Oct 11
angst stress immunsystem genetik epigenetik

Angst – eine Belastung nicht nur f√ľr die Psyche, sondern auch f√ľr den K√∂rper. (Image: Getty)

Angst entsteht, wenn auf ausl√∂sende Reize eine √ľberm√§√üige Stressreaktion folgt – das ist ein wichtiger Schutzmechanismus des K√∂rpers … sofern die Reaktion angemessen ist.

Erfolgt sie jedoch unkontrollierbar und sind Betroffene l√§nger solch extremen Stressreaktionen ausgesetzt, f√ľhrt dies vermutlich sogar auch zu epigenetischen Ver√§nderungen, die sich ung√ľnstig auf den K√∂rper auswirken. Forscher des Helmholtz Zentrums M√ľnchen und des Max-Planck-Instituts f√ľr Psychiatrie gingen den Zusammenh√§ngen auf den Grund, indem sie Daten aus breiten Bev√∂lkerungsgruppen mit denen von Patienten verglichen. So konnten sie ihre Ergebnisse im klinischen Umfeld replizieren. Zus√§tzlich √ľberpr√ľften sie ihre Erkenntnisse im Tiermodell.

In einem Teil der Studie (KORA F4 an 1.522 Erwachsenen im Alter von 32 bis 72 Jahren) entnahmen die Forscher zuf√§llig ausgew√§hlten Personen mit und ohne Angstst√∂rung Blutproben, um mehr √ľber die sogenannte DNA-Methylierung (Teil der Epigenetik, ein wichtiger Vermittler zwischen Genen und Umwelt) zu erfahren. Bei an Angstst√∂rungen leidenden Personen wurde hierbei eine Zunahme der DNA-Methylierung des Gens ASB1 um fast 50 Prozent festgestellt, welches f√ľr das Nervensystem wie auch das Immunsystem eine wichtige Rolle spielt.

In zwei weiteren Teilen der Studie wurden epigenetische Effekte zur Regulierung des stressempfindlichen ASB1-Gens im klinisch-psychiatrischen Bereich nachgewiesen. Diese Ergebnisse fanden danach sogar auch in Tierversuchen mit Mäusen Bestätigung.

Die betreffenden Ergebnisse k√∂nnen f√ľr die Diagnose, Therapie und Pr√§vention von Angstst√∂rungen und Stress-Syndromen eine wichtige Rolle spielen – insbesondere werfen sie aber einen Blick auf die erheblichen Auswirkungen dieser St√∂rungsbilder, die u.U. sogar erblich weitergereicht werden k√∂nnten. Die Resultate wurden vor Kurzem in der renommierten Zeitschrift ‚ÄěNeuropsychopharmacology‚Äú ver√∂ffentlicht.

(Quelle: MedAustria; Anxiety Associated Increased CpG Methylation in the Promoter of Asb1: A Translational Approach Evidenced by Epidemiological and Clinical Studies and a Murine Model; Neuropsychopharmacology advance online publication June 2017; doi: 10.1038/npp.2017.102)

Sep 22

Auch wenn die schlimmsten Bef√ľrchtungen √ľber die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine gesch√§tzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder √ľbertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, ver√∂ffentlichte.

Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten sp√§ter √§hnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am gr√∂√üten waren, wenn die M√ľtter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Stre√ükompensation – auch hier fand man h√∂here Belastungen der Kinder, deren M√ľtter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die st√§rksten Symptome bei den Kindern, deren M√ľtter diese w√§hrend dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies m√∂glich?

Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.

Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, ver√∂ffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualit√§t der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Spr√∂√ülinge im Erwachsenenalter beeinflu√üt. Rattenjungen, die von ihrer M√ľtter w√§hrend der ersten Woche des Lebens regelm√§√üig umsorgt und geleckt wurden, konnten im sp√§teren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst w√§ren nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des K√∂rpers auf Stress ver√§ndern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von 1 Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Molek√ľle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.

Welpen, die ein hohes Ma√ü an Pflege und lecken erhielten, zeigten h√∂here Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivit√§t des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig beh√ľteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die F√§higkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den M√ľttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivit√§t. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivit√§t dieser Gene reduziert, was die hone Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivit√§t bei dieser St√∂rung erkl√§ren k√∂nnte. √Ąhnliche Effekte wurden seither auch bei Mi√übrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.

