Jun 25

“Man fühlt zwar keine physischen Schmerzen, trotzdem kann das Leid viel größer sein.” Dass Gewalt im Internet nicht weniger schlimm ist als reale, war eine der Kernaussagen von Carmel Vaismans Referat “Don’t Feed The Trolls. Countering The Discourse Patterns of Online Harassments”. Die israelische Kommunikationswissenschafterin sprach auf Einladung der Universität Wien über Mobbing, Beschimpfungen und Erniedrigungen als Phänomen in Foren und Online-Medien und stellte ein  Stufenmodell virtuellen Fehlverhaltens vor.

Als mildeste Ebene bezeichnete sie das auf die Monty-Python-Wortschöpfung “Spam” zurückgehende Wiederholen informationsleerer bis -armer Inhalte. Über Flaming – polemische Kommentare, die immerhin noch einen Bezug zum Diskussionsthema haben – führt die Leiter zum bekannteren Trolling: Trolle sind Menschen, die Aufmerksamkeit erregen und Chaos stiften wollen, meist nicht argumentativ in Debatten eingreifen, sondern bloß einen Köder werfen, um Vertreter verschiedener Weltanschauungen gegeneinander aufzuhetzen.

Als weitaus schlimmere Grenzübertretung wertet Vaisman Stalking. Wiederholte unerwünschte Kontaktaufnahme kann wie auch offline als penetrantes Nachstellen empfunden werden: “Wenn es jemanden gibt, der Blogposts immer als erster kommentiert, in Facebook unter jedes Update zuerst auf ‘Like’ klickt und immer den ersten Retweet versendet, dann ist das zwar nicht verboten, für die Betroffenen aber höchst unangenehm, weil sie ständig das Gefühl haben, jemand beobachtet in Echtzeit jeden Schritt, den sie virtuell setzen.” Auf der vorletzten Stufe platzierte Vaisman Cyberbullying – die systematische Verleumdung einer Person oder Gruppe, die sogar schlimmer sein kann als ihr Pendant im Real Life: “Das Mobbing am Schulhof oder im Büro hört mit der Schlussglocke oder dem Feierabend auf, diverse Hassgruppen auf Facebook sind aber rund um die Uhr erreichbar und auch für jedermann außerhalb von Schule oder Arbeit einsehbar.”

Als Kapitalverbrechen im Internet bezeichnet Vaisman schließlich die “virtuelle Vergewaltigung“. Der Begriff “Vergewaltigung” als Schädigung der Person sei laut der Sozialwissenschafterin durchaus auch hier angebracht, “denn wir leben nicht nur offline, sondern auch online und die Online-Persönlichkeit besteht nicht neben, sondern als Teil unserer Persönlichkeit. Wenn nun jemand ein gefälschtes Profil von jemandem erstellt oder das richtige hackt, dort Telefonnummern, rufschädigende Bilder oder wahre oder falsche Aussagen über die sexuelle Ausrichtung oder Meinungen des Betroffenen veröffentlicht, dann ist das ein Missbrauch der Persönlichkeit, die tiefe Spuren hinterlässt. In letzter Zeit haben solche Aktionen nicht nur zu vermehrten Anzeigen, sondern sogar zu Selbstmorden geführt.” Hier würde laut Vaisman am deutlichsten sichtbar, welch zweischneidiges Schwert die “Macht zu veröffentlichen” ist. Während früher Professionisten für die publizierten Inhalte einstehen mussten, habe es heute jeder Achtjährige in der Hand, vor einer qualifizierten Öffentlichkeit eine Verleumdungskampagne gegen seinen Lehrer zu starten.

