Sep 29

Bild: Shutterstock

Wenn es um das Thema Datenschutz geht, w√§hlen viele Menschen die bequeme Position “Ich habe nichts zu verbergen.” Das ist jedoch leichtsinnig, denn schon seit Jahren sammeln Unternehmen unerm√ľdlich unsere Daten – diese werden analysiert und weiterverkauft – und sie bleiben vermutlich zum gr√∂√üten Teil ewig gespeichert. “Big Data” hei√üt das Ph√§nomen, bei dem es l√§ngst nicht mehr nur um optimierte Facebook-Streams (“Das k√∂nnte Sie interessieren:”) und personalisierte Werbung geht. Zunehmend interessieren sich einschl√§gige Firmen auch f√ľr den Gesundheitszustand und die Kreditw√ľrdigkeit ihrer Kunden.

T√§glich hinterl√§sst jeder Internet- und Smartphone-Nutzer dutzende Daten-Spuren: jeder Zahlvorgang im Web, jede Kreditkarten-Zahlung, jeder NFC- (“bargeldlose Zahlung), Wifi- und Bluetooth-Kontakt √ľber das Smartphone, jedes Posting in sozialen Netzwerken wird registriert – und h√§ufig auch von daf√ľr zahlenden Unternehmen gespeichert und ausgewertet. “Big Data” bedeutet dabei nicht nur, m√∂glichst viele Daten zu sammeln: der Verkauf der betreffenden Daten wird besonders in den USA (in die aufgrund der Marktdominanz der USA im IT-Bereich gro√üe Mengen unserer Daten √ľbertragen werden) hochaktiv betrieben, und einschl√§gige Unternehmen verbinden die Daten aus diesen Datenbanken dann mit ganz anderen Informationen √ľber uns. Was mit all diesen Informationen passiert, l√§√üt sich nur ansatzweise erahnen. Der US-Security-Pionier John McAfee formuliert es sinngem√§√ü in einschl√§gigen Interviews und Vortr√§gen so: “Wir sind Menschen, und wir alle haben Dinge, die uns unangenehm sind, oder Lebensphasen, in denen es uns schlecht geht. Die menschliche Gesellschaft hat Privatheit deshalb als elementares Fundament f√ľr ein harmonisches Zusammenleben entwickelt. Wir alle haben ein elementares Bed√ľrfnis nach Privatheit – gibt es sie nicht, g√§be es Blut auf den Stra√üen und unerme√üliches Leid in unseren Beziehungen.”

Der zunehmende Entzug unserer Privatheit durch die intransparenten Wege der Datenverarbeitung durch Unternehmen kann ernste Folgen haben. So wurde in den USA der Fall eines Kreditkartenunternehmens bekannt, das Kunden das Limit k√ľrzte, die eine Paartherapie mit ihrer Kreditkarte bezahlt hatten. “Die haben festgestellt, dass Menschen, die wegen einer Ehekrise eine Paartherapie brauchen, mit hoher Wahrscheinlichkeit sp√§ter einen Kreditausfall haben oder zumindest finanziell stark belastet sind”, erkl√§rte das IT-Magazin c‚Äôt in einem diesbez√ľglichen Artikel.

Weiterf√ľhrende Links f√ľr Interessierte:
Wie “Big Data” gegen uns eingesetzt wird, ohne, dass wir davon merken
John McAfee √ľber den Trugschlu√ü von Datensicherheit

May 28

Bild: Karikatur RABE (Ralf Böhme)

Wenn Sie bei einer √∂sterreichischen Krankenkasse versichert sind und um Voll- oder Teilrefundierung f√ľr Ihre Psychotherapie-Kosten angesucht haben, wurden Sie vermutlich vor einigen Monaten von einer deutlichen Erweiterung der diesbez√ľglichen Auskunftsbegehren an Ihre(n) Psychotherapeuten(in) informiert. Bei der Wiener Gebietskrankenkasse soll sp√§testens im Juli dieses Jahres ein neues Antragsformular verpflichtend vorgeschrieben werden, wenn PatientInnen um Voll- oder Teilrefundierung ansuchen m√∂chten. Dem Versicherungstr√§ger gegen√ľber werden dann zum Teil sehr pers√∂nliche Daten anzugeben sein – Daten, welche mit den Therapieinhalten bzw. den jeweiligen psychischen Beschwerden nicht immer etwas zu tun haben m√ľssen. Ob diese Informationen dann tats√§chlich so “vertraulich” bleiben, wie vom Hauptverband immer wieder versichert, dar√ľber muss man sich als ‘gepr√ľfter √Ėsterreicher’ nach Bekanntwerden eines intensiven Datenaustausches u.a. mit dem amerikanischen NSA, dem BFIE-Skandal usw. leider so seine Gedanken machen…

