂ€ndern, in denen es vergleichsweise spĂ€t endet, wirken die laut Gesetz noch schĂŒtzenswerten Jugendlichen körperlich hĂ€ufig bereits “erwachsen”, zumeist agieren sie auch erwachsen, und nicht selten sind sie seit Jahren bereits auch sexuell aktiv – den “primitiven Es’s” der Umwelt wird sexuelle Reife signalisiert.
Wie ist aber mit der Problematik umzugehen, daß trotz dieser UmstĂ€nde Jugendliche und insbesondere Kinder vor sexueller Ausbeutung (hier beziehe ich mich auf das bewußte Ausnutzen der emotionalen Unreife von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene mit der Absicht, sexuelle Ziele zu erreichen), vor vorzeitiger sexueller Initiation (hier beziehe ich mich auf erste sexuelle Erfahrungen in einem Stadium der körperlichen und psychischen Reifung, in dem ein Sexualakt mit einer anderen Person  körperliche oder psychische SchĂ€den nach sich ziehen kann) und nicht zuletzt vor einem körperlichen und emotionalen Übergriff – der Verletzung der SchutzbedĂŒrftigkeit und grundsĂ€tzlichster Elemente der ProfessionalitĂ€t in einem pĂ€dagogischen, Ă€rztlichen oder anderen vergleichbaren Umfeld mit “MachtgefĂ€lle” – geschĂŒtzt werden mĂŒssten?

Ich bin davon ĂŒberzeugt, daß mit sĂ€mtlichen AnsĂ€tzen, in denen von Menschen verlangt wird, ihren Sexualtrieb zu negieren oder gar abzuschalten, dieser Konflikt nicht zu lösen, und der Kampf gegen den Mißbrauch im institutionellen Kontext nicht zu gewinnen ist. Unsere inneren Konflikte und die Versuchungen des Lebens lassen sich nicht lösen, indem wir sie ausblenden oder negieren. Und die – zumindest gelegentlich – bei allen von uns aufkommenden Impulse körperlicher Lust lassen sich nicht besser kontrollieren, indem wir sie “wegdefinieren”: indem wir etwa sagen, daß “wir unsere SexualitĂ€t Gott schenkten” , wenn das an die OberflĂ€che dringende sogleich wegzensiert wird oder wenn ĂŒber sexuelle Gedanken nicht einmal gesprochen werden kann, da dies sofort mit entrĂŒsteten und funkelnden Blicken bestraft wĂŒrde (etwas, das besonders hĂ€ufig im – von Frauen dominierten – pĂ€dagogischen Bereich beobachtbar ist).
Konsequenterweise prognostiziere ich auch, daß solange Institutionen existieren, in denen SexualitĂ€t per definitionem nicht gelebt werden darf, sexuelle Übergriffe auch weiterhin stattfinden werden – trotz aller, sicherlich gut gemeinter, Absichtsbekundungen der jeweiligen “Chefs”. Solange ein Zölibat existiert, werden sich die sexuellen TriebkrĂ€fte – Geister, die zumindest gelegentlich ihren Weg auch in das beste Kloster finden – unweigerlich auf jene richten, die greifbar sind und bei denen ein gewisses (alters- oder hierarchisch bedingtes) MachtgefĂ€lle die Hoffnung zulĂ€ĂŸt, daß nichts davon je bekannt werden wird. Ganz unabhĂ€ngig von einem ebenfalls existierenden Kreis an Menschen, die sich ganz bewußt in Bereichen und Institutionen niederlassen, in denen Opfer verfĂŒgbar sind. Und will man wirklich ehrlich sein, kann man auch die Anziehungskraft nicht verleugnen, welche Institutionen, in denen ein vor herkömmlichen AnsprĂŒchen an ein “geglĂŒcktes Leben” freier Raum existiert (wie etwa dem, eine sexuelle Beziehung zu einer erwachsenen Frau zu unterhalten) auf manche Menschen haben mĂŒssen. Man kann davon ausgehen, daß religiöse Institutionen deshalb eine gewisse Sogwirkung auf homosexuelle MĂ€nner und Frauen ausĂŒben, ebenso auf Menschen, die entweder eine eigene Mißbrauchsvergangenheit haben und deshalb einst ein vor SexualitĂ€t geschĂŒtztes Umfeld suchten, aber auch solche, die Mißbrauchserfahrungen autoritĂ€rer Art machten und massive Selbstwertprobleme haben. Wer sich aber selbst als schwach erlebt oder tatsĂ€chlich eine schwache Persönlichkeit ist, in dem wĂ€chst leicht der Wunsch, auch einmal der StĂ€rkere zu sein und dieses GefĂŒhl in einer Weise auszuleben, in der er existierende MachtgefĂ€lle ausnĂŒtzt. Noch einmal: all dies sind grĂ¶ĂŸtenteils völlig unbewußt ablaufende Prozesse und Emotionen, die gerade im Dunkel von Denkverboten und Tabus gut gedeihen.

Insofern scheint mir zusĂ€tzlich auch ein offenerer und weniger tabubestimmter Umgang mit SexualitĂ€t in den Institutionen, ja in der Gesellschaft an sich notwendig. Auch erotische GefĂŒhle zwischen “Erwachsenen” und “Kindern” (die AnfĂŒhrungszeichen sollen die Schwierigkeiten der Grenzziehung unterstreichen) mĂŒssen sowohl in Berufen, in denen es “Helfer” und “Anvertraute” gibt, als auch in unserer Gesellschaft, artikulierbar werden. Es muß darĂŒber gesprochen werden können, ohne, daß man sich “verdĂ€chtig” macht und einen die Berufslaufbahn gefĂ€hrdenden Schlag mit der moralischen Keule riskiert. Denn erst wenn Menschen ĂŒber ihre GefĂŒhle ohne EinschrĂ€nkung sprechen können und es keine der menschlichen LebensrealitĂ€t widersprechenden Dogmen mehr gibt, ist es möglich, sich ĂŒber potenziell destruktive Gedanken offen auszutauschen. Erst dann kann man das, was einem auf der Seele liegt, ans Tageslicht lassen, wird man es wagen, sich Hilfe und StĂ€rkung zu suchen. Ein Ja zum Menschen – das sich viele Religionen gerne auf die Fahne schreiben – das muß auch das Ja zu seiner SexualitĂ€t einschließen!

(Lesetipp zu den KĂ€mpfen zwischen “Über-Ich”, dem bewußten “Ich” und dem “Es”: Sigmund Freud, “Das Ich und das Es“; Photo: Shutterstock)

ï»ż01.09.19