Dec 14

Google hat gro√üe Pl√§ne – vor einigen Monaten hat der bisherige Platzhirsch im Bereich der sogenannten “sozialen Netzwerke”, Facebook, nun offenbar Gefahr im Verzug bemerkt: die teils hastigen Feature-Erweiterungen (bzw. -Nachahmungen) auf Facebook, hinter denen kein Gesamtkonzept zu stehen scheint au√üer jenem, User m√∂glichst nachhaltig an sich zu binden, haben wohl nicht nur mich zunehmend ver√§rgert.

Ich hatte, wie vielleicht mancher zuf√§llig herausgefunden hatte, ja auf Facebook ebenfalls eine Art “Adre√übucheintrag” angefertigt, konnte mich f√ľr diese Plattform aber nie so recht begeistern und hatte mich dort daher kaum regelm√§√üig bet√§tigt.

Google Plus aber habe ich vor allem als Informationsquelle nach einer kurzen Eingew√∂hnungszeit sehr sch√§tzen gelernt und “teile” dort auch selbst regelm√§√üig Neuigkeiten und Informationen – sowohl aus anderen als auch eigenen Quellen, √∂ffentlich, halb√∂ffentlich und privat.

Der “Trick” ist dort vor allem, wie mir scheint, √ľber die Suche oder diverse “Adre√üverzeichnisse” (siehe unten) ein paar interessante Leute zu finden und diese dann in einen seiner (Interessen- oder Bekannten-) “Kreise” aufzunehmen. Das k√∂nnen, m√ľssen aber wohlgemerkt keine Familienmitglieder, Freunde oder pers√∂nlich Bekannten sein – sondern man kann auch Wissenschaftern, Fotografen, Journalisten, Interessensplattformen, Witze-PosterInnen (f√ľr die t√§gliche Portion Humor), ja sogar dem US-Pr√§sidenten √ľber die Aufnahme in einen der eigenen “Kreise” “folgen” (vergleichbar mit einem Abonnement auf die f√ľr einen freigegebenen Postings dieser Person) und findet sodann t√§glich deren neueste Postings (Beitr√§ge) im eigenen “Stream” (“Strom”) von Beitr√§gen.
Bei eigenen Beitr√§gen kann man stets entscheiden, ob diese √∂ffentlich freigegeben werden oder auf einzelne dieser “Kreise” (Kontaktgruppen) beschr√§nkt bleiben sollen. Seit der Testphase von Google Plus hat zwar auch Facebook derartige M√∂glichkeiten vorgesehen, allerdings sind diese vergleichsweise schlecht √ľberschau- und anpassbar.

Das Schöne finde ich an Google Plus, dass es vergleichsweise einfach ist, an tatsächlich interessante Informationen zu gelangen.
Und, davon einmal abgesehen: Google beabsichtigt, die zahlreichen, bunten Services der Firma (wie Suche, Maps, News, Kalender, Feeds, Blogs, Docs u.v.m.) unter der “Haube” Google Plus zusammenzuf√ľhren. Die Plattform ist also definitiv die Zukunft hinsichtlich Informationsverwaltung, w√§hrend Facebook in Zukunft wohl eher auf das “virtuelle Freundes-Netzwerk” reduziert werden d√ľrfte. Bereits heute vermelden zahlreiche aktive Blogger wesentlich intensiveren und auch interessanteren Austausch auf ihren Google Plus-Seiten als √ľber ihren Facebook-Auftritt.

In diesem Sinne hoffe ich, dass auch Sie als an Psychologie, Psychotherapie und Coaching Interessierte(r) den Versuch wagen und dann auch mal auf einer meiner beiden Plus-Seiten vorbeisehen. Mit einer Aufnahme meiner G+ РSeiten in Ihre eigenen Kreise (gerne gesehen!) erhalten Sie dann die zumeist Psychotherapie-relevanten neuesten Beiträge direkt in Ihrem Stream angezeigt.
Und wenn Sie so manche der Seiten auf meiner pers√∂nlichen Website als interessant empfinden, so “plussen” Sie sie bitte (Klick auf den +1-Button), sodass andere UserInnen sie im Dschungel der Webseiten leichter finden k√∂nnen.

Zu meiner Google Plus-Seite: Meine Plus-Seite √ľber Therapiemethoden¬† (wird allerdings nur sporadisch “gef√ľttert”): https://plus.google.com/117036878836499930679/posts

Hier zum Reinschnuppern einige der mittlerweile zahlreichen Verzeichnisse √∂ffentlich zug√§nglicher “Kreise” (die man in eigene “Kontakt-Kreise” importieren kann) wie auch von nach Interessensgebieten, Region, Postingvolumen etc. gruppierten (√∂ffentlichen) Userinnen und Usern:

http://publiccircles.appspot.com/
http://socialstatistics.com/
http://plusfriendfinder.com/
http://www.circlecount.com/
http://www.gglpls.com/
http://www.group.as/
http://gpeep.com/
http://gpc.fm/

Einf√ľhrungen:
Video-Einf√ľhrung vom WISO-Plus TV-Magazin
engl. Einf√ľhrung

(Image credits: scoobzz.blogspot.com, askdavetaylor.com)

Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewisserma√üen eine √úbersicht √ľber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Sch√§tzungen stirbt j√§hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tats√§chlich d√ľrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich h√∂her liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen L√§ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid tr√§gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesf√§llen bei und ist die zehnth√§ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, f√ľr das Daten verf√ľgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gef√§hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine √Ąnderung ergeben hat, und √§ltere Menschen, bei denen ein deutlicher R√ľckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalit√§t: innerhalb Europas liegen die Raten in den n√∂rdlichen L√§ndern generell etwas h√∂her als in den s√ľdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der t√§glichen Sonnenscheindauer schlie√üen l√§sst. Dennoch k√∂nnen andere L√§nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Gro√übritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesf√§lle auf Selbstt√∂tung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der¬†die Suizidh√§ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal geh√§uftes Auftreten von Suiziden erkl√§rt werden k√∂nnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” ver√∂ffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in j√ľngster Zeit in S√ľdkorea angestiegen: n√§mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbstt√∂tungen von M√§nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betr√§gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am h√∂chsten. Die OECD f√ľhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Aufl√∂sung der traditionellen Familienbindungen zur√ľck. Ob das allerdings S√ľdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegen√ľber den anderen L√§ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zur√ľckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach S√ľdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine √ľberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und √Ėsterreich (12,6; 27/100000 bei M√§nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegen√ľber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Gro√übritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den √ľbrigen OECD-L√§ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier t√∂ten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widerspr√ľchliche Daten zur sog. Gl√ľcklichkeitsforschung f√∂rderte bemerkenswerterweise allerdings eine¬†Studie zutage, die Zusammenh√§ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen L√§ndern die Selbstmordrate trotz gro√üer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabh√§ngig von harten Wintern, religi√∂sem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen L√§ndern (mehr):

Eine Erkl√§rungsm√∂glichkeit f√ľr diesen vordergr√ľndigen Widerspruch k√∂nnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid st√§rker empfunden wird. Gesellt sich zum pers√∂nlichen Lebensungl√ľck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses ver√§ndern zu k√∂nnen, kann Suizid von bestimmten Pers√∂nlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu √Ėsterreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. J√§hrlich sterben in √Ėsterreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 w√§hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamt√∂sterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erw√§hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Stra√üenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in √Ėsterreich immer weniger Autopsien durchgef√ľhrt werden, sinkt die M√∂glichkeite, Suizide von nat√ľrlichen Todesf√§llen zu unterscheiden. So zeigen sich in L√§ndern mit den h√∂chsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn h√∂here Suizidraten als in L√§ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in L√§ndern, in denen Autopsieraten zur√ľckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken √ľberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industriel√§ndern betr√§gt das Geschlechterverh√§ltnis bez√ľglich des Suizids etwa zwei bis vier (M√§nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische L√§nder zeigen ein kleineres Verh√§ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als M√§nner durch Suizid.

Risikofaktoren f√ľr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • m√§nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 M√§nnern, 5,2 bei Frauen)
  • fr√ľhere Selbstverletzungen
  • Homosexualit√§t
  • psychiatrische St√∂rungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Milit√§rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben √Ąnderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit h√∂herem Suizidrisiko verkn√ľpft, das Risiko ist jedoch gr√∂√üer, wenn der niedrigere Spiegel √ľber Di√§ten anstatt √ľber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herr√ľhren k√∂nnte, dass Di√§t haltende Menschen ein h√∂heres Risiko f√ľr psychische Probleme h√§tten. Bislang jedoch l√§gen hierf√ľr keine bekr√§ftigenden Hinweise vor. Famili√§re Vorgeschichten mit Selbstt√∂tungen verdoppeln zumindest das Risiko f√ľr M√§dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar d√ľrftig ist, sind ein hohes Ma√ü an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivit√§t mit einem erh√∂hten Suizidrisiko verkn√ľpft. Suizidraten nehmen √ľber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf m√ľtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbesch√§ftigten h√∂her als bei Berufst√§tigen. H√∂here Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verkn√ľpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufst√§tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erh√∂htes Risiko: praktische √Ąrzte haben in den meisten L√§ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch √Ąrztinnen generell das h√∂chste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den √Ąrzten gelten An√§sthesisten als besonders gef√§hrdet, denn f√ľr viele Suizide werden bet√§ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahn√§rzte, Apotheker, Tier√§rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten L√§ndern unter den √§lteren Menschen am h√∂chsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der j√ľngeren Bev√∂lkerung gestiegen, insbesondere bei M√§nnern. Suizide werden am h√§ufigsten im Fr√ľhling ver√ľbt, auch da besonders unter M√§nnern. Im Fr√ľhling oder Fr√ľhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erh√∂htes Suizidrisiko. Amerikaner europ√§ischer Herkunft haben h√∂here Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls h√∂here Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und st√§rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal h√∂her als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualit√§t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen M√§nner eher gewaltt√§tige Mittel der Selbstt√∂tung (zum Beispiel durch H√§ngen oder Erschie√üen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erkl√§rung f√ľr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen M√§nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich h√§ufig erfolgen. Verschiedene Bev√∂lkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in S√ľdasien verbrennen sich Frauen √ľblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden k√∂nnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat f√ľhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am h√∂chsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den l√§ndlichen Gebieten vieler Entwicklungsl√§nder ist das Verschlucken von Pestiziden die h√§ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verf√ľgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind Fr√ľhwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbstt√∂tungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst t√∂ten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer St√∂rung litten. Depressionen erh√∂hen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose h√§ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt √ľberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterst√ľtzung. Das hei√üt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine ad√§quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbstt√∂tung bei Depressionskranken beinhalten fr√ľhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer St√∂rung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am h√∂chsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsst√∂rung (ADHS) und k√∂rperdysmorphe St√∂rung (KDS) erh√∂hen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erkl√§rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergr√∂√üernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. √úberraschenderweise weisen Menschen mit erh√∂htem Body-Mass-Index BMI ein zwar st√§rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent R√ľckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter K√∂rperoberfl√§che beim BMI). Die Gr√ľnde hierf√ľr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen k√∂rperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch √ľber die Kindheit hinweg, die gesamte Bev√∂lkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erh√∂htem Risiko, und Suizidh√§ufungen k√∂nnen in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren f√ľgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die √ľber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bev√∂lkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen k√∂nnen.”