Pers√∂nlich kann ich das “Bed√ľrfnis” der Versicherungstr√§ger, sicherstellen zu wollen, dass die allozierten Mittel auch sinnvoll eingesetzt werden, selbstverst√§ndlich nachvollziehen – allerdings war doch Psychotherapie schon seit jeher ein Stiefkind des Gesundheitssystems: die Refundierungsbetr√§ge von ‚ā¨ 21,90 wurden seit mittlerweile fast 25 Jahren (!!) nicht mehr an die Inflation angepasst, da scheint es eine Zumutung, den von psychischen Problemen Betroffenen f√ľr diesen anteilig mittlerweile h√∂chst gering gewordenen Betrag auch noch zus√§tzliche “Datenkan√ľllen” anzulegen, zumal Zusatzantr√§ge ohnedies auch schon derzeit fast immer einer chef√§rztlichen Bewilligung bed√ľrfen – also keineswegs nur dem Gutd√ľnken des jeweiligen Psychotherapeuten allein unterworfen sind! Es ergibt sich somit der Eindruck, dass die Kassen PatientInnen, die ihnen rechtm√§√üig zustehende Versicherungsleistungen in Anspruch nehmen m√∂chten, schlicht und einfach durch die Angst, dass ihnen die gemachten Angaben eines Tages zum Nachteil gereichen k√∂nnten, vergraulen wollen.
Die √∂sterreichischen Krankenkassen haben im Jahre 2013 Gewinn erwirtschaftet. Psychische Leiden geh√∂ren zu jenen, unter denen Menschen am st√§rksten leiden, die aber am seltensten fr√ľhzeitig erkannt und ad√§quat behandelt werden [Link].

Wenn auch Sie gegen die verpflichtende Verwendung des neuen Antragsformulars protestieren möchten, unterzeichnen auch Sie bitte die Online-Petition dagegen:

https://secure.avaaz.org/de/petition/Wiener_Gebietskrankenkasse_NEIN_zum_neuen_Krankenkassenformular_fuer_Psychotherapie/

Mehr Informationen f√ľr Interessierte: http://derstandard.at/2000001585614/

May 08

Psychische Leiden belasten mehr als körperliche.
(Image src: depressionisreal.com)

 

Kaum eine Situation macht Menschen unzufriedener mit dem Leben als eine psychische Erkrankung.

Richard Layard, Leiter des Wellbeing Programme am Centre for Economic Performance der London School of Economics and Political Science, ver√∂ffentlichte k√ľrzlich das Ergebnis einer Langzeit-Metastudie, demzufolge in Australien, Deutschland und Gro√übritannien psychische Erkrankungen weit st√§rker zum Ungl√ľck von Menschen beitragen als k√∂rperliche Gebrechen. Befragt wurden Personen mit einem Lebensalter von √ľber 25 Jahren.

Es wird gesch√§tzt, dass weltweit etwa jeder Zehnte unter Depressionen und Angstst√∂rungen leidet. Diese psychischen Erkrankungen sind die Ursache von bis zu einem F√ľnftel aller F√§lle von Erwerbsunf√§higkeit. Gleichzeitig befindet sich selbst in reichen L√§ndern weniger als ein Drittel der Betroffenen in therapeutischer Behandlung.

Das Tragische ist, dass Depressionen und Angstst√∂rungen heute mit Psychotherapie erfolgreich behandelt werden k√∂nnten, sagt Richard Layard. Dennoch w√ľrde kaum eine Regierung mehr als 15 Prozent ihres Gesundheitsetats f√ľr die Behandlung seelischer Erkrankungen ausgeben “Das ist diskriminierend f√ľr psychisch Erkrankte im Vergleich zu k√∂rperlich Erkrankten und zudem auch wirtschaftlich unvern√ľnftig”, sagen der Wohlfahrts√∂konom Layard und seine Kollegen. W√ľrden mehr psychisch Kranke gut behandelt werden, k√∂nnten Kosten f√ľr Sozialhilfe gespart werden und es w√ľrden weniger Steuereinnahmen aufgrund der Erwerbsunf√§higkeit vieler Arbeitnehmer verloren gehen. Layard: “In reichen L√§ndern w√§re wahrscheinlich eine f√ľr die Staatskassen kostendeckende Behandlung der von psychischen Leiden Betroffenen m√∂glich”.

