Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewissermaßen eine Übersicht über die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Schätzungen stirbt jährlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tatsächlich dürfte diese Zahl aber sogar noch deutlich höher liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen Ländern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid trägt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesfällen bei und ist die zehnthäufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, für das Daten verfügbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gefährdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine Änderung ergeben hat, und ältere Menschen, bei denen ein deutlicher Rückgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalität: innerhalb Europas liegen die Raten in den nördlichen Ländern generell etwas höher als in den südlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der täglichen Sonnenscheindauer schließen lässt. Dennoch können andere Länder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Großbritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesfälle auf Selbsttötung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der die Suizidhäufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal gehäuftes Auftreten von Suiziden erklärt werden könnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” veröffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in jüngster Zeit in Südkorea angestiegen: nämlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbsttötungen von Männern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und beträgt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am höchsten. Die OECD führt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Auflösung der traditionellen Familienbindungen zurück. Ob das allerdings Südkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegenüber den anderen Ländern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zurückgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach Südkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine überdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und Österreich (12,6; 27/100000 bei Männern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegenüber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Großbritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den übrigen OECD-Ländern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier töten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widersprüchliche Daten zur sog. Glücklichkeitsforschung förderte bemerkenswerterweise allerdings eine Studie zutage, die Zusammenhängen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen Ländern die Selbstmordrate trotz großer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabhängig von harten Wintern, religiösem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen Ländern (mehr):

Eine Erklärungsmöglichkeit für diesen vordergründigen Widerspruch könnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid stärker empfunden wird. Gesellt sich zum persönlichen Lebensunglück dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses verändern zu können, kann Suizid von bestimmten Persönlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu Österreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. Jährlich sterben in Österreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 wählten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamtösterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erwähnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Straßenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in Österreich immer weniger Autopsien durchgeführt werden, sinkt die Möglichkeite, Suizide von natürlichen Todesfällen zu unterscheiden. So zeigen sich in Ländern mit den höchsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn höhere Suizidraten als in Ländern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in Ländern, in denen Autopsieraten zurückgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken überhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industrieländern beträgt das Geschlechterverhältnis bezüglich des Suizids etwa zwei bis vier (Männer) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische Länder zeigen ein kleineres Verhältnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als Männer durch Suizid.

Risikofaktoren für Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • männliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 Männern, 5,2 bei Frauen)
  • frühere Selbstverletzungen
  • Homosexualität
  • psychiatrische Störungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Militärdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben Änderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit höherem Suizidrisiko verknüpft, das Risiko ist jedoch größer, wenn der niedrigere Spiegel über Diäten anstatt über Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herrühren könnte, dass Diät haltende Menschen ein höheres Risiko für psychische Probleme hätten. Bislang jedoch lägen hierfür keine bekräftigenden Hinweise vor. Familiäre Vorgeschichten mit Selbsttötungen verdoppeln zumindest das Risiko für Mädchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar dürftig ist, sind ein hohes Maß an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivität mit einem erhöhten Suizidrisiko verknüpft. Suizidraten nehmen über die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf mütterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbeschäftigten höher als bei Berufstätigen. Höhere Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verknüpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufstätigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erhöhtes Risiko: praktische Ärzte haben in den meisten Ländern ein hohes Risiko, wobei jedoch Ärztinnen generell das höchste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den Ärzten gelten Anästhesisten als besonders gefährdet, denn für viele Suizide werden betäubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahnärzte, Apotheker, Tierärzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten Ländern unter den älteren Menschen am höchsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der jüngeren Bevölkerung gestiegen, insbesondere bei Männern. Suizide werden am häufigsten im Frühling verübt, auch da besonders unter Männern. Im Frühling oder Frühsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erhöhtes Suizidrisiko. Amerikaner europäischer Herkunft haben höhere Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls höhere Suizidraten, möglicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und stärkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal höher als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualität an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen Männer eher gewalttätige Mittel der Selbsttötung (zum Beispiel durch Hängen oder Erschießen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erklärung für den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen Männern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig erfolgen. Verschiedene Bevölkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in Südasien verbrennen sich Frauen üblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden könnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat führt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am höchsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den ländlichen Gebieten vieler Entwicklungsländer ist das Verschlucken von Pestiziden die häufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verfügbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind Frühwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbsttötungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst töten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer Störung litten. Depressionen erhöhen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose häufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt überhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterstützung. Das heißt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine adäquate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbsttötung bei Depressionskranken beinhalten frühere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer Störung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am höchsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und körperdysmorphe Störung (KDS) erhöhen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erklärt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergrößernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. Überraschenderweise weisen Menschen mit erhöhtem Body-Mass-Index BMI ein zwar stärkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent Rückgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter Körperoberfläche beim BMI). Die Gründe hierfür sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen körperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch über die Kindheit hinweg, die gesamte Bevölkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, möglicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erhöhtem Risiko, und Suizidhäufungen können in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren fügen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die über suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bevölkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen können.”

Jüngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, daß Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren können. Dazu konnten Sie hier im Blog schon früher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich höher als bei Älteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen dafür liegen häufig in den traumatisierenden Erlebnissen im frühen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizität auf und ist durch äußere Einflüsse sehr veränderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren für spätere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzufügen. Das Ausdrücken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstmörder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund für die immer früher auftretenden Depressionen nennen Experten die frühere Pubertät und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es für Jugendliche viel leichter, eine Krise zu überwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu können, wäre ein schwierig zu erfüllender, da eine große Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tatsächlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien könnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bevölkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbsttötungsgedanken und –plänen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschlägige Ausbildung und Vorgangsweise von Ärzten wichtig: Studien aus den nordeuropäischen Ländern belegen einen Rückgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemeinärzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In Fällen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Maßnahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und Überwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Außerdem müssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verknüpften psychiatrischen Störung eingeleitet werden.

Auch eine Veränderung des allgemeinen Zugangs zu gefährlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einführung von Sicherheitsgittern auf Brücken und verstärkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer können die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, könnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, daß Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden würden, ihr Ziel umzusetzen, mag überrascht sein, daß z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbsttötungen drastisch zurückgingen, während z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit höchste Suizidrate und konnte diese durch Präventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschläge und Hinweise für das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung Südkoreas (das jüngst den weltweit stärksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mußte, siehe oben) zur Prävention u.a. auch Internet-Sperren einführen. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen über Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass die Polizei die persönlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen über Selbstmord gelöscht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsländern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industrieländern erfolgt, die höchste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsländern zu finden ist. Auch wird von einschlägig Forschenden auch eine jüngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten lässt, dass das Risiko für Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit Störungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angehörige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht plötzlich zurückzieht, gedrückt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Präsuizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen darüber zu sprechen. Dennoch sind die Möglichkeiten der Angehörigen häufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von außen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich überfordert fühlt oder das Gefühl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu können.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen Fällen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erhärteter Fakten dargelegt, dass einige psychische Störungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen Störungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben führen und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben können. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen können mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausführlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfaßt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom – erkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-Überlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

Mar 13

Thomas liegt mit einem Oberschenkelhalsbruch im Spital, ist aber glücklich. Sein bester Freund lebt bei warmen Temperaturen in den Tropen und braucht nicht mehr zu arbeiten – ist aber ständig griesgrämig …

Brigitte wird von mehreren guten Freunden empfohlen, sich doch therapeutische Hilfe zu suchen – sie selbst sagt aber: “so schlimm ist es nun auch wieder nicht!”. Ihre Nachbarin dagegen nimmt sich Coaching- oder Beratungsstunden, wann immer sie das Gefühl hat, eigentlich mehr aus ihrer Situation machen zu wollen, aber nicht weiterzukommen …

Jeder von uns verfügt über unterschiedliche Toleranzgrenzen, Kompensationsfähigkeiten und Erwartungen an das Leben. Die einen scheinen mit einer “Elefantenhaut” ausgestattet zu sein und beinahe unbeschränkt viel “einstecken” zu können. Dieser Eindruck kann allerdings auch entstehen, wenn die betreffende Person einfach weniger Erwartungen an das Leben hat: treten dann Probleme oder Beziehungskonflikte auf, kann sie das kaum aus dem Gleichgewicht bringen, denn sie erwarten ja auch gar nichts Besseres!