Hohe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Ver√§nderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen f√ľr die Stre√übew√§ltigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen √ľbertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren k√∂nnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erkl√§ren, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.

In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen √Ąnderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die f√ľr Lernen und Ged√§chtnis zust√§ndig ist. Epigenetische Marker k√∂nnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Letzten Monat berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von M√§usen √ľbertragen werden k√∂nnen, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Geb√§rmutter von ihren M√ľttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben k√∂nnten.

(Quellen: The Guardian 11.09.2011 (also:Image source);
Yehuda, R et al (2005): Transgenerational Effects of Posttraumatic Stress Disorder in Babies of Mothers Exposed to the World Trade Center Attacks during Pregnancy. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, DOI: 10.1210/jc.2005-0550;
Yehuda, R et al (2009): Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.02.03;
Sarapas, C et al (2011): Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. Disease Markers, DOI: 10.3233/DMA20110764

Sep 11

Schizophrenie schleicht sich zumeist hinterr√ľcks an: sie tarnt sich, h√§ufig als “Depression” oder “Pubert√§tskrise”. Manchmal auch mit k√∂rperlichen Symptomen wie Herzstechen. Doch meist dauert das Versteckspiel nur wenige Wochen. Dann beginnt die Grenze zwischen dem Selbst und der Au√üenwelt zu schwinden, Gedanken werden laut, unbekannte Stimmen mischen sich in das Leben ein, Gef√ľhle scheinen gesteuert, andere verfolgen, beobachten, belauschen. Schizophrenie treibt jeden zehnten Betroffenen in den Suizid, doch immer noch haftet dieser schweren psychischen Erkrankung das Stigma schlicht¬† hausgemachter Probleme oder mangelnder Belastbarkeit an.

Ursachen

“Dass oftmals die Pers√∂nlichkeit als Basis f√ľr Schizophrenie herhalten muss, geh√∂rt wohl zu den gravierendsten Fehleinsch√§tzungen”, warnt W. Fleischhacker, Leiter der Uni-Klinik f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie an der Med-Uni Innsbruck. Doch bis zu 70% des Risikos an Schizophrenie zu erkranken, verorten Forscher in den Genen. Doch “..jeder einzelne Risikofaktor birgt nur einen winzigen Bruchteil in sich. Erst wenn alle zusammenkommen, bricht die Krankheit aus; dazu geh√∂ren neben den Hirnver√§nderungen auch umweltbedingte Faktoren”, sagt Fleischhacker.

Tats√§chlich beginnt der “Kampf im Kopf”, den immerhin 80.000 √Ėsterreicher wenigstens einmal im Leben ausfechten, h√§ufig mit belastenden Einfl√ľssen wie Schulschwierigkeiten, Drogen oder Liebeskummer. Und fast immer geschieht dies bereits in der Pubert√§t – jener Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen massiven Umbau erf√§hrt und f√ľr das weitere Leben general√ľberholt wird. Die Kombination aus erblicher Veranlagung, belastender Erfahrung und mentaler Verletzlichkeit scheint schlie√ülich zu veranlassen, dass einige Schaltkreise der 100 bis 200 Milliarden Nervenzellen im Gehirn in Unordnung geraten. Gew√∂hnlich transportieren die Neuronen Informationen durch Seh-, Sprach-, Wahrnehmungs- sowie Bewertungs- und Gef√ľhlszentren. Die √úbergabe erfolgt mithilfe von Botenstoffen, die jeder Information eine Bedeutung geben: So entscheidet das Serotonin im Gef√ľhlszentrum √ľber Gl√ľck oder Tristesse, Glutamat reguliert die Erregbarkeit und Dopamin steuert im limbischen System Lernen und Motivation – ein hochkomplexes System, das empfindlich auf Abweichungen reagiert. Fehlt etwa Serotonin, entsteht Depression. “Nennen Sie es Seele oder Psyche: Was den Menschen ausmacht, ist das Ergebnis von zellul√§ren, biochemischen und elektrischen Prozessen in den Neuronenschaltkreisen des Gehirns”, beschrieb der Neurochirurg Volker Sturm aus K√∂ln die Vorg√§nge einst.

