Jan 16
Hellinger bei Aufstellung

Hellinger bei Aufstellung*

Zuf√§llig bin ich k√ľrzlich auf Videos gesto√üen, die Sequenzen aus einem sog. “Aufstellungs-Seminar” von Bert Hellinger und seiner Frau zeigen, das diese in Russland durchf√ľhrten (soweit mir bekannt, im Jahre 2009). Im folgenden Abschnitt arbeitet Frau Hellinger mit einer Mutter und ihrer Tochter:

Was man hier sieht, entspricht allerdings in keiner Weise dem heute √ľblichen (psycho-)therapeutischen Handeln. Selbst in direktiven und provokativen Therapieans√§tzen respektieren Psychotherapeuten die Grenzen ihrer KlientInnen und versuchen einf√ľhlend herauszuh√∂ren, was diese ben√∂tigen! Sie passen ihr eigenes Handeln wie auch die Methodik ihres Vorgehens den Bed√ľrfnissen jener Menschen an, die in aller Regel seelisch verletzt sind und eine sichere Atmosph√§re ben√∂tigen. Was hier passiert, ist aber, wie unschwer zu erkennen ist, wiederholt und z.T. massiv grenz√ľberschreitend – und man fragt sich unweigerlich, wof√ľr das, das Hellinger insistierend von den Frauen fordert, denn eigentlich genau gut sein soll. Es ist schmerzvoll, mitanzusehen, wie sich beide innerlich winden, und was danach kommt und dann von Herrn und Frau Hellinger zu h√∂ren ist, macht mich regelrecht fassungslos.
Die rigoros eingeforderte Unterwerfung einer (von Hellinger axiomatisch vorgegebenen) Hierarchie gegen√ľber wird dann noch weiter auf die Spitze getrieben, als er nicht einmal w√§hrend der Nachbesprechung duldet, dass in der angespannten Atmosph√§re eine Frau mit ihrer Sitznachbarin zu tuscheln beginnt – statt vielleicht zu fragen, ob sie eine Frage oder etwas beizutragen hat, verweist er sie sogleich des Raumes und subsumiert danach l√§chelnd: “Jetzt sieht sie, wer hier der Gro√üe ist.”
In der systemischen Therapie sagen wir ja sogar: “Der Klient ist der ‘Chef’!” Wir unterstellen also, da√ü unsere KlientInnen in aller Regel sehr gut sp√ľren, wo ihre Grenzen liegen, es braucht also kein “Pushen” des Therapeuten, um Verbesserungen zu erzielen. Somit ist es doppelt schwer auszuhalten, dass Hellinger’s “Familienstellen” dennoch h√§ufig mit “Systemischen Strukturaufstellungen” verwechselt wird. Dieser Blog-Beitrag soll mit bei der Aufkl√§rung dar√ľber helfen, dass trotz der √§hnlich klingenden Begriffe beide Ans√§tze keineswegs dasselbe “beinhalten”.

