Nov 18

Die meisten Betroffenen gestehen sich selbst viel zu spĂ€t ein, ‘burned out’ zu sein.
(Photo credit: Flickr/Zach Klein)

Burnout” ist eines der diagnostischen Modeworte der letzten Jahre, und von daher nicht ganz ĂŒberraschend stiegen die Zahlen der entsprechend diagnostizierten Patienten exorbitant an –  deutlich stĂ€rker, als Faktoren wie “schwierige Wirtschaftslage” oder “gestiegener Druck am Arbeitsplatz” dies erwarten lassen wĂŒrden. Dies lĂ€ĂŸt die Vermutung zu, dass es sich hĂ€ufig um Verlegenheitsdiagnosen handelt, welche dann gegeben werden, wenn die vorliegenden Symptome von Patienten nicht eindeutig einem physiologischen Krankheitsbild zuzuordnen sind oder eine “problematischer” klingende Diagnose – und das ist z.B. “Depression” fĂŒr die meisten immer noch – vermieden werden soll.

Doch worum handelt es sich tatsĂ€chlich bei diesem Diagnose-Begriff “Burnout” und was beschreibt er genau? Wie kann man feststellen, ob man selbst an “Burnout” leidet?

WĂ€hrend der letzten Jahre wurde von Psychologen, Ärzten und Therapeuten fĂŒr die Diagnosestellung, PrĂ€ventions- und TherapieansĂ€tze des “Burnout-Syndroms” eine ganze FĂŒlle an Publikationen herausgebracht. Im Wesentlichen wird das Burnout-Syndrom dabei als Resultat einer chronischen Arbeits- oder interpersonellen Stressbelastung beschrieben, die sich in den drei Dimensionen emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung  / Zynismus und subjektiv empfundene reduzierte LeistungsfĂ€higkeit Ă€ussert (Maslach, C., 1976):

  • Emotionale Erschöpfung wird als der wesentlichste Aspekt des Syndroms betrachtet und zeigt sich als emotionale und körperliche Kraftlosigkeit.
  • Depersonalisation/Zynismus beschreibt eine gefĂŒhllose, abgestumpfte Reaktion auf Klienten wie z.B. SchĂŒler, Patienten, Kunden oder Mitarbeiter. Dieses Verhalten wird als Versuch interpretiert, Distanz zu schaffen.
  • Verminderte subjektive Leistungsbewertung beschreibt GefĂŒhle des Versagens und UngenĂŒgens, den zunehmenden Verlust des Vertrauens in die eigenen FĂ€higkeiten.

Der in der Psychologie verwendete und dort noch etwas genauer spezifizierte  Begriff, der den prozesshaften Verlauf des Burnout-Zustandes (im Unterschied zum Burnout-Syndrom) beschreibt, wird auf den in Frankfurt geborenen US-Psychologen Herbert Freudenberger zurĂŒckgefĂŒhrt, der diesen im Jahre 1974 auf der Basis persönlicher Überlastungs-Erfahrungen in seinem Buch “Staff Burnout” geprĂ€gt (und selbst vermutlich einer Novelle von Graham Greene entliehen) hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gail North definierte er 12 sogenannte “Burnout-Phasen”, die im Gesundheitswesen bis heute hĂ€ufig zum Zweck der Diagnose herangezogen werden. Die Symptome mĂŒssen allerdings weder in der beschriebenen Reihenfolge auftreten noch alle vorhanden sein, damit man laut H. Freudenberger / G. North1 von “Burnout” sprechen kann:

Die 12 Burnout-Phasen

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erfĂŒllen
  • Überarbeitung mit VernachlĂ€ssigung anderer persönlicher BedĂŒrfnisse und sozialer Kontakte
  • Überspielen oder Übergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und GeringschĂ€tzung Anderer
  • RĂŒckzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche VerhaltensĂ€nderungen, fortschreitendes GefĂŒhl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen, das Leben verlĂ€uft zunehmend „mechanistisch”
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese GefĂŒhle durch Überreaktionen zu ĂŒberspielen (SexualitĂ€t, Essgewohnheiten, Alkohol und Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie GleichgĂŒltigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Zu diesen psychischen Anzeichen kommen meist nach einiger Zeit des Leidens auch noch körperliche. Abgesehen von der reduzierten Performance und EffektivitĂ€t im Beruf wird bei “Burnout”-PatientInnen meist auch eine erhöhte AusschĂŒttung von Stresshormonen festgestellt. Die Betroffenen werden dadurch deutlich anfĂ€lliger fĂŒr Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems und zahlreiche andere psychosomatische und rein somatische (sind es diese dann noch?) Erkrankungen, aber auch Depression.

