Mar 18

Gastbeitrag von Mag. Karin Steiner

z.B. Reizdarm, Reizmagen

Magen- und Darmbeschwerden stellen häufige körperliche Symptome dar, die oft mit einem erheblichen Leidensdruck einhergehen.
15-30% der Bevölkerung sind davon betroffen. Frauen doppelt so häufig als Männer.
Eine Reizdarmsymptomatik f√ľhrt oft zu schweren Beeintr√§chtigungen der sozialen und beruflichen Funktionsf√§higkeit, da die Angst vor einer k√∂rperlichen ‚ÄěUnp√§sslichkeit‚Äú (wie bspw. Durchfall) die gesamte innere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

Was ist ein Reizdarm?

Ein Reizdarm macht sich bemerkbar mit wiederkehrenden Bauchschmerzen bzw. chronischem Unbehagen der Bauchregion √ľber einen l√§ngeren Zeitraum hinweg (seit mindestens 6 Monaten). Zus√§tzlich k√∂nnen Bl√§hungen, Schleimbeimengungen im Stuhl und auch das Gef√ľhl der inkompletten Stuhlentleerung auftreten.

Das Reizdarmsyndrom kann vorwiegend eher mit Verstopfung, oder eher mit Durchfall, bzw. mit beiden Beschwerden einhergehen.

Was ist ein Reizmagen?

Beim Reizmagen treten dauerhafte oder wiederkehrende Schmerzen/Brennen bzw. Beschwerden im Oberbauch auf. Begleitet k√∂nnen die Schmerzen durch ein V√∂llegef√ľhl bzw. ein fr√ľhes S√§ttigungsgef√ľhl nach der Mahlzeit werden. Manchmal kann es auch zu einem vermehrt auftretenden √úbelkeitsgef√ľhl und Erbrechen kommen.

Ursachen

H√§ufige Entz√ľndungsbereiche (Bild: kompetenznetz-ced.de)

Das enterale Nervensystem ist ein komplexes Geflecht aus Nervenzellen, das nahezu den gesamten Verdauungstrakt durchzieht. Es spielt bei der Kontrolle der Verdauungsvorg√§nge eine wesentliche Rolle. Es funktioniert wie ein Gehirn im Darm und kommuniziert mit dem zentralen Nervensystem (Hirn-Darm-Achse). Diesbez√ľgliche Erkenntnisse lassen vermuten, dass neben biologischen Prozessen auch die psychische Situation einen wesentlichen Einfluss auf Entstehung und Aufrechterhaltung der Magen-Darm-Beschwerden aus√ľbt.
PatientInnen mit funktionellen gastrointestinalen St√∂rungen sp√ľren ihre normale Verdauung als Schmerz. Sie reagieren mit einem gesteigerten Schmerzempfinden auf die Dehnungsreize im Darm.
Diese √úberempfindlichkeit kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden. Neben Infektionen des Magen-Darm-Trakts, Nahrungsmittelunvertr√§glichkeiten, spielen auch psychische Ursachen eine Rolle. Stress und belastende Lebensereignisse haben einen direkten Einfluss auf das Verdauungssystem. Mittels funktionellem Magnetresonanz-Imaging (=bildgebendes Verfahren) von Hirnfunktionen konnten Nachweise f√ľr die enge Verbindung zwischen Gehirn und dem Verdauungstrakt unter Stress erbracht werden.
Auch eine famili√§re H√§ufung der Beschwerden konnte nachgewiesen werden. Dies kann sowohl durch eine erbliche Vorbelastung erkl√§rt werden, als auch als Verhalten (Kinder beobachten ihre Eltern, √ľbernehmen deren Klagen und Beschwerden) kopiert werden.

Die Mehrzahl der Betroffenen leiden auch an psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, Angst- und somatoforme (= körperliche Symptome ohne ausreichende organische Ursachen) Störungen.

Wodurch können Symptome ausgelöst werden?