Jeder Dritte hatte 1x jährlich mit psychischen Störungen zu kämpfen

Jeder 3. Erwachsene, also ca. 15 Millionen Menschen, erkrankten in Deutschland allein im Verlauf der letzten 12 Monate an mindestens einer psychischen St√∂rung. Die meisten davon leiden an Angstzust√§nden, Depressionen oder somatoformen St√∂rungen. Maximal 10% von ihnen erhielten jedoch eine wissenschaftlich anerkannte Psychotherapie, was die Lebensqualit√§t der Betroffenen reduziert, die daraus resultierenden Fehlbehandlungen wiederum belasten die Gesundheits- und Sozialsysteme, da die Krankheitstage zunehmen und PatientInnen fallweise vorzeitig berentet werden m√ľssen. Die Bundesanstalt f√ľr Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit sch√§tzt den durch psychische Erkrankungen resultierenden Verlust an Arbeitsproduktivit√§t auf acht Milliarden Euro j√§hrlich.

“Psychische und psychosomatische Krankheiten sind keine blo√üen Befindlichkeitsst√∂rungen. Sie m√ľssen fr√ľhzeitig professionell behandelt werden, da sie sonst chronisch werden k√∂nnen und oft zu biologischen Ver√§nderungen im Gehirn und im √ľbrigen K√∂rper f√ľhren. Die Deutsche Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) betont, dass 40 bis 60 Prozent der durch ambulante Psychotherapie behandelten Patienten nachweislich profitieren. Ambulante Psychotherapien umfassen im Mittel 46 Sitzungen und kosten im Durchschnitt ca. ‚ā¨ 3700,-/Patient. Hilfesuchende Menschen brauchen jedoch zun√§chst niedrigschwellige und qualifizierte Anlauf- und Vermittlungsstellen.

Prof. Cornelia Albani, Leiterin der Sinova-Klinik f√ľr Psychosomatische Medizin in Aulendorf: “In einer repr√§sentativen Befragung konnten wir nachweisen, dass jene Menschen, die sich f√ľr eine ambulante psychotherapeutische Behandlung entscheiden, deutlich durch die Erkrankungen belastet sind und einen sehr hohen Leidensdruck versp√ľren”. In der Regel seien es schon l√§nger und psychisch schwer erkrankte Patienten mit hoher Krankheitslast. 84% dieser Menschen sch√§tzten beispielsweise ihre eigene psychische Verfassung vor der Therapie als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das gilt umso mehr, wenn Patienten dar√ľber hinaus an k√∂rperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs leiden. Erschreckend ist die niedrige Zahl derer, die professionelle Hilfe erhalten ‚Äď obwohl die Wirksamkeit der Psychotherapie bereits hinl√§nglich bewiesen ist. Rund 50% der von Albani et al. Befragten gaben an, dass sich durch die Psychotherapie ihre Arbeitsf√§higkeit und -produktivit√§t gesteigert habe. √Ąhnlich hoch wurde die Besserung der sozialen F√§higkeiten und Beziehungen bewertet. Bei bis zu 60% der behandelten Patienten zeigen sich deutliche Verbesserungen des seelischen Gesundheitszustands ‚Äď und zwar anhaltend und √ľber das Ende der Behandlung hinaus. “Studien haben die besondere Nachhaltigkeit psychotherapeutischer Behandlungen erwiesen. Hier setzten wir uns von rein medikament√∂sen Behandlungsstrategien ab”, so Albani.

Psychische und psychosomatische St√∂rungen entwickeln gerade im Zusammenspiel mit k√∂rperlichen Grunderkrankungen eine besondere Problematik und k√∂nnen sich wechselseitig verst√§rken. Fach√§rzte f√ľr Psychosomatische Medizin k√∂nnen bei der Entscheidung, wie am besten vorzugehen ist, helfen. Hierbei werden k√∂rperliche, seelische und auch soziale Aspekte ber√ľcksichtigt. Doch h√§ufig mangelt es an effizienten Diagnose- und Behandlungsm√∂glichkeiten sowie fl√§chendeckender Versorgung: ‚ÄěAngesichts der vielen Betroffenen besteht die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen f√ľr diese Patientengruppe‚Äú, so DGPM-Pr√§sident Professor Dr. J. Kruse, √Ąrztlicher Direktor der Klinik f√ľr Psychosomatik und Psychotherapie in Gie√üen.