Andere Menschen wiederum sind dünnhäutiger, empfindsamer und leiden bereits unter relativ geringen Belastungen, Konflikten oder Hürden in ihrem Leben. Vielleicht haben sie aber einfach auch höhere Ansprüche an ihr Lebensglück und möchten sich nicht einfach mit jeder Schwierigkeit nur abfinden und dann so weiter tun, als wäre nichts gewesen.

Aus psychologischer Sicht handelt es sich bei diesen Zugängen zu unserem Leben um frühe Prägungen: wuchs ein Kind unter schwierigsten Bedingungen auf, dann wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von seinem restlichen Leben nicht viel erwarten und geübt darin sein, auftretende Probleme eher zu verdrängen statt sich ihnen zu stellen. Kinder, die in einem stabilen und förderlichen elterlichen Klima aufwuchsen, werden dagegen ihr späteres Leben an diesen Erfahrungen messen und bereit sein, an einer Verbesserung ihrer Situation zu arbeiten – weil sie erfahren haben, dass ein besseres Lebensgefühl tatsächlich möglich ist!

Und wie würden Sie selbst sich einschätzen? Sind Sie eher “dünnhäutig” oder “dickhäutig”? Haben Sie hohe Ansprüche an Ihr Leben und darüber, wie Sie es nützen möchten – oder sind Sie schon zufrieden, wenn Sie ohne allzu große Schrammen durch den Tag kommen? Und last not least: möchten Sie an diesem Zustand etwas ändern – oder passt es so?

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:myfivesenseworth.blogpress.com)

Apr 22

Zu den Möglichkeiten der Behandlung und Bekämpfung von Schmerzen existiert eine Fülle an Forschungsarbeiten – doch was hilft wirklich?

In der Psychologie und Hypnotherapie sind schon lange bekannt, daß die Psyche eine der wesentlichsten Schaltstellen für die Schmerzbekämpfung darstellt. Vielen LeserInnen dieses Blogs dürfte auch die erstaunlich gute Wirkung von Placebos in der Schmerzbehandlung bekannt sein. Kürzlich fanden nun Psychologen von der Sun Yat-Sen University, der University of Minnesota und der University of Florida im Zuge einer Studie heraus, dass offenbar Geld ebenfalls ein solches Placebo ist oder als Symbol die Menschen in positiver Weise zu beeinflussen imstande ist. Obwohl die Versuchsreihen nicht wirklich den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügten, zeigte sich doch eine deutliche Tendenz, nach der Versuchspersonen, die vorher physischen Kontakt mit Geldscheinen oder induzierte Phantasien von Reichtum hatten, mit deutlich reduzierten Schmerzempfinden reagierten. Ebenso war ein umgekehrter Effekt bemerkbar, nämlich höheres Schmerzempfinden bei der Erwartung von Geldverlust. Geld senkte in Stresssituationen psychischen und auch physischen Schmerz und Leiden, Mangel an Geld hingegen verstärkte diese Leiden.

Eine weitere Studie – durchgeführt am St. Joseph’s Hospital and Medical Center und veröffentlicht in der vormonatigen Ausgabe der Fachzeitschrift “Pain” – bestätigt Beobachtungen, die eine veränderte Schmerzwahrnehmung in Zusammenhang mit der Atemtechnik bei Zen-Übungen oder Yoga gesehen haben. Wurden von Versuchspersonen beim Empfinden von Schmerz die Atemzüge pro Minute auf die Hälfte reduziert, wurden deutlich geringere Werte an Schmerzempfinden vermeldet. Im klinischen Test wurde eine derart deutliche Schmerzreduktion durch die Atmung aber nur von PatientInnen erreicht, deren Gemütszustand zum Zeitpunkt des Versuchs positiv war.

