Aug 05

“Was kann ich schon tun, es liegt in meinen Genen!” Diesen Stehsatz hört man hĂ€ufig, wenn jemand von gesundheitlichen Problemen spricht. Und tatsĂ€chlich existieren nur wenige Krankheiten, zu denen nicht mindestens eine Studie versuchte, “genetische Ursachen” ausfindig zu machen – auch bei psychischen Problemen. Doch bemerkenswerterweise können selbst 150 Jahre, nachdem Gregor Mendel (der “Vater der Genetik”) seine Regeln der Vererbung beschrieb, Krankheitsgeisseln der Menschheit wie Krebs, SĂŒchte, Diabetes oder Gewalt immer noch nicht auf genetischem Wege beseitigt werden. Das soll nun nicht heißen, dass die Genetik kein wichtiges Potential hĂ€tte – aber offenbar ist es zum heutigen Zeitpunkt immer noch klug, sĂ€mtliche nicht-genetischen Einflussfaktoren fĂŒr unsere Krankheiten und Störungen auch weiterhin zu berĂŒcksichtigen.

Einer der haarstrĂ€ubendsten Aspekte der Theorie, dass unser gesamtes Leben genetisch “programmiert” ist, besteht darin, dass diese Sichtweise uns komplett von unserer Umwelt abkoppelt. Da unser Schicksal ohnehin unabĂ€nderlich sei, könnten wir uns demnach eigentlich den Versuch sparen, persönliche oder gesellschaftliche Energien in die Verbesserung unserer Lebenssituation oder Gesundheit zu stecken. TatsĂ€chlich jedoch ist nur ein sehr kleine Gruppe sehr seltener Krankheiten wirklich rein genetisch verursacht. FĂŒr komplexe Störungen wie ADHS, Schizophrenie, eine Neigung zu Gewalt oder AbhĂ€ngigkeit mag es zwar genetische Veranlagungen geben, dies ist aber nicht das gleiche wie eine Vorbestimmung. Gene scheinen uns vielmehr unterschiedliche Möglichkeiten zu geben, auf unsere Umwelt zu reagieren. So wirken EinflĂŒsse in unserer Kindheit und die Art unserer Erziehung ganz entscheidend auf die Art, in der sich unsere genetische Neigung spĂ€ter entwickelt. Wie Untersuchungen zeigen, können diese EinflĂŒsse sogar verschiedene Gene “ein- oder ausschalten”, um uns optimal auf die Anforderungen unserer Umwelt einzustellen.

Eine in Montral durchgefĂŒhrte Studie beispielsweise, die die Gehirne von Suizidopfern untersuchte, fand heraus, dass ein wĂ€hrend der Kindheit stattgefundener Missbrauch offenbar gewisse Gehirngene verĂ€nderte, was bei anderen Menschen nicht. feststellbar war. Derartiges wird als “epigenetischer Effekt” bezeichnet: ein Umwelteinfluss, der bestimmte Gene aktivieren oder deaktivieren kann.

So könnte man in einer Variation zu Shakespeare’s Zitat vielleicht sagen: “Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Wissenschaft auszumalen vermag.” Und es gibt mehr Möglichkeiten, unser Leben zielfĂŒhrend zu verĂ€ndern, als wir es uns vorstellen mögen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:psychcentral.com)

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ï»ż10.06.18