Warum aber gehen die Menschen in Kommentaren, Foren und Facebook derart grob miteinander um? Der erste Gedanke führte Vaisman zur Annahme, dass die vermeintliche Anonymität dafür verantwortlich sein könnte. Doch in den letzten Jahren zeigte das Klarnamensystem auf Facebook, dass viele Menschen auch unter Angabe ihrer vollen Identität vor Hassbekundungen nicht zurückschrecken. Vaismans finale These fußt in einer technischen und gleichzeitig biologischen Begründung: der Mittelbarkeit des Mediums. Weil wir uns nicht persönlich gegenüberstehen, sondern alleine vor dem Computer sitzen, falle eine Barriere, die laut Vaisman auch bei Skype zu spüren ist: Man sieht sich zwar von Angesicht zu Angesicht und kann Gestik und Mimik des Gegenübers einschätzen, trotzdem fehle online immer eine gewisse Authentizität zur persönlichen Kommunikation. So würden manche User mit vollem Namen andere diffamieren, selbst wenn sie ihnen am nächsten Tag im Büro begegnen – und sich dort nicht trauen würden, die Beleidigungen persönlich zu wiederholen. Dieser Graben würde laut Vaisman auch die Reaktionen auf die Absichten eines 19-Jährigen erklären, der 2008 über ein bekanntes Streaming-Portal seinen Selbstmord ankündigte und vor laufender Webcam vollzog: Während die meisten, wenn sie persönlich Zeuge eines Suizidversuchs wären, die Polizei anrufen würden, sahen im Internet 1.500 Menschen zu, von denen nicht wenige den jungen Mann aufforderten, den Schlussstrich unter sein Leben zu setzen.

(Quelle: Der Standard v. 24.06.2011; Image src:PsychologyToday.com)

May 23

Bei Kindern und Jugendlichen bewähren sich psychotherapeutische Präventionsprogramme definitiv – die einjährige Studie „Saving and Empowering Young Lives in Europe (SEYLE): Gesundheitsförderung durch Prävention von riskanten und selbstschädigenden Verhaltensweisen“, die in Deutschland an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg durchgeführt wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse und wies eine Reduktion psychischer Probleme bei den teilnehmenden Schülern sowie einen deutlichen Rückgang von depressiven Symptomen, selbstschädigenden Verhaltensweisen und Selbstmordgedanken insbesondere bei Mädchen nach.

Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu überprüfen und effiziente Programme langfristig an bundesweit allen Schulen zu etablieren. Sie lief unter der Federführung des Karolinska-Instituts in Stockholm gleichzeitig in neun anderen EU-Staaten sowie Israel.

„Es gibt ein hohes Maß an gefährdeten Jugendlichen, doch viele von ihnen kommen nicht bei den Therapeuten an”, erklärt Studienleiter R. Brunner. „Bei psychischen Problemen gibt es eine immer noch ausgeprägte Stigmatisierung.” Viele Jugendliche haben Angst, von ihren Mitschülern ausgelacht zu werden. „Wir waren im Vorfeld mehrfach in den Klassen, um Aufklärung zu betreiben”, sagt Studienkoordinator M. Kaess, „etwa darüber, dass die vertrauliche Kommunikation mit den Schülern und ihre Anonymität gewährleistet sind.” Rund 70 Prozent entschlossen sich daraufhin zur Teilnahme.

Über 1.400 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren waren an der Studie beteiligt. Sie kamen von 26 Gymnasien, Real- Hauptschulen des Rhein-Neckar-Kreises und Heidelberg. Zunächst beantworteten die Acht- und Neuntklässler bei der Eingangsuntersuchung im Januar 2010 einen Fragebogen, der unter anderem die Themenbereiche Suizidgefährdung, Selbstverletzung, Angst, Depression, Delinquenz, gestörtes Essverhalten, exzessiver Medienkonsum, Schulschwänzen und Mobbing abhandelte. Je eines von vier Präventionsprogrammen wurde den Schulen per Zufall zugeteilt. Beim sogenannten Professional Screening erhielten über 60 Prozent der Schüler aufgrund ihrer Antworten eine Einladung zu einem Interview. Bei 30 Prozent derer, die zum Termin erschienen waren, stellten die Psychiater einen Behandlungsbedarf fest.