J√ľngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, da√ü Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren k√∂nnen. Dazu konnten Sie hier im Blog schon fr√ľher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich h√∂her als bei √Ąlteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen daf√ľr liegen h√§ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im fr√ľhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizit√§t auf und ist durch √§u√üere Einfl√ľsse sehr ver√§nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachl√§ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren f√ľr sp√§tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzuf√ľgen. Das Ausdr√ľcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstm√∂rder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund f√ľr die immer fr√ľher auftretenden Depressionen nennen Experten die fr√ľhere Pubert√§t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es f√ľr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu √ľberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu k√∂nnen, w√§re ein schwierig zu erf√ľllender, da eine gro√üe Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tats√§chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien k√∂nnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bev√∂lkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbstt√∂tungsgedanken und ‚Äďpl√§nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschl√§gige Ausbildung und Vorgangsweise von √Ąrzten wichtig: Studien aus den nordeurop√§ischen L√§ndern belegen einen R√ľckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemein√§rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In F√§llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Ma√ünahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und √úberwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Au√üerdem m√ľssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verkn√ľpften psychiatrischen St√∂rung eingeleitet werden.

Auch eine Ver√§nderung des allgemeinen Zugangs zu gef√§hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einf√ľhrung von Sicherheitsgittern auf Br√ľcken und verst√§rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den l√§ndlichen Gebieten der Entwicklungsl√§nder k√∂nnen die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, k√∂nnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, da√ü Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden w√ľrden, ihr Ziel umzusetzen, mag √ľberrascht sein, da√ü z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbstt√∂tungen drastisch zur√ľckgingen, w√§hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit h√∂chste Suizidrate und konnte diese durch Pr√§ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschl√§ge und Hinweise f√ľr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung S√ľdkoreas (das j√ľngst den weltweit st√§rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mu√üte, siehe oben) zur Pr√§vention u.a. auch Internet-Sperren einf√ľhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen √ľber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage daf√ľr geschaffen werden, dass die Polizei die pers√∂nlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen √ľber Selbstmord gel√∂scht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsl√§ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industriel√§ndern erfolgt, die h√∂chste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsl√§ndern zu finden ist. Auch wird von einschl√§gig Forschenden auch eine j√ľngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten l√§sst, dass das Risiko f√ľr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit St√∂rungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angeh√∂rige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht pl√∂tzlich zur√ľckzieht, gedr√ľckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Pr√§suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen dar√ľber zu sprechen. Dennoch sind die M√∂glichkeiten der Angeh√∂rigen h√§ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von au√üen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich √ľberfordert f√ľhlt oder das Gef√ľhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu k√∂nnen.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen F√§llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erh√§rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische St√∂rungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen St√∂rungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben f√ľhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben k√∂nnen. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen k√∂nnen mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausf√ľhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfa√üt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom Рerkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-√úberlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

Jun 25

“Man f√ľhlt zwar keine physischen Schmerzen, trotzdem kann das Leid viel gr√∂√üer sein.” Dass Gewalt im Internet nicht weniger schlimm ist als reale, war eine der Kernaussagen von Carmel Vaismans Referat “Don‚Äôt Feed The Trolls. Countering The Discourse Patterns of Online Harassments”. Die israelische Kommunikationswissenschafterin sprach auf Einladung der Universit√§t Wien √ľber Mobbing, Beschimpfungen und Erniedrigungen als Ph√§nomen in Foren und Online-Medien und stellte ein¬† Stufenmodell virtuellen Fehlverhaltens vor.

Als mildeste Ebene bezeichnete sie das auf die Monty-Python-Wortsch√∂pfung “Spam” zur√ľckgehende Wiederholen informationsleerer bis -armer Inhalte. √úber Flaming ‚Äď polemische Kommentare, die immerhin noch einen Bezug zum Diskussionsthema haben ‚Äď f√ľhrt die Leiter zum bekannteren Trolling: Trolle sind Menschen, die Aufmerksamkeit erregen und Chaos stiften wollen, meist nicht argumentativ in Debatten eingreifen, sondern blo√ü einen K√∂der werfen, um Vertreter verschiedener Weltanschauungen gegeneinander aufzuhetzen.

Als weitaus schlimmere Grenz√ľbertretung wertet Vaisman Stalking. Wiederholte unerw√ľnschte Kontaktaufnahme kann wie auch offline als penetrantes Nachstellen empfunden werden: “Wenn es jemanden gibt, der Blogposts immer als erster kommentiert, in Facebook unter jedes Update zuerst auf ‘Like’ klickt und immer den ersten Retweet versendet, dann ist das zwar nicht verboten, f√ľr die Betroffenen aber h√∂chst unangenehm, weil sie st√§ndig das Gef√ľhl haben, jemand beobachtet in Echtzeit jeden Schritt, den sie virtuell setzen.” Auf der vorletzten Stufe platzierte Vaisman Cyberbullying ‚Äď die systematische Verleumdung einer Person oder Gruppe, die sogar schlimmer sein kann als ihr Pendant im Real Life: “Das Mobbing am Schulhof oder im B√ľro h√∂rt mit der Schlussglocke oder dem Feierabend auf, diverse Hassgruppen auf Facebook sind aber rund um die Uhr erreichbar und auch f√ľr jedermann au√üerhalb von Schule oder Arbeit einsehbar.”

