Nov 28

Wer w√§hrend der letzten Wochen die diversen Pressemeldungen verfolgte, konnte ein bemerkenswertes Bild √ľber unseren gesellschaftlichen Zugang zu den “Umtrieben” heutiger Kinder und Jugendlicher bekommen: da wurde von einem ober√∂sterreichischen Schuldirektor den Sch√ľlerInnen etwa das √∂ffentliche K√ľssen untersagt (nach vehementen √∂ffentlichen Protesten ist das Verbot mittlerweile wieder aufgehoben), angeblich werden Jugendliche immer d√ľmmer (Computer und Fernsehen seien schuld), wir erinnern uns an die Debatte um bauchfreie T-Shirts vor 2 Jahren, seit vielen Jahren deuten einschl√§gige Studien in England aber vor allem auch auf steigende Angst der √Ėffentlichkeit vor Kindern und Jugendlichen hin: mehr Respekt wird da gefordert, und die Kategorie des “antisozialen Verhaltens” wurde geschaffen, um Jugendliche entsprechend mit ASBO’s (Anti-Social Behavior Orders) und einschl√§gigen Medikamenten zu disziplinieren. Mittlerweile bilden sich bereits Gruppierungen, die gegen diesen Trend zu mobilisieren versuchen, denn √úberwachen und Strafen l√∂sen – wie auch in anderen Lebensbereichen – die zugrundeliegenden Probleme nicht.

Alarmierend ist die Verst√§ndnislosigkeit und K√§lte, mit der der jungen Generation (wie man so sch√∂n sagt: unseren [hoffentlich!] “Pensionszahlern von morgen”) begegnet wird. Politik wird in erster Linie f√ľr die Erwachsenen und Pensionisten gemacht, an der Jugend besteht kaum ein anderes Interesse, als dass diese zu “funktionieren”, sich in das gesellschaftliche Gef√ľge einzuordnen habe. Das Bestehende wird verwaltet, Zukunftsdenken oder gar Visionen sind eher die Ausnahme als die Regel. Da ist es dann kein Wunder, wenn Klassengr√∂√üen trotz steigender sozialer Probleme und zunehmendem Integrationsbedarf immer gr√∂√üer werden und Lehrer immer mehr Erziehungsaufgaben zu √ľbernehmen haben, gleichzeitig aber ihre Fortbildungsbudgets, sowie jene f√ľr Beratungsstellen und Psychotherapie schon seit Jahrzehnten ausged√ľnnt werden. Auch Eltern schaffen kaum den Spagat, ihre Karriereziele mit den Bed√ľrfnissen ihrer Kinder nach Zuwendung zu vereinbaren.

Wie das Schicksal so spielt: w√§hrend ich diese Zeilen schrieb, wurde eine Pressemitteilung der √∂sterr. Bildungsministerin Claudia Schmied ver√∂ffentlicht: nach einem heute stattgefundenen “Bildungs-Gipfel”, an dem 600 Experten von Schulaufsicht und Schulpartnern bis zu Polizei, Schulpsychologen und NGO’s teilnahmen, soll ein F√ľnf-Punkte-Programm f√ľr das Thema Gewalt an Schulen sensibilisieren und diese zu verhindern helfen. “Die Lehrer k√∂nnen soziale Probleme nicht alleine l√∂sen”, so die Bildungsministerin.
Wichtigstes Ergebnis des Gipfels: im kommenden Jahr soll es um 20 Prozent mehr Schulpsychologen an √Ėsterreichs Schulen geben (derzeit kommen z.T. auf 5-10 Schulen 1 SchulpsychologIn, und das Engagement externer BeraterInnen wie im Projekt “SchulePlus” des Wiener GRG3 oder von “Schule mit Biss” bleibt fast ausschlie√ülich Elternvereinen und engagierten Direktionen vorbehalten), und es wird einschl√§gige Schwerpunkte in der LehrerInnenausbildung geben. Gewaltt√§tige Sch√ľler, sogenannte ‘Bullies’ verursachen langfristig hohe Kosten f√ľr den Staat: addiert man Ma√ünahmen wie Pflege, Heimbetreuung, Gerichtsverfahren und Strafvollzug, kostet ein Bully den Staat √ľber eine Million Euro. Die L√∂sung laut dem Psychologen Friedrich L√∂sel: “Kinder aus Risikofamilien sollten von der Geburt an betreut werden.”

Scheint, als w√§re √Ėsterreich doch “anders” und als g√§be es begr√ľndete Hoffnung, dass das Steuer gerade noch herumgerissen werden kann. Sofern die Ma√ünahmen tats√§chlich im Parlament bewilligt und dann auch konsequent umgesetzt werden jedenfalls.

ÔĽŅ01.09.19