In einem der anderen drei Präventionsprogramme nahmen etwa 100 Lehrer an einem Training teil, dass sie in die Lage versetzte, betroffene Jugendliche zu erkennen und mit ihnen umzugehen („Gatekeeper-Training”). 450 Schüler wurden im Rahmen von fünf Unterrichtsstunden über riskante und selbstschädigende Verhaltensweisen sowie den Umgang damit aufgeklärt („Awareness Training”). An anderen Schulen wurden den Klassenräumen Informationsplakate aufgehängt und den Jugendlichen Visitenkarten mit den Kontaktinformationen der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgehändigt („Minimal Intervention”).

Bei etwa 25 Prozent der Schüler sank die Suizidgefährdung im Laufe der Folgeuntersuchungen. Besonders bei den Mädchen verringerten sich die psychischen Probleme. „Eine genaue Analyse der unterschiedlichen Gruppen und Wirkfaktoren steht noch aus”, betont Brunner. „Diese ersten Ergebnisse stellen ausschließlich Tendenzen bezogen auf die Heidelberger Gesamtstichprobe dar. Es fehlen allerdings noch genaue Analysen im Vergleich mit anderen EU-Staaten, die sicher noch weitere Erkenntnisse bringen werden.”

(Quelle: http://www.seyle.eu , Der Standard v 20.01.2011; Photo:Matthias Cremer)

May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigermaßen verspätet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich kürzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und rücksichtslos agiert und schließlich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtmäßigen Anteile betrogen. Später werden auf Anraten der Anwälte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt – dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit jüngste Milliardär.

Auch wenn natürlich keinerlei Sicherheit darüber besteht, ob die dargestellten Persönlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die kühle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits während der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit Mädchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der für “Aspies” häufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine völlige Außerachtlassung ihrer Gefühle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog veröffentlicht und andere Vorfälle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines Gefühls von Absurdität nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verstärken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verstört, Freundschaften zerbrechen am Außerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder geschäftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer Störung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschlägigen Websites entnehmen kann, übrigens auch den überwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich häufig durch hohes Talent, was spezifische Fähigkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder künstlerischen Berufen tätig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich verändernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum annähert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verfügt über hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” fühlen kann – wie würde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben träfe … und würde man dies überhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erhöhen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu häufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter Berücksichtigung der Erkenntnisse über Neuroplastizität auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren präfrontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen Fähigkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erklären, dass wir immer häufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen Mitschülern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktstörungen neben Depressionen zur Gruppe zur am stärksten zunehmenden Gruppe psychischer Störungen dieses Jahrhunderts gehört.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

Sep 14

Jeder von uns genießt es, zu spielen – ob es um Pferde-Wetten oder ein kleines Pokerspiel am Computer geht. Die meisten von uns haben damit auch keinerlei Problem, einige jedoch verlieren die Kontrolle: sie wetten beim Kartenspiel um hohe Summen oder verbringen Stunden in Casinos oder an Spielautomaten. Heute muss man nicht einmal mehr seine Wohnung verlassen, um zu spielen: das Internet ermöglicht es, ganze Nächte spielend oder mit Online-Wetten zu verbringen, ohne dass jemand störende Fragen stellt. Tatsächlich versuchen viele derartige Websites betreibende Firmen dazu zu verlocken, möglichst lange online zu bleiben und dabei so viel Geld wie möglich einzusetzen. Sobald man aber einmal an den „Kick“ des Spielens gewöhnt ist, fällt es schwer, der Verlockung zu widerstehen und wieder einzusteigen – und sei es nur, um „nur noch 1 Mal!“ zu versuchen, die dabei bereits entstandenen Verluste umzukehren…

Typische Anzeichen für Spielabhängigkeit sind:

  • sehr häufig an das Spiel zu denken
  • die Häufigkeit des Spielens zu verschleiern
  • während der Arbeit zu spielen
  • lieber mit dem Glücksspiel als der Familie Zeit zu verbringen
  • sich nach dem Spielen schlecht zu fühlen – aber letztlich dennoch nicht damit aufzuhören
  • mit Geld, das eigentlich anderen Zwecken dienen sollte, zu spielen, Freunde oder Familienmitglieder um Geld zu fragen oder das Gesetz zu brechen, um Geld zum Spielen aufzutreiben