Als Kapitalverbrechen im Internet bezeichnet Vaisman schlie√ülich die “virtuelle Vergewaltigung“. Der Begriff “Vergewaltigung” als Sch√§digung der Person sei laut der Sozialwissenschafterin durchaus auch hier angebracht, “denn wir leben nicht nur offline, sondern auch online und die Online-Pers√∂nlichkeit besteht nicht neben, sondern als Teil unserer Pers√∂nlichkeit. Wenn nun jemand ein gef√§lschtes Profil von jemandem erstellt oder das richtige hackt, dort Telefonnummern, rufsch√§digende Bilder oder wahre oder falsche Aussagen √ľber die sexuelle Ausrichtung oder Meinungen des Betroffenen ver√∂ffentlicht, dann ist das ein Missbrauch der Pers√∂nlichkeit, die tiefe Spuren hinterl√§sst. In letzter Zeit haben solche Aktionen nicht nur zu vermehrten Anzeigen, sondern sogar zu Selbstmorden gef√ľhrt.” Hier w√ľrde laut Vaisman am deutlichsten sichtbar, welch zweischneidiges Schwert die “Macht zu ver√∂ffentlichen” ist. W√§hrend fr√ľher Professionisten f√ľr die publizierten Inhalte einstehen mussten, habe es heute jeder Achtj√§hrige in der Hand, vor einer qualifizierten √Ėffentlichkeit eine Verleumdungskampagne gegen seinen Lehrer zu starten.

Warum aber gehen die Menschen in Kommentaren, Foren und Facebook derart grob miteinander um? Der erste Gedanke f√ľhrte Vaisman zur Annahme, dass die vermeintliche Anonymit√§t daf√ľr verantwortlich sein k√∂nnte. Doch in den letzten Jahren zeigte das Klarnamensystem auf Facebook, dass viele Menschen auch unter Angabe ihrer vollen Identit√§t vor Hassbekundungen nicht zur√ľckschrecken. Vaismans finale These fu√üt in einer technischen und gleichzeitig biologischen Begr√ľndung: der Mittelbarkeit des Mediums. Weil wir uns nicht pers√∂nlich gegen√ľberstehen, sondern alleine vor dem Computer sitzen, falle eine Barriere, die laut Vaisman auch bei Skype zu sp√ľren ist: Man sieht sich zwar von Angesicht zu Angesicht und kann Gestik und Mimik des Gegen√ľbers einsch√§tzen, trotzdem fehle online immer eine gewisse Authentizit√§t zur pers√∂nlichen Kommunikation. So w√ľrden manche User mit vollem Namen andere diffamieren, selbst wenn sie ihnen am n√§chsten Tag im B√ľro begegnen ‚Äď und sich dort nicht trauen w√ľrden, die Beleidigungen pers√∂nlich zu wiederholen. Dieser Graben w√ľrde laut Vaisman auch die Reaktionen auf die Absichten eines 19-J√§hrigen erkl√§ren, der 2008 √ľber ein bekanntes Streaming-Portal seinen Selbstmord ank√ľndigte und vor laufender Webcam vollzog: W√§hrend die meisten, wenn sie pers√∂nlich Zeuge eines Suizidversuchs w√§ren, die Polizei anrufen w√ľrden, sahen im Internet 1.500 Menschen zu, von denen nicht wenige den jungen Mann aufforderten, den Schlussstrich unter sein Leben zu setzen.

(Quelle: Der Standard v. 24.06.2011; Image src:PsychologyToday.com)

May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigerma√üen versp√§tet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich k√ľrzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und r√ľcksichtslos agiert und schlie√ülich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtm√§√üigen Anteile betrogen. Sp√§ter werden auf Anraten der Anw√§lte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt –¬†dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit j√ľngste Milliard√§r.

Auch wenn nat√ľrlich keinerlei Sicherheit dar√ľber besteht, ob die dargestellten Pers√∂nlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die k√ľhle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits w√§hrend der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit M√§dchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der f√ľr “Aspies” h√§ufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine v√∂llige Au√üerachtlassung ihrer Gef√ľhle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog ver√∂ffentlicht und andere Vorf√§lle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines Gef√ľhls von Absurdit√§t nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verst√§rken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verst√∂rt, Freundschaften zerbrechen am Au√üerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder gesch√§ftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer St√∂rung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschl√§gigen Websites entnehmen kann, √ľbrigens auch den √ľberwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich h√§ufig durch hohes Talent, was spezifische F√§higkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder k√ľnstlerischen Berufen t√§tig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich ver√§ndernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum ann√§hert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verf√ľgt √ľber hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” f√ľhlen kann – wie w√ľrde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben tr√§fe … und w√ľrde man dies √ľberhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erh√∂hen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu h√§ufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter Ber√ľcksichtigung der Erkenntnisse √ľber Neuroplastizit√§t auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren pr√§frontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen F√§higkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erkl√§ren, dass wir immer h√§ufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen Mitsch√ľlern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktst√∂rungen neben Depressionen zur Gruppe zur am st√§rksten zunehmenden Gruppe psychischer St√∂rungen dieses Jahrhunderts geh√∂rt.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

