Sep 03

Trennung und Scheidung ver√§ndert nicht nur unser Leben “danach”, sondern auch bevor die Absicht √ľberhaupt noch klar gefasst ist. (Bild: Getty)

Hier einige von mir im Laufe der Zeit gesammelten Daten und Fakten zum Thema Trennung und Scheidung. Neue Informationen, “Fundst√ľcke” oder Studien werde ich sukzessive in die Liste mit aufnehmen. Gerne k√∂nnen auch Sie mir aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema zukommen lassen (bitte unbedingt mit Quellenangabe!).

  • Arbeitsteilung im Haushalt? Vielleicht lieber doch nicht: denn eine norwegische Studie aus dem August 2012 stellte fest, dass die Scheidungsrate von Paaren, die die haushaltlichen T√§tigkeiten gezielt aufteilen, etwa 50% h√∂her ist als bei solchen, bei denen die Frau die h√§uslichen Arbeiten erledigt. Oder, gar nicht unwahrscheinlich: die h√∂here Scheidungsrate k√∂nnte auch mit “modernen” Werten und Einstellungen in Zusammenhang stehen, wie etwa, die Ehe generell nicht mehr als sakrosankt zu betrachten. Eine weitere Erkl√§rung k√∂nnte aber auch sein, dass Paare mit klaren “Zust√§ndigkeitsbereichen” weniger anf√§lliger f√ľr Konflikte und Machtk√§mpfe sind.
  • “Die Gene”: 02/2012 wurde eine Studie schwedischer Wissenschaftler ver√∂ffentlicht, der zufolge es bedingt durch ein spezifisches Gen manchen Frauen schwerer fallen k√∂nnte als anderen, in einer Paarbeziehung treu zu bleiben. Konkret hatten Tr√§gerinnen einer Variation eines Oxytocin-Rezeptor-Gens, das als A-Allel bekannt ist, aufgrund h√∂herer Schwierigkeiten, mit anderen Menschen emotionale Verbindungen herzustellen, nur schwer Heiratspartner. Bereits verheirate Tr√§gerinnen dieser Genvariation jedoch mussten sich etwa 50% h√§ufiger mit Ehekrisen oder “Androhungen der Scheidung” arrangieren.
  • Wie klappt’s mit den Schwiegereltern? 11/2012 wurde eine 26-Jahres-Langzeitstudie der Universit√§t von Michigan ver√∂ffentlicht, der zufolge das Scheidungs-Risiko um etwa 20% reduziert ist, wenn der Mann eine gute Beziehung zu den Eltern seiner Frau unterh√§lt. Wenn eine Frau eine enge Beziehung zu den Eltern ihres Mannes unterh√§lt, ist das Scheidungs-Risiko des Paares dagegen um 20 Prozent erh√∂ht.Warum der Unterschied? Forscher Terry Orbuch glaubt einem Interview zufolge, dass viele Frauen ihre Schwiegereltern als aufdringlich empfinden, w√§hrend M√§nner die Aktionen ihrer Schwiegereltern tendenziell weniger pers√∂nlich nehmen.
  • M√§nner “ertr√§nken” h√§ufig ihren Scheidungsschmerz – eine Studie der University of Cincinnati (07/2012) stellte fest, dass M√§nner nach Scheidungen h√§ufig beginnen, ihren Alkohol-Konsum massiv zu steigern. Verheiratete Frauen wiederum trinken der Studie zufolge mehr als ihre verwitweten oder geschiedenen Freunde – teils, weil sie mit M√§nnern, die h√∂heren Alkoholkonsum an den Tag legten, leben.
  • Zweifel an der Heirat k√∂nnen ein Fr√ľhwarnzeichen sein: in einer Studie der UCLA, welche 09/2012 im Journal of Family Psychology ver√∂ffentlicht wurde, fragten die Forscher 232 erstverheiratete Brautpaare, ob sie nach ihrer Verlobung “jemals unsicher oder z√∂gerlich gewesen w√§ren, zu heiraten”. Das Forscherteam folgte sodann den Paaren alle sechs Monate die ersten vier Jahre ihrer Ehe hindurch. Es stellte sich heraus, dass “19 Prozent der Paare, in denen Frauen zuvor Zweifel gehabt hatte, vier Jahre sp√§ter geschieden wurden, aber nur 8 Prozent der Paare, in denen Frauen keine Zweifel gehabt hatte. Auch die Zweifel der M√§nner korrelierten mit einer nahezu doppelt so hohen Scheidungsrate (M√§nner mit Zweifeln: 14% Scheidungsrate, M√§nner ohne Zweifel: 9%).
  • Fremdgehende M√§nner erleiden beim Sex eher Herzinfarkte: laut einer Studie, welche 05/2012 von der Universit√§t Florenz ver√∂ffentlicht wurde, ereignet sich w√§hrend au√üerehelichem Sex h√§ufiger ein “koitaler Herzinfarkt” als in der gewohnten Umgebung. “Au√üerehelicher Sex ist riskant und emotional anstrengend, weil die Geliebte oft j√ľnger ist als die Hauptpartnerin, h√§ufig folgt der Sex auch √ľberm√§√üigem Trinken und/oder Essen,” so Dr. Alessandra Fisher in einem Interview. “Eine geheime sexuelle Begegnung in einer ungewohnten Umgebung kann den Blutdruck und die Herzfrequenz deutlich erh√∂hen, was zu einem erh√∂hten Sauerstoffbedarf f√ľhrt.”
  • Zusammenleben vor der Ehe ist nicht l√§nger ein starker Pr√§diktor f√ľr Scheidung, wie eine Studie des Centers for Disease Control and Prevention im Fr√ľhjahr 2012 ergab. Die Auswertung einer Befragung von 22.000 M√§nnern und Frauen ergab keine Unterschiede hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit, mindestens 15 Jahre verheiratet zu bleiben bei verlobten Paaren, die vor der Hochzeit zusammengelebt hatten und solchen, die dies nicht getan hatten. Bei nicht verlobten, aber zusammenlebenden Paaren allerdings zeigte sich eine geringere Wahrscheinlichkeit, dass die Partnerschaft die 10-Jahres- oder 15-Jahres-Marke √ľberlebte.
  • Scheidung in j√ľngeren Jahren gesundheitsgef√§hrdender: einer Studie der Michigan State University (01/2012) zufolge erlitten diejenigen von 1.282 √ľber einen Zeitraum von 15 Jahren hindurch beobachteten Personen, die sich von ihrem Partner in einem j√ľngeren Alter trennen, mehr gesundheitliche Probleme als jene, die sich erst in mittleren oder sp√§ten Lebensabschnitten scheiden lassen. M√∂glicherweise verf√ľgen √§ltere Menschen √ľber mehr Bew√§ltigungsstrategien, um mit dem Stress der Scheidung umzugehen.
  • Frauen mit Trennungsabsicht arbeiten mehr: Ende 2012 ver√∂ffentlichte die European Economic Review eine Studie, derzufolge bei Frauen, die zus√§tzliche 12 Minuten pro Woche arbeiten, das Risiko einer Trennung oder Scheidung um 1% zunimmt. Ein Grund daf√ľr k√∂nnte dem Soziologen Berkay √Ėzcan sein, dass l√§ngere Arbeitszeiten eine Form der “Versicherung” f√ľr Frauen darstellen, wenn ihre Ehe zugrunde zu gehen droht. Auch bei M√§nnern wurden diese Tendenzen beobachtet, auch wenn die Minutenzahlen im Schnitt geringer ausfielen.
Sep 18