Der Unterschied zwischen einem Gelegenheitsspieler und einem Spiel-Abhängigen ist, dass sich letzterer unruhig und gereizt fühlt, wenn er nicht spielen kann: nur das Spiel kann diese Spannung auflösen. Versuche, das Spielen zu reduzieren oder auszusteigen, waren langfristig nicht erfolgreich. Letztendlich verliert der Spieler aber nicht nur Geld, sondern auch wertvolle Lebenszeit: die Lebensqualität leidet, und mitunter entsteht massiver, langfristiger Schaden. Eine australische Studie zeigte kürzlich, dass 17% der Menschen, die Suizidversuche unternahmen, Spielabhängige sind.

Die wirksamste Behandlungsmethode für Spielsucht stellt heute eine Kombination von Beratung, step-by-step-Programmen, Selbsthilfe und Austausch in der Gruppe dar, manchmal werden auch Medikamente verschrieben. Eine einzelne dieser Behandlungsmethoden allein ist jedoch zumeist nicht ausreichend, auch wurden bislang durch die US Food and Drug Administration (FDA) noch keine Medikamente als für die Behandlung von Spielsucht empfehlenswert eingestuft.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:dailymail.co.uk)

Jun 04

Meist geht es Paul gut, und er genießt das Leben. Dann aber gibt es Phasen, wo ihm seine Angst den Schlaf raubt und ihm auch tagsüber keine Ruhe mehr läßt: die Angst, schwer erkrankt zu sein. Kopfschmerzen könnten ein Hinweis auf einen Gehirntumor sein, geschwollene Lymphknoten, Durchfall oder ein Muttermal ein Hinweis auf Krebs, die Erinnerung an ein bestimmtes sexuelles Abenteuer löst Furcht aus, sich dabei mit HIV infiziert zu haben.

Paul verbringt täglich viel Zeit damit, seinen Körper auf verdächtige Hinweise zu untersuchen, ebenso wie mit dem Studium der denkbaren Krankheitssymptome. Das Internet erweist sich hierbei als diabolischer Gefährte: Unmengen an Information sind verfügbar, mitunter aber ist ihre Seriosität zweifelhaft, oder es tauchen Widersprüche auf. Arztbesuche bringen ebenfalls nur vorübergehende Erleichterung: könnte sich der Arzt nicht geirrt oder etwas übersehen haben?

Häufig sind die Betroffenen dieser Ängste zwar körperlich fit und leben sehr gesund – mit ihrer angstvollen Haltung aber können sie ihr Leben kaum mehr dauerhaft genießen. Kurzen Phasen der Erleichterung folgt unweigerlich ein Rückfall in die gleichen, scheinbar unbezwingbaren Panikgefühle – oder neue Krankheitssorgen.

Doch man braucht sich, wenn man unter derartigen Ängsten leidet, nicht zu schämen – es handelt sich dabei um eine Angst mit Ursachen, für die man nichts kann, und die mit Methoden aus der Psychotherapie und Hypnotherapie gut behandelbar ist, sofern die Bereitschaft besteht, über einen gewissen Zeitraum hindurch regelmäßige ambulante Sitzungen zu absolvieren. In diesen werden Strategien für einen Umgang mit den chronischen Befürchtungen erarbeitet, der das Herz wieder zunehmend frei macht von dem schweren Mantel der Angst.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:CBSnews.com)

Mar 17

Bildquelle: Jesus.ch. Der zitierte Psychíater ist lt. eines inhaltlich bemerkenswerten KathPedia-Eintrages aktives Mitglied der Organisation Opus Dei.