Sep 14

Jeder von uns genie√üt es, zu spielen – ob es um Pferde-Wetten oder ein kleines Pokerspiel am Computer geht. Die meisten von uns haben damit auch keinerlei Problem, einige jedoch verlieren die Kontrolle: sie wetten beim Kartenspiel um hohe Summen oder verbringen Stunden in Casinos oder an Spielautomaten. Heute muss man nicht einmal mehr seine Wohnung verlassen, um zu spielen: das Internet erm√∂glicht es, ganze N√§chte spielend oder mit Online-Wetten zu verbringen, ohne dass jemand st√∂rende Fragen stellt. Tats√§chlich versuchen viele derartige Websites betreibende Firmen dazu zu verlocken, m√∂glichst lange online zu bleiben und dabei so viel Geld wie m√∂glich einzusetzen. Sobald man aber einmal an den ‚ÄěKick‚Äú des Spielens gew√∂hnt ist, f√§llt es schwer, der Verlockung zu widerstehen und wieder einzusteigen – und sei es nur, um ‚Äěnur noch 1 Mal!‚Äú zu versuchen, die dabei bereits entstandenen Verluste umzukehren…

Typische Anzeichen f√ľr Spielabh√§ngigkeit sind:

  • sehr h√§ufig an das Spiel zu denken
  • die H√§ufigkeit des Spielens zu verschleiern
  • w√§hrend der Arbeit zu spielen
  • lieber mit dem Gl√ľcksspiel als der Familie Zeit zu verbringen
  • sich nach dem Spielen schlecht zu f√ľhlen – aber letztlich dennoch nicht damit aufzuh√∂ren
  • mit Geld, das eigentlich anderen Zwecken dienen sollte, zu spielen, Freunde oder Familienmitglieder um Geld zu fragen oder das Gesetz zu brechen, um Geld zum Spielen aufzutreiben

Der Unterschied zwischen einem Gelegenheitsspieler und einem Spiel-Abh√§ngigen ist, dass sich letzterer unruhig und gereizt f√ľhlt, wenn er nicht spielen kann: nur das Spiel kann diese Spannung aufl√∂sen. Versuche, das Spielen zu reduzieren oder auszusteigen, waren langfristig nicht erfolgreich. Letztendlich verliert der Spieler aber nicht nur Geld, sondern auch wertvolle Lebenszeit: die Lebensqualit√§t leidet, und mitunter entsteht massiver, langfristiger Schaden. Eine australische Studie zeigte k√ľrzlich, dass 17% der Menschen, die Suizidversuche unternahmen, Spielabh√§ngige sind.

Die wirksamste Behandlungsmethode f√ľr Spielsucht stellt heute eine Kombination von Beratung, step-by-step-Programmen, Selbsthilfe und Austausch in der Gruppe dar, manchmal werden auch Medikamente verschrieben. Eine einzelne dieser Behandlungsmethoden allein ist jedoch zumeist nicht ausreichend, auch wurden bislang durch die US Food and Drug Administration (FDA) noch keine Medikamente als f√ľr die Behandlung von Spielsucht empfehlenswert eingestuft.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:dailymail.co.uk)

Aug 12

Die Existenz sozialer Netzwerke entscheidet, wie wohl sich Schwangere f√ľhlen, wie Forscher der University of Michigan k√ľrzlich in der Zeitschrift “Journal of Cultural Diversity and Ethnic Minority Psychology” aufzeigten. Sie begleiteten 300 schwangere Frauen w√§hrend ihrer Schwangerschaft und untersuchten, was f√ľr ihr psychisches Wohlbefinden den Ausschlag gab.
Status, ethnische Zugeh√∂rigkeit und Reichtum sind demnach nicht wirklich die wichtigsten Faktoren. Auch einem Teil der benachteiligten Frauen ging es blendend – bei genauem Hinsehen allerdings zeigte sich, dass diese besonders aktive soziale Kontakte hatten. “Eingebundensein in ein enges soziales Netz ist wichtiger f√ľr das Wohlbefinden von Schwangeren als Ethnizit√§t oder Status”, fasst die Psychologin und Studienleiterin C. Abdou zusammen.

Die Frage, warum Menschen trotz widriger √∂konomischer, sozialer oder genetischer Umst√§nde gesund sind, wird in der Medizin immer wichtiger. Sie wird Salutogenese oder Resilenzforschung genannt. “Drei F√§higkeiten sind daf√ľr zentral”, berichtet Edith Wolber, Sprecherin des Deutschen Hebammenverbands e.V. “Menschen sind eher gesund, wenn sie sich selbst als Handelnde statt als Opfer erkennen. Zweitens ist es wichtig, das Geschehene intellektuell und emotional zu verstehen und richtig einzuordnen. Schlie√ülich hilft es zu wissen, dass es auch einen Sinn hat”, so die Expertin.

Die Schwangerschaft ist eine psychische Ausnahmesituation. Der K√∂rper ist im Umbruch und die Hormone ver√§ndern die Emotionen und auch die Begegnung mit anderen. Zudem w√§chst Leben im Bauch der Schwangeren heran. Das verunsichert, √§ngstigt und erfordert Austausch und besondere Betreuung. Diese boten fr√ľher automatisch die in der N√§he verf√ľgbare Mutter, Schwiegermutter, Freundinnen oder Nachbarn. Heute jedoch ziehen Frauen oft weit weg von zuhause. “Viel hat sich in Internet-Foren verlagert. Es braucht jedoch emotionale, k√∂rperliche und direkte Hilfe. Diese wurde professionalisiert – in Form der Hebammen.”

Nicht eindeutig gekl√§rt ist weiter, warum es manchen Schwangeren k√∂rperlich gut geht, anderen jedoch nicht. Wolber betont allerdings auch hier den Zusammenhang zur Psyche. “Kann eine Frau ihren Seelenschmerz nicht mit Worten ausdr√ľcken, so spricht der K√∂rper.” Das sei heute immer schwieriger. “Erstgeb√§rende sind heute 30 Jahre alt, haben schon gelernt ihr Leben zu managen und sich der [..] Arbeitswelt anzupassen. Diese sieht zwar, dass die Schwangerschaft keine Krankheit ist. Doch sie duldet sie aber auch nicht als Ausnahmesituation, in der Frauen eine Auszeit w√ľnschen.” K√∂rperliche Symptome und Krankenstand seien somit f√ľr viele ein notwendiger Fluchtweg in dieser Zerrissenheit.