Der zweite Ausschnitt schl√§gt in eine Kerbe, die leider ebenfalls zu Hellinger und seinem Weltbild geh√∂rt: jene, die Mitgef√ľhl mit den Opfern von Auschwitz und Wut den T√§tern gegen√ľber empfinden, selbst als T√§ter, und Auschwitz als “g√∂ttlichen Ort, heiligen Platz” zu bezeichnen, d√ľrfte sich f√ľr die meisten jener, die w√§hrend des 2. Weltkriegs Familienmitglieder verloren haben, wohl wie ein Schlag ins Gesicht anf√ľhlen. Terror, Genozid und andere grausame Verbrechen, die Menschen einander antun, sind also von einer sog. “h√∂heren Ebene” aus betrachtet gerechtfertigt, da sie Frieden und Entwicklung zur Folge haben? Friede und Entwicklung folgen vielleicht einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach Kriegen, vielleicht kann eine gewisse Form von “Reifung” Gewalttaten folgen – aber stehen sie deshalb auch in kausalem Zusammenhang? Warum sollte man sich √ľberhaupt mit Verhandlungen oder sonstigen Anstrengungen, L√∂sungen und Verbesserungen auf konstruktive Art zu erreichen aufhalten, wenn man damit die eigentliche L√∂sung, n√§mlich “Frieden durch Krieg” (und zahllose Tote und Verletzte) ja nur aufhielte? Selbst wenn man einen rein entwicklungshistorischen Standpunkt einnimmt, sind diese √Ąu√üerungen Hellingers (die immerhin die Grundlage seines Tuns mitdefinieren) in all ihren Konsequenzen an K√§lte wohl nur schwer zu untertreffen – haben aber nichts mit einer am Menschen, seiner Gesundheit und einer auch an einem gesunden sozialen Miteinander orientierten Psychotherapie zu tun. Diese n√§mlich ist h√§ufig genug mit den Folgen von Kriegen und Gewalt (und sei es “nur” psychischer Gewalt) konfrontiert und dann in aller Regel bem√ľht, die betroffenen Menschen dort in ihrem Schmerz und ihren erlittenen Verletzungen abzuholen, wo sie sind und eine neue Perspektive zu entwickeln – statt ihnen zu suggerieren, es h√§tte wohl so sein m√ľssen, und die “Rangordnungen” w√§ren nun einmal ebenso wie die damit verbundenen Folgen “anzunehmen”.

Ich hatte von Bert Hellinger schon seit l√§ngerer Zeit nichts mehr geh√∂rt, und war doch ein wenig erstaunt, da√ü er nun auch in anderen L√§ndern aktiv ist – zu alldem auch in einem davon, in dem Obrigkeitsh√∂rigkeit in weiten Teilen der Bev√∂lkerung auch heute noch tief verwurzelt ist. Ich bezweifle, dass seine in diesem Seminar get√§tigten Aussagen im heutigen Deutschland protestlos hingenommen worden w√§ren. Selbst mu√üte ich den Abspielvorgang √∂fters unterbrechen, weil mir beim Zusehen das Herz weh tat und ich erst mal wieder meine Gedanken sortieren mu√üte. Lange habe ich √ľberlegt, ob ich diesen Videos hier √ľberhaupt eine “Plattform” geben oder sie nicht nur im KollegInnenkreis teilen sollte, aber immerhin dienen weite Teile meiner Website der Aufkl√§rung und dem Bem√ľhen, die konstruktiven und hilfreichen Aspekte humanistisch orientierter und professionell ausge√ľbter Psychotherapie zu vermitteln. Ein Beispiel f√ľr etwas zu bringen, das therapeutischen Anspruch zwar erhebt, dabei aber Menschen verletzt (ja z.T. retraumatisieren kann) und von oben herab belehrt statt “mit den Menschen” zu gehen und ihnen zuzuh√∂ren, kann im Sinne eines Kontrasts hoffentlich ebenfalls Orientierungshilfe bieten.

Zuletzt m√∂chte ich gerade angesichts des von Hellinger f√ľr seine Methode verwendeten Begriffs der “Aufstellungen” darauf hinweisen, da√ü Systemaufstellungen – professionell durchgef√ľhrt und begleitet – auch v√∂llig ohne direktive Eingriffe und “Belehrungen” a’la Hellinger – starke und positive Wirkungen haben k√∂nnen. Sie sind methodisch eine Weiterentwicklung der sog. Skulpturarbeit, und wurden auch ihrerseits bis heute stetig weiterentwickelt. Nicht nur in Bezug auf Einzelpersonen, Familien und Gruppen werden sie bew√§hrt eingesetzt, sondern auch in Firmen, sozialen Einrichtungen, im Rahmen von Supervision, Coaching und Beratung sowie im Zuge der Einzeltherapie (z.B. mittels des sog. “Familienbretts”) sind sie anwendbar. Einen √úberblick k√∂nnen Sie sich in meinem einschl√§gigen Info-Artikel (siehe untenstehender Link) verschaffen. Um nicht nur zu vermitteln, wie es nicht ablaufen sollte, finden Sie hier eine Vorstellung an verf√ľgbaren, fachlich anerkannten und in ihrer Wirksamkeit nahezu durchwegs gut beforschten Therapiemethoden.