Image Source: blog.winemag.com

Politische Einstellungen basieren auf freien Entscheidungen und jeder sollte die Freiheit haben, zu seinen √úberzeugungen zu stehen – das stellt einen Grundpfeiler der westlichen Demokratien dar. Doch j√ľngste Untersuchungen zeigen, dass diese Freiheit tats√§chlich vielleicht nicht so gro√ü ist, wie wir das bisher annahmen, da viele dieser Einstellungen im Hirn “fest verdrahtet” und z.T. auch genetisch pr√§determiniert sein d√ľrften – und dass die politische Einstellung dar√ľber hinaus auch R√ľckschl√ľsse auf spezifische, strukturelle Pers√∂nlichkeitsanteile zul√§sst.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Gehirne von Menschen mit konservativen Ansichten h√§ufig eine gr√∂√üere Amygdala (ein mandelf√∂rmiger Bereich im Zentrum des Gehirns) haben – ein Hirnbereich, der h√§ufig mit “primitiven” Reflexemotionen wie Angst und Emotionen assoziiert ist. Dar√ľber hinaus haben sie h√§ufig auch eine kleineres sog. anteriores Cingulum, eine Region im vorderen Hirnbereich, die wichtig f√ľr die Entwicklung von Mut und Optimismus ist und bei St√∂rungen mit Depressionen und neurotischen Verhaltensmustern in Verbindung gebracht wird.

Gelingt es, diese Ergebnisse wissenschaftlich abzusichern, k√∂nnten sie eine medizinische Erkl√§rung daf√ľr bieten, warum konservative W√§hler eher empf√§nglich f√ľr terroristische Bedrohungen sind als zum Beispiel Liberale. Und es w√ľrde dabei helfen, zu erkl√§ren, warum die Konservative eher auf der Grundlage von Worst-Case-Szenarien planen m√∂chten, w√§hrend die Liberalen eher zu rosigen Aussichten neigen.

Geraint Rees, Leiter des UCL Institute of Cognitive Neuroscience in London, wurde urspr√ľnglich halb im Scherz eingeladen, f√ľr eine Episode der “BBC 4 Today” Show die Unterschiede zwischen liberalen und konservativen K√∂pfen zu studieren. Nach dem Studium von 90 UCL-Studenten und zwei britischen Parlamentariern konnte der Neurologe, einigerma√üen schockiert, eine klare Korrelation zwischen der Gr√∂√üe der erw√§hnten Hirnregionen und politischen Ansichten entdecken. Er warnt jedoch, dass es auf der Basis des bisherigen Standes der Untersuchungen, bei denen nur die Gehirne von Erwachsenen untersucht wurden, noch keine M√∂glichkeit g√§be, zu sagen, was zuerst da war – die hirnorganischen Unterschiede oder die politischen Meinungen. Doch es scheint nicht weit gegriffen, dass die politischen Grundeinstellungen einer Person bald schon durch Gehirn-Scans – oder auch DNA-Tests ermittelt werden k√∂nnten.

Denn Untersuchungen an den Universit√§ten University of California, Harvard and UC-San Diego zeigten, dass eine Variante des Neurotransmitters DRD4 Menschen scheinbar zu liberalen Einstellungen pr√§disponiert, jedoch nur, wenn sie auch ein aktives soziales Leben als Jugendliche hatten. Tr√§ger des “liberalen Gens” haben auch eher den Wunsch, neue Dinge auszuprobieren sowie weitere, gemeinhin mit liberalen Einstellungen verbundene Pers√∂nlichkeitsmerkmale.

Sind Rassisten dumm?

Damit aber noch nicht genug. Weitere Untersuchungsergebnisse lassen vermuten, dass ein niedriger IQ (Intelligenzquotient) eine der Ursachen f√ľr rassistische Vorurteile und sozial-konservative politische Einstellungen sein k√∂nnte. Die zugrundeliegende im Jahre 2012 ver√∂ffentlichte Studie, (durchgef√ľhrt von der Brock University in Ontario und geleitet von Gordon Hodson) besagt, dass Kinder mit vergleichsweise geringerer Intelligenz im Erwachsenenalter eher konservative √úberzeugungen und Vorurteile entwickeln als Kinder mit vergleichsweise h√∂herer Intelligenz. Erkl√§rt wird dies damit, dass diese Menschen mehr Angst vor Ver√§nderungen haben. Sie streben also nach dem Gef√ľhl von Sicherheit – konservative Ideologien aber beinhalten mehr Struktur, bef√ľrworten gesellschaftliche “Ordnung” und f√∂rdern hierarchische Systeme. All dies und ihr Widerstand gegen√ľber gesellschaftlichen Ver√§nderungen macht es f√ľr Konservative ebenfalls leichter, mit einer komplizierten und komplexen Welt umzugehen. Gleichzeitig f√∂rdern solche Grundeinstellungen aber auch Vorurteile.

Hudson warnt jedoch, in den aktuellen Stand der Untersuchungen allzu viel hineinzuinterpretieren: zum einen ist das Konzept der IQ-Tests unter Psychologen nicht gerade unumstritten, zum anderen ist die Entwicklung von Vorurteilen zu komplex, um einfach nur mit Unterschieden der Intelligenz erklärt zu werden.
Lediglich der Zusammenhang, dass auf Menschen, die stärker zu Angst vor Veränderungen neigen, reaktionäre Positionen positiv und anziehend wirken, sei als abgesichert zu betrachten.