(Quelle: Der Standard, 08/2010; Image source:ladycarehealth.com)

Aug 08

Dr. Fiona Wallice kann das “uneffiziente” Geschwafel √ľber “Tr√§ume” und “Gef√ľhle” nicht mehr h√∂ren. Sie entwickelt eine “optimierte” Therapiemethode: 3 Minuten via Webcam, so Wallice, seien wesentlich effizienter als die √ľbliche “50-Minuten-Stunde”, da diese h√§ufig zu langweilig w√§ren – bei nur 3 zur Verf√ľgung stehenden Minuten dagegen w√ľrden Patienten ein Gef√ľhl “einer Waffe an ihrem Kopf” versp√ľren und wesentlich rascher auf den Punkt kommen…

Obwohl nat√ľrlich schon im Vorhinein klar war, da√ü es sich bei der Serie nur um Parodie und Comedy handelt, konnte ich mich – der ich selbst Psychotherapeut bin – nicht selten beim Gedanken ertappen: “Um Himmels willen, wie kann sie nur?!!”¬†

Kein Zweifel: Fiona Wallice ist vermutlich die schlechteste Psychotherapeutin der Welt. Sie ist arrogant, geldgierig und ungeduldig. Sie ermahnt Patienten, keine wertvolle Sitzungszeit zu verschwenden, dr√§ngt sich aber st√§ndig selbst mit abstrusen Theorien, Anekdoten aus dem eigenen Leben oder alltagspsychologischem Nonsens in den Vordergrund. Mitunter versucht sie sogar, Klienten zu √ľberreden, ihre Sitzungen zu Werbungszwecken zur Verf√ľgung zu stellen. Ein Therapie-fauxpas jagt den anderen!

Nicht nur den “Klienten” (allesamt ebenfalls Schauspieler), auch einem selbst bleibt beim Zusehen h√§ufig der Mund offen stehen … aber es hat gute Gr√ľnde, warum diese Web-TV-Serie derzeit zum Beliebtesten geh√∂rt, was dieses Medien-Sujet zu bieten hat: die Dialoge finden angeblich weitestgehend spontan statt, und Lisa Kudrow (welche Fiona Wallice verk√∂rpert) erweist sich als schlagfertiges und brillantes Unterhaltungstalent. Nebenbei bietet die Serie ironische Blickwinkel auf den gegenw√§rtigen Trend in der Psychotherapie, nicht nur m√∂glichst rasche Heilerfolge zu erzielen, sondern diese idealerweise bequem von zu Hause aus – via Internet-Konferenz, noch w√§hrend man die letzten Bissen des Fastfood-Mittagessens verspeist! –¬† “zu erledigen”. Wer zuf√§llig den auf meiner Website ver√∂ffentlichten “Leitfaden zum Scheitern einer Psychotherapie” gelesen hat, wird viele der darin erw√§hnten “Tipps” wiederfinden. Ein zur Abwechselung mal reiner Unterhaltungs-Tipp f√ľr jeden Therapieerfahrenen!

Bisher wurden 3 Seasons der Serie mit insgesamt 45 Episoden ver√∂ffentlicht. Sie k√∂nnen von einschl√§gigen Websites heruntergeladen oder unter einem der folgenden beiden Links online angesehen werden (zumeist bestehen sie aus Mini-Serien von 2-3 Web-Konferenzen zu je 4-7 Minuten pro “Klient”):

http://www.lstudio.com/web-therapy/ (offizielle Website)
http://www.sidereel.com/Web_Therapy

Jul 07

Sich im Internet √ľber eine Krankheit zu informieren ist nicht schlecht. Daraus Schl√ľsse zu ziehen und entsprechend zu handeln kann jedoch gef√§hrlich sein.

Bei einer Krankheit suchen viele Patienten zuerst im Internet um Rat und entscheiden auf dieser Basis, welche weiteren Schritte sie unternehmen. Viele der hier verf√ľgbaren Informationen sind jedoch falsch oder unvollst√§ndig, sagen US-Forscher in der Fachzeitschrift “Journal of Bone and Joint Surgery”. Besonders bei kommerziellen Seiten raten sie zur Vorsicht.

Immer mehr googeln Krankheiten

“Immer mehr Menschen erscheinen mit Ausdrucken aus dem Internet in den Arztpraxen”, erkl√§rt Studienautor Madhav A. Karunakar vom Carolinas Medical Center die Motive der Forschung. Wichtig sei zu wissen, dass es gro√üe Unterschiede in der Qualit√§t der online verf√ľgbaren Informationen gibt. “√Ąrzte sollten gut vorbereitet sein, um diese Informationen mit den Patienten zu diskutieren. Sonst kann es schnell zu falschen Interpretationen kommen.”

Die Forscher nahmen die h√§ufigsten Sportverletzungen unter die Lupe und √ľberpr√ľften, was im Web √ľber sie geschrieben steht. Dazu geh√∂rten etwa B√§nderrisse, Verletzungen der Rotatorenmanschette oder des Meniskus, Knie- und Schulterl√§sionen, der Tennisellbogen und die aseptische Knochennekrose. Ausgewertet wurden die jeweils zehn ersten Sucheintr√§ge bei Google und Yahoo, wobei man Punkte nach Vollst√§ndigkeit, Richtigkeit und Klarheit der Darstellung vergab. Vermerkt wurde auch, wer die Information ver√∂ffentlicht hatte.