Und hier liegt das SchlĂŒsselwort, denn “Burnout” ist tatsĂ€chlich (zumindest derzeit) gar kein wissenschaftlich anerkannter Diagnosebegriff, weder im Klassifikationsschema ICD-10, noch im aktuell gĂŒltigen und vor allem im angloamerikanischen Raum hĂ€ufig eingesetzten DSM-IV. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in den derzeit in Begutachtung befindlichen nĂ€chsten Versionen dieser Manuals, dem ICD-11 und DSM-V Ă€ndern wĂŒrde. Wie also lĂ€sst sich “Burnout” medizinisch korrekt definieren und wie ist es von anderen Störungsbildern abzugrenzen?

Emotionale Erschöpfung: es gibt starke Parallelen zwischen dem Auftreten beider Störungsbilder, auch kann emotionale Erschöpfung unbehandelt in Burnout mĂŒnden.

– Auch zwischen Schlafstörungen und Burnout bestehen ZusammenhĂ€nge und Wechselwirkungen: der Schlaf wird von vielen Burnout-Patienten als mangelhaft und nicht erholsam beschrieben, tagsĂŒber besteht hĂ€ufig SchlĂ€frigkeit und mentaler Energiemangel. Umgekehrt können Schlafprobleme einen Risikofaktor fĂŒr spĂ€teres Burnout darstellen.

Stress und Psychosomatik: akuter Stress kann kardiale Störungen, Herzinfarkte und Diabetes Typ-2 auslösen. Chronisch höhere Spannungen in der Arbeit wiederum fĂŒhren zu erhöhter Kortisol-AusschĂŒttung, die ihrerseits die Bildung des metabolischen Syndroms mit HyperlipidĂ€mie und arterieller Hypertonie begĂŒnstigt. Die hĂ€ufig stressbedingten gesundheitsschĂ€digenden Verhaltensweisen, etwa erhöhter Nikotin- oder Alkoholkonsum und schlechte Planung körperlicher und psychischer Erholung, dĂŒrften nach einiger Zeit auch ohne körperliche Stressreaktionen massivste Auswirkungen zur Folge haben. Bemerkenswerterweise scheinen Frauen vor allem auf muskuloskelettaler und Stoffwechselebene zu reagieren, MĂ€nner dagegen nahezu ausschließlich auf kardiovaskulĂ€rer Ebene.

Depression: Die hĂ€ufigsten Fehldiagnosen finden vermutlich im vielen Ärzten und Therapeuten nur vage bekannten Graubereich zwischen Depression und “Burnout” statt. Ahola und Hakanen (2007) schlussfolgern auf Basis ihrer Untersuchungen, dass Burnout und Depressionen nicht gleichzusetzen sind, dass aber chronische Stressbelastungen ĂŒber Burnout-ZustĂ€nde in Depressionen mĂŒnden können. So steigt bei zunehmendem Schweregrad von Burnout die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, auf bis zu 50% an (Ahola, Honkonen et al., 2005). Iacovides et al. (2003) betrachten Burnout und Depression jedoch als zwei separate PhĂ€nomene und Krankheitskonzepte, die aber gemeinsame Charakteristika aufweisen. Auch ihnen zufolge mĂŒndet unbehandeltes Burnout in seiner schwersten Stufe letztlich hĂ€ufig in Verzweiflung und Depression.

Zum Vergleich mit den oben beschriebenen Spezifika von “Burnout” hier die Merkmale einer depressiven Episode gemĂ€ĂŸ ICD-10:

“Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedrĂŒckten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und AktivitĂ€t. Die FĂ€higkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. AusgeprĂ€gte MĂŒdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. SelbstwertgefĂŒhl und Selbstvertrauen sind fast immer beeintrĂ€chtigt. Sogar bei der leichten Form kommen SchuldgefĂŒhle oder Gedanken ĂŒber eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrĂŒckte Stimmung verĂ€ndert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf LebensumstĂ€nde und kann von sogenannten “somatischen” Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, FrĂŒherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. AbhĂ€ngig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.”