Als hätte das Volk der Hiobsbotschaften noch nicht genug, läßt die deutsche Tageszeitung “Die Welt” mit einer neuen Schreckensmeldung aufhorchen: mindestens 400.000 Deutsche und 40.000 Österreicher (größtenteils sind Männer gemeint) sollen Internetsexsüchtig sein. Noch schlimmer, so wird ein bisher eher in anderen Forschungsrichtungen aufgefallener, nunmehr aber offenbar Internetsexsucht-“Experte” zitiert: “Viele Männer können kaum mehr alleine vor einem Computer sitzen, ohne auf einschlägigen Seiten zu suchen.” Die im Internet mögliche Anonymität mache Pornografie weniger stigmatisierend und führe zu einer Art Klebeeffekt. “Nicht immer, aber leider sehr häufig verlangen die User immer intensivere Reize und wechseln so von Softporno über Hardcore zu Gewalt- und schließlich Vergewaltigungspornos”, so der österreichische Psychíater R. Bonelli im Interview.

Nur gut, dass es da eine einschlägige Fachtagung vor Ort gibt, die als Ergebnis wohl verkünden wird, dass die Betroffenen therapiert werden müssen, am besten von den einschlägigen Experten. Zur Verstärkung des Gänsehaut-Effekts schließt man gerne auch an aktuelle Aufreger-Themen an: “[Internetsexsucht] hat durch die neu aufgebrochene Pädophilie-Diskussion an zusätzlicher Aktualität gewonnen; und [das Internet hat] der Kinderpornographie zusätzlichen Spielraum eröffnet.”

“Bei der Internetsexsucht handelt es sich genauso wie bei der Sexsucht generell um eine verdrängte, stille und heimliche Sucht, die zu den Schamsüchten zählt.” Was auch immer unter diesem Begriff zu verstehen ist. Jene, die glauben, das Problem durch Psychotherapie oder gar im Alleingang bewältigen zu können, werden im Artikel von einem anderen Psychiater eines besseren belehrt: “Der übermäßige Konsum sexueller Inhalte im Netz ist als substanzungebundene Sucht zu verstehen, die zeitweise das Regulativ des Frontalhirns ausschaltet. Das rasche Abflauen der Erregung fordert im typischen Fall eine ständige Impulsverstärkung, sowohl quantitativ als auch mit einer Intensivierung der Inhalte (Brutalität und Perversion).” Doch für das Ein- oder Ausschalten von Hirnbereichen benötigen wir, das wird von der Pharmaindustrie, der Genforschung und der Psychiatrie ja seit Jahren nimmermüde repetiert, Medikamente oder (bislang glücklicherweise aber nur in den schlimmsten Fällen!) sog. “Hirnschrittmacher”.

Da haben wir es also: wenn sich das “böse Internet” (wo nur mit totaler Überwachung und staatsseitigen, selektiven Sperren und Filtern den schlimmsten Gefahren beizukommen ist) und Pornografie (sämtliche Erklärungen überflüssig) sich vereinen, landet man womöglich bei den gefürchtetsten aller Berufsgruppen: Therapeuten oder Psychiatern.

Meinerseits möchte ich mich von der Medialisierung und Kommerzialisierung dieses Themas (gerade auch durch Fachärzte und Ausbildungsinstitutionen, die doch eigentlich für fachlich fundiertere Diagnostik stehen sollten) sowie den moralisierenden Untertönen, die sich in die Beschreibung der Symptome gegenüber sog. “gesunder” oder “normaler” Sexualität und Partnerschaft mitschwingen, entschieden abgrenzen. Wir benötigen keinen neuen Suchtbegriff, und es ist niemandem (außer den Selbstvermarktungsspezialisten selbstverständlich) geholfen, wenn hunderttausende Menschen per Fachkommentar pathologisiert werden.