(Quellen: MedAustria, SOEPpanel 2013 (s.a. http://www.diw.de/soeppapers); DGPM-Pressemitteilung 02/2013)

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth√§lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst√∂rungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie√ülich psychischer und Verhaltensst√∂rungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf√ľgen aber nicht nur √ľber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf√§higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f√ľr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f√ľr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw√ľrfe zur Ver√∂ffentlichung freigegeben, die endg√ľltigen Fassungen werden dann f√ľr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl√§ge f√ľr den neuen DSM-V ver√∂ffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m√ľssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal √ľberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was √ľber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f√ľr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V√§ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da√ü die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T√ľren stattfinden, selbst ihm habe man einschl√§gige Ausk√ľnfte verwehrt. Sein Nachfolger f√ľr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au√üerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl√ľgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit√§t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro√üe Bedeutung solcher Diagnosem√∂glichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h√§tten sich diese Erwartungen aber nicht erf√ľllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl√§ssig feststellen lie√üen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers√∂nlichkeitsz√ľge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche √Ąnderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit√§t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f√ľnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr√§gt sind. Solcherart soll dem h√§ufigen Umstand besser gerecht werden, da√ü viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St√∂rung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k√∂nnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest√∂rt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k√∂nnte auch dazu f√ľhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f√ľr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f√ľr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den √Ąrzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l√∂st aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar√ľber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef√ľhrt, die ebenfalls f√ľr Diskussionsstoff sorgen d√ľrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr√ľhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k√∂nne zu einer verfr√ľhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn√∂tigen Stigmatisierung f√ľhren, Bef√ľrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr√ľher helfen zu k√∂nenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit√§tsst√∂rung) ist f√ľr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W√ľnschen Transsexueller d√ľrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit√§tsst√∂rung) geben.

Statt der bisher zw√∂lf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f√ľnf Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen geben, n√§mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St√∂rung. Damit w√ľrde auch das fr√ľher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f√ľr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef√ľhlsregulationsst√∂rung mit schlechter Stimmung” zu √ľbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef√ľhlsausbr√ľche und negativer Stimmungszust√§nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k√ľnftig von den “St√∂rungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w√ľrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f√ľr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver√§nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh√§ngigkeit wurde vollst√§ndig durch diejenige von St√∂rungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst√∂rung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh√§ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh√§ngigkeit, sondern von substanzbezogenen St√∂rungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst√∂rungen f√§llt. Ein Pendant f√ľr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m√∂chte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen√ľgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f√ľr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k√∂nnte alternative L√∂sungsm√∂glichkeiten ins Abseits dr√§ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst√∂rungen d√ľrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R√§tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel√∂st werden.” (tp)

(Quellen und Ausz√ľge aus: tp, Science 02/2010)

Jan 05

Eine kleine Sammlung von Statistiken bez√ľglich der Versorgungslage, Finanzierung durch das Gesundheitssystem, Arzneimittel usw. in Deutschland, der Schweiz und √Ėsterreich, auf die ich im Laufe der Zeit stie√ü. Ich werde diese laufend erweitern bzw. aktualisieren.
Fallweise standen mir keine genauen Quellen zur Verf√ľgung – wenn jemand eigene Erg√§nzungen machen m√∂chte oder √ľber entsprechende Quellen verf√ľgt, diese bitte hier im Sinne der Allgemeinheit als Kommentar posten!