Nahrungsmittel sind häufig Auslöser von Symptomen. Die Mehrzahl der PatientInnen
(50-70%) leiden auch an Nahrungsmittelunvertr√§glichkeiten. Nahrungsmittelbestandteile, ob nat√ľrlich oder k√ľnstlich hergestellt, k√∂nnen bei vielen Menschen Bauchschmerzen, Bl√§hungen und Durchf√§lle ausl√∂sen.
Milch (-zucker), Kaffee (Coffein), fettreiche Nahrung, Alkohol, zuckerfreier Kaugummi (Sorbitol), gasproduzierende Mahlzeiten (M√ľsli, H√ľlsenfr√ľchte, Zwiebel, etc.), aber auch eine hastige Nahrungsaufnahme und Essen unter psychisch belastenden Umst√§nden (Zeitdruck oder bei gleichzeitiger Problembesprechungen usw.) k√∂nnen Magen-Darmbeschwerden hervorrufen.

Behandlungsmöglichkeiten

Viele Betroffene haben bereits eine Odyssee an verschiedenen Behandlungen hinter sich, die häufig wenig Verbesserung der Symptomatik brachten. Dementsprechend können auch Folgesymptome wie bspw. depressive Verstimmungen oder Angstzustände (Angst vor einer Tumorerkrankung) auftreten.

Eine Krankheitsbehandlung, die all den Erkenntnissen √ľber die Zusammenh√§nge gerecht werden will, muss dementsprechend weit gefasst sein. Das hei√üt, dass k√∂rperliche und psychosoziale Faktoren gleicherma√üen in der Behandlung ber√ľcksichtigt werden.
Somit ist die Kombination von medikamentöser Behandlung der körperlichen Symptome einerseits, und Psychotherapie, um die psychosozialen Leiden der betroffenen Personen zu mildern, andererseits, die wirkungsvollste Methode.

Nach Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser (AKH Wien) sollte die Therapie Рabgestuft nach Schweregrad Рfolgendermaßen erfolgen:

  • Medizinische Abkl√§rung (Anamnese) und Ausschluss anderer Erkrankungen
  • Aufkl√§rung √ľber Symptome und m√∂gliche Ursachen sowie ausl√∂sende Wirkung verschiedener Faktoren (Nahrungsmittel, Hormonver√§nderung beim Menstruationszyklus, Stress etc.)
  • F√ľhren eines Symptomtagebuchs √ľber 4 Wochen: Herausfiltern von ausl√∂senden oder verst√§rkenden Reizen, Aufzeichnung der Symptomst√§rke (mit Schweregraduierung von 1-10), hinzukommende Faktoren (Ern√§hrung, k√∂rperliche Aktivit√§t, belastende Situation, Stress, etc.), Emotionen (traurig, √§ngstlich, w√ľtend,…) und Gedanken (‚Äěbin zuversichtlich/hoffnungslos‚Äú, ‚Äěhalte das nicht mehr aus‚Äú etc.)
    Dies ist zumeist der erste Schritt, Kontrolle √ľber die k√∂rperlichen Beschwerden zu erlangen, da von den Betroffenen Zusammenh√§nge erkannt werden k√∂nnen.
  • Symptomorientierte Medikation durch die Gabe von Antidepressiva
    Gerade bei chronischen und kaum beeinflussbaren Schmerzen haben Antidepressiva gute Erfolge erzielt. Diese werden nicht prim√§r wegen der antidepressiven Wirkung verabreicht, sondern um das Schmerzempfinden zu vermindern. √úber Nebenwirkungen m√ľssen die Patienten aufgekl√§rt werden, da die eigentliche Wirkung erst ab der 3. Behandlungswoche einsetzt.
  • Psychotherapie/Hypnose
    Psychotherapie zählt zu den wirkungsvollsten Behandlungsmethoden, vor allem bei jenen, denen bisher nicht anders geholfen werden konnte.
    Dies konnte auch wissenschaftlich nachgewiesen werden. In den meisten Studien wurde Psychotherapie mit ‚Äěherk√∂mmlichen‚Äú Methoden (=medikament√∂ser Behandlung) verglichen und zeigte sich meist deutlich wirksamer.
    Vor allem die Hypnosetherapie zählt mittlerweile beim Reizdarmsyndrom zu den Standardtherapien.