(Quellen: The Symbolic Power of Money, Reminders of Money Alter Social Distress and Physical Pain, in: Psychological Science, doi: 10.1111/j.1467-9280.2009.02353.x vol. 20 no. 6 700-706, tp, Slow Breathing Reduces Pain, in: Pain 03/2010; Photo src: empoweredonlinemag.com)

Mar 13

Seit Jahrzehnten besteht ein wissenschaftlicher Disput darüber, ob Zusammenhänge zwischen der psychischen Verfassung von Menschen und dem Verlauf von Krebserkrankungen existieren.

Wie nun eine Studie von Medizinern an der amerikanischen Mayo-Clinic mit rund 530 Lungenkrebs-Patienten zeigte, kann eine optimistische Lebenseinstellung möglicherweise die Prognose von Krebspatienten verbessern.

Studien-Teilnehmer mit einer optimistischen Grundhaltung (diese wurde bereits durchschnittlich 18 Jahre vor der Erkrankung erhoben, die Compliance der Patienten oder die Lebenseinstellung während der Erkrankung wurde also nicht analysiert) lebten nach der Diagnose des Lungenkarzinoms im Mittel noch rund 19 Monate, bei den negativ eingestellten Personen waren es lediglich 13 Monate. Bei der Auswertung berücksichtigten die Forscher wichtige Faktoren wie Alter, Geschlecht, Krebsstadium oder Art der Therapie.

“Der gefundene Überlebensvorteil einer optimistischen Haltung von sechs Monaten ist umso beeindruckender, wenn man berücksichtigt, dass die mittlere Lebenserwartung der untersuchten Patientengruppe unter einem Jahr liegt”, sagt Studienleiter Paul Novotny. Er betont im “Journal of Thoracic Oncology” deshalb, die Krebstherapie solle nicht nur auf rein medizinische Aspekte fokussieren, sondern auch die psychosoziale Situation eines Patienten berücksichtigen und behandeln.

Hinweis R.L.Fellner: die Studie zeigt nur eine Korrelation, nicht aber einen kausalen Zusammenhang auf, dies sei ergänzend erwähnt. Im Abstract der Studie (siehe Quellenverweis unten) wird auf die Notwendigkeit weiterer Forschung in diesem Bereich hingewiesen – eine, wie ich meine, sehr treffende Einschätzung, zumal die Lebenseinstellung der Studie zufolge in etwa denselben Einfluß haben dürfte wie die äußerst kostenintensiven Chemotherapien. .

(Quelle: Journal of Thoracic Oncology Mar 2010, Vol 5 – Issue 3, pp 326-332; doi: 10.1097/JTO.0b013e3181ce70e8: A Pessimistic Explanatory Style Is Prognostic for Poor Lung Cancer Survival [Link])

Dec 29

Eine sehr interessante Auflistung von Studien findet sich in einem Artikel [1] in Telepolis: in diesen wurde nachgewiesen, daß bestimmte psychologische Tendenzen oder persönliche Neigungen sich offenbar in den sozialen Netzen, in denen sie auftreten, im Laufe der Zeit verbreiten. Was in bestimmten Fällen (Rauchentwöhnung, Spaß an bestimmten Tätigkeiten, Lebenszufriedenheit und Glück) ein Segen sein kann, ist in anderen (Einsamkeit, Eßstörungen, Kriminalität, Depression) wohl ein Fluch… Erklärbar ist diese Neigung wohl mit der enormen Wichtigkeit, die unser engeres soziales Umfeld seit urgeschichtlichen Zeiten hatte. Einzelgänger hatten während den Anfängen der Menschheit keine Chance zu überleben, jeder war gut beraten, sich mit dem eigenen “tribe” zu arrangieren und die eigenen sozialen Parameter mit jenen der anderen Gruppenmitglieder abzustimmen. Im Grunde ist dies auch heute noch wichtig – wenn es sich viele auch nicht eingestehen mögen, wo doch der Individualismus (z.T. sogar auf Kosten anderer) das aktuelle gesellschaftliche Ideal in der westlichen Kultur darstellt. Die vorliegenden Studien zeigen, wie sehr wir de facto unbewußt mit unserem sozialen Umfeld verbunden sind und uns diesem anpassen.

