Feb 27

Psychische und physische Gewalt in Partnerschaften nimmt in den meisten westlichen Industriel√§ndern zu, wobei in wissenschaftlichen Kreisen Unsicherheit dar√ľber besteht, ob diese Zuw√§chse nicht auch damit ganz wesentlich zusammenh√§ngen, da√ü die diesbez√ľgliche Tabusierung in der Gesellschaft abnimmt, vorkommende Gewalt also nicht mehr totgeschwiegen wird.
Doch auch die reinen Fakten sind schockierend genug: so sind alleine im Jahre 2008 in Frankreich 147 Frauen durch h√§usliche Gewalt ums Leben gekommen. Unter der Annahme, da√ü k√∂rperlicher Gewalt psychische Gewalt vorausgeht, die M√∂glichkeit der Bestrafung dieser also vielleicht auch physische Gewalt verhindern k√∂nne, wurde im franz√∂sischen Parlament diese Woche nun “psychische Gewalt in Paarbeziehungen” als Straftat eingef√ľhrt. Unter den Unterst√ľtzern fanden sich nicht nur die Abgeordneten der Regierungspartei UMP, sondern auch die Sozialisten. F√ľr psychische Gewalt sind demnach zuk√ľnftig Strafen bis zu 3 Jahren Gef√§ngnis und Geldstrafen bis zu ‚ā¨ 75.000,- vorgesehen, sowie die erzwungene Trennung des Paares und die Intensivierung der √úberwachung durch elektronische Fu√üfesseln f√ľr die T√§terInnen.

Was die praktische Exekutierbarkeit des neuen Gesetzes angeht, d√ľrften sich in vielen Einzelf√§llen jedoch Probleme auftun: etwa, wie psychische Gewalt vor Gericht zu beweisen sei, wie sie sich √ľberhaupt genau definiert und von Beleidigungen, Dem√ľtigungen, verletzenden Verhaltensweisen etc. unterscheidet, die bei Streitigkeiten in der Ehe oder in Partnerschaften ja fast immer geschehen. Im Diskurs rund um das Gesetz wurde denn auch von KritikerInnen des Entwurfs angef√ľhrt, da√ü namhafte franz√∂sische Schriftsteller, Maler usw. heute angesichts dessen, was √ľber ihre Beziehungsvergangenheit bekannt w√§re, wohl langj√§hrige Gef√§ngnisinsassen w√§ren. M√§nnerorganisationen dagegen d√ľrften die neuen Regelungen freuen, wird doch von diesen oft die psychische Gewalt von Frauen in Partnerschaften bem√§ngelt, gegen die jedoch keinerlei rechtliche Handhabe best√ľnde.

Anmerkung R.L.Fellner:
Kulturkritisch k√∂nnte man anmerken, da√ü die seit einigen Jahren beobachtbaren Bestrebungen vieler westlicher Staaten, selbst die Emotionen ihrer B√ľrgerInnen zu kontrollieren und die √úberschreitung von -im Grunde recht eng gesetzten- k√ľnstlichen Grenzen sogleich als krankhaft oder strafbar zu definieren, bedenklich stimmen; speziell dann, wenn in der Bev√∂lkerung ein Gef√ľhl aufkommen sollte, da√ü gewohnheitsm√§√üig mit zweierlei Ma√ü gemessen wird (z.B. Bonizahlungen an Finanzmanager bei gleichzeitiger Massenenteignung kleiner Kapitalanleger, straflos bleibende Waffenschiebereien von Politikerinnen-Ehegatten, Freunderlwirtschaft zwischen Wirtschaftselite und Politik, ohne Konsequenzen bleibender Machtmi√übrauch von Politikern etc.). So k√∂nnte etwa der in Gro√übritannien k√ľrzlich ebenfalls in der Gesetzgebung verankerte Begriff des sog. ‘Antisozialen Verhaltens’ (Antisocial Behaviour, ASBO) alleine was die dortigen Verfehlungen einzelner PolitikerInnen w√§hrend der letzten 10 Jahre betrifft, durchaus auch f√ľr diese angewendet werden – wird es aber nicht.