statBedarf an und Nutzung von Psychotherapie

  • in √Ėsterreich haben die registrierten Krankenstandsf√§lle aufgrund psychischer Erkrankung allein in den letzten 10 Jahren auf das 1,5-fache zugenommen, w√§hrend im selben Zeitraum die Krankenst√§nde allgemein gesunken sind. Im langj√§hrigen Vergleich nehmen auch Pensionierungen aufgrund von Invalidit√§t wegen psychischer Krankheiten stark zu (Quelle: HSV).
  • Zahl der √ĖsterreicherInnen in Psychotherapie: ca. 50.000.
    (diese Zahl betrifft allerdings nur jene, deren Therapie zumindest teilweise von den Krankenkassen mitfinanziert wird, die Zahl der Privatzahler ist unbekannt).
  • nach aktuellen epidemiologischen Studien leiden 25 % einer 25 ‚Äď 45‚Äďj√§hrigen Gro√üstadtbev√∂lkerung und rund 10 % der l√§ndlichen Bev√∂lkerung √ľber 15 Jahre an einer behandlungsbed√ľrftigen psychischen St√∂rung mit Krankheitswert gem√§√ü dem ICD-10.
  • Es wird jedoch davon ausgegangen, dass nur 35 % der Personen, die eine Psychotherapie brauchen, f√ľr eine solche auch motivierbar sind. Daraus abgeleitete Sch√§tzungen zum ‚Äětats√§chlichen‚Äú Psychotherapiebedarf gehen davon aus, dass 2,1 bis 5 % der Gesamtbev√∂lkerung psychotherapiebed√ľrftig und -willig sind (= 170.000 bis 400.000 Personen). Dieser Sch√§tzwert inkludiert allerdings dar√ľber hinaus auch nicht Personen mit vor√ľbergehenden, leichteren oder nicht diagnostizierten psychischen Beschwerden und ist daher als absolute Untergrenze anzusehen.
  • Psychische Erkrankungen werden oft falsch diagnostiziert, was ebenfalls hohe Kosten verursacht: ein Gro√üteil schwerer psychischer St√∂rungen wird w√§hrend durchschnittlich 7 Jahre lang als k√∂rperlich verursacht fehlbehandelt.
  • √úber 18% der Invalidit√§tspensionen resultieren aufgrund
    psychischer/psychiatrischer Leiden.
  • Im Jahr 2000 nahmen sich in √Ėsterreich 1.588 Personen das Leben, das entspricht 0,2% der Bev√∂lkerung und mehr Toten als bei Verkehrsunf√§llen.
  • Nach in Deutschland vorgenommenen epidemiologischen Untersuchungen im Bereich der Gerontopsychiatrie treten psychische Erkrankungen bei den √ľber 65-j√§hrigen mit einer Pr√§valenz von 25 – 30 % auf, davon senile Demenzen in der 7. Lebensdekade in einer H√§ufigkeit von 5 %, in der 8. Lebensdekade von 10 % und in der 9. Lebensdekade von 20 %. Die senile Demenz vom Alzheimer-Typ macht dabei mehr als 2/3 der F√§lle aus. Im Moment rechnet man im Bereich der alten Bundesl√§nder mit einer Zahl von 1 Millionen von dieser Krankheit betroffenen Menschen. Vaskul√§re oder Multi-Infarkt-Demenzen machen allein oder gemischt mit dem Erstgenannten etwa 1/4 der F√§lle aus.

    Depressionen im h√∂heren Lebensalter kommen nach verschiedenen Studien in unserem Kulturkreis in 10 – 20 % der Bev√∂lkerung vor. Beachtenswert ist auch die insgesamt gro√üe Diagnosegruppe der Neurosen und Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen (√ľber 10 % der Gesamtpr√§valenz), die den hohen Psychotherapiebedarf in dieser Altersgruppe untermauern. Bedeutsam ist die h√∂here Suizidrate bei Depressionen im h√∂heren Lebensalter im Vergleich zu den j√ľngeren und mittleren Jahren, hier insbesondere die h√∂here Suizidalit√§t √§lterer depressiver M√§nner. Hier kommen auf vier Suizidversuche ein gelungener Suizid (in j√ľngeren Jahren 20 : 1). Die Suizidrate der Bev√∂lkerung √ľber 65 Jahren ist doppelt so hoch wie die der j√ľngeren Erwachsenen.(Quelle: AMWF, 1995)

Schwierigkeiten in der Psychotherapie

  • einer Untersuchung des Berufsethischen Gremiums des √ĖBVP aus den Jahren 1994-1998 zufolge (Neubauer, 1999) nahm die Nutzung der Beschwerdestellen im Beobachtungszeitraum zu (knapp 300 F√§lle)
  • die √ľberwiegende Anzahl der Anfragen und Beschwerden konnte telefonisch gekl√§rt werden
  • in ca. 1/3 der F√§lle wurde ein pers√∂nliches Gespr√§ch gef√ľhrt
  • in 42 F√§llen (ca. 15%) wurde zur Schlichtung Mediation angewendet
  • in den meisten F√§llen war eine verbale oder schriftliche Kl√§rung m√∂glich. In einigen F√§llen wurde eine finanzielle Abgeltung geleistet.
  • eine einzige gerichtliche L√∂sung kam vor, in zwei F√§llen wurde der Gerichtsweg beschritten
  • die meisten Beschwerdef√ľhrer sind mittleren Alters (21-50 Jahre)
  • die h√§ufigsten Gr√ľnde f√ľr die Kontaktaufnahme mit der Beschwerdestelle waren: Aufkl√§rungsw√ľnsche, Allgemeine Anfragen, Anfragen zu Kosten von psychotherapeutischen Behandlungen
  • seltene Gr√ľnde f√ľr die Kontaktaufnahme waren: Ausbildungsangelegenheiten, sexueller und anderer Mi√übrauch (innerhalb der 5 untersuchten Jahre wurden insgesamt 28 F√§lle von sexuellen √úbergriffen in Beschwerdestellen behandelt) 2