Wir haben als sehr hilfreiches Klassifikationskriterium das der “nicht substanzgebundenen Abhängigkeiten” (in Unterscheidung zu den “Psychischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen” gem. ICD-10, und nach bereits sehr umfangreicher Forschungsarbeit das der sog. “Internet-Abhängigkeit” (bzw. wie ich 2000 vorschlug, der “Abhängigkeit von Neuen Medien“). All diese Begriffe sind weit genug gesteckt, um sämtliche Devianzen von einem “normalen” (i.S. eines nicht schädlichen und vor allem frei regulierbaren) PC- oder Internet-Gebrauch zu beschreiben. Ob jemand pornografisches Material aus dem Internet herunterlädt, mit Freunden tauscht oder “physisch” kauft, ist aus fachlicher Sicht (von dynamischen Faktoren abgesehen) relativ unbedeutend: wir sprechen ja auch nicht von einer “Haltestellen-Heroinsucht”, nur weil die Droge besonders häufig und leicht in U-Bahn-, Bus- und Bahnstationen erworben wird. Darüber hinaus ist der Konsum von Pornografie, wie auch jüngste Studien (siehe Quellenverweise unten) wieder bestätigen, per se weder für die Konsumenten selbst, noch für deren Beziehungen sonderlich “gefährlich”. Problematisch wird er erst dann, wenn eine zwanghafte Komponente hinzukommt, also der Konsum von Pornografie von den Betroffenen kaum mehr reguliert werden kann, wenn andere Lebensaspekte darunter leiden (häufig sind dies z.B. berufliche Verpflichtungen, die häusliche Organisation, soziale Kontakte oder die Partnerschaft dadurch gefährdet wird), und zusätzlich soziale Isolation, Entzugssymptome wie Streß oder  Spannungsphasen oder auch als Parallsymptomatik Depressionen diagnostizierbar sind. Dann allerdings ist “Feuer am Dach”, und es sollte im Interesse einer Wiederfindung des psychischen Gleichgewichts therapeutische Unterstützung – möglichst bei Psychotherapeuten, die über Erfahrung in der Suchtbehandlung verfügen – gesucht werden.

(Quellen: [1], [2], [3], [4], [5])

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enthält im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensstörungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschließlich psychischer und Verhaltensstörungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verfügen aber nicht nur über diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun für diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: für neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entwürfe zur Veröffentlichung freigegeben, die endgültigen Fassungen werden dann für beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschläge für den neuen DSM-V veröffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden müssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal überarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was über die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt für heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “Väter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, daß die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen Türen stattfinden, selbst ihm habe man einschlägige Auskünfte verwehrt. Sein Nachfolger für das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Außerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Beflügelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universität, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die große Bedeutung solcher Diagnosemöglichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, hätten sich diese Erwartungen aber nicht erfüllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverlässig feststellen ließen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Persönlichkeitszüge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche Änderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalität der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise fünf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgeprägt sind. Solcherart soll dem häufigen Umstand besser gerecht werden, daß viele Patienten nicht nur an einer einzelnen Störung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch könnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgestört und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz könnte auch dazu führen, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert für eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon für eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den Ärzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, löst aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Darüber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingeführt, die ebenfalls für Diskussionsstoff sorgen dürften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die frühe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das könne zu einer verfrühten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unnötigen Stigmatisierung führen, Befürworter dagegen meinen, diesen Menschen damit früher helfen zu könenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualitätsstörung) ist für Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den Wünschen Transsexueller dürfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentitätsstörung) geben.

Statt der bisher zwölf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch fünf Persönlichkeitsstörungen geben, nämlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische Störung. Damit würde auch das früher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere für Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gefühlsregulationsstörung mit schlechter Stimmung” zu übersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gefühlsausbrüche und negativer Stimmungszustände charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll künftig von den “Störungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings würde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger für eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Veränderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abhängigkeit wurde vollständig durch diejenige von Störungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumstörung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabhängigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abhängigkeit, sondern von substanzbezogenen Störungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollstörungen fällt. Ein Pendant für Internetsucht wurde zwar diskutiert, man möchte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn genügend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan für viele Forschungsprojekte den Ton angibt, könnte alternative Lösungsmöglichkeiten ins Abseits drängen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen dürfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige Rätsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gelöst werden.” (tp)

(Quellen und Auszüge aus: tp, Science 02/2010)

Blog-Begriffswolke:
10.06.18