Unabhängige Seiten bieten beste Information

Die besten Inhalte gibt es bei den Non-Profit-Seiten, gefolgt von den wissenschaftlichen Quellen Рwozu auch medizinische Journale gezählt wurden. Abgeschlagen davon sind die nicht auf Verkauf orientierten kommerziellen Seiten und ganz am Ende Artikel von Nachrichtenmedien sowie von Einzelpersonen. Kommerzielle Seiten mit finanziellem Interesse an der Diagnose Рetwa aus der Pharmabranche Рwaren häufig vertreten, jedoch selten vollständig.

“Unter den ersten zehn Suchergebnissen sind im Schnitt zwei gesponserte Seiten zu finden”, so Karunakar. Bei diesen gehe es den Betreibern vor allem darum, ihre Produkte zu verkaufen, weshalb sie oft tendenzi√∂s seien und wenig √ľber Risiken oder Nebenwirkungen der beworbenen Behandlung informieren. Die Forscher empfehlen daher, kommerzielle Seiten bis auf wenige seri√∂se Ausnahmen lieber zu meiden.

Riskante Selbsttherapie

“Sich im Internet √ľber eine Krankheit zu informieren ist nicht schlecht. Daraus Schl√ľsse zu ziehen und entsprechend zu handeln kann jedoch gef√§hrlich sein”, betont G√ľnther Wawrowsky, Sprecher der niedergelassenen √Ąrzte der √∂sterreichischen √Ąrztekammer. Besonders bei ung√ľnstigem Verlauf einer Krankheit oder Unsicherheiten sollte man lieber den Arzt aufsuchen. “Medizin ist nicht nur ein Messen und W√§gen und man kann nicht alles niederschreiben. Was z√§hlt, ist besonders die Erfahrung”, so der Experte.

(Quellen: pte, Der Standard 06.07.2010; Image src:wired.com)

Jun 04

Meist geht es Paul gut, und er genie√üt das Leben. Dann aber gibt es Phasen, wo ihm seine Angst den Schlaf raubt und ihm auch tags√ľber keine Ruhe mehr l√§√üt: die Angst, schwer erkrankt zu sein. Kopfschmerzen k√∂nnten ein Hinweis auf einen Gehirntumor sein, geschwollene Lymphknoten, Durchfall oder ein Muttermal ein Hinweis auf Krebs, die Erinnerung an ein bestimmtes sexuelles Abenteuer l√∂st Furcht aus, sich dabei mit HIV infiziert zu haben.

Paul verbringt t√§glich viel Zeit damit, seinen K√∂rper auf verd√§chtige Hinweise zu untersuchen, ebenso wie mit dem Studium der denkbaren Krankheitssymptome. Das Internet erweist sich hierbei als diabolischer Gef√§hrte: Unmengen an Information sind verf√ľgbar, mitunter aber ist ihre Seriosit√§t zweifelhaft, oder es tauchen Widerspr√ľche auf. Arztbesuche bringen ebenfalls nur vor√ľbergehende Erleichterung: k√∂nnte sich der Arzt nicht geirrt oder etwas √ľbersehen haben?

H√§ufig sind die Betroffenen dieser √Ąngste zwar k√∂rperlich fit und leben sehr gesund – mit ihrer angstvollen Haltung aber k√∂nnen sie ihr Leben kaum mehr dauerhaft genie√üen. Kurzen Phasen der Erleichterung folgt unweigerlich ein R√ľckfall in die gleichen, scheinbar unbezwingbaren Panikgef√ľhle – oder neue Krankheitssorgen.

Doch man braucht sich, wenn man unter derartigen √Ąngsten leidet, nicht zu sch√§men – es handelt sich dabei um eine Angst mit Ursachen, f√ľr die man nichts kann, und die mit Methoden aus der Psychotherapie und Hypnotherapie gut behandelbar ist, sofern die Bereitschaft besteht, √ľber einen gewissen Zeitraum hindurch regelm√§√üige ambulante Sitzungen zu absolvieren. In diesen werden Strategien f√ľr einen Umgang mit den chronischen Bef√ľrchtungen erarbeitet, der das Herz wieder zunehmend frei macht von dem schweren Mantel der Angst.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:CBSnews.com)

Mar 17

Bildquelle: Jesus.ch. Der zitierte Psychíater ist lt. eines inhaltlich bemerkenswerten KathPedia-Eintrages aktives Mitglied der Organisation Opus Dei.

Als h√§tte das Volk der Hiobsbotschaften noch nicht genug, l√§√üt die deutsche Tageszeitung “Die Welt” mit einer neuen Schreckensmeldung aufhorchen: mindestens 400.000 Deutsche und 40.000 √Ėsterreicher (gr√∂√ütenteils sind M√§nner gemeint) sollen Internetsexs√ľchtig sein. Noch schlimmer, so wird ein bisher eher in anderen Forschungsrichtungen aufgefallener, nunmehr aber offenbar Internetsexsucht-“Experte” zitiert: “Viele M√§nner k√∂nnen kaum mehr alleine vor einem Computer sitzen, ohne auf einschl√§gigen Seiten zu suchen.” Die im Internet m√∂gliche Anonymit√§t mache Pornografie weniger stigmatisierend und f√ľhre zu einer Art Klebeeffekt. “Nicht immer, aber leider sehr h√§ufig verlangen die User immer intensivere Reize und wechseln so von Softporno √ľber Hardcore zu Gewalt- und schlie√ülich Vergewaltigungspornos”, so der √∂sterreichische Psych√≠ater R. Bonelli im Interview.