Weiterf√ľhrende Informationen:

Bild: martinbuchholz.com

Mar 25

Bild: MOD/Crown (c) 2012

Einer britischen Studie zufolge ist die Zahl der Verurteilungen wegen Gewalttaten bei ehemaligen Soldaten dreimal so hoch wie in der m√§nnlichen Gesamtbev√∂lkerung. Dies deckt sich mit Studien in den USA, wo Veteranen der Kriege im Irak und Afghanistan nach der R√ľckkehr in ihr ziviles Leben zu gewaltt√§tigem Verhalten in der Familie neigen und h√§ufig in die Kriminalit√§t rutschen. In den Gef√§ngnissen beider L√§nder befindet sich ein relativ hoher Anteil an Ex-Soldaten, die wegen Gewalttaten verurteilt wurden – so sind fast ein Zehntel der H√§ftlinge in britischen Gef√§ngnissen ehemalige Soldaten.

Naheliegend ist die Vermutung, dass viele der Menschen, die aktiv an Kriegseins√§tzen teilnehmen, nach ihrer Heimkehr unter posttraumatischen Belastungsst√∂rungen, Angst, Depressionen und anderen psychischen Folgen zu leiden haben. Doch es sollte auch untersucht werden, ob einer erh√∂hte Gewaltneigung auch schon vor dem Eintritt in das Milit√§r bestanden. Den Ergebnissen zufolge sind neben dem Geschlecht (v.a. M√§nner) und Alter (v.a. unter 30-J√§hrige) am st√§rksten untergeordneter Rang und schon vor dem Eintritt ins Milit√§r bestandene Gewaltt√§tigkeit Risikofaktoren f√ľr nach Verlassen des Milit√§rs begangene Gewalttaten. Die Teilnahme an Kampfeins√§tzen und auch das wiederholte Erleben traumatisierender Ereignisse erh√∂hen die Wahrscheinlichkeit, eine Gewalttat zu begehen, um das Doppelte gegen√ľber anderen Soldaten. Alkohol, posttraumatische Belastungsst√∂rungen und gegen sich selbst gerichtetes aggressives Verhalten (->Suizid-Risiko) nach der R√ľckkehr sind Risikofaktoren.

Wer schon vor dem Milit√§rdienst gewaltt√§tig oder aggressiv war, scheint sich eher zu Kampfeins√§tzen zu melden und neigt auch danach vermehrt zu Gewalt. Nach dem Milit√§rdienst verdoppeln sich die allgemeinen Straftaten beinahe. Die Ausbildung als Soldat mit Waffen schon scheint die Neigung zu Straftaten und Gewalt statistisch zu erh√∂hen. Zu begr√ľ√üen w√§ren insofern den Forschern zufolge Eignungsverfahren und Pr√ľfung auf registrierte Gewaltdelikte bereits bei den Eignungstests f√ľr das Milit√§r. Ob diese Forderung Chancen auf Umsetzung hat, ist freilich dahingestellt.

(Quellen: Telepolis [1], [2], The Lancet [1)

Oct 02

Welchen Eindruck die Medien und zahlreiche Politiker uns auch immer vermitteln wollen: ausge√ľbte Gewalt – sei es V√∂lkermord, Kriegsverbrechen, Menschenopfer, Folter, Sklaverei oder Mord – hat in der Geschichte in allen beobachteten Dimensionen und sowohl in Richtung ethnischer Minderheiten, Frauen, Kindern und Tieren deutlich abgenommen. Das zeigte eine auf der EDGE Master Class 2011 vorgestellte Studie von Harvard-Professor Steven Pinker.