In eine ähnliche Kerbe schlagen auch zwei andere Artikel der Website: laut aktuellen Statistiken habe sich die Häufigkeit von Störungen aus dem Autismus-Spektrum [2] (z.B. auch Asperger-Syndrom) und antisozialem Verhalten [3] während der letzten Jahre signifikant erhöht. Bereits 1% der 8-Jährigen (1 von 110 Kindern) soll autistisch sein, im Jahre 2007 war es noch 1 von 150 Kindern. Und in England, wo seit 1998 “antisoziales Verhalten” definiert und schließlich die berüchtigten “Anti-Social Behaviour Orders” (ASBO) erlassen wurden, ist mittlerweile angeblich jede Sekunde ein Brite “Opfer von antisozialem Verhalten”. Was nicht allzu verwunderlich ist, liest man in den entsprechenden Unterlagen, daß schon “teenagers hanging around on the streets” als antisozial einzustufen sind.
Der sprunghafte Zunahme derartiger Zahlen könnte ganz einfach darin liegen, dass Ärzte, Pädadogen oder Richter Kinder häufiger entsprechend einstufen:

“Wenn neue Normen und damit Normverletzungen von einer Gesellschaft eingeführt werden, wächst auch die Wahrnehmung dafür. Wenn es sich um vermeintlich abweichendes Verhalten handelt, wächst die Angst, die zuvor möglicherweise gar nicht vorhanden war. Ganz ähnlich ist das mit neuen Störungen und Krankheitsbildern. Plötzlich gibt es eine Welle an Autismus, Internetsucht oder Aufmerksamkeitsstörungen. Und keiner weiß wirklich, ob es neue Krankheitsformen sind oder sich eben nur die Norm verschoben hat.”

Quellen: [1], [2], [3]. Bildquelle: german.cri.cn

Nov 18

Einer Untersuchung der University of Maryland der Zeitbudgets von 30.000 Menschen über einen Zeitraum von 30 Jahren (1975-2006) zufolge sehen unglückliche oder unzufriedene Menschen länger fern, während die “sehr glücklichen” Personen mehr lesen und längere Zeit für soziale Kontakte aufwenden. Auch scheinen Arbeits- und Fernsehzeit negativ zu korrelieren: wenn Menschen mehr Zeit für sich zur Verfügung haben (z.B. durch mehr Freizeit bzw. geringere Arbeitszeiten oder Arbeitsplatzverlust), steigen sowohl der Fernsehkonsum als auch die Schlafzeiten.

Die glücklicheren Menschen sind sozial aktiver, gehen öfter in die Kirche, wählen öfter und lesen auch öfter Tageszeitungen, die unglücklichen Menschen fernsehen hingegen bis zu 20 Prozent mehr, auch wenn man Bildung, Alter, Einkommen, Geschlecht und andere Faktoren berücksichtigt, die sich auf Zufriedenheit und Fernsehschauen auswirken können. Zudem haben unzufriedene Menschen eher das Gefühl, mehr Zeit, als sie wollen zur Verfügung zu haben, gleichzeitig fühlen sie aber zeitlich auch eher wieder unter Druck.

Fernsehen sei eine Art Sucht, sagen die Soziologen. Es führe kurzzeitig zu Zufriedenheit, langfristig aber zu Elend, vor allem wenn die Menschen sozial oder persönlich benachteiligt sind. Überdies ist die Belohnung durchs Fernsehen leicht zu haben. Man muss nirgendwohin gehen, nichts ausmachen, sich anziehen oder sich anstrengen, um sofort zufriedengestellt zu werden.