Finanzierung von Psychotherapie

  • etwa die H√§lfte der Psychotherapie-PatientInnen macht diese voll finanziert auf Krankenschein, die andere H√§lfte bezuschusst (21,80 Euro pro Sitzung). Die Zahl der Privatzahler ist unbekannt.
  • Lediglich 30 % der Aufwendungen der Krankenkassen f√ľr Psychotherapie betreffen die sog. “Kassenpl√§tze”. Der Gro√üteil der PatientInnen muss selbst die Differenz zwischen dem von den Krankenkassen gew√§hrten Zuschuss ‚Äď sofern dieser bewilligt wurde ‚Äď und dem Honorar der PsychotherapeutInnen begleichen.
  • derzeit verhandelt der √ĖBVP (√Ėsterr. Bundesverband f√ľr Psychotherapie) mit dem Hauptverband der Sozialversicherungen √ľber einen Gesamtvertrag f√ľr Psychotherapie, das sog. “Best-Practice-Modell”. Er k√∂nnte die H√§lfte jener Menschen, die Psychotherapie brauchen, in Behandlung bringen – entweder auf Krankenschein oder per Zuschuss von 41 Euro pro Stunde. Die Kosten davon w√ľrden ca. 40 Millionen Euro pro Jahr betragen, also etwa 0,5% der gesamten Gesundheitsausgaben in √Ėsterreich (Quelle: Interview mit √ĖBVP-Pr√§sidentin Eva M√ľckstein am 23.11.08 im Standard).
  • Bei allgemein steigenden Kosten f√ľr
    Medikamente rangieren Psychopharmaka bereits auf Platz drei, w√§hrend die Ausgaben f√ľr Psychotherapie, aber auch die Kostenzusch√ľsse f√ľr KlientInnen seit 1998 unver√§ndert geblieben sind.

Wirksamkeit von Psychotherapie

  • Im Jahr 2001 wurde eine Metaanalyse zu allen bis 1995 vorliegenden Kosten-Nutzen-Studien auf dem Gebiet der Psychotherapie durchgef√ľhrt. Die Studien zeigen, dass Psychotherapie im Vergleich zu routinem√§√üig eingesetzten medizinischen Behandlungsma√ünahmen nicht nur wirksamer, sondern auch kosteng√ľnstiger ist. Die zu erzielenden medizinischen und volkswirtschaftlichen Einsparungen √ľbersteigen die Kosten f√ľr einen vermehrten Einsatz von Psychotherapie bei weitem. Im Jahr nach Psychotherapiebeginn reduzierte sich die Nutzung medizinischer Dienste im Vergleich zum Vorjahr hochsignifikant:
    • Abnahme der Kliniktage pro PatientIn im Durchschnitt 5,6 Tage oder 54 %
    • Abnahme von ambulanten Arztkontakten pro PatientIn im Durchschnitt 4,2 Kontakte oder 26%
    • Reduktion von Arbeitsunf√§higkeitstagen je nach St√∂rungsbild und
    • Behandlungsprogramm zwischen 26 bis 100 %.
    • Signifikante Abnahme der Kosten f√ľr Psychopharmaka 34 Wochen nach Therapiebeginn.

    Das Kostenverhältnis beträgt 1 : 1,7 zugunsten der Psychotherapie.
    Psychotherapie auf Krankenschein kann insofern als ein Projekt der Nachhaltigkeit betrachtet werden.

  • Sowohl der Medikamentenkonsum als auch die H√§ufigkeit von Arztbesuchen nehmen nicht immer schon w√§hrend, aber drei Jahre nach dem Beginn einer Psychotherapie ab. Das ergab eine Studie der Nieder√∂sterreichischen Gebietskrankenkassa im Jahre 2006.

* die genaue Quelle ist unbekannt. Bitte um Feedback (√ľber Kommentar unten oder das Kontaktformular meiner Website), falls Ihnen Details oder sogar exakte Quellenangaben daf√ľr bekannt sind!
2 Quelle: Hutterer-Krisch, “Grundriss Der Psychotherapieethik“, 2007 (Springer-Verlag)
Beitrag aktualisiert: 31.01.2009

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