Es ist also davon auszugehen, dass ein betrĂ€chtlicher Teil der Menschen, die wegen „Burnout” eine lĂ€ngere Auszeit nehmen, de facto an einer depressiven Erkrankung leiden (wobei diese durchaus auch mit beruflichen Problemen in Zusammenhang stehen kann) – nĂ€mlich dann, wenn alle fĂŒr die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen vorliegen. Zur Depression gehört immer auch das GefĂŒhl tiefer Erschöpftheit, welches so manchen Arzt, Coach oder Therapeuten zur vorschnellen Diagnose “Burnout” verleiten dĂŒrfte, da dieser Zustand SelbstĂŒberforderung oder Überforderung durch außen als Ursache suggeriert. Doch fatalerweise ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsĂ€chliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung, was dann zu Fehlbehandlungen fĂŒhren kann. Viele depressiv Erkrankte etwa fĂŒhlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; doch nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche TĂ€tigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Das ist bei Burnout jedoch nicht so: hier wird als Teil der Behandlungsstrategie hĂ€ufig empfohlen, langsamer zu treten, lĂ€nger zu schlafen und Urlaub zu machen. Liegt jedoch tatsĂ€chlich eine depressive Erkrankung vor, wĂ€ren dies zumeist keine empfehlenswerten oder sogar gefĂ€hrliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf lĂ€ngeren Schlaf und eine lĂ€ngere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und weiterer Stimmungsverschlechterung. Auch sind Urlaube oder Krankschreibungen etwas, von dem vielen depressiv Erkrankten abgeraten wird, da man die Depression “mitnimmt” und der eigene Zustand mit Antriebsstörung, GrĂŒbeln und der UnfĂ€higkeit, irgendeine Freude zu empfinden, allein daheim oder im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedrĂŒckend und schmerzlich erlebt wird. Nicht selten treten gerade in solchen Situationen dann erste Suizidgedanken auf. Aus diesem Grund ist eine fachkundige Diagnose, idealerweise durch Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten, die sowohl im Feld der Depressions- als auch der Burnout-Betreuung Erfahrung haben, dringend anzuraten. Nur eine korrekte Diagnose ermöglicht einen adĂ€quaten Therapieansatz sowie ein möglichst rasches Greifen des therapeutischen Angebots!

TherapieansÀtze bei Burnout-Symptomatik

Aufgrund der KomplexitĂ€t der möglichen Ursachen und ZusammenhĂ€nge, aber auch aus GrĂŒnden der hĂ€ufig schwierigen Abgrenzung der Ätiologie und gegenĂŒber anderen Störungsbildern steht am Beginn einer erfolgreichen Therapie eine sorgfĂ€ltige medizinische und psychotherapeutische oder psychiatrische, sowie ggf. eine schlafmedizinische Diagnose. Die Therapie richtet sich dann naturgemĂ€ĂŸ nach den Erkenntnissen dieser Diagnosestellung.

Bei leichteren Beschwerden ohne Depression genĂŒgen mitunter geringe Interventionen wie die Ausarbeitung alternativer Strategien fĂŒr das Arbeitsumfeld, Entspannungsverfahren und StressbewĂ€ltigungs-Techniken. Dies kann direkt am Arbeitsplatz (z.B. Arbeitspsychologe oder Coach) oder privat (Kurzzeit-Psychotherapie oder Coaching) geschehen.

Entspricht die Symptomatik jedoch einer depressiven Episode oder bestehen körperliche Symptome, die direkt oder indirekt mit einer Burnout-Symptomatik im Zusammenhang stehen, ist adĂ€quate und regelmĂ€ĂŸige Psychotherapie, nötigenfalls mit pharmakologischer UnterstĂŒtzung, bis zum völligen Abklingen der Symptome ĂŒber einen Zeitraum zumindest mehrerer Wochen indiziert. Ziel dieser Maßnahmen ist verbesserte StressbewĂ€ltigung (Coping) und PrĂ€vention (Coaching). Die Prognose ist i.d.R. gut; in EinzelfĂ€llen jedoch – etwa, wenn die Arbeitsstrukturen nicht adĂ€quat verĂ€ndert werden können und eine positive ArbeitsatmosphĂ€re nicht erreichbar scheint – kann aber auch eine radikale berufliche VerĂ€nderung oder ein vorĂŒbergehender Berufsausstieg (Krankenstand, Sabbatical,..) erforderlich sein, um eine vollstĂ€ndige Regeneration bzw. Rehabilitation zu erreichen.