Allerdings kommen auch andere Forscher zu vergleichbaren Ergebnissen. So betrug gem√§√ü einer im Jahre 2010 von Satoshi Kanazawa auf Basis der IQ-Ergebnisse aus der “Add Health”-Umfrage analysierten Ergebnisse der Durchschnitts-IQ von Erwachsenen, die sich als “sehr liberal” beschrieben, 106 Punkte, w√§hrend solche, die sich als “sehr konservativ” bezeichneten, durchschnittlich nur 95 IQ-Punkte erreichten.
Eine weitere Studie von L. Stankov aus dem Jahre 2009 wiederum stellte fest, dass unter Studenten an US-Universit√§ten konservative Grundeinstellungen negativ mit SAT (“Scholastic Aptitude Test”, ein standardisierter Test f√ľr die Aufnahme an US-Colleges)-Scores, dem Wortschatz und Analogietest-Ergebnissen korrelierten. Eine noch gr√∂√üere Korrelation wurde hierbei allerdings hinsichtlich wirtschaftlicher Unterschiede gefunden.

Provokant formuliert: k√∂nnte der britische Philosoph John Stuart Mill mit seinem Ausspruch “Conservatives are not necessarily stupid, but most stupid people are conservatives” gar nicht so unrecht gehabt haben?

(Quellen: [1]; [2]; [3]; [4]; 5: Larry Stankov (2009-05) in: “Conservatism and cognitive ability“. Intelligence 37 (3): 294‚Äď304. doi:10.1016/j.intell.2008.12.007; 6: Satoshi Kanazawa (2010): “Why Liberals and Atheists Are More Intelligent“. Social Psychology Quarterly. doi:10.1177/0190272510361602.)

Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewisserma√üen eine √úbersicht √ľber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Sch√§tzungen stirbt j√§hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tats√§chlich d√ľrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich h√∂her liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen L√§ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid tr√§gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesf√§llen bei und ist die zehnth√§ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, f√ľr das Daten verf√ľgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gef√§hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine √Ąnderung ergeben hat, und √§ltere Menschen, bei denen ein deutlicher R√ľckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalit√§t: innerhalb Europas liegen die Raten in den n√∂rdlichen L√§ndern generell etwas h√∂her als in den s√ľdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der t√§glichen Sonnenscheindauer schlie√üen l√§sst. Dennoch k√∂nnen andere L√§nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Gro√übritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesf√§lle auf Selbstt√∂tung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der¬†die Suizidh√§ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal geh√§uftes Auftreten von Suiziden erkl√§rt werden k√∂nnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” ver√∂ffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in j√ľngster Zeit in S√ľdkorea angestiegen: n√§mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbstt√∂tungen von M√§nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betr√§gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am h√∂chsten. Die OECD f√ľhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Aufl√∂sung der traditionellen Familienbindungen zur√ľck. Ob das allerdings S√ľdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegen√ľber den anderen L√§ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zur√ľckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach S√ľdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine √ľberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und √Ėsterreich (12,6; 27/100000 bei M√§nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegen√ľber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Gro√übritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den √ľbrigen OECD-L√§ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier t√∂ten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widerspr√ľchliche Daten zur sog. Gl√ľcklichkeitsforschung f√∂rderte bemerkenswerterweise allerdings eine¬†Studie zutage, die Zusammenh√§ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen L√§ndern die Selbstmordrate trotz gro√üer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabh√§ngig von harten Wintern, religi√∂sem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen L√§ndern (mehr):

Eine Erkl√§rungsm√∂glichkeit f√ľr diesen vordergr√ľndigen Widerspruch k√∂nnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid st√§rker empfunden wird. Gesellt sich zum pers√∂nlichen Lebensungl√ľck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses ver√§ndern zu k√∂nnen, kann Suizid von bestimmten Pers√∂nlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu √Ėsterreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. J√§hrlich sterben in √Ėsterreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 w√§hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamt√∂sterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erw√§hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Stra√üenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in √Ėsterreich immer weniger Autopsien durchgef√ľhrt werden, sinkt die M√∂glichkeite, Suizide von nat√ľrlichen Todesf√§llen zu unterscheiden. So zeigen sich in L√§ndern mit den h√∂chsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn h√∂here Suizidraten als in L√§ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in L√§ndern, in denen Autopsieraten zur√ľckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken √ľberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industriel√§ndern betr√§gt das Geschlechterverh√§ltnis bez√ľglich des Suizids etwa zwei bis vier (M√§nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische L√§nder zeigen ein kleineres Verh√§ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als M√§nner durch Suizid.

Risikofaktoren f√ľr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • m√§nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 M√§nnern, 5,2 bei Frauen)
  • fr√ľhere Selbstverletzungen
  • Homosexualit√§t
  • psychiatrische St√∂rungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Milit√§rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben √Ąnderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit h√∂herem Suizidrisiko verkn√ľpft, das Risiko ist jedoch gr√∂√üer, wenn der niedrigere Spiegel √ľber Di√§ten anstatt √ľber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herr√ľhren k√∂nnte, dass Di√§t haltende Menschen ein h√∂heres Risiko f√ľr psychische Probleme h√§tten. Bislang jedoch l√§gen hierf√ľr keine bekr√§ftigenden Hinweise vor. Famili√§re Vorgeschichten mit Selbstt√∂tungen verdoppeln zumindest das Risiko f√ľr M√§dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar d√ľrftig ist, sind ein hohes Ma√ü an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivit√§t mit einem erh√∂hten Suizidrisiko verkn√ľpft. Suizidraten nehmen √ľber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf m√ľtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbesch√§ftigten h√∂her als bei Berufst√§tigen. H√∂here Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verkn√ľpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufst√§tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erh√∂htes Risiko: praktische √Ąrzte haben in den meisten L√§ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch √Ąrztinnen generell das h√∂chste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den √Ąrzten gelten An√§sthesisten als besonders gef√§hrdet, denn f√ľr viele Suizide werden bet√§ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahn√§rzte, Apotheker, Tier√§rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten L√§ndern unter den √§lteren Menschen am h√∂chsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der j√ľngeren Bev√∂lkerung gestiegen, insbesondere bei M√§nnern. Suizide werden am h√§ufigsten im Fr√ľhling ver√ľbt, auch da besonders unter M√§nnern. Im Fr√ľhling oder Fr√ľhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erh√∂htes Suizidrisiko. Amerikaner europ√§ischer Herkunft haben h√∂here Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls h√∂here Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und st√§rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal h√∂her als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualit√§t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen M√§nner eher gewaltt√§tige Mittel der Selbstt√∂tung (zum Beispiel durch H√§ngen oder Erschie√üen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erkl√§rung f√ľr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen M√§nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich h√§ufig erfolgen. Verschiedene Bev√∂lkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in S√ľdasien verbrennen sich Frauen √ľblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden k√∂nnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat f√ľhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am h√∂chsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den l√§ndlichen Gebieten vieler Entwicklungsl√§nder ist das Verschlucken von Pestiziden die h√§ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verf√ľgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind Fr√ľhwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbstt√∂tungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst t√∂ten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer St√∂rung litten. Depressionen erh√∂hen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose h√§ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt √ľberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterst√ľtzung. Das hei√üt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine ad√§quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbstt√∂tung bei Depressionskranken beinhalten fr√ľhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer St√∂rung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am h√∂chsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsst√∂rung (ADHS) und k√∂rperdysmorphe St√∂rung (KDS) erh√∂hen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erkl√§rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergr√∂√üernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. √úberraschenderweise weisen Menschen mit erh√∂htem Body-Mass-Index BMI ein zwar st√§rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent R√ľckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter K√∂rperoberfl√§che beim BMI). Die Gr√ľnde hierf√ľr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen k√∂rperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch √ľber die Kindheit hinweg, die gesamte Bev√∂lkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erh√∂htem Risiko, und Suizidh√§ufungen k√∂nnen in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren f√ľgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die √ľber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bev√∂lkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen k√∂nnen.”