Verdauungstrakt-gerichtete (‚Äěgut-directed‚Äú) Hypnose

Der Einsatz einer spezifisch auf den Bauch gerichteten Hypnose zur Behandlung von Reizdarm- oder Reizmagenbeschwerden wurde erstmals von einer Arbeitsgruppe um Prof. Peter Whorwell in Manchester entwickelt. Mit dieser Methode wird den Patienten im Rahmen von 12 Hypnosesitzungen unter anderen suggeriert, dass ihr Magen-Darm-Trakt ruhig und rhythmisch funktioniert und die Betroffenen wieder die Kontrolle √ľber diese K√∂rperregion √ľbernehmen. Dadurch werden nicht nur die Schmerz√ľberempfindlichkeit des Magen-Darm-Traktes, sondern auch die Darmbewegungen positiv beeinflusst und beruhigt.
Auch im AKH Wien wurde diese Methode erfolgreich als Gruppenhypnose (bis zu 8 Personen) eingesetzt.

Ablauf der Einzelhypnosen

12 Sitzungen zu je einer Stunde einmal w√∂chentlich, √ľber einen Zeitraum von zirka 3 Monaten, gelten als erfolgreichste Dauer dieser Kurzzeittherapie, damit der gew√ľnschte Langzeiterfolg erzielt werden kann.

In der ersten Stunde werden die individuelle Situation und die genauen Beschwerden erfragt, damit die Hypnose genau an die betroffene Person angepasst werden kann. Ab der zweiten Sitzung wird mit einem psychotherapeutischen Gespr√§ch (zirka 20 Minuten) die aktuelle Situation erfasst und dann eine Hypnose durchgef√ľhrt.
Neben dem Effekt einer tiefen Entspannung, werden durch das Erzeugen von inneren Bildern ein Gef√ľhl von Ich-St√§rkung herbeigef√ľhrt, sowie die Vorstellung einer Normalisierung der Funktionen des Verdauungstraktes mit Verminderung der Schmerzen.

Ab der zweiten Sitzung sollen zu Hause Entspannungs√ľbungen (zumindest 10-15 Minuten) durchgef√ľhrt werden, die durch eine von mir aufgenommenen CD unterst√ľtzt werden.
So wird den Betroffenen durch das √úben wieder mehr Selbstkontrolle √ľber ihre k√∂rperlichen Empfindungen verliehen. Das Gef√ľhl des Ausgeliefertseins gegen√ľber den Symptomen vermindert sich schrittweise.

Nach Bedarf k√∂nnen ein oder mehrere Sitzungen zum Auffrischen der einge√ľbten Entspannungstechniken ein halbes bis ein Jahr nach Beendigung der Hypnoseeinheiten durchgef√ľhrt werden, um einen noch besseren Langzeiterfolg zu gew√§hrleisten.

Verfasserin des Textes:
Mag. Karin Steiner, Psychotherapeutin (www.reizdarm.cc)

Feb 18

(Bild: Reuters/Kim Hong-Ji)

Etwa 1% der √∂sterreichischen Bev√∂lkerung d√ľrfte an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa / Reizdarmsyndrom leiden – beide sind chronisch entz√ľndliche Darmerkrankungen (CED), die mit schweren Durchf√§llen und Schmerzen einhergehen, das Thrombose-Risiko erh√∂hen und ultimativ Operationen erforderlich machen k√∂nnen, bei welchen besonders schwer befallene Darmabschnitte entfernt werden. Und die Zahl der Betroffenen steigt sogar noch an, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. Die betreffenden Daten wurden im Zuge des 8. Kongresses der European Crohn’s and Colitis Organisation (ECCO) im Austria Center Vienna im Februar 2013 ver√∂ffentlicht.