Literatur zum Thema:
Depression
Burnout

Quellen:
Ahola K, Hakanen J. Job strain, burnout, and depressive symptoms: A prospective study among dentists. J Affect Disord. 2007;104:103-10.
Ahola K, Honkonen T, IsometsĂ€ E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A et al.: The relationship between job-related burnout and depressive disorders – results from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88: 55-62.
Iacovides A, Fountoulakis KN, Kaprinis S, Kaprinis G. The relationship between job stress, burnout and clinical depression. J Affect Disord. 2003;75:209-21.
Maslach, C. Burned-out. Hum Behav. 1976;5:16–22.
Freudenberg HJ. Staff burnout. J Soc Issues. 1974;30:159–64.
Nil R, Jacobshagen N, SchĂ€chinger H, Baumann P, Höck P, HĂ€ttenschwiler J, Ramseier F, Seifritz E, Holsboer-Trachsler E. Burnout – an analysis of the status quo. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 2010;161(2):72–7.
Bildquelle: timsstrategy.com

Nov 06

Fast jeder von Ihnen dĂŒrfte jemanden kennen, der in einer sogenannten “abhĂ€ngigen Beziehung” bzw. “BeziehungsabhĂ€ngigkeit” verstrickt ist – oder diesen leidvollen Zustand sogar aus eigener Erfahrung kennen. Dies sind jene Beziehungsformen, bei denen jeder ringsum die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammenschlĂ€gt und sich wundert, warum sich diese beiden Menschen trotz ihrer chronischen Probleme nicht voneinander lösen können.

HĂ€ufig besteht ein starkes und auffĂ€lliges Ungleichgewicht zwischen beiden Partnern, und immer wieder kommt es zu Aggression, Eifersucht oder emotionaler Erpressung – und dennoch kann sich der “abhĂ€ngige” Partner nicht dauerhaft lösen, ja entschuldigt vielleicht sogar das Verhalten des anderen. Auf der Suche nach Antworten fielen mir im Zuge meiner jahrlangen UnterstĂŒtzung von suchtkranken Menschen und Paaren in Krisensituationen bei letzteren Dynamiken auf, die sehr an die Probleme von substanzabhĂ€ngigen (“drogenabhĂ€ngigen”) Menschen und deren PartnerInnen erinnern.

So findet sich in abhĂ€ngigen Beziehungen fast immer ein Partner, der emotional instabil ist und im Grunde professionelle Hilfe benötigen wĂŒrde, um seine psychischen Probleme zu bearbeiten. Da dies aber nicht stattfindet (z.B. weil das Ausmaß des Problems verdrĂ€ngt wird), wird jemand benötigt, der bereit ist, zu “unterstĂŒtzen”, oder anders gesagt: seine Zeit, Energie und hĂ€ufig genug auch sein Geld zu investieren, um die Situation wieder zu beruhigen und die Beziehung am Laufen zu erhalten – immer in der Hoffnung, dass die Zukunft Besserung bringt.

TatsĂ€chlich aber erhĂ€lt die “UnterstĂŒtzung” hĂ€ufig nur einen Teufelskreis aufrecht. FĂŒr die labileren Beziehungspartner ist dies hĂ€ufig ein durchaus vertrauter und auch gesuchter Zustand: viele von ihnen fanden in Ihrem Leben immer wieder “hilfreiche Seelen”, die sie selbstlos unterstĂŒtzten, was wirkliche VerĂ€nderung ĂŒberflĂŒssig machte.