J√ľngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, da√ü Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren k√∂nnen. Dazu konnten Sie hier im Blog schon fr√ľher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich h√∂her als bei √Ąlteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen daf√ľr liegen h√§ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im fr√ľhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizit√§t auf und ist durch √§u√üere Einfl√ľsse sehr ver√§nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachl√§ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren f√ľr sp√§tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzuf√ľgen. Das Ausdr√ľcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstm√∂rder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund f√ľr die immer fr√ľher auftretenden Depressionen nennen Experten die fr√ľhere Pubert√§t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es f√ľr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu √ľberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu k√∂nnen, w√§re ein schwierig zu erf√ľllender, da eine gro√üe Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tats√§chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien k√∂nnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bev√∂lkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbstt√∂tungsgedanken und ‚Äďpl√§nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschl√§gige Ausbildung und Vorgangsweise von √Ąrzten wichtig: Studien aus den nordeurop√§ischen L√§ndern belegen einen R√ľckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemein√§rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In F√§llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Ma√ünahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und √úberwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Au√üerdem m√ľssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verkn√ľpften psychiatrischen St√∂rung eingeleitet werden.

Auch eine Ver√§nderung des allgemeinen Zugangs zu gef√§hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einf√ľhrung von Sicherheitsgittern auf Br√ľcken und verst√§rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den l√§ndlichen Gebieten der Entwicklungsl√§nder k√∂nnen die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, k√∂nnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, da√ü Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden w√ľrden, ihr Ziel umzusetzen, mag √ľberrascht sein, da√ü z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbstt√∂tungen drastisch zur√ľckgingen, w√§hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit h√∂chste Suizidrate und konnte diese durch Pr√§ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschl√§ge und Hinweise f√ľr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung S√ľdkoreas (das j√ľngst den weltweit st√§rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mu√üte, siehe oben) zur Pr√§vention u.a. auch Internet-Sperren einf√ľhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen √ľber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage daf√ľr geschaffen werden, dass die Polizei die pers√∂nlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen √ľber Selbstmord gel√∂scht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsl√§ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industriel√§ndern erfolgt, die h√∂chste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsl√§ndern zu finden ist. Auch wird von einschl√§gig Forschenden auch eine j√ľngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten l√§sst, dass das Risiko f√ľr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit St√∂rungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angeh√∂rige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht pl√∂tzlich zur√ľckzieht, gedr√ľckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Pr√§suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen dar√ľber zu sprechen. Dennoch sind die M√∂glichkeiten der Angeh√∂rigen h√§ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von au√üen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich √ľberfordert f√ľhlt oder das Gef√ľhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu k√∂nnen.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen F√§llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erh√§rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische St√∂rungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen St√∂rungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben f√ľhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben k√∂nnen. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen k√∂nnen mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausf√ľhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfa√üt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom Рerkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-√úberlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

Sep 22

Auch wenn die schlimmsten Bef√ľrchtungen √ľber die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine gesch√§tzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder √ľbertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, ver√∂ffentlichte.

Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten sp√§ter √§hnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am gr√∂√üten waren, wenn die M√ľtter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Stre√ükompensation – auch hier fand man h√∂here Belastungen der Kinder, deren M√ľtter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die st√§rksten Symptome bei den Kindern, deren M√ľtter diese w√§hrend dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies m√∂glich?

Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.

Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, ver√∂ffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualit√§t der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Spr√∂√ülinge im Erwachsenenalter beeinflu√üt. Rattenjungen, die von ihrer M√ľtter w√§hrend der ersten Woche des Lebens regelm√§√üig umsorgt und geleckt wurden, konnten im sp√§teren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst w√§ren nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des K√∂rpers auf Stress ver√§ndern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von 1 Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Molek√ľle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.

Welpen, die ein hohes Ma√ü an Pflege und lecken erhielten, zeigten h√∂here Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivit√§t des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig beh√ľteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die F√§higkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den M√ľttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivit√§t. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivit√§t dieser Gene reduziert, was die hone Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivit√§t bei dieser St√∂rung erkl√§ren k√∂nnte. √Ąhnliche Effekte wurden seither auch bei Mi√übrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.

Hohe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Ver√§nderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen f√ľr die Stre√übew√§ltigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen √ľbertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren k√∂nnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erkl√§ren, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.

In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen √Ąnderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die f√ľr Lernen und Ged√§chtnis zust√§ndig ist. Epigenetische Marker k√∂nnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Letzten Monat berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von M√§usen √ľbertragen werden k√∂nnen, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Geb√§rmutter von ihren M√ľttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben k√∂nnten.

(Quellen: The Guardian 11.09.2011 (also:Image source);
Yehuda, R et al (2005): Transgenerational Effects of Posttraumatic Stress Disorder in Babies of Mothers Exposed to the World Trade Center Attacks during Pregnancy. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, DOI: 10.1210/jc.2005-0550;
Yehuda, R et al (2009): Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.02.03;
Sarapas, C et al (2011): Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. Disease Markers, DOI: 10.3233/DMA20110764

Sep 11

Schizophrenie schleicht sich zumeist hinterr√ľcks an: sie tarnt sich, h√§ufig als “Depression” oder “Pubert√§tskrise”. Manchmal auch mit k√∂rperlichen Symptomen wie Herzstechen. Doch meist dauert das Versteckspiel nur wenige Wochen. Dann beginnt die Grenze zwischen dem Selbst und der Au√üenwelt zu schwinden, Gedanken werden laut, unbekannte Stimmen mischen sich in das Leben ein, Gef√ľhle scheinen gesteuert, andere verfolgen, beobachten, belauschen. Schizophrenie treibt jeden zehnten Betroffenen in den Suizid, doch immer noch haftet dieser schweren psychischen Erkrankung das Stigma schlicht¬† hausgemachter Probleme oder mangelnder Belastbarkeit an.