“Zumindest drei Millionen Menschen in Europa leiden an chronisch entz√ľndlichen Darmerkrankungen. Wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Die meisten Erstdiagnosen werden in der Altersgruppe zwischen dem 20 und 30 Lj. gestellt. Wir sehen aber auch einen dramatischen Anstieg bei den Kindern. In den vergangenen zehn Jahren haben deren Diagnosen um 50 Prozent zugenommen. Viele Betroffene haben immer wieder Krankheitsepisoden, ein Viertel aber hat chronische Symptome”, sagte T. Jess vom d√§nischen Gesundheits√ľberwachungs- und -Forschungszentrum.

Der Expertin zufolge muss etwa die H√§lfte der Betroffenen innerhalb von zehn Jahren zumindest einmal im Spital aufgenommen werden. Oft folgt dann eine Operation mit Entfernung betroffener Darmabschnitte. “Die Invalidit√§tsrate mit drei bis sechs Wochen pro Jahr, in denen ein Patient keiner Arbeit nachgehen kann, liegt bei 34 Prozent”, so Jess.

Fr√ľhe Diagnose und Behandlungsbeginn essentiell

W. Reinisch von der MedUni Wien am AKH best√§tigt einen deutlichen Anstieg bei chronisch entz√ľndlichen Leiden wie Asthma, Multiple Sklerose, Diabetes Typ 1 in den hochentwickelten Industriestaaten seit den 1950er-Jahren um das Zehn- bis 15-fache (!). Die Zahl der Kinder, die aufgrund schwerer chronisch-entz√ľndlicher Darmerkrankungen station√§r behandelt werden mussten, hat sich in √Ėsterreich allein in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Die diesen dramatischen Anstiegen zugrundeliegenden Ursachen sind noch immer nicht gekl√§rt – und die genannten Krankheiten bis heute nicht heilbar: im besten Fall kann ihre Intensit√§t reduziert werden. Das gilt auch f√ľr Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. “Mit einer genetischen Disposition l√§sst sich nur ein geringer Teil dieser Erkrankungen erkl√§ren. Es sind vorwiegend Umwelteinfl√ľsse, welche chronisch-entz√ľndliche Erkrankungen ausl√∂sen.”, so Reinisch. Die Ursachen k√∂nnten m√∂glicherweise in einem Wechselspiel aus fehlerhafter und einseitiger Ern√§hrung, Medikamenteneinnahmen wie z.B. Antibiotika, aber auch Rauchen, Stress, dem Lebensstil, dem Lebensumfeld in den St√§dten und gesteigerter Hygiene bestehen.

Der Experte sieht angesichts der starken Beeintr√§chtigung des weiteren Lebensverlaufes der Erkrankten einen dringenden Bedarf an m√∂glichst fr√ľhen Diagnosen. Je fr√ľher mit der Therapie begonnen wird, umso wirksamer ist sie auch, ein Zusammenhang, der auch aus der Psychotherapie bekannt ist. Haus√§rzte, die zumeist den Erstkontakt mit Betroffenen haben, sollten die entscheidenden Verdachtsmomente kennen und erkennen, und in der Langzeitbetreuung sollten dann Allgemeinmediziner, Fach√§rzte und spezialisierte Zentren kooperieren.

Symptome chronisch entz√ľndlicher Darmerkrankungen (CED):

H√§ufige Entz√ľndungsbereiche (Bild: kompetenznetz-ced.de)

Die meisten Menschen (aber sogar viele Allgemeinmediziner) verf√ľgen nur √ľber mangelhaftes Wissen √ľber die Symptome chronisch entz√ľndlicher Darmerkrankungen, weshalb vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnose mitunter Jahre vergehen k√∂nnen. Einige funktionelle St√∂rungen des Magen-Darm-Traktes weisen √§hnliche Symptome auf, daher ist das Beachten typischer Morbus Crohn-Signale sehr wichtig, wie zum Beispiel Blut im Stuhl, Entz√ľndungszeichen im Blut oder Stuhl, aber auch Fieber und Gelenkschmerzen.