Diese Aussage trifft f√ľr Schizophrenie-Patienten: “Denn bei ihnen ger√§t das ganze philharmonische Orchester der Neurochemie in Missklang”, wie es der Wiener Leiter der Uni-Klinik f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie Siegfried Kasper ausdr√ľckt. Den gr√∂√üten Anteil tr√§gt Dopamin. Im Motivationszentrum schie√üt es, vermutlich gesteuert durch Glutamat, √ľber und verursacht die so typischen Wahnvorstellungen. Zugleich aber mangelt es in den Hirnarealen, wo Informationen interpretiert und emotional bewertet werden sowohl an Dopamin als auch an Serotonin. “Das aber ist sehr viel schlimmer als die auff√§lligen Psychosen”, sagt Kasper. Sie l√∂sen einen massiven R√ľckzug von Freunden und Familie, Konzentrations- und Kommunikationsverlust aus, durch die sich die Patienten “kaum noch erreichen lassen”. Zumal durch den Serotoninmangel auch die Ausbildung neuer Nervenzellverbindungen nachl√§sst. Es beginnt ein biochemischer wie sozialer Teufelskreis, der, wenn er nicht gestoppt wird, die Menschen in Isolation treibt.

Behandlung

Dieser Prozess l√§√üt sich jedoch aufhalten. Gerade die (nicht mehr ganz so) “neuen” Antipsychotika regulieren sowohl den Dopamin- als auch den Serotoninspiegel sensibel und vergleichsweise nebenwirkungsfrei. Vor allem dann, wenn die Schizophrenie rechtzeitig erkannt und medikament√∂s behandelt werde, k√∂nnten die meisten ein mehr oder weniger erf√ľlltes Leben f√ľhren, so Fleischhacker. Doch genau da liegt das Problem: Meist vergehen bis zu drei Jahre, bis er Patienten zu Gesicht bekommt. H√§ufig schieben die Betroffenen den Arzt- oder Therapeuten-Besuch lange vor sich her, was der Krankheit viel Zeit gibt, sich in der Psyche “einzurichten”. H√§ufig t√§uschen vor√ľbergehende Phasen der Erholung, die den ersch√∂pfenden Anf√§llen folgen. Fatalerweise aber werden die Sch√ľbe unbehandelt meist schlimmer, die Wahnvorstellungen verfestigen sich, w√§hrend die F√§higkeit, die eigene Krankheit zu erkennen, schwindet, und damit auch die Bereitschaft, sich behandeln zu lassen.

Die Experten dr√§ngen daher auf eine begleitende Psychotherapie. “Sie lehrt Betroffene mit ihrer Erkrankung umzugehen, sch√ľtzt sie vor Isolation, aber vor allem lernen sie, Vorboten der m√∂glichen R√ľckf√§lle zu erkennen”, so Fleischhacker. Denn eine Psychose taucht keinesfalls aus dem Nichts auf – sie k√ľndigt sich an. Studien aus Deutschland zeigen eindrucksvoll, dass R√ľckf√§lle um mehr als 30 Prozent sinken, nehmen Patienten wie auch Angeh√∂rige eine solche Therapie in Anspruch.

Mythen und Fakten

“Nur wenige Menschen erkranken an Schizophrenie.”

Etwa einer von 100 Menschen erleidet im Laufe seines Lebens zumindest einen solchen Krankheitsschub.

Schizophrene hören Stimmen.

Das “Stimmen h√∂ren” ist tats√§chlich ein h√§ufiges Symptom, das w√§hrend der akuten Krankheitssch√ľbe auftritt. Zwischen den Sch√ľben aber leben und empfinden die Patienten so rational wie Gesunde auch.

Schizophrene haben eine gespaltene Persönlichkeit.

Es wohnen nicht zwei Menschen in einer Seele. Vielmehr ist der Patient sich seiner Wahrnehmungen durchaus bewusst und nicht selten hat er gro√üe Angst davor. Viele Schizophrene ziehen sich deswegen aus ihrem sozialen Umfeld zur√ľck.

F√ľr Schizophrenie gibt es keine Heilung.

Die meisten Patienten lassen sich gut durch Medikamente und psychosoziale Ma√ünahmen therapieren. Es gibt kaum Patienten, die dauerhaft station√§r behandelt werden m√ľssen. Viele Schizophrenie-Patienten leben selbst√§ndig und in Beziehungen, sind zum Teil in die Arbeitswelt eingegliedert.

Zum Weiterlesen:
Amen, D.: “Das gl√ľckliche Gehirn” – √Ąngste, Aggressionen und Depressionen √ľberwinden – So nehmen Sie Einfluss auf die Gesundheit Ihres Gehirns
Hell, D. & Sch√ľppbach, D.: “Schizophrenien” – : Ein Ratgeber f√ľr Patienten und Angeh√∂rige
Greenberg, J.: “I never promised you a Rose Garden” (Roman, engl.)

(Quelle: Eintrag basiert auf einem Artikel in der Zeitung ‘Der Standard’ v. 22.08.2011; Image src:medindia.com)

Aug 05

“Was kann ich schon tun, es liegt in meinen Genen!” Diesen Stehsatz h√∂rt man h√§ufig, wenn jemand von gesundheitlichen Problemen spricht. Und tats√§chlich existieren nur wenige Krankheiten, zu denen nicht mindestens eine Studie versuchte, “genetische Ursachen” ausfindig zu machen – auch bei psychischen Problemen. Doch bemerkenswerterweise k√∂nnen selbst 150 Jahre, nachdem Gregor Mendel (der “Vater der Genetik”) seine Regeln der Vererbung beschrieb, Krankheitsgeisseln der Menschheit wie Krebs, S√ľchte, Diabetes oder Gewalt immer noch nicht auf genetischem Wege beseitigt werden. Das soll nun nicht hei√üen, dass die Genetik kein wichtiges Potential h√§tte – aber offenbar ist es zum heutigen Zeitpunkt immer noch klug, s√§mtliche nicht-genetischen Einflussfaktoren f√ľr unsere Krankheiten und St√∂rungen auch weiterhin zu ber√ľcksichtigen.

Einer der haarstr√§ubendsten Aspekte der Theorie, dass unser gesamtes Leben genetisch “programmiert” ist, besteht darin, dass diese Sichtweise uns komplett von unserer Umwelt abkoppelt. Da unser Schicksal ohnehin unab√§nderlich sei, k√∂nnten wir uns demnach eigentlich den Versuch sparen, pers√∂nliche oder gesellschaftliche Energien in die Verbesserung unserer Lebenssituation oder Gesundheit zu stecken. Tats√§chlich jedoch ist nur ein sehr kleine Gruppe sehr seltener Krankheiten wirklich rein genetisch verursacht. F√ľr komplexe St√∂rungen wie ADHS, Schizophrenie, eine Neigung zu Gewalt oder Abh√§ngigkeit mag es zwar genetische Veranlagungen geben, dies ist aber nicht das gleiche wie eine Vorbestimmung. Gene scheinen uns vielmehr unterschiedliche M√∂glichkeiten zu geben, auf unsere Umwelt zu reagieren. So wirken Einfl√ľsse in unserer Kindheit und die Art unserer Erziehung ganz entscheidend auf die Art, in der sich unsere genetische Neigung sp√§ter entwickelt. Wie Untersuchungen zeigen, k√∂nnen diese Einfl√ľsse sogar verschiedene Gene “ein- oder ausschalten”, um uns optimal auf die Anforderungen unserer Umwelt einzustellen.

Eine in Montral durchgef√ľhrte Studie beispielsweise, die die Gehirne von Suizidopfern untersuchte, fand heraus, dass ein w√§hrend der Kindheit stattgefundener Missbrauch offenbar gewisse Gehirngene ver√§nderte, was bei anderen Menschen nicht. feststellbar war. Derartiges wird als “epigenetischer Effekt” bezeichnet: ein Umwelteinfluss, der bestimmte Gene aktivieren oder deaktivieren kann.

So k√∂nnte man in einer Variation zu Shakespeare’s Zitat vielleicht sagen: “Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Wissenschaft auszumalen vermag.” Und es gibt mehr M√∂glichkeiten, unser Leben zielf√ľhrend zu ver√§ndern, als wir es uns vorstellen m√∂gen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:psychcentral.com)

Blog-Begriffswolke:
ÔĽŅ10.06.18