Ursachen

“Dass oftmals die Pers√∂nlichkeit als Basis f√ľr Schizophrenie herhalten muss, geh√∂rt wohl zu den gravierendsten Fehleinsch√§tzungen”, warnt W. Fleischhacker, Leiter der Uni-Klinik f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie an der Med-Uni Innsbruck. Doch bis zu 70% des Risikos an Schizophrenie zu erkranken, verorten Forscher in den Genen. Doch “..jeder einzelne Risikofaktor birgt nur einen winzigen Bruchteil in sich. Erst wenn alle zusammenkommen, bricht die Krankheit aus; dazu geh√∂ren neben den Hirnver√§nderungen auch umweltbedingte Faktoren”, sagt Fleischhacker.

Tats√§chlich beginnt der “Kampf im Kopf”, den immerhin 80.000 √Ėsterreicher wenigstens einmal im Leben ausfechten, h√§ufig mit belastenden Einfl√ľssen wie Schulschwierigkeiten, Drogen oder Liebeskummer. Und fast immer geschieht dies bereits in der Pubert√§t – jener Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen massiven Umbau erf√§hrt und f√ľr das weitere Leben general√ľberholt wird. Die Kombination aus erblicher Veranlagung, belastender Erfahrung und mentaler Verletzlichkeit scheint schlie√ülich zu veranlassen, dass einige Schaltkreise der 100 bis 200 Milliarden Nervenzellen im Gehirn in Unordnung geraten. Gew√∂hnlich transportieren die Neuronen Informationen durch Seh-, Sprach-, Wahrnehmungs- sowie Bewertungs- und Gef√ľhlszentren. Die √úbergabe erfolgt mithilfe von Botenstoffen, die jeder Information eine Bedeutung geben: So entscheidet das Serotonin im Gef√ľhlszentrum √ľber Gl√ľck oder Tristesse, Glutamat reguliert die Erregbarkeit und Dopamin steuert im limbischen System Lernen und Motivation – ein hochkomplexes System, das empfindlich auf Abweichungen reagiert. Fehlt etwa Serotonin, entsteht Depression. “Nennen Sie es Seele oder Psyche: Was den Menschen ausmacht, ist das Ergebnis von zellul√§ren, biochemischen und elektrischen Prozessen in den Neuronenschaltkreisen des Gehirns”, beschrieb der Neurochirurg Volker Sturm aus K√∂ln die Vorg√§nge einst.

Diese Aussage trifft f√ľr Schizophrenie-Patienten: “Denn bei ihnen ger√§t das ganze philharmonische Orchester der Neurochemie in Missklang”, wie es der Wiener Leiter der Uni-Klinik f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie Siegfried Kasper ausdr√ľckt. Den gr√∂√üten Anteil tr√§gt Dopamin. Im Motivationszentrum schie√üt es, vermutlich gesteuert durch Glutamat, √ľber und verursacht die so typischen Wahnvorstellungen. Zugleich aber mangelt es in den Hirnarealen, wo Informationen interpretiert und emotional bewertet werden sowohl an Dopamin als auch an Serotonin. “Das aber ist sehr viel schlimmer als die auff√§lligen Psychosen”, sagt Kasper. Sie l√∂sen einen massiven R√ľckzug von Freunden und Familie, Konzentrations- und Kommunikationsverlust aus, durch die sich die Patienten “kaum noch erreichen lassen”. Zumal durch den Serotoninmangel auch die Ausbildung neuer Nervenzellverbindungen nachl√§sst. Es beginnt ein biochemischer wie sozialer Teufelskreis, der, wenn er nicht gestoppt wird, die Menschen in Isolation treibt.

Behandlung

Dieser Prozess l√§√üt sich jedoch aufhalten. Gerade die (nicht mehr ganz so) “neuen” Antipsychotika regulieren sowohl den Dopamin- als auch den Serotoninspiegel sensibel und vergleichsweise nebenwirkungsfrei. Vor allem dann, wenn die Schizophrenie rechtzeitig erkannt und medikament√∂s behandelt werde, k√∂nnten die meisten ein mehr oder weniger erf√ľlltes Leben f√ľhren, so Fleischhacker. Doch genau da liegt das Problem: Meist vergehen bis zu drei Jahre, bis er Patienten zu Gesicht bekommt. H√§ufig schieben die Betroffenen den Arzt- oder Therapeuten-Besuch lange vor sich her, was der Krankheit viel Zeit gibt, sich in der Psyche “einzurichten”. H√§ufig t√§uschen vor√ľbergehende Phasen der Erholung, die den ersch√∂pfenden Anf√§llen folgen. Fatalerweise aber werden die Sch√ľbe unbehandelt meist schlimmer, die Wahnvorstellungen verfestigen sich, w√§hrend die F√§higkeit, die eigene Krankheit zu erkennen, schwindet, und damit auch die Bereitschaft, sich behandeln zu lassen.

Die Experten dr√§ngen daher auf eine begleitende Psychotherapie. “Sie lehrt Betroffene mit ihrer Erkrankung umzugehen, sch√ľtzt sie vor Isolation, aber vor allem lernen sie, Vorboten der m√∂glichen R√ľckf√§lle zu erkennen”, so Fleischhacker. Denn eine Psychose taucht keinesfalls aus dem Nichts auf – sie k√ľndigt sich an. Studien aus Deutschland zeigen eindrucksvoll, dass R√ľckf√§lle um mehr als 30 Prozent sinken, nehmen Patienten wie auch Angeh√∂rige eine solche Therapie in Anspruch.

Mythen und Fakten

“Nur wenige Menschen erkranken an Schizophrenie.”

Etwa einer von 100 Menschen erleidet im Laufe seines Lebens zumindest einen solchen Krankheitsschub.

Schizophrene hören Stimmen.

Das “Stimmen h√∂ren” ist tats√§chlich ein h√§ufiges Symptom, das w√§hrend der akuten Krankheitssch√ľbe auftritt. Zwischen den Sch√ľben aber leben und empfinden die Patienten so rational wie Gesunde auch.

Schizophrene haben eine gespaltene Persönlichkeit.

Es wohnen nicht zwei Menschen in einer Seele. Vielmehr ist der Patient sich seiner Wahrnehmungen durchaus bewusst und nicht selten hat er gro√üe Angst davor. Viele Schizophrene ziehen sich deswegen aus ihrem sozialen Umfeld zur√ľck.

F√ľr Schizophrenie gibt es keine Heilung.

Die meisten Patienten lassen sich gut durch Medikamente und psychosoziale Ma√ünahmen therapieren. Es gibt kaum Patienten, die dauerhaft station√§r behandelt werden m√ľssen. Viele Schizophrenie-Patienten leben selbst√§ndig und in Beziehungen, sind zum Teil in die Arbeitswelt eingegliedert.