Wenn krampfartige Bauchschmerzen, mehrw√∂chige (meist schleimige) Durchf√§lle, Gewichtsverlust, M√ľdigkeit bis totale Ersch√∂pfung, Leistungsabfall, Gewichtsverlust oder Fieber immer wieder in Intervallen auftreten, besteht starker Verdacht auf eine chronisch-entz√ľndliche Darmerkrankung (CED). Muss jemand √∂fter als 5-10 Mal pro Tag und zu unvorhergesehenen Zeiten die Toilette aufsuchen, wird das Leben massiv belastet – und ein Verdacht auf Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa liegt nahe und bedarf einer √§rztlichen Abkl√§rung (wie auch einer diagnostischen Abkl√§rung etwaiger Nahrungsmittelunvertr√§glichkeiten). Die schubartigen Phasen sollten nicht in falscher Sicherheit wiegen: die Krankheit schreitet auch w√§hrend der Phasen ruhender Symptomatik voran. Wenn diese jedoch wieder auftritt, k√∂nnen soziale Kontakte massiv belastet werden, h√§ufig entwickeln sich dadurch in weiterer Folge auch psychische Beschwerden wie Depression, Angst- oder Panikst√∂rungen.

Aktuelle Behandlungs-Ansätze von Morbus Crohn / Colitis Ulcerosa

Zun√§chst sind eingehende Untersuchungen (insbesondere Darmspiegelungen), notwendig, um die Erkrankung und das Erkrankungsgebiet (Morbus Crohn kann den kompletten Verdauungstrakt befallen, vom Mund bis zum After) genau zu identifizieren. Durch moderne Therapiekonzepte ist die Krankheit heute recht gut zu behandeln, obwohl trotz intensiver Forschung auch heute noch keine Heilung im eigentlichen Sinne m√∂glich ist. Dennoch f√ľhrt die Erkrankung an Morbus Crohn auch heute noch bei 60 Prozent aller Betroffenen im Endeffekt zu einem operativen Eingriff (meist aufgrund von entz√ľndungsbedingten Darmverschl√ľssen).

Neben einer Reihe von medikament√∂sen Ans√§tzen werden in Studien derzeit auch zahlreiche andere Therapieans√§tze ausgelotet – vor allem in leichten F√§llen von Morbus Crohn. Gastroenterologen von der Uni Duisburg-Essen haben die “Mind-Body-Medicine”, eine Kombination aus Bewegung, mediterraner Vollwertkost, Entspannungs√ľbungen und Stressbew√§ltigung entwickelt – in Studien zeigte sich deutlich eine Verbesserung der Lebensqualit√§t. Hypnotherapie hat sich ebenfalls zur Stressreduktion und der besseren Bew√§ltigung der Schubphasen bew√§hrt.

Weiterf√ľhrende Links:
Verein Darm Plus
http://www.gastrojournal.org/article/S0016-5085%2810%2900754-7/abstract
Quelle: Der Standard

Jul 23

Mark Twain sagte: “Das Rauchen aufzugeben, z√§hlt zu den einfachsten Dingen √ľberhaupt. Ich muss es wissen, schlie√ülich habe ich es tausende Male getan!”

Nun, wir wissen es alle: mit dem Rauchen aufzuh√∂ren, reduziert das Risiko schlimmer Erkrankungen wie Krebs und Gef√§√üerkrankungen, es verbessert die Zeugungsf√§higkeit, das Atmen und die k√∂rperliche Leistungsf√§higkeit. Ein anderer Vorteil des Aufh√∂rens ist, dass das Essen wieder besser schmeckt (f√ľr manche ist dies allerdings ein Grund, weiterzurauchen, da dieser Vorteil mit ihrer Essst√∂rung nicht harmoniert‚Ķ). Sie w√ľrden wieder besser und j√ľnger aussehen, besser riechen und sich daneben noch eine Menge Geld ersparen. Aber warum f√§llt es dann vielen so schwer, die Gewohnheit – oder Sucht -, zu rauchen aufzugeben?