Doch was sind die Gr√ľnde, die hinter dieser in Teilbereichen sogar √§u√üerst starken Abnahme von Gewalt stehen? Pinker f√ľhrt daf√ľr eine sukzessive Zunahme von Vernunft (‘escalator of reason‘) im Verlauf der Menschheitsgeschichte an. Die Zunahme von Alphabetisierung, Bildung, und die Intensivierung des √∂ffentlichen Diskurses ermutigt Menschen, abstrakter und universeller zu denken, was unweigerlich eine Verringerung der Gewalt zur Folge hat. Wenn sich die Engstirnigkeit und Kurzsichtigkeit von Menschen reduziert, wird es schwieriger, st√§ndig die eigenen Interessen anderen gegen√ľber durchzusetzen. Eine Zunahme von Vernunft f√ľhrt dazu, dass eine auf Tribalismus, Autorit√§t und Puritanismus beruhende Moral zunehmend durch eine auf Fairness und universellen Regeln basierende Moral ersetzt wird. Au√üerdem werden Menschen ermutigt, den hohen Preis und die letztendliche Nutzlosigkeit der Kreisl√§ufe von Gewalt zu erkennen – und Gewalt eher als eigenst√§ndiges Problem denn als einen zu gewinnenden Wettbewerb zu sehen.

Diverse intellektuelle F√§higkeiten, abzulesen √ľber Me√üinstrumente wie etwa IQ-Tests, haben seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts messbar und regelm√§√üig (ca. 3 IQ-Punkte pro Dekade, “Flynn-Effekt”) zugenommen. Ein steigender IQ ist jedoch auch ein Indikator f√ľr ansteigende Abstrahierungsf√§higkeiten. Menschen (und zwar sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene), die √ľber eine h√∂here Bildung und gemessene Intelligenz verf√ľgen, begehen weniger gewaltt√§tige Verbrechen, kooperieren mehr, denken liberaler, und sind weniger anf√§llig f√ľr rassistische, sexistische, fremdenfeindliche, homophobe Einstellungen und sie sind empf√§nglicher f√ľr demokratische Grundprinzipien.

Doch wir können nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass diese Entwicklung anhält. Eine Reduktion der Investitionen in Bildung und ein Abbau bzw. eine Aushöhlung demokratischer Institutionen und Grundprinzipien gefährden die Grundpfeiler, auf denen die Abnahme gesellschaftlicher und individueller Gewalt ruht.

(Quelle: A History of Violence, Edge Master Class 2011, Steven Pinker [9.27.11]

Vortragsvideo (engl.; 1:26h Рlädt vor Anzeige etwas länger):

Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewisserma√üen eine √úbersicht √ľber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

Häufigkeit

Nach Sch√§tzungen stirbt j√§hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tats√§chlich d√ľrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich h√∂her liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen L√§ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid tr√§gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesf√§llen bei und ist die zehnth√§ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, f√ľr das Daten verf√ľgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gef√§hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine √Ąnderung ergeben hat, und √§ltere Menschen, bei denen ein deutlicher R√ľckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD

Zur Regionalit√§t: innerhalb Europas liegen die Raten in den n√∂rdlichen L√§ndern generell etwas h√∂her als in den s√ľdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der t√§glichen Sonnenscheindauer schlie√üen l√§sst. Dennoch k√∂nnen andere L√§nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Gro√übritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesf√§lle auf Selbstt√∂tung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der¬†die Suizidh√§ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal geh√§uftes Auftreten von Suiziden erkl√§rt werden k√∂nnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” ver√∂ffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in j√ľngster Zeit in S√ľdkorea angestiegen: n√§mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbstt√∂tungen von M√§nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betr√§gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am h√∂chsten. Die OECD f√ľhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Aufl√∂sung der traditionellen Familienbindungen zur√ľck. Ob das allerdings S√ľdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegen√ľber den anderen L√§ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zur√ľckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach S√ľdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine √ľberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und √Ėsterreich (12,6; 27/100000 bei M√§nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegen√ľber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Gro√übritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den √ľbrigen OECD-L√§ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier t√∂ten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

Widerspr√ľchliche Daten zur sog. Gl√ľcklichkeitsforschung f√∂rderte bemerkenswerterweise allerdings eine¬†Studie zutage, die Zusammenh√§ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen L√§ndern die Selbstmordrate trotz gro√üer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabh√§ngig von harten Wintern, religi√∂sem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen L√§ndern (mehr):