7 Indikatoren fĂŒr BeziehungsabhĂ€ngigkeit:

  • Unehrlichkeit. Beide Partner kommunizieren nicht offen ĂŒber ihre wahren Absichten, BedĂŒrfnisse und Sorgen.
  • Unrealistische Erwartungen. Beide Partner hoffen darauf, dass der andere ihre Probleme löst – das SelbstwertgefĂŒhl, das Körperbild, Familien- oder existenzielle Probleme. Sie glauben, die “richtige Beziehung” wĂŒrde alles besser machen. TatsĂ€chlich jedoch leben sie in einer defizitĂ€ren, abhĂ€ngigen Partnerschaft.
  • Instant-Befriedigung. Einer der beiden erwartet, dass der andere immer fĂŒr ihn da zu sein hat, wann immer er ihn/sie braucht; der Partner ist dazu da, sich besser zu fĂŒhlen – aber eben weniger als “Partner”, sondern mehr als “Droge”.
  • Zwanghafte Kontrolle. Wenn sich der Partner nicht so verhĂ€lt, wie man das will oder zu benötigen glaubt, wird mit “Abhauen” oder Trennung gedroht; im anderen mögen stĂ€ndig Sorgen ĂŒber eine solche Trennung aufkommen, wann immer eine Krise entsteht. Beide Partner können sich “aneinander gekettet” fĂŒhlen – in negativer oder positiver Hinsicht.
  • Mangelndes Vertrauen. Keiner der Partner ist sich 100%ig sicher, “wirklich” vom anderen geliebt zu werden, denn manchmal werden allzu deutlich GefĂŒhle von Hass oder Verzweiflung des anderen wahrnommen.
  • Soziale Isolation. Niemand wird eingeladen – weder Freunde, noch Familienmitglieder oder Bekannte aus der Arbeit. BeziehungsabhĂ€ngige Menschen wollen in Ruhe gelassen werden und können unwirsch reagieren, wenn jemand Fragen zu ihrer Partnerschaft stellt.
  • Teufelskreis aus Schmerz. Paare, die in einer Beziehung mit AbhĂ€ngigkeitscharakteristika leben, durchlaufen regelmĂ€ĂŸig Zyklen von Freude, Schmerz, EnttĂ€uschung, SchuldgefĂŒhlen und (hĂ€ufig emotional oder sexuell aufgeladener) Versöhnung. Diese Zyklen wiederholen sich so lange, bis beide Partner professionelle Hilfe suchen oder einer der Beziehungspartner aus der abhĂ€ngigen Partnerschaft ausbricht.

UnglĂŒcklicherweise gibt es kein “Patentrezept”, wie die betreffenden Beziehungen zu verbessern wĂ€ren, denn in der Regel zeigen auch die in der Beziehung “ausgebeuteten” Partner eine hohe Resistenz allen gutgemeinten RatschlĂ€gen gegenĂŒber – besonders solchen, die eine gesĂŒndere Distanz zur Partnerschaft zur Folge haben wĂŒrden. Vielleicht aber helfen als erste Orientierungsmöglichkeit die folgenden

Tipps zur Überwindung von BeziehungabhĂ€ngigkeit:

  • ErklĂ€ren Sie Ihre “Heilung” zur ersten PrioritĂ€t Ihrer aktuellen Lebensphase.
  • Sehen Sie mutig Ihren eigenen Problemen und MĂ€ngeln ins Auge.
  • Kultivieren Sie all das, an was es Ihnen selbst fehlt: fĂŒllen Sie z.B. jene LĂŒcken aus, die Sie manchmal schlecht oder ungenĂŒgend fĂŒhlen lassen und/oder beseitigen Sie die Probleme, die Sie ursprĂŒnglich anfĂ€llig fĂŒr ihr Suchtverhalten machten.
  • Lernen Sie, damit aufzuhören, andere steuern und kontrollieren zu wollen; konzentrieren Sie sich statt dessen mehr auf Ihre eigenen BedĂŒrfnisse und verbessern Sie Ihr SelbstwertgefĂŒhl, um emotional unabhĂ€ngiger zu werden.
  • Finden Sie heraus, was Ihnen einen Zustand von Ruhe und Gelassenheit erleichtert und reservieren Sie eine bestimmte Tageszeit dafĂŒr, sich dies auf tĂ€glicher Basis zu ermöglichen.
  • Erlernen Sie, die Spiele und Rituale des Suchtverhaltens zu vermeiden und vermeiden Sie, fĂŒr Sie verfĂ€ngliche Rollen anzunehmen (z.B. “Retter”/”Helfer”, “AnklĂ€ger”, “Opfer” (der/die Hilflose).
  • Finden Sie Freunde, die Sie verstehen und Ihre Erfahrungen teilen können (z.B. Selbsthilfe-Gruppe).
  • Überlegen Sie, sich professionelle UnterstĂŒtzung zu gönnen, um den Erholungsprozess zu beschleunigen.