Die Gr√ľnde f√ľr sie lassen sich auf 2 wesentliche Faktoren reduzieren: Nikotin und Gewohnheit. Nikotin ist eine stark s√ľchtigmachende Substanz, die auf nat√ľrliche Weise in der Tabakpflanze vorkommt, und l√∂st bei Ihrem Gehirn die Freisetzung eines Feuerwerks an Dopamin aus – dem Hormon, das uns auch an Essen und Sex erfreuen l√§√üt. Es erh√∂ht auch die Aktivit√§t in Hirnbereichen, die f√ľr kognitive Funktionen wichtig sind – zu rauchen kann also die Konzentrationsf√§higkeit erh√∂hen. Und als ob dies alles noch nicht genug w√§re erh√∂ht Nikotin auch unseren Endorphinspiegel, was ein Gef√ľhl von Euphorie erzeugt. Ein solch bequemes Hilfsmittel, das einen auf so viele Weise besser f√ľhlen l√§√üt, gibt man nat√ľrlich nicht einfach auf. Noch dazu, wo das Aufh√∂ren meistens deutlich sp√ľrbare Entzugseffekte mit sich bringt.

Ein weiterer wichtiger Faktor f√ľr diese spezielle Sucht ist Gewohnheit – die kleinen Abl√§ufe, die mit dem Rauchen verbunden sind. Rauchen ist h√§ufig mit t√§glichen Aktivit√§ten und Ausl√∂sesituationen verbunden wie etwa: nach dem Essen, beim Plaudern mit Freunden, beim Pause-machen, am Computer, in Stress-Situationen (zur Entspannung) u.v.m. Diese Aspekte des Rauchens zu √ľberwinden kann genauso herausfordernd sein wie die k√∂rperliche Gew√∂hnung.

Folglich ben√∂tigen die meisten Menschen, die ein f√ľr alle Mal mit dem Rauchen aufh√∂ren m√∂chten, eine Methode, die ihnen hilft, beide Schwachpunkte anzugehen: die Sucht selbst und die Verhaltensgewohnheiten, die damit verbunden sind. Die bestehenden “Fallen” m√ľssen identifiziert und danach neue Abl√§ufe entwickelt werden, die es einfacher machen, die Impulse zum Anz√ľnden der n√§chsten Zigarette zu √ľberwinden. Hypnotherapie kann hier sehr gut unterst√ľtzen, andererseits aber auch keine Wunder bewirken ohne einen klaren Entschluss der Betroffenen, ihre Abh√§ngigkeit in den Griff zu bekommen. Die ersten Wochen sind meist die schwierigsten. Nach 8-12 Wochen f√ľhlen sich die meisten jener, die es soweit geschafft haben, ohne das Rauchen bereits wohler. Aber auch davon “schaffen” es nur 3 von 10 Menschen, dauerhaft aufzuh√∂ren.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:s3.hubimg.com)

Mar 19

Hypnotherapie hilft bei Reizdarmsyndrom (Foto: Takeda)

Der häufigere Einsatz der Hypnotherapie zur Linderung der Symptome des Reizdarmsyndroms (RDS) könnte den Betroffenen helfen und zusätzlich Geld sparen.

Der am Gloucestershire Royal Hospital t√§tige Gastroenterologe und Herausgeber des Fachmagazins ‘Frontline Gastroenterology’ Roland Valori gab in dessen letzten Ausgabe das Ergebnis einer Studie bekannt, nach dem sich die Symptome durch den Einsatz der Therapie bei neun von zehn der ersten 100 behandelten Patienten deutlich verbessert h√§tten. Trotzdem werde Hypnotherapie √ľberraschend selten eingesetzt – ein Grund daf√ľr k√∂nnte sein, dass √Ąrzte ganz einfach nicht daran “glaubten”, dass diese wirklich funktioniert. Doch die ersten Belege f√ľr die Wirksamkeit der Hypnotherapie bereits in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ver√∂ffentlicht. Valori hatte deshalb Anfang der 90er-Jahre begonnen, Patienten zur Hypnotherapie zu √ľberweisen und fand diese Behandlungsm√∂glichkeit tats√§chlich h√∂chst erfolgreich. Er √ľberpr√ľfte die ersten 100 Patienten, die er √ľberwiesen hatte, und fand heraus, dass die Symptome in vier von zehn F√§llen vollst√§ndig verschwunden waren. Bei weiteren f√ľnf von zehn F√§llen berichteten die Betroffenen, dass sie ihre Symptome besser unter Kontrolle und daher weniger Schwierigkeiten damit h√§tten. Ihm sei schon damals ziemlich klar gewesen, dass die Hypnotherapie ein erstaunlicher Erfolg gewesen sei, so Valori – in der Studie h√§tten seine Beobachtungen nun ihre Best√§tigung gefunden.