Ungelöst scheint allerdings zu sein, ob nun die Unzufriedenen eher vom Fernsehen angezogen werden oder ob Fernsehen auch an sich Zufriedene ins Unglück stürzen kann. (Quelle) Oder handelt es sich nicht vielleicht viel eher um einen Teufelskreis?

Nahezu zeitgleich erreicht uns eine mindestens ebenso düstere Nachricht aus England:

Während verschiedenen Studien zufolge früher der Intelligenzquotient in westlichen Ländern um durchschnittlich 3 Punkte pro Jahrzehnt anstieg, scheint er nun wieder abzufallen, was die in den letzten Jahren bereits häufiger geäußerten Vermutungen von Psychologen zu bestätigen scheint: 800 13- bis 14-Jährige wurden Intelligenztests unterzogen, wonach die Ergebnisse mit einem ähnlichen Test aus dem Jahr 1976 verglichen wurden. Danach sind die durchschnittlich Intelligenten zwar klüger geworden, die Intelligentesten wurden aber “dümmer” bzw. weniger. Komplizierte Denkfähigkeiten, die mathematisches Wissen beinhalten, können nicht mehr 25 Prozent leisten, wie noch 1976, sondern gerade einmal noch 5 Prozent der Jugendlichen. Der untersuchende Psychologe Shayer meint, die Jugendlichen heute würden schneller antworten, könnten aber nur noch oberflächlich denken. Die Ursachen könnten im Schulsystem liegen, welches vor allem auf das Bestehen von Tests trainiert, oder auch in veränderten Freizeitbeschäftigungen, welche sich heute zu einem hohen Anteil auf elektronische Medien (Computer, Computerspiele, Internet, passiver Fernsehkonsum etc.) richten.

Kommentar R.L.Fellner:

Ich frage mich ja schon seit langem, wie weit wir es mit dem alle Lebensbereiche durchdringenden “Zwang zur Optimierung” (welcher dann häufig auf etwas hinausläuft, das ich “aufwandsoptimierte Wunschresultatsproduktion” bezeichnen möchte..) noch bringen können. Allerorten muß “gespart” werden (freilich ohne, dass Sie oder ich etwas von den dadurch hereingespielten Gewinnen zu sehen bekommen!), die Leistung bzw. der Output muß jedoch stetig ansteigen, will doch vom Lehrer bis zum Finanzjongleur jeder steigende Kurven präsentieren können. Der Zwang zur “steigenden Kurve” kann aber, das ist den meisten Systemen immanent, nicht ewig durchgehalten werden, und auch beim besten Willen ist Leistungsfähigkeit endlich – Zitronen lassen sich nur bis zu einer bestimmten Grenze auspressen, ab dann geben sie immer weniger Saft… auf die äußere Welt übertragen: die Fehlerrate steigt, der “Unterbau” des Systems wird labil und brüchig. Es bilden sich, wie wir auch in der Finanzwelt beobachten können, “Blasen”, welche irgendwann platzen. Der Abschwung oder Crash ist also in jeder Aufwärtsentwicklung bereits vorprogrammiert, systemimmanent.

Wenn wir Kinder und uns selbst nur darauf trimmen, heute -oder bestenfalls noch morgen- zu bestehen, aber nicht auch ausreichend in langfristige und nachhaltige Ressourcenentwicklung investieren, wird eines Tages ein Preis dafür zu bezahlen sein. Es scheint, als näherten wir uns gerade auch in der westlichen Welt einem Scheideweg: wenn wir nicht bald wieder zu jenen Prinzipien zurückfinden, welche gerade Europa zu seiner weltweit anerkannten sozialen und wissenschaftlichen Entwicklung verhalfen, wie etwa Forschung und sozialen Grundprinzipien, haben wir – ähnlich wie die USA bereits seit einigen Jahren – den “Peak Point” unseres Fortschrittes vielleicht bereits überschritten. Nicht nur im Bereich der Intelligenz unserer Jugendlichen.

(Photo credit: Digital Vision/GettyImages.com)

Blog-Begriffswolke:
10.06.18