Vielen Blog-LeserInnen dĂŒrfte vertraut sein, wie hĂ€ufig Freunde oder Bekannte, die in solche Beziehungen verstrickt sind, in diesen emotional geschĂ€digt, finanziell ausgebeutet oder sogar körperlich verletzt werden. Was Sie als guter Freund oder gute Freundin aber tun können, ist, es zu vermeiden, auch selbst mit in das “schwarze Loch” gezogen zu werden, indem Sie beide unnachgiebig dazu aufzufordern, sich professionelle Hilfe (z.B. Paarberatung) zu suchen.

(Indikatoren basieren auf einem Artikel von Laurie Pawlik-Kienlen; Tipps zum Überwinden basieren in Teilen auf Robin Norwood’s Buch “Wenn Frauen zu sehr lieben“; Image src:hubpages.com)

Oct 30

Eine SchwĂ€che ist besonders unter den Menschen, die in Helfer- und Service-Berufen arbeiten, hĂ€ufig: das sogenannte “Helfer-Syndrom“. Der starke Impuls, anderen Menschen zu helfen, sich wohler zu fĂŒhlen, ist dabei unbewußt mit dem Ziel verbunden, das auch selbst zu tun und sich von eigenen LeeregefĂŒhlen abzulenken. Wenn die Betroffenen dabei jedoch laufend ĂŒber die eigenen Grenzen gehen, sind Burnout und Depression nicht mehr weit – nicht ganz zufĂ€llig sind Angehörige dieser Berufssparten (z.B. Ärzten, Therapeuten oder anderer Sozialberufe) ĂŒberaus hĂ€ufig davon betroffen.
Doch man kein professioneller Helfer sein, um ein “Helfer-Syndrom” zu entwickeln: genauso gut kann es auch ein Nachbar, ein Freund, ein Mitarbeiter oder Sie selbst sein, der dazu neigt, Verantwortungen und Aufgaben zu ĂŒbernehmen, um die andere instinktiv einen weiten Bogen machen wĂŒrden.

Doch das ist nicht alles: das Helfer-Syndrom kann zu regelrecht mißbrĂ€uchlichen Beziehungs-Konstellationen fĂŒhren. Der “Helfer” auf der einen Seite mag zunehmend Burnout-Symptome entwickeln und sich ausgebeutet fĂŒhlen, wenn seine Anstrengungen als selbstverstĂ€ndlich betrachtet werden und ihm wenig Dankbarkeit erwiesen wird. Nicht und nicht scheint er den Punkt zu erreichen, an dem jeder zufrieden ist.
Doch es existieren auch mißbrauchende bzw. narzißtische Helfer: das mangelnde GefĂŒhl fĂŒr die eigenen Grenzen fĂŒhrt bei ihnen indirekt auch dazu, auf die Verantwortung dem anderen gegenĂŒber zu “vergessen”. WĂ€hrend ein verantwortungsvoller Helfer seine eigenen Grenzen kennt und den anderen dabei unterstĂŒtzen wird, stĂ€rker zu werden und sich nach Möglichkeit professionelle Hilfe zu suchen, möchte der narzißtische Helfer ihn nicht aus seinem Einfluß entlassen – er kann nicht loslassen, bevor jene Ziele erreicht sind, von denen er selbst ĂŒberzeugt ist.

UnabhĂ€ngig davon, ob die Motive fĂŒr das Helfer-Verhalten altruistisch (“Ich möchte etwas zurĂŒck geben”, “
verhindern, dass er/sie dieselben Fehler wie ich macht!”, “Ich möchte etwas weitergeben” oder “Ich kann es schaffen!”‘) oder neurotisch motiviert sind: es ist immer ein Zeichen emotionalen Ungleichgewichts, wenn jemand die eigenen Grenzen ignoriert und versucht, alle Probleme im Alleingang zu lösen.

Typische Formen ungesunder “Helfer-Beziehungen” sind Beziehungen mit wiederkehrenden emotionalen WechselbĂ€dern, hĂ€ufig mit einem abhĂ€ngigen (“sĂŒchtigen”) Partner, Partnerschaften mit selbstbezogenen, kontrollierenden oder gewalttĂ€tigen Personen oder Beziehungen mit einem starken Ungleichgewicht an Macht, Bildung oder Geld. Derartige Beziehungsformen können fĂŒr beide Partner zwar “funktionieren”, sie sind aber zumeist verĂ€nderungsresistent oder gar -feindlich und verlieren die kĂŒnstliche StabilitĂ€t der gegenseitigen AbhĂ€ngigkeit, sobald sich etwas am besagten Ungleichgewicht zu verĂ€ndern beginnt. Persönliche Weiterentwicklung ist in ihnen nur schwer möglich, und aufgrund der inneren ZwĂ€nge leider hĂ€ufig auch das Erreichen wirklichen LebensglĂŒcks. FĂŒr professionelle Helfer existiert deshalb in vielen LĂ€ndern eine Verpflichtung zur Supervision, um ihr berufliches Verhalten zu reflektieren. FĂŒr Laienhelfer bleibt hĂ€ufig nur die Möglichkeit, gut auf sich aufzupassen um uns nicht mehr als es uns und den anderen gut tut, in destruktiven “Helfer”-Ambitionen zu verstricken.

(Bildquelle: westallen.typepad.com)

Sep 09

Ärzte, Pfleger, Sozialarbeiter und Therapeuten wollen, so das Klischee, “helfen”: doch dabei laufen sie hĂ€ufig Gefahr, selbst zu erkranken.

TatsĂ€chlich sind stressbezogene Gesundheitsstörungen unter im Gesundheitswesen TĂ€tigen weit verbreitet, doch ein „Burnout“ kann grundsĂ€tzlich jeden Arbeitnehmer treffen. Professionelle Helfer wie Ärzte, Pflegepersonal oder Therapeuten haben aber ein besonders hohes Risiko, zu erkranken. Und bei professionellen Helfern, die im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie tĂ€tig sind, ist es der Statistik zufolge am grĂ¶ĂŸten. Psychiater etwa berichten hĂ€ufiger ĂŒber „Burnout“, Depression und andere psychische Erkrankungen als andere Ärzte. BerufsanfĂ€nger sind ganz besonders anfĂ€llig fĂŒr stressbedingte Gesundheitsstörungen. 76% der AssistenzĂ€rzte leiden an „Burnout“-Symptomen wie emotionaler Erschöpfung oder Demotivation. Aufgrund der oftmals idealisierten Vorstellungen von ihrem Beruf ist der Einstieg ins Berufsleben von jungen Ärzten und Therapeuten daher hĂ€ufig mit EnttĂ€uschungen verbunden.

Darauf macht die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) aufmerksam. Den Grund sieht die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft im zunehmenden Kostendruck im Gesundheitswesen bei gleichzeitig steigenden QualitĂ€tsanforderungen und BehandlungsfĂ€llen pro Helfer. Hinzu komme, dass die therapeutischen Beziehungen im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie emotional belastend sein können. Nicht haltbar sei die These, dass gerade diejenigen das Berufsfeld Psychiatrie und Psychotherapie wĂ€hlen, die eine Neigung zu psychischen Erkrankungen haben. Wichtig ist es, Anzeichen fĂŒr ein „Burnout“ frĂŒh zu erkennen und entgegenzusteuern. Denn zu spĂ€t erkannt, können ErschöpfungszustĂ€nde in einer depressiven Erkrankung mĂŒnden. Die DGPPN empfiehlt das eigene Zeitmanagement zu verbessern, Delegationsmöglichkeiten fĂŒr Aufgaben zu nutzen oder auch mal „Nein“ zu sagen sowie exzessive Überstunden zu vermeiden. Hilfreich kann zudem eigene psychotherapeutische UnterstĂŒtzung sein, in der Betroffene ihre oftmals eingefahrenen Einstellungs- und Verhaltensmuster hinterfragen können, die zu dem emotionalen und körperlichen Erschöpfungszustand gefĂŒhrt haben. Sie lernen, wie sie mit Stress besser umgehen und auf ihren Körper hören können.

Das Thema „Burnout“ und „Burnout bei professionellen Helfern in der Psychiatrie und Psychotherapie“ gehört zum Programm des diesjĂ€hrigen DGPPN-Kongresses im November 2011 in Berlin. Der Kongress zĂ€hlt mit mehr als 10.000 erwarteten Teilnehmern inzwischen zur grĂ¶ĂŸten Fachtagung auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen.

(Quelle: MedAustria, DPPPN-Kongress-Website; Image src:theworkingcaregiver.wordpress.com)

Mar 18

(Bild: R.L.Fellner)

Wieder mal regte mich ein Beitrag aus dem Diskussionsforum meiner Website an, ĂŒber ganz bestimmte Aspekte meiner eigenen Rolle als Therapeut zu reflektieren. Eine Diskussionsteilnehmerin fragte sich nach ihren Erfahrungen in ihrer Psychotherapie, inwieweit Patienten ihren Therapeuten denn auch persönlich wichtig sind, und wieviel emotionales Engagement tatsĂ€chlich besteht – bzw. ob dieses ĂŒberhaupt echt sei?

NatĂŒrlich ist es nicht möglich, eine derartige Frage generalisierend zu beantworten. Genauso, wie jeder Mensch anderes ‘gedrahtet’ ist, sind es (natĂŒrlich) auch TherapeutInnen! Die dafĂŒr erforderliche Ausbildung verĂ€ndert ja nicht die Persönlichkeitsstruktur, sondern schafft nur eine wissensmĂ€ĂŸige Grundlage und zielt darauf ab, dass trotz aller persönlichen “Macken” ProfessionalitĂ€t in der therapeutischen Arbeit möglich ist. Was oft, aber natĂŒrlich nicht immer gelingt.

Persönlich habe ich im Laufe meiner Ausbildung und TĂ€tigkeit entsprechend auch die volle Bandbreite kennengelernt: von ĂŒberemotionalen, kaum abgrenzungsfĂ€higen Therapeutinnen, die im Leben nichts anderes haben als “die Praxis” bis hin zu Ă€ußerst kĂŒhlen und m.M. nach kaum empathiefĂ€higen Therapeuten. Und ganz vielen, die irgendwo dazwischen liegen. Von solchen, die ihre Klienten vor allem als “Kunden” sehen bis zu solchen, die anfĂ€llig sind fĂŒr emotionale Übergriffe (in beide Richtungen). Und vielen, die aber gerade in der Praxis dann durchaus so agieren, wie ich das bei TherapeutInnen fĂŒr erforderlich halte. Und natĂŒrlich gibt es auch “professionelle Freundlichkeit”, “professionelle NĂ€he”. Diese sollte sich von herkömmlicher Freundlichkeit, NĂ€he und emotionaler Beteiligung meiner Ansicht nach dadurch unterscheiden, dass im Kopf gewissermaßen eine höhere (professionelle) Instanz darĂŒber “wacht”, ob das, was zwischen beiden Personen ablĂ€uft, noch heilsam ist, und nicht womöglich das, was da zwischenmenschlich möglich wĂ€re, letztendlich fĂŒr mehr Komplikationen oder Verwicklungen sorgen wĂŒrde.

Ganz persönlich geht es mir so, dass ich leidenschaftlich gerne mit Menschen arbeite, und mich im Prinzip auf jeden freue, der zur nĂ€chsten Stunde kommt, um mit meiner ‘guidance’ ein weiteres StĂŒck seines persönlichen Wegs zurĂŒckzulegen. Manche KlientInnen sind aber durchaus “herausfordernder” im Sinne von “schwieriger” als andere. Das heißt aber nicht, dass ich mich deshalb ĂŒber sie weniger freue, sondern es steigert nur etwas meinen Blutdruck 😉 – Ă€hnlich wie an einer schwierigen Stelle eines Bergaufstieges.

Auch wenn ich mich persönlich (wovon viel mit der systemischen Therapiemethode zu tun hat) nicht in allzu tiefe persönliche Verbindungen mit Klienten einlasse, so “lebe” ich doch mit allen mit und bin Ă€ußerst interessiert, wie es ihnen so ergeht … und wie es nach der Therapie weiterging in ihrem Leben. Insofern ist mit Abschieden tatsĂ€chlich hĂ€ufig auch ein gewisser Schmerz verbunden. Allerdings kann ich recht gut akzeptieren, dass ich halt von Beginn an nur vorĂŒbergehender Wegbegleiter war. Ich “benötige” meine KlientInnen nicht als Freunde oder Bezugspersonen, und bin eigentlich ĂŒberzeugt davon, dass das fĂŒr diese lĂ€ngerfristig auch ganz gesund ist – auch wenn es manchmal natĂŒrlich wichtig und gut ist, wenn ich in bestimmten Lebenssituationen auch mal als bester Freund zur VerfĂŒgung stehen kann.

ï»ż25.06.19