Bei RDS handelt es sich um eine verbreitete funktionelle Erkrankung des Darms, die zu Schmerzen im Bauchbereich, V√∂llegef√ľhl sowie fallweise Durchfall oder Verstopfung f√ľhren kann.
Hypnotherapie hilft bei diesem St√∂rungsbild vor allem bei j√ľngeren Frauen mit den typischen Symptomen und relativ zu Beginn der Krankheit sehr gut; ihre Wirkung beruht vermutlich zum Teil darauf, dass sie den Patienten hilft, sich zu entspannen. H√§ufig befinden sich die Betroffenen auch in schwierigen Lebenssituationen, hier kann die Hypnotherapie ihnen helfen, auf diesen Stress ad√§quater zu reagieren.

(Quellen: Frontline Gastro Issue Apr 2010, vol 1;¬† Fellner, R.L., “Hintergr√ľnde und Verfahren von Hypnose und Hypnotherapie“; Der Standard)

Dec 19

Das √∂sterreichische Testmagazin “Konsument” vergleicht in seiner J√§nner-Ausgabe nikotinfreie Therapiehilfen. Das Ergebnis: Beratung und psychotherapeutische Unterst√ľtzung, eventuell in Kombination mit Medikamenten, f√ľhren eher zur Abstinenz als viele “alternative” Mittel.

Unter den rezeptpflichtigen Medikamenten zeigte sich bei Varenicilin, da√ü es h√§ufig Nebeneffekte mit sich bringt, etwa Kopfschmerzen, √úbelkeit und Schlaflosigkeit sowie depressive Verstimmungen. Nach einem Jahr liegt die Abstinenzrate bei 20%, unklar ist jedoch, ob der Effekt √ľber die Anwendungsdauer hinaus anh√§lt. Beim “Antidepressivum” Bupropion (aka Wellbutrin, Amfebutamon, Zyban) existieren noch zu wenig Daten bez√ľglich Nebenwirkungen und Langzeiterfolg, kurzfristig jedoch kann es bei der Entw√∂hnung unterst√ľtzen.

Zu Hom√∂opathie, Bachbl√ľtentherapie und Akupunktur wurde von Konsument festgestellt, da√ü bisher “kein wissenschaftlicher Beweis f√ľr eine √ľber den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung vorliegt”.

Die Papaya, Haselnu√ü, Pfefferminz und Eukalyptus enthaltenden NTB-Kr√§uterretten sind g√ľnstig, die Belastung “mit toxischen und kanzerogenen Rauchinhaltstoffen” sei allerdings ebenfalls sehr hoch, so die Analyse. Zur Zigarettenattrappe Smoz aus Kunststoff mit Pfefferminz-, Erdbeer- oder Zitronenaroma weist der Hersteller selbst darauf hin, dass Smoz nicht f√ľr den Nikotinentzug geeignet ist.

Auch f√ľr den Einsatz von Hypnose in der Raucherentw√∂hnung gibt es laut “Konsument” bisher keine wissenschaftlichen Nachweise.

Raucherberatung und Psychotherapie: Die von Krankenkassen und √Ąrzten angebotenen Beratungen sowie psychotherapeutische Verfahren erh√∂hen die Erfolgsquoten deutlich, so die Tester. Bei einzelnen davon entspricht die Wirksamkeit jener einer Zyban-Behandlung: nach einem Jahr waren 39% rauchfrei, w√§hrend im gleichen Zeitraum nur 12% der medikament√∂s behandelten Raucher abstinent blieben.