Eine Erkl√§rungsm√∂glichkeit f√ľr diesen vordergr√ľndigen Widerspruch k√∂nnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid st√§rker empfunden wird. Gesellt sich zum pers√∂nlichen Lebensungl√ľck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses ver√§ndern zu k√∂nnen, kann Suizid von bestimmten Pers√∂nlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu √Ėsterreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. J√§hrlich sterben in √Ėsterreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 w√§hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamt√∂sterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erw√§hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Stra√üenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in √Ėsterreich immer weniger Autopsien durchgef√ľhrt werden, sinkt die M√∂glichkeite, Suizide von nat√ľrlichen Todesf√§llen zu unterscheiden. So zeigen sich in L√§ndern mit den h√∂chsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn h√∂here Suizidraten als in L√§ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in L√§ndern, in denen Autopsieraten zur√ľckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken √ľberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den Industriel√§ndern betr√§gt das Geschlechterverh√§ltnis bez√ľglich des Suizids etwa zwei bis vier (M√§nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische L√§nder zeigen ein kleineres Verh√§ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als M√§nner durch Suizid.

Risikofaktoren f√ľr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • m√§nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 M√§nnern, 5,2 bei Frauen)
  • fr√ľhere Selbstverletzungen
  • Homosexualit√§t
  • psychiatrische St√∂rungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • Milit√§rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben √Ąnderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit h√∂herem Suizidrisiko verkn√ľpft, das Risiko ist jedoch gr√∂√üer, wenn der niedrigere Spiegel √ľber Di√§ten anstatt √ľber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herr√ľhren k√∂nnte, dass Di√§t haltende Menschen ein h√∂heres Risiko f√ľr psychische Probleme h√§tten. Bislang jedoch l√§gen hierf√ľr keine bekr√§ftigenden Hinweise vor. Famili√§re Vorgeschichten mit Selbstt√∂tungen verdoppeln zumindest das Risiko f√ľr M√§dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar d√ľrftig ist, sind ein hohes Ma√ü an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivit√§t mit einem erh√∂hten Suizidrisiko verkn√ľpft. Suizidraten nehmen √ľber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf m√ľtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter Nichtbesch√§ftigten h√∂her als bei Berufst√§tigen. H√∂here Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verkn√ľpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den Berufst√§tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erh√∂htes Risiko: praktische √Ąrzte haben in den meisten L√§ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch √Ąrztinnen generell das h√∂chste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den √Ąrzten gelten An√§sthesisten als besonders gef√§hrdet, denn f√ľr viele Suizide werden bet√§ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahn√§rzte, Apotheker, Tier√§rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

Sexualität, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten L√§ndern unter den √§lteren Menschen am h√∂chsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der j√ľngeren Bev√∂lkerung gestiegen, insbesondere bei M√§nnern. Suizide werden am h√§ufigsten im Fr√ľhling ver√ľbt, auch da besonders unter M√§nnern. Im Fr√ľhling oder Fr√ľhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erh√∂htes Suizidrisiko. Amerikaner europ√§ischer Herkunft haben h√∂here Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls h√∂here Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und st√§rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal h√∂her als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der Sexualit√§t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen M√§nner eher gewaltt√§tige Mittel der Selbstt√∂tung (zum Beispiel durch H√§ngen oder Erschie√üen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erkl√§rung f√ľr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen M√§nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich h√§ufig erfolgen. Verschiedene Bev√∂lkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in S√ľdasien verbrennen sich Frauen √ľblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden k√∂nnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat f√ľhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am h√∂chsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den l√§ndlichen Gebieten vieler Entwicklungsl√§nder ist das Verschlucken von Pestiziden die h√§ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verf√ľgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind Fr√ľhwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbstt√∂tungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst t√∂ten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer St√∂rung litten. Depressionen erh√∂hen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose h√§ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt √ľberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische Unterst√ľtzung. Das hei√üt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine ad√§quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbstt√∂tung bei Depressionskranken beinhalten fr√ľhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer St√∂rung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am h√∂chsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit√§tsst√∂rung (ADHS) und k√∂rperdysmorphe St√∂rung (KDS) erh√∂hen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erkl√§rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergr√∂√üernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. √úberraschenderweise weisen Menschen mit erh√∂htem Body-Mass-Index BMI ein zwar st√§rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent R√ľckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter K√∂rperoberfl√§che beim BMI). Die Gr√ľnde hierf√ľr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen k√∂rperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch √ľber die Kindheit hinweg, die gesamte Bev√∂lkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, m√∂glicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erh√∂htem Risiko, und Suizidh√§ufungen k√∂nnen in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren f√ľgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die √ľber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bev√∂lkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen k√∂nnen.”