Nur gut, dass es da eine einschl√§gige Fachtagung vor Ort gibt, die als Ergebnis wohl verk√ľnden wird, dass die Betroffenen therapiert werden m√ľssen, am besten von den einschl√§gigen Experten. Zur Verst√§rkung des G√§nsehaut-Effekts schlie√üt man gerne auch an aktuelle Aufreger-Themen an: “[Internetsexsucht] hat durch die neu aufgebrochene P√§dophilie-Diskussion an zus√§tzlicher Aktualit√§t gewonnen; und [das Internet hat] der Kinderpornographie zus√§tzlichen Spielraum er√∂ffnet.”

“Bei der Internetsexsucht handelt es sich genauso wie bei der Sexsucht generell um eine verdr√§ngte, stille und heimliche Sucht, die zu den Schams√ľchten z√§hlt.” Was auch immer unter diesem Begriff zu verstehen ist. Jene, die glauben, das Problem durch Psychotherapie oder gar im Alleingang bew√§ltigen zu k√∂nnen, werden im Artikel von einem anderen Psychiater eines besseren belehrt: “Der √ľberm√§√üige Konsum sexueller Inhalte im Netz ist als substanzungebundene Sucht zu verstehen, die zeitweise das Regulativ des Frontalhirns ausschaltet. Das rasche Abflauen der Erregung fordert im typischen Fall eine st√§ndige Impulsverst√§rkung, sowohl quantitativ als auch mit einer Intensivierung der Inhalte (Brutalit√§t und Perversion).” Doch f√ľr das Ein- oder Ausschalten von Hirnbereichen ben√∂tigen wir, das wird von der Pharmaindustrie, der Genforschung und der Psychiatrie ja seit Jahren nimmerm√ľde repetiert, Medikamente oder (bislang gl√ľcklicherweise aber nur in den schlimmsten F√§llen!) sog. “Hirnschrittmacher”.

Da haben wir es also: wenn sich das “b√∂se Internet” (wo nur mit totaler √úberwachung und staatsseitigen, selektiven Sperren und Filtern den schlimmsten Gefahren beizukommen ist) und Pornografie (s√§mtliche Erkl√§rungen √ľberfl√ľssig) sich vereinen, landet man wom√∂glich bei den gef√ľrchtetsten aller Berufsgruppen: Therapeuten oder Psychiatern.

Meinerseits m√∂chte ich mich von der Medialisierung und Kommerzialisierung dieses Themas (gerade auch durch Fach√§rzte und Ausbildungsinstitutionen, die doch eigentlich f√ľr fachlich fundiertere Diagnostik stehen sollten) sowie den moralisierenden Untert√∂nen, die sich in die Beschreibung der Symptome gegen√ľber sog. “gesunder” oder “normaler” Sexualit√§t und Partnerschaft mitschwingen, entschieden abgrenzen. Wir ben√∂tigen keinen neuen Suchtbegriff, und es ist niemandem (au√üer den Selbstvermarktungsspezialisten selbstverst√§ndlich) geholfen, wenn hunderttausende Menschen per Fachkommentar pathologisiert werden.

Wir haben als sehr hilfreiches Klassifikationskriterium das der “nicht substanzgebundenen Abh√§ngigkeiten” (in Unterscheidung zu den “Psychischen und Verhaltensst√∂rungen durch psychotrope Substanzen” gem. ICD-10, und nach bereits sehr umfangreicher Forschungsarbeit das der sog. “Internet-Abh√§ngigkeit” (bzw. wie ich 2000 vorschlug, der “Abh√§ngigkeit von Neuen Medien“). All diese Begriffe sind weit genug gesteckt, um s√§mtliche Devianzen von einem “normalen” (i.S. eines nicht sch√§dlichen und vor allem frei regulierbaren) PC- oder Internet-Gebrauch zu beschreiben. Ob jemand pornografisches Material aus dem Internet herunterl√§dt, mit Freunden tauscht oder “physisch” kauft, ist aus fachlicher Sicht (von dynamischen Faktoren abgesehen) relativ unbedeutend: wir sprechen ja auch nicht von einer “Haltestellen-Heroinsucht”, nur weil die Droge besonders h√§ufig und leicht in U-Bahn-, Bus- und Bahnstationen erworben wird. Dar√ľber hinaus ist der Konsum von Pornografie, wie auch j√ľngste Studien (siehe Quellenverweise unten) wieder best√§tigen, per se weder f√ľr die Konsumenten selbst, noch f√ľr deren Beziehungen sonderlich “gef√§hrlich”. Problematisch wird er erst dann, wenn eine zwanghafte Komponente hinzukommt, also der Konsum von Pornografie von den Betroffenen kaum mehr reguliert werden kann, wenn andere Lebensaspekte darunter leiden (h√§ufig sind dies z.B. berufliche Verpflichtungen, die h√§usliche Organisation, soziale Kontakte oder die Partnerschaft dadurch gef√§hrdet wird), und zus√§tzlich soziale Isolation, Entzugssymptome wie Stre√ü oder¬† Spannungsphasen oder auch als Parallsymptomatik Depressionen diagnostizierbar sind. Dann allerdings ist “Feuer am Dach”, und es sollte im Interesse einer Wiederfindung des psychischen Gleichgewichts therapeutische Unterst√ľtzung – m√∂glichst bei Psychotherapeuten, die √ľber Erfahrung in der Suchtbehandlung verf√ľgen – gesucht werden.

(Quellen: [1], [2], [3], [4], [5])

ÔĽŅ25.06.19