(Quelle: Franz. Staatsekretariat f√ľr Familie und Solidarit√§t; Photo:Wikimedia)

Nov 04

Trotz des gro√üen Spektrums antisozialen Verhaltens wollen nun britische Wissenschaftler der University of Cambridge herausgefunden haben, was in m√§nnlichen Jugendlichen f√ľr antisoziales Verhalten mitverantwortlich sein soll. So sollen die K√∂rper von Jugendlichen, die “schwerwiegendes antisoziales Verhalten” gezeigt haben, unter Stress weniger Kortisol aussch√ľtten als Jugendliche, die nicht wegen antisozialen Verhaltens aufgefallen sind. Die Kortisolwerte steigen normalerweise unter Stress, so die Wissenschaftler, und lassen die Menschen vorsichtiger werden, w√§hrend sie gleichzeitig ihre Emotionen, also auch die Aggressivit√§t, besser steuern k√∂nnen. Wenn es eine Verbindung zwischen Kortisolwerten und antisozialem Verhalten gebe, dann m√ľsste man dieses als Ausdruck einer mit physiologischen Symptomen verbundenen Geisteskrankheit betrachten, sagen sie. Danach h√§tte es wenig Sinn, die Jugendlichen mit [Erziehungsma√ünahmen] zu disziplinieren, man m√ľsste sie vielmehr medizinisch behandeln. Manche Menschen w√ľrden also leichter “antisozial”, ebenso wie andere zur Depression oder Angst neigen (allerdings ist hier auch umstritten, ob tats√§chlich die Beeinflussung der vermeintlichen physiologischen Symptome durch Medikamente der therapeutische K√∂nigsweg ist).

Die Wissenschaftler meinen jedenfalls, man k√∂nne “neue Behandlungsweisen f√ľr schwere Verhaltensprobleme” entwickeln, wenn man genau herausgefunden hat, warum manche Jugendlichen keine normale Stressreaktion zeigen. Das liefe dann wahrscheinlich darauf hinaus, auff√§llige Kinder und Jugendliche medikament√∂s zu behandeln, um so “das Leben der betroffenen Jugendlichen und das der Gemeinschaft, in der sie leben, zu verbessern”. Zudem k√∂nne sich der Staat vielleicht Milliarden sparen ‚Äď und, so k√∂nnte man hinzuf√ľgen, √§ndern m√ľssten sich auch die Gesellschaft und die Bedingungen nicht, unter denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen.

(Quellen: telepolis, University of Cambridge)

Kommentar R.L.Fellner:

Die Frage, wie man m√∂glichst fr√ľh und effektiv die Entwicklung von “antisozialem Verhalten” unterbinden kann, besch√§ftigt englische Wissenschafter schon seit Jahren. Pikanterweise werden zu diesem Verhalten aber nicht nur Kriminaltaten gez√§hlt, sondern auch verh√§ltnism√§√üig harmlose Handlungen wie etwa Graffitis, Ruhest√∂rung, das Trinken in der √Ėffentlichkeit, M√ľll-hinterlassen, P√∂beln oder der Mi√übrauch von Feuerwerken. Auch allgemein “l√§stiges Betragen” z√§hlt das Innenministerium dazu (Liste).

Aus humanistischer Sicht ist diese Entwicklung nicht nur besorgniserregend, sondern auch in h√∂chstem Ma√üe fragw√ľrdig: wer verfolgt das Interesse an “behandelbarem L√§stigsein”, wer definiert hier die Grenzziehung zu “sozial erw√ľnschtem” Verhalten und wie darf man sich dieses vorstellen? Erh√§lt zuk√ľnftig jedes “ruhest√∂rende”, “M√ľll hinterlassende” Kind seine t√§gliche Anpassungs-Pille und seinen ersten Eintrag in den Datenbanken der Krankenkassen?
Die Jugend ist entwicklungspsychologisch eine Phase der Auflehnung und Unangepasstheit – seit den Anf√§ngen der Menschheit. Konsequenter, aber in gewissem Rahmen nachsichtiger Umgang mit dem Verhalten Jugendlicher und ein multiprofessioneller Ansatz haben sich bei massiver oder dauerhafter Verhaltensauf√§lligkeit bisher gut bew√§hrt – die Ausweitung der pathologischen Grenze, wie sie englische Modell vornimmt, ist deshalb klar abzulehnen. Ein noch weitaus flaueres Magengef√ľhl w√ľrde mir als Engl√§nder allerdings der offensichtlich gesellschaftspolitisch inspirierte Trend verursachen, Widerstand, Auflehnung oder fehlende Sozialkompetenz als behandlungsbed√ľrftige Krankheit zu redefinieren und damit entsprechende Angebote der Pharmaindustrie zu provozieren, statt das entsprechende Geld in die Bek√§mpfung der “anderen” -und wohl viel relevanteren- Ursachen zu stecken: die Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen dieser Jugendlichen, ein besseres Sozialsystem und vor allem Visionen, die ihr kreatives Potenzial und ihre Ressourcen anregen.

ÔĽŅ01.09.19