J√ľngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, da√ü Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren k√∂nnen. Dazu konnten Sie hier im Blog schon fr√ľher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich h√∂her als bei √Ąlteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen daf√ľr liegen h√§ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im fr√ľhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe Plastizit√§t auf und ist durch √§u√üere Einfl√ľsse sehr ver√§nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachl√§ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren f√ľr sp√§tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzuf√ľgen. Das Ausdr√ľcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstm√∂rder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund f√ľr die immer fr√ľher auftretenden Depressionen nennen Experten die fr√ľhere Pubert√§t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es f√ľr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu √ľberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu k√∂nnen, w√§re ein schwierig zu erf√ľllender, da eine gro√üe Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tats√§chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien k√∂nnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bev√∂lkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbstt√∂tungsgedanken und ‚Äďpl√§nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschl√§gige Ausbildung und Vorgangsweise von √Ąrzten wichtig: Studien aus den nordeurop√§ischen L√§ndern belegen einen R√ľckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemein√§rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In F√§llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Ma√ünahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und √úberwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Au√üerdem m√ľssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verkn√ľpften psychiatrischen St√∂rung eingeleitet werden.

Auch eine Ver√§nderung des allgemeinen Zugangs zu gef√§hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einf√ľhrung von Sicherheitsgittern auf Br√ľcken und verst√§rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den l√§ndlichen Gebieten der Entwicklungsl√§nder k√∂nnen die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, k√∂nnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, da√ü Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden w√ľrden, ihr Ziel umzusetzen, mag √ľberrascht sein, da√ü z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbstt√∂tungen drastisch zur√ľckgingen, w√§hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit h√∂chste Suizidrate und konnte diese durch Pr√§ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschl√§ge und Hinweise f√ľr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung S√ľdkoreas (das j√ľngst den weltweit st√§rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mu√üte, siehe oben) zur Pr√§vention u.a. auch Internet-Sperren einf√ľhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen √ľber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage daf√ľr geschaffen werden, dass die Polizei die pers√∂nlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen √ľber Selbstmord gel√∂scht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsl√§ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industriel√§ndern erfolgt, die h√∂chste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsl√§ndern zu finden ist. Auch wird von einschl√§gig Forschenden auch eine j√ľngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten l√§sst, dass das Risiko f√ľr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit St√∂rungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angeh√∂rige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht pl√∂tzlich zur√ľckzieht, gedr√ľckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “Pr√§suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen dar√ľber zu sprechen. Dennoch sind die M√∂glichkeiten der Angeh√∂rigen h√§ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von au√üen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich √ľberfordert f√ľhlt oder das Gef√ľhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu k√∂nnen.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen F√§llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erh√§rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische St√∂rungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen St√∂rungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben f√ľhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben k√∂nnen. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen k√∂nnen mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausf√ľhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfa√üt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Präsuizidales Syndrom Рerkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-√úberlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid

Sep 22

Auch wenn die schlimmsten Bef√ľrchtungen √ľber die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine gesch√§tzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder √ľbertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, ver√∂ffentlichte.

Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten sp√§ter √§hnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am gr√∂√üten waren, wenn die M√ľtter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Stre√ükompensation – auch hier fand man h√∂here Belastungen der Kinder, deren M√ľtter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die st√§rksten Symptome bei den Kindern, deren M√ľtter diese w√§hrend dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies m√∂glich?

Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.

Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, ver√∂ffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualit√§t der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Spr√∂√ülinge im Erwachsenenalter beeinflu√üt. Rattenjungen, die von ihrer M√ľtter w√§hrend der ersten Woche des Lebens regelm√§√üig umsorgt und geleckt wurden, konnten im sp√§teren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst w√§ren nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des K√∂rpers auf Stress ver√§ndern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von 1 Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Molek√ľle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.

Welpen, die ein hohes Ma√ü an Pflege und lecken erhielten, zeigten h√∂here Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivit√§t des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig beh√ľteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die F√§higkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den M√ľttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivit√§t. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivit√§t dieser Gene reduziert, was die hone Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivit√§t bei dieser St√∂rung erkl√§ren k√∂nnte. √Ąhnliche Effekte wurden seither auch bei Mi√übrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.

Hohe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Ver√§nderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen f√ľr die Stre√übew√§ltigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen √ľbertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren k√∂nnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erkl√§ren, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.

In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen √Ąnderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die f√ľr Lernen und Ged√§chtnis zust√§ndig ist. Epigenetische Marker k√∂nnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Letzten Monat berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von M√§usen √ľbertragen werden k√∂nnen, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Geb√§rmutter von ihren M√ľttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben k√∂nnten.

(Quellen: The Guardian 11.09.2011 (also:Image source);
Yehuda, R et al (2005): Transgenerational Effects of Posttraumatic Stress Disorder in Babies of Mothers Exposed to the World Trade Center Attacks during Pregnancy. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, DOI: 10.1210/jc.2005-0550;
Yehuda, R et al (2009): Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.02.03;
Sarapas, C et al (2011): Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. Disease Markers, DOI: 10.3233/DMA20110764

Mar 14

F√ľr eine Studie zur Auswertung von Kriegsverletzungen wurden die Daten von 34.000 Pentagon-Mitarbeitern ausgewertet, die zwischen 2004 und 2007 aus dem Irak und aus Afghanistan zur Behandlung in das Milit√§rkrankenhaus in Landstuhl gebracht wurden. Normalerweise wird nach zwei Wochen entschieden, ob die Soldaten wieder im Konfliktgebiet eingesetzt oder zur weiteren Behandlung in die USA geschickt werden. Den Studienergebnissen zufolge ver√§ndern sich offenbar die Arten von Kriegsverletzungen, mit denen Soldaten konfrontiert sind – oder zumindest die Klassifikationssystem und damit auch die Genauigkeit der Diagnosem√∂glichkeiten (R.L.Fellner). Im Ersten Weltkrieg standen bei den US-Soldaten noch Infektions- und Atemwegserkrankungen sowie Magen-Darm-St√∂rungen an erster Stelle, nun sind es Muskel- und Knochen- sowie R√ľckgratverletzungen (24%), die sich die Soldaten allerdings nicht vorwiegend im Kampfeinsatz, sondern im Training oder in der Freizeit zuziehen. Danach kommen mit 14 Prozent erst Verletzungen oder Erkrankungen im Kampfeinsatz: 10 Prozent davon sind neurologische, 9 Prozent psychische St√∂rungen und 7 Prozent Schmerzen in der Wirbels√§ule.