Hinweis R.L.Fellner:
Den Testergebnissen zur Hypnose mu√ü allerdings deutlich widersprochen werden, jedenfalls, sofern “Hypnose” mit speziellen, auf Hypnotherapie basierenden Entw√∂hungsprogrammen (Link f√ľhrt zu Info-Artikel) gleichgesetzt wird. Zur Wirksamkeit letzterer existieren umfangreiche Studien, die erste davon jene von Kline aus dem Jahre 1980. Allerdings weisen viele dieser Studien z.T. erhebliche methodische M√§ngel auf, wie C.C.Schweizer in ihrer Arbeit “Hypnotherapie bei Nikotinabusus” korrekt feststellt. Dieser zufolge d√ľrfte die Erfolgsquote von Hypnotherapie je nach eingesetzter Methodik zwischen 25% und 46% liegen.

(Quellen: Konsument 01/2010, Der Standard 18.12.2009, Schweizer, Cornelie C., “Hypnotherapie bei Nikotinabusus” (Diss. , 2006), Kline M.V., “The Use Of Extended Group Hypnotherapy Sessions in Controlling Cigarette Habituation” in: The Internations Journal of Clinical and Experimental Hypnosis. 18. 270-282. Bildquelle:mentaltraining-hypnose.de)

Oct 03
Bild: Subliminal-CD

Bild: "Subliminal-CD"

Subliminale Botschaften wirken im Gegensatz zu bisherigen Forschungsergebnissen doch – allerdings in erster Linie dann, wenn sie negativ sind. Das ist das Ergebnis einer Studie am University College London.
In den 50er Jahren hatte der Werbefachmann James Vicary behauptet, Kinobesucher erfolgreich mit Werbebotschaften zum Konsum von Cola und Popcorn animiert zu haben, die nur f√ľr Zehntelsekunden eingeblendet worden waren. Daraufhin entstand eine regelrechte Hysterie um die unterbewusste Propaganda ‚Äď bis Vicary zugab, die angebliche Studie nur zur Steigerung des eigenen Bekanntheitsgrades erfunden zu haben. Eindeutige Best√§tigungen mit wissenschaftlichen Methoden blieben denn auch aus.

In den Versuchen am College f√ľhrten die Forscher 27 Testpersonen eine Reihe von positiv, negativ und neutral besetzten W√∂rtern f√ľr kurze Zeit (22 beziehungsweise 33 Millisekunden) vor ‚Äď zeitlich dabei von einer Maske abgedeckt. Die Aufgabe der Probanden bestand darin, die Art des Wortes zu bestimmen: war ein negatives, ein positives oder ein neutrales Wort gezeigt worden? Zus√§tzlich konnten sie eintippen, wie sicher sie ihrer Antwort waren. Die Versuchsteilnehmer konnten, das zeigte der Versuch, negativ besetzte W√∂rter deutlich besser zuordnen als positiv besetzte ‚Äď allerdings in der 33-ms-Versuchsreihe signifikanter als in der 22-ms-Reihe. Bei positiven Begriffen lag die Trefferrate hingegen nicht h√∂her als die Zufallsrate. Interessant dabei: Die Versuchspersonen waren sich ihrer Antworten √ľberhaupt nicht sicher, weder im positiven noch im negativen Fall. Sie gaben also ihre Antworten wohl basierend auf unterbewusst erhaltenen Informationen.

‘Dass das Gehirn zu dieser Art unterbewusster Informationsverarbeitung in der Lage ist, erkl√§ren die Forscher evolution√§r. Es ist offenbar f√ľr das √úberleben wichtiger, schlechte Nachrichten (“Tigerschatten von rechts”) m√∂glichst sofort zu dekodieren, als sich mit positiven Neuigkeiten (“essbare Frucht”) zu befassen. In der Werbung d√ľrften diese Mechanismen schwieriger zu nutzen sein. Zumindest br√§chte es wenig, die Vorz√ľge des eigenen Produkts unterbewusst vermitteln zu wollen ‚Äď wenn, dann m√ľsste man negative Eigenschaften des Konkurrenzprodukts herausstellen. Aber wer garantiert, dass die so erzeugte negative Emotion nicht an der bewussten Werbebotschaft h√§ngen bleibt?’ (tp)

(Quellen: tp, BBC News)

ÔĽŅ10.06.18