Zum Weiterlesen:
Amen, D.: “Das gl√ľckliche Gehirn” – √Ąngste, Aggressionen und Depressionen √ľberwinden – So nehmen Sie Einfluss auf die Gesundheit Ihres Gehirns
Hell, D. & Sch√ľppbach, D.: “Schizophrenien” – : Ein Ratgeber f√ľr Patienten und Angeh√∂rige
Greenberg, J.: “I never promised you a Rose Garden” (Roman, engl.)

(Quelle: Eintrag basiert auf einem Artikel in der Zeitung ‘Der Standard’ v. 22.08.2011; Image src:medindia.com)

Aug 05

“Was kann ich schon tun, es liegt in meinen Genen!” Diesen Stehsatz h√∂rt man h√§ufig, wenn jemand von gesundheitlichen Problemen spricht. Und tats√§chlich existieren nur wenige Krankheiten, zu denen nicht mindestens eine Studie versuchte, “genetische Ursachen” ausfindig zu machen – auch bei psychischen Problemen. Doch bemerkenswerterweise k√∂nnen selbst 150 Jahre, nachdem Gregor Mendel (der “Vater der Genetik”) seine Regeln der Vererbung beschrieb, Krankheitsgeisseln der Menschheit wie Krebs, S√ľchte, Diabetes oder Gewalt immer noch nicht auf genetischem Wege beseitigt werden. Das soll nun nicht hei√üen, dass die Genetik kein wichtiges Potential h√§tte – aber offenbar ist es zum heutigen Zeitpunkt immer noch klug, s√§mtliche nicht-genetischen Einflussfaktoren f√ľr unsere Krankheiten und St√∂rungen auch weiterhin zu ber√ľcksichtigen.

Einer der haarstr√§ubendsten Aspekte der Theorie, dass unser gesamtes Leben genetisch “programmiert” ist, besteht darin, dass diese Sichtweise uns komplett von unserer Umwelt abkoppelt. Da unser Schicksal ohnehin unab√§nderlich sei, k√∂nnten wir uns demnach eigentlich den Versuch sparen, pers√∂nliche oder gesellschaftliche Energien in die Verbesserung unserer Lebenssituation oder Gesundheit zu stecken. Tats√§chlich jedoch ist nur ein sehr kleine Gruppe sehr seltener Krankheiten wirklich rein genetisch verursacht. F√ľr komplexe St√∂rungen wie ADHS, Schizophrenie, eine Neigung zu Gewalt oder Abh√§ngigkeit mag es zwar genetische Veranlagungen geben, dies ist aber nicht das gleiche wie eine Vorbestimmung. Gene scheinen uns vielmehr unterschiedliche M√∂glichkeiten zu geben, auf unsere Umwelt zu reagieren. So wirken Einfl√ľsse in unserer Kindheit und die Art unserer Erziehung ganz entscheidend auf die Art, in der sich unsere genetische Neigung sp√§ter entwickelt. Wie Untersuchungen zeigen, k√∂nnen diese Einfl√ľsse sogar verschiedene Gene “ein- oder ausschalten”, um uns optimal auf die Anforderungen unserer Umwelt einzustellen.

Eine in Montral durchgef√ľhrte Studie beispielsweise, die die Gehirne von Suizidopfern untersuchte, fand heraus, dass ein w√§hrend der Kindheit stattgefundener Missbrauch offenbar gewisse Gehirngene ver√§nderte, was bei anderen Menschen nicht. feststellbar war. Derartiges wird als “epigenetischer Effekt” bezeichnet: ein Umwelteinfluss, der bestimmte Gene aktivieren oder deaktivieren kann.

So k√∂nnte man in einer Variation zu Shakespeare’s Zitat vielleicht sagen: “Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Wissenschaft auszumalen vermag.” Und es gibt mehr M√∂glichkeiten, unser Leben zielf√ľhrend zu ver√§ndern, als wir es uns vorstellen m√∂gen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:psychcentral.com)

Oct 28

Die Psychosomatik beruht auf der Idee, dass zwischen Körper und der Seele eine Verbindung existiert Рdass das, was eine Person wahrnimmt und empfindet, ihren Körper beeinflussen kann. Heute anerkennt die Wissenschaft den Wert von Psychotherapie in der medizinischen Behandlung: in westlichen Kliniken stellt es daher ein Zeichen professioneller Behandlung dar, wenn Patienten, welche an schweren Erkrankungen wie Krebs, genetischen Krankheiten, Parkinson oder Herz- und Kreislauferkrankungen leiden, sowie vor und nach schweren Operationen ergänzend Psychotherapie angeboten wird. Therapeutische Beratung gehört nach vorherrschender Fachmeinung eigentlich auch zur seriösen Behandlung von Unfruchtbarkeit, psychosomatischen Erkrankungen, schweren chronischen Allergien oder anderen körperlichen Problemen, bei welchen psychische Faktoren eine Rolle spielen können.

Psychotherapie erh√∂ht nachweislich die Vertr√§glichkeit medizinischer Behandlung und reduziert √Ąngste, die h√§ufig mit der Behandlung verbunden sind. Auch kann sie Depression vermeiden oder reduzieren sowie die Kooperation mit den behandelnden √Ąrzten verbessern. Beobachtungsstudien, welche den psychosozialen Status von Patienten untersuchten, die unter schweren Erkrankungen wie Krebs litten, zeigten sogar, dass Patienten mit geringer sozialer und emotionaler Unterst√ľtzung eine erh√∂hte Sterblichkeitsrate aufwiesen. Studien der US-Krebsforscherin S. Levy zeigten auf, dass Brustkrebspatientinnen mit Anpassungsschwierigkeiten und geringer Unterst√ľtzung der Umwelt auch eine geringere Killerzellen-Aktivit√§t aufwiesen – diese jedoch hat unmittelbare Auswirkungen auf den Fortschritt der Erkrankung und ihr Wiederauftreten.

Auch wenn manche Studien keine signifikanten Unterschiede aufwiesen und noch viel Forschung √ľber die Zusammenh√§nge zwischen Wohlbefinden und k√∂rperlicher Erholung nach Krankheiten erforderlich sind, l√§sst sich das Faktum nicht verleugnen, dass erg√§nzende Beratung oder Psychotherapie w√§hrend der Behandlung und in der Regenerationsphase die Lebensqualit√§t deutlich erh√∂hen und zu einem ausgeglicheneren Seelenzustand f√ľhren kann. Sie stellt somit ein grundlegendes Element ganzheitlicher Behandlung dar. Viel zu h√§ufig entwickeln Patienten, die sich von schweren Operationen oder anderen Krankheitsfolgen erholen m√ľssen, Depressionen oder Angsterkrankungen, und h√§ufig genug liegt es an uns – guten Freunden oder Verwandten – sie beim Wiedererlangen ihres Wohlbefindens und ihrer St√§rke zu unterst√ľtzen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:nationalnursingreview.com)

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth√§lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst√∂rungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie√ülich psychischer und Verhaltensst√∂rungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf√ľgen aber nicht nur √ľber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf√§higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f√ľr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f√ľr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw√ľrfe zur Ver√∂ffentlichung freigegeben, die endg√ľltigen Fassungen werden dann f√ľr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl√§ge f√ľr den neuen DSM-V ver√∂ffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m√ľssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal √ľberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was √ľber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f√ľr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V√§ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da√ü die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T√ľren stattfinden, selbst ihm habe man einschl√§gige Ausk√ľnfte verwehrt. Sein Nachfolger f√ľr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au√üerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl√ľgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit√§t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro√üe Bedeutung solcher Diagnosem√∂glichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h√§tten sich diese Erwartungen aber nicht erf√ľllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl√§ssig feststellen lie√üen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers√∂nlichkeitsz√ľge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche √Ąnderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit√§t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f√ľnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr√§gt sind. Solcherart soll dem h√§ufigen Umstand besser gerecht werden, da√ü viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St√∂rung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k√∂nnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest√∂rt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k√∂nnte auch dazu f√ľhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f√ľr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f√ľr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den √Ąrzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l√∂st aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar√ľber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef√ľhrt, die ebenfalls f√ľr Diskussionsstoff sorgen d√ľrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr√ľhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k√∂nne zu einer verfr√ľhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn√∂tigen Stigmatisierung f√ľhren, Bef√ľrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr√ľher helfen zu k√∂nenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit√§tsst√∂rung) ist f√ľr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W√ľnschen Transsexueller d√ľrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit√§tsst√∂rung) geben.

Statt der bisher zw√∂lf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f√ľnf Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen geben, n√§mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St√∂rung. Damit w√ľrde auch das fr√ľher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f√ľr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef√ľhlsregulationsst√∂rung mit schlechter Stimmung” zu √ľbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef√ľhlsausbr√ľche und negativer Stimmungszust√§nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k√ľnftig von den “St√∂rungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w√ľrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f√ľr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver√§nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh√§ngigkeit wurde vollst√§ndig durch diejenige von St√∂rungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst√∂rung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh√§ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh√§ngigkeit, sondern von substanzbezogenen St√∂rungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst√∂rungen f√§llt. Ein Pendant f√ľr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m√∂chte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen√ľgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f√ľr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k√∂nnte alternative L√∂sungsm√∂glichkeiten ins Abseits dr√§ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst√∂rungen d√ľrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R√§tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel√∂st werden.” (tp)

(Quellen und Ausz√ľge aus: tp, Science 02/2010)

Jul 30

Bei meiner regelmäßigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stieß ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Veröffentlichung in einem Fachmagazin:

Warum Magers√ľchtige an ihrem gest√∂rten Essverhalten festhalten:
Geringe Verhaltensflexibilität ist durch Veränderungen im Gehirn bedingt

Als h√§tten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft – weil wir dann in unserem pers√∂nlichen Leben nichts ver√§ndern m√ľ√üten ;-). Im Anschlu√ü wird erkl√§rt, da√ü Wissenschaftler am Universit√§tsklinikum Heidelberg “mit Hilfe der Magnetresonanztomographie erstmals Vorg√§nge in den Gehirnzellen entdeckt” h√§tten, “welche das gest√∂rte Essverhalten von Anorexie-PatientInnen erkl√§ren”.

Wow. Ich mu√ü allerdings gestehen, da√ü mich nach jahrelanger T√§tigkeit als Psychotherapeut – trotz gro√üen Interesses und laufender Besch√§ftigung mit aktueller Forschung – derartig rei√üerische Schlagzeilen heute nicht mehr so recht vom Hocker rei√üen k√∂nnen wie fr√ľher. Meist ertappe ich mich eher beim Gedanken: “welches Gen ist es denn diesmal” oder “dreht es sich wieder um das gute, alte Serotonin oder etwas anderes?” Aber nat√ľrlich lese ich wie immer diszipliniert weiter:

Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 30 junge Frauen mit oder ohne Anorexie mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Dabei erfasste das MRT-Gerät, wie hoch der Blutfluss in verschiedenen Gehirnarealen ist. Eine stärkere Durchblutung bedeutet vermehrter Stoffwechsel und damit eine größere Aktivität dieses Hirnbereich.

Derartiges haben wir ja alle schon mal irgendwo geh√∂rt. Aber nur “30 junge Frauen” zur Begr√ľndung einer solchen These? Wie auch immer, weiter geht’s:

Die Teilnehmerinnen unterzogen sich einem Test, der die F√§higkeit zu einem flexiblen Verhaltenswechsel aus einem kurzfristig einge√ľbten Verhalten pr√ľft. Dazu werden den Testpersonen verschiedene geometrische Figuren in schneller Abfolge gezeigt, die zugeordnet werden m√ľssen. Nach einem Durchlauf wird die Zuordnung ge√§ndert.

“Wir haben mit der Studie best√§tigt, dass Magersuchtkranke h√§ufiger als gesunde Vergleichspersonen an der vertrauten Verhaltensantwort festhielten, wodurch eine alternative Verhaltensweise unterdr√ľckt wurde”, erkl√§rte der Leiter der Arbeitsgruppe. Die Analyse der MRT-Bilder zeigte zudem, dass bei Magersucht Patientinnen im Vergleich zu gesunden Testpersonen ein bestimmter Netzwerk-Pfad zwischen Gro√ühirn und Zwischenhirn vermindert aktiviert ist. Dieser Netzwerk-Pfad spielt unter sich rasch ver√§ndernden Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle f√ľr die Einleitung und Kontrolle von Handlungen.

Bildquelle: Cartoonstocks.com

Bildquelle: Cartoonstocks.com

Nun ist allerdings die Art, wie hier Zusammenhänge konstruiert werden, bemerkenswert. Es wird gewissermaßen geschlußfolgert, daß die anorektischen Frauen geistig weniger flexibel seien als andere, und sich daher schwer täten, ihre Verhaltensmuster den offensichtlichen Notwendigkeiten anzupassen.
Da√ü “bestimmte Netzwerk-Pfade” des Gehirns oder der Neurotransmitter-Haushalt bei psychisch leidenden Personen gegen√ľber jenen von nicht einschl√§gig leidenden Menschen ver√§ndert sind, ist im Grunde alles andere als √ľberraschend, denn nat√ľrlich m√ľssen psychische Ver√§nderungen irgendwo auch im Gehirn nachweisbar sein, nur Anh√§nger esoterischer Erkl√§rungsmodelle w√ľrden dies bestreiten. Jedoch zu behaupten, diese Ver√§nderungen w√ľrden das entsprechende Verhalten (wom√∂glich sogar unausweichlich) verursachen, und w√§ren nicht vielleicht schlicht eine Folge ganz anderer – wom√∂glich auch gar nicht so schlecht erforschter, jedoch halt nicht der Biochemie Nutzen bringender – Zusammenh√§nge, ist sehr gewagt, zumal wir heute wissen, da√ü psychische Erkrankungen ihrerseits hirnorganische Ver√§nderungen bewirken k√∂nnen (Neuroplastizit√§t) und daher die Ursachensuche ein wenig der antiken Frage gleicht, ob zuerst die Henne oder das Ei gewesen sei.

Doch der wirkliche Clou liegt in den Schlußfolgerungen, die die Wissenschafter aus der Studie ableiten:

Die Ergebnisse der Studie tragen ma√ügeblich zu einem besseren Verst√§ndnis der Magersucht bei. Vor allem machen sie deutlich, dass neurobiologische Faktoren beteiligt sind und das Erkrankungsbild aufrechterhalten. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen k√∂nnen, ergeben sich f√ľr die Anorexie neue Therapieans√§tze.

“Wir haben ein Behandlungsprogramm f√ľr Magersuchtpatientinnen entwickelt, das gezielt den flexiblen Wechsel von Verhaltensantworten trainiert“, so der Untersuchungsleiter. Die Wissenschaftler hoffen dadurch den Erfolg der psychotherapeutischen Behandlung verbessern zu k√∂nnen. Zur Erfolgskontrolle k√∂nnte die MRT- Untersuchung des Gehirns einen Beitrag leisten.

Es wird also eine Art revolution√§rer Durchbruch f√ľr die Behandlung der Anorexie postuliert. F√ľr ein verhaltenstherapeutisches Konzept, das a) grob gesagt schlicht die geistige Flexibilit√§t ein wenig erh√∂hen soll und b) meint, damit eine Art bisheriger “unsichtbarer Mauer” f√ľr den ultimativen Behandlungerfolg zu durchbrechen, erscheint dies aber doch als eine sehr gewagte Behauptung.


Da√ü neurobiologische Faktoren beteiligt sind – nun, da w√§re wohl eher das Gegenteil eine aufsehenerregende Neuigkeit gewesen! Da√ü die neurobiologischen Strukturen das Krankheitsbild aufrechterhalten, daf√ľr liefert die Studie, liest man sie im Originaltext, keinerlei Hinweise – es handelt sich also um eine reine Hypothese, deren Beforschung wohl weitere Studien (und Studien-F√∂rdermittel..) erfordern w√ľrde. Und ob es besonders effizient ist, wenn Anorexie-Patientinnen f√ľr einen derart hypothetischen Zuwachs an Behandlungserfolg regelm√§√üig ein extrem kosten- und materialaufw√§ndiges MRT absolvieren m√ľssen, dar√ľber kann sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden…

Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen Studienf√ľlle, den uns die heutzutage so gehypte Genetik und Neurobiologie beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale Therapieans√§tze nur wenig Fundiertes zutage gef√∂rdert hat und wohl nicht √ľberraschend vermehrt in Kritik ger√§t.

(Quelle zur Studie: Am. J. Psychiatry 166, 608-616 (doi: 10.1176/appi.ajp.2008.08050775))

Jul 16

Eine neue Meta-Analyse der bisherigen Studien zu genetischen Verursachern der Depression zeigt auf, daß die modernen Theorien, nach denen zumindest einige Formen der Depression genetisch prädisponiert wären, vermutlich nicht haltbar sind.

Neil Risch vom Institut f√ľr Humangenetik der University of California in San Francisco und KollegInnen untersuchten 14 der 26 √∂ffentlich verf√ľgbaren Studien, die zu A. Caspis Ansatz (welcher einen Zusammenhang zwischen einem Gen, das den Serotonintransport beeinflusst, den schweren Lebensereignissen und depressiven Erkrankungen postuliert, und im Ver√∂ffentlichungsjahr 2003 ein enormes Presseecho und zahlreiche Folgestudien zur Folge hatte) passten, umfassend untersucht. Das Studienergebnis:

Es gibt (..) keine Belege daf√ľr, dass der Genotyp des Serotonintransporters allein oder im Zusammenwirken mit schlimmen Lebensereignissen mit einem h√∂heren Risiko f√ľr Depressionen verbunden ist. Das gilt f√ľr M√§nner allein, f√ľr Frauen allein und auch dann, wenn man beide Geschlechter zusammennimmt. Das einzige signifikante Ergebnis in den verschiedenen Studien war die starke Verbindung schlimmer Lebensereignisse mit dem Risiko f√ľr Depressionen.

Dieses Ergebnis ist nicht nur f√ľr die Erforschung genetischer Einfl√ľsse auf Depressionen, sondern auf psychische Erkrankungen generell ein herber R√ľckschlag. Gerade mit Blick auf die zunehmende Verbreitung dieser Erkrankungen und vielversprechende Ergebnisse wie die von Caspi und Kollegen wird seit Jahren eine Vielzahl von Forschungsantr√§gen rund um genetische Verursachungsmodelle gestellt ‚Äď und auch bewilligt. De facto steigen aber die Hinweise, da√ü nur die wenigsten psychischen Erkrankungen tats√§chlich genetische Ursachen haben, viele davon vermutlich nicht einmal in Form von Faktoren, die einen Ausbruch einschl√§giger St√∂rungen oder Erkrankungen erleichtern k√∂nnten. So wird wohl auch weiterhin Psychotherapie – in schweren F√§llen erg√§nzt durch Psychopharmaka – die State-of-the-Art-Behandlungsmethode bleiben.

“Risch und seine Kollegen verweisen in ihrem Artikel auf eine ganze Reihe anderer Projekte, in denen etwa die genischen Einfl√ľsse auf die Anzahl der Sexualpartner eines Menschen oder auf kriminelles Verhalten untersucht werden. Sie warnen explizit davor, die wissenschaftlichen Ergebnisse voreilig in klinische, rechtliche oder soziale Kontexte zu √ľbertragen. Aus ihrer Untersuchung wird deutlich, wie wichtig die Aufgabe in der Wissenschaft ist, die Ergebnisse anderer Forscher zu best√§tigen ‚Äď oder eben auch zu widerlegen. Gerade in pharmakologischer Forschung, bei der die Wirksamkeit von Medikamenten auf die Probe gestellt wird, werden negative Befunde oft aber gar nicht erst ver√∂ffentlicht und stehen dann auch f√ľr Meta-Analysen nicht zur Verf√ľgung.” (tp)

Quellen: tp,  Journal of the American Medical Association (06/2009). Photo credit:Alamy

ÔĽŅ25.06.19