Im Ersten Weltkrieg kamen psychische St√∂rungen erst an 11. Stelle, das blieb auch noch im Zweiten Weltkrieg so, in dem aber auf Atemwegs- und Infektionserkrankungen bereits nicht mit dem Kampfeinsatz verbundene Verletzungen folgten. Im Vietnamkrieg lagen letztere schon an erster Stelle, psychische St√∂rungen stiegen auf Platz 6. Im ersten Golfkrieg standen bei den Einlieferungen ins Krankenhaus Verletzungen an erster Stelle, psychische St√∂rungen lagen an achter Stelle. Die neurologischen (13%) und die psychischen St√∂rungen (13%) haben somit die Kampfverletzungen (12%) √ľberschritten – zumindest derer, die in Landstuhl -also nicht vor Ort- behandelt wurden. In aller Regel wurden Soldaten, die wegen psychischen St√∂rungen behandelt wurden, nicht mehr in den Einsatz zur√ľckgeschickt. W√§hrend sich der Anteil der √ľbrigen Verletzungen und Erkrankungen nicht ver√§ndert hat, sind die psychischen St√∂rungen 2004/2005 um 32,4 Prozent, 2005/2006 um 3 Prozent und 2006/2007 um 61,9 Prozent gestiegen. In Afghanistan ist die Zahl zun√§chst leicht gesunken, dann aber 2006/2007 gleich um 225 Prozent angestiegen. Dieser Anstieg sei auch deswegen √ľberraschend, weil zur selben Zeit die Zahl der Psychologenteams zur Behandlung von Kampfstress stark angehoben wurde (Anmerkung R.L.Fellner: m√∂glicherweise ist dies aber schlicht dadurch erkl√§rbar, da√ü PTSD’s von Medizinern h√§ufig nicht diagnostiziert werden, einfach, weil sie zu wenig hinsichtlich psychischer St√∂rungsbilder ausgebildet und sensibilisiert sind).¬†Posttraumatische Belastungsst√∂rungen (PTSD) √ľberwiegen bei den psychischen St√∂rungen. Man geht davon aus, dass 11-17 Prozent aller in Afghanistan und im Irak eingesetzten Soldaten darunter leiden oder gelitten haben. (Quellen: The Lancet¬† Vol 375, Issue 9711, Pages 301 – 309, 23 January 2010, tp; Bild: US Air Force)

Nov 29

Posttraumatische Belastungsst√∂rungen (PTBS oder PTSD) r√ľckten w√§hrend der letzten Jahre ins Zentrum psychologischer Forschung. Sie entstehen, wenn Menschen lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt sind – etwa bei Naturkatastrophen, Attentaten, Mi√übrauchserfahrungen oder Kriegsgeschehnissen. Sch√§tzungen zufolge leiden beispielsweise bis zu 50% aller aus Kriegsgebieten zur√ľckkehrenden US-Soldaten an Formen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen. Doch PTBS sind nur schwierig und zumeist auch langwierig therapeutisch zu behandeln, auch wenn diverse medikament√∂se Ans√§tze mittels dem Stresshormon Cortisol, dem Betablocker Propranolo u.a. [1] und Psychotherapie (v.a. die speziellen traumatherapeutischen Ans√§tze der Hypnotherapie bzw. EMDR sowie kombinierte Ans√§tze wie etwa die nach Reddemann) deutliche Fortschritte brachten.

Neue Hoffnung kommt nun aus einer ganz unerwarteten Richtung: in einer zusammen mit der Studentin E. Ganon-Elazar durchgef√ľhrten und im Journal of Neuroscience ver√∂ffentlichten Studie [2] wird dargelegt, dass die Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren im basolateralen Kernkomplex der Amygdala (BLA) den verst√§rkenden Effekt von Stress bei der Konditionierung ausgleicht. Schon vor Jahren hatte der Pharmazeut Rafael Meshulam an der Jerusalemer Universit√§t positive einschl√§gige Wirkungen erzielt, als er es traumatisierten M√§usen verabreichte, nun konnten seine Ergebnisse in Versuchsreihen mit Ratten best√§tigt werden. Nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von Kroatien in einem Berufungsverfahren gegen einen Mann, der im Jugoslawienkrieg gek√§mpft hatte und seitdem an einer PTBS leidet, d√ľrfen Kriegsveteranen mit Posttraumatischen Belastungsst√∂rungen mittlerweile sogar Marihuana zur Selbstbehandlung z√ľchten. [3]

Quellen: [1] Andrea Naica-Loebell: “Die Pille f√ľr das Vergessen” in: telepolis Online-Magazin, 08/2005; [2] Ganon-Elazar, E. & