Jul 22

Auf der im Mai 2009 stattgefundenen Gesundheitsförderungskonferenz des Fonds Gesundes Österreich referierten Experten ĂŒber LösungsansĂ€tze der brisanten Zukunftsszenarien. Ein Kernpunkt war dabei die Frage der Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens.

Übergewicht ist eines der drĂ€ngendsten Gesundheitsprobleme und zieht sich quer durch alle Alters- und sozialen Gruppen. Jeder fĂŒnfte SchĂŒler zwischen sechs und 15 Jahren weist ein zu hohes Körpergewicht auf, acht Prozent davon sind sogar adipös. Bei den Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren ist fast die HĂ€lfte ĂŒbergewichtig oder adipös. “Als Folge dieser Entwicklung rollt eine Welle von Krankheiten und damit auch Kosten auf das Gesundheitswesen zu, denn Übergewicht ist ein zentraler Risikofaktor fĂŒr Herz-Kreislauf-Krankheiten, Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten”, sagte Ch. Hörhan, der Leiter des Fonds.

Stress wiederum stellt als indirekter Mitauslöser von Herz-Kreislauferkrankungen und psychischen Erkrankungen einen zunehmenden wichtigen (wenn auch indirekten und damit hĂ€ufig unterschĂ€tzten) Faktor fĂŒr die Gesundheitspolitik dar. Nach einer Umfrage des FGÖ fĂŒhlen sich die Österreicher immer hĂ€ufiger gestresst. Die Zahl der verordneten Psychopharmaka ist angestiegen, ebenso die Zahl der Krankenstandstage aufgrund von psychischen Problemen, kommentiert Hörhan die Studienergebnisse. Bei den GrĂŒnden fĂŒr InvaliditĂ€tspensionen nehmen psychische Erkrankungen mit 29 Prozent heute bereits die zweite Stelle ein.

In den vergangenen Jahren sei deutlicher geworden, wie groß der Einfluss von sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung ist.

ErgĂ€nzender Hinweis R.L.Fellner: nach aktuellen Forschungen erhöht Streß neben anderen hormonellen VerĂ€nderungen auch die Cortisol-AusschĂŒttung – dies kann u.U. ebenfalls Übergewicht zumindest mitverursachen (Cushing’s Syndrome bzw. Hypercortisolismus [mehr]). (Photo credit: photoxpress)

Dec 10

Zumindest in den USA werden Kindern immer mehr Medikamente verschrieben: die hĂ€ufigsten GrĂŒnde dafĂŒr seien Asthma, Diabetes und ADS/ADHS, wie eine Studie der St. Louis-University, welche in der November-Ausgabe der Zeitschrift Pediatrics veröffentlicht wurde, herausfand. Dieses in Teilbereichen regelrecht dramatische Anwachsen einschlĂ€giger Verscheibungen fĂŒhren die Studien-Autoren auf die starke Zunahme von Adipositas in den USA zurĂŒck – bei Adipositas besteht, wie zahlreiche Studien zeigen, offensichtlich ein starker Zusammenhang mit  Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Depression und Asthma.

Ob diese Schlußfolgerung allerdings als alleinige ErklĂ€rung gerechtfertigt ist? Über die Zunahme von Adipositas in so gut wie allen IndustrielĂ€ndern (u.a. aufgrund verĂ€nderter ErnĂ€hrungsgewohnheiten, anderer Zusammensetzung der Grundnahrungsmittel und auch verschiedenster psychischer Ursachen) besteht ja grundsĂ€tzlich kein Zweifel, eine Verdopplung der Einnahme spezifischer Arzneimittel innerhalb von nur 4 (!) Jahren allerdings (so geschehen mit 2 Medikamenten zur Behandlung von Typ2-Diabetes) steht trotz einer angeblichen Zunahme der Diagnose von 166% (MĂ€dchen von 10-14 J.) bzw. 135% (MĂ€dchen von 15-19 J.) in keiner Relation. Immerhin fĂŒhren die Studienautoren an, daß auch die reine Verschreibung etwa spezifischer Medikamente gegen Asthma um 46,5%, und jene gegen ADHD um 40% zugenommen hĂ€tte. Der Verdacht liegt nahe, daß einfach nur rascher zu Medikamentenverschreibungen gegriffen wird, statt auf nachhaltige (wenn auch anstrengendere) Therapieformen wie DiĂ€ten, Bewegung oder Psychotherapie zu setzen. TatsĂ€chlich beobachtet Dr. Artman, Leiter der pĂ€diatrischen Abteilung der UniversitĂ€t Iowa, einen Trend, daß privat versicherte PatientInnen hĂ€ufig die bessere und nachhaltigere Versorgung erhalten, KassenpatientInnen oder Unversicherte aber bevorzugt Medikamente verschrieben erhalten. Einen Faktor, den er nicht erwĂ€hnt, sind die großzĂŒgigen Ausgaben der Pharmaindustrie, um ihre Produkte an die PatientInnen zu bringen, wozu  Ärzte mit immateriellen ebenso wie materiellen Zuwendungen von diesen gerne ermuntert werden.

Update 25.01.2009: in Österreich geht der Trend in dieselbe Richtung. In einem Interview mit der Tageszeitung ‘Der Standard’ v. 21.1.09 sagte Erich Laminger (seit 2005 Vorstandschef des Hauptverbands der SozialversicherungstrĂ€ger): “Erschreckend ist besonders der Anstieg bei den Psychopharmaka. Über alle Altersgruppen hatten wir in den letzten drei Jahren einen Anstieg von fast 30 Prozent. Besonders hervorstechend sind aber die Gruppen der FĂŒnf- bis NeunjĂ€hrigen und der Zehn- bis 14-JĂ€hrigen, wo der Anstieg bei 50 Prozent liegt. (..) Da muss sich die Gesellschaft fragen: Was ist da los?”

Quelle: US National Library Of Medicine, 11/2008
Link-Tipp: Das Pharma-Kartell (ZDF-Dokumentation 12/2008)
Buch-Tipp: Hans Weiss, “Korrupte Medizin“, 2008
Lesetipps zum Thema “Essstörungen”

Nov 30

Erstmals seit den 1980er Jahren ist die Krankenstandsquote (Verlust an Jahresarbeitszeit durch krankheits- und unfallbedingte Fehlzeiten) unter Österreichs unselbststĂ€ndig BeschĂ€ftigten wieder gestiegen. Fehlzeiten von mehr als einem Monat (“LangzeitkrankenstĂ€nde”) machen zwar nur sechs Prozent der FĂ€lle, aber 40 Prozent aller Krankenstandstage aus. Und sie haben deutlich negative Auswirkungen auf die Erwerbskarriere: Nach einem zwei- bis vierwöchigen Krankenstand steigt das Risiko im Jahr danach den Job zu verlieren um 25 Prozent, nach drei Monaten um 60 Prozent. Besonders hoch ist das Risiko nach Krankheiten des Bewegungsapparates und psychischen Erkrankungen. Letztere sind offiziell nur Grund von fĂŒnf Prozent der KrankenstĂ€nde, liegen aber bei den Ursachen fĂŒr den Wechsel in die Invalidenpension an zweiter Stelle.

Thomas Leoni vom Wirtschaftsforschungsinstitut verwies darauf, dass “alle Studien zeigen, dass die psychosoziale Belastung am Arbeitsplatz steigt”. DafĂŒr verantwortlich seien Rahmenbedingungen wie Prekarisierung, Arbeitszufriedenheit und Motivation. Betriebliche Gesundheitsförderung sei bei einer systematischen DurchfĂŒhrung rein ökonomisch sehr lohnend: der Faktor werde in verschiedenen Studien zwischen 1:4 und 1:10 angegeben, was bedeutet, dass sich die Volkswirtschaft fĂŒr einen zur Gesundheitsförderung ausgegebenen Euro vier bis zehn Euro ersparen könnte. Noch sei dafĂŒr in Österreich allerdings nicht genĂŒgend Bewusstsein geschaffen. Die hohe Zahl an FrĂŒhpensionisten wirkt sich in Österreich nach Ansicht des Experten “beschönigend” auf die Statistik aus. In der Krankenstandstatistik ganz vorne liegen skandinavische LĂ€nder, in denen höhere Pensionantrittsalter die Regel sind. (Quelle: Wifo, 27.11.2008. Photo src: photosearch.com)

ï»ż01.09.19