Sep 30

Suizid / PrÀsuizidales Syndrom / Depression

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Der Begriff “prĂ€suizidales Syndrom” stammt vom Wiener Psychiater Dr. Erwin Ringel, der die Gemeinsamkeiten im seelischen Erleben von Überlebenden untersuchte. Er spricht von drei Punkten:

  1. Einengung
  2. Gehemmte und gegen die eigene Person gerichtete Aggression
  3. Selbsttötungsphantasien

Durch das Zusammenspiel dieser drei “Bausteine” kommt es nahezu unvermeidbarerweise zu einem Teufelskreis, in dem sich diese gegenseitig verstĂ€rken.

  1. Einengung
    • Situative Einengung (Einengung der persönlichen Möglichkeiten): Das menschliche Leben ist durch eine FĂŒlle von Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten geprĂ€gt. Im Zustand des prĂ€suizidalen Syndroms ist dieses GefĂŒhl jedoch weitestgehend nicht mehr vorhanden. Die LebensumstĂ€nde werden als bedrohlich, unverĂ€nderbar und unĂŒberwindbar erlebt. Die eigene Person wird als klein, hilflos, ausgeliefert und ohnmĂ€chtig empfunden, die den ĂŒbermĂ€chtigen UmstĂ€nden ausgeliefert ist.
    • Dynamische Einengung (Einengung der GefĂŒhlswelt): Die Stimmung, Gedanken, Vorstellungen und Assoziationen gehen nur mehr in eine Richtung. Durch diese einseitige Ausrichtung kommt es zu Depression, Verzweiflung, Angst und Panik oder zumindest nach außen hin zu einer unheimlichen Ruhe. Im Moment der Selbsttötung erreicht die dynamische Einengung ihren Höhepunkt. Nur ein gefĂŒhlsmĂ€ĂŸiger Vorgang und nicht eine bloß rationale Überlegung vermag dies zu bewirken.
    • Einengung der zwischenmenschlichen Beziehung:
      FĂŒr die Selbsttötung gefĂ€hrdete Menschen sind einsam, isoliert, fĂŒhlen sich von anderen Menschen verlassen und unverstanden.
    • Einengung der Wertewelt: Es tritt eine Störung der Wertbezogenheit auf, nichts hat mehr einen “Wert”. Mangelnde Wertbezogenheit resultiert in Interessenslosigkeit, GleichgĂŒltigkeit, “VerdĂŒnnung” des Lebens, Langeweile. Eine Folge ist die unzureichende praktische Wertverwirklichung, wodurch das SelbstwertgefĂŒhl weiter geschĂ€digt oder zerstört wird. Das Überhandnehmen subjektiver Wertungen verstĂ€rkt die gefĂŒhlsmĂ€ĂŸige Außenseiterposition.
  2. Gehemmte und gegen die eigene Person gerichtete Aggression: Adler definiert Selbsttötung als eine klassische Racheaktion, wobei man zwar sich selbst treffe, damit aber zugleich andere fĂŒr alle Zeiten vorwurfsvoll belaste. Selbsttötung erfordert eine enorm aggressive Haltung, in der sich die Aggression gegen die eigene Person richtet, obwohl im Grunde andere Menschen, auch in ihre Gesamtheit, also als “die Gesellschaft”, das in Wirklichkeit gemeinte Ziel darstellen. Damit dies eintritt, mĂŒssen ein starkes Aggressionspotential vorhanden sein und eine Abreaktion nach außen muß verhindert sein.
  3. Selbsttötungsphantasien: Viele Menschen haben schon einmal mit dem Gedanken gespielt, sich umzubringen. BĂŒrger-Prinz meinte einmal, dass wir alle tot wĂ€ren, wenn wir an unserem Körper eine Vorrichtung hĂ€tten, die Ă€hnlich einem Lichtschalter auf “aus” gestellt werden kann. Solche gelegentlichen Ideen fĂŒhren ĂŒblicherwiese nicht zum Suizid, sie sind an sich auch nicht als krankhaft zu sehen. Im Zustand des prĂ€suizidalen Syndroms unterscheidet sich die intensive gedankliche BeschĂ€ftigung mit der Selbsttötung davon grundlegend. Es lĂ€ĂŸt sich zwischen den zunĂ€chst aktiven, das heißt willentlich intendierten, Suizidvorstellungen unterscheiden und den spĂ€teren passiven, welche sich einfach, oft gegen den Willen und auch in Form von Zwangsgedanken aufdrĂ€ngen. Was zunĂ€chst Ă€hnlich wie ein Entlastungsmechanismus wirkt, kann sich zu einer heftigen Bedrohung entwickeln, wenn sich die Phantasien verselbstĂ€ndigen. Jede derartige Phantasie ist allerdings eine Flucht aus der Wirklichkeit. Dies gilt auch fĂŒr die Vorstellung tot zu sein. Meist verstehen die Betroffenen schon einige Tage spĂ€ter nicht mehr, wie sie ursprĂŒnglich nur auf derartige Gedanken kommen konnten.

Die Inhalte der Phantasien lassen sich in drei Stufen unterteilen:

  • Die Vorstellung, tot zu sein: Es geht bei dieser Phantasie um den Lustgewinn und Effekt, den dieses Ereignis bei den Mitmenschen auslöst und nicht um den Akt des Sterbens selbst. Es geht nicht um den Akt der Selbsttötung, sondern nur um das Ergebnis. Der Vorgang des Sterbens selbst wird ĂŒbersprungen. Als “Toter” bleibt man in der Phantasie sozusagen am Leben und genießt den “Lustgewinn”. Wie in den Phantasien oder TagtrĂ€umen von Kindern kann der Tod dabei jederzeit ungeschehen gemacht werden.
  • Die Vorstellung, Hand an sich zu legen: Die zweite Stufe besteht in der Vorstellung, Hand an sich zu legen, ohne dass dabei konkrete Methoden oder Vorgehensweisen phantasiert werden.
  • Die detaillierte Vorstellung der Methode der Selbsttötung: In der dritten Stufe, in welcher höchste Gefahr besteht, wird die konkrete DurchfĂŒhrung, oft bis in das kleinste Detail gehend, geplant. Von hier zur aktuellen DurchfĂŒhrung ist es nur mehr ein kleiner Schritt.

Suizidphantasien und Suizidgedanken treten auf, wenn ein fortgeschrittenes depressives Störungsbild vorliegt. Depressionen sind heute gut behandelbar, auch wenn es mitunter eine gewisse Zeit dauern kann, bis Psychotherapie (und fallweise erforderliche Antidepressiva) ansprechen.

Wenn Sie Symptome eines prĂ€suizidalen Syndroms an sich bemerken, wenden Sie sich umgehend an einen Facharzt fĂŒr Psychiatrie oder Neurologie oder an einen/Ihren Psychotherapeuten(in).

(Quellen:  Fellner, R.L.: “Depressionen – Mythen und Fakten rund um eine “Zeitkrankheit” (2007), Fellner, R.L.: “Erwin Ringel” (1990); persönlichkeit & psyche)

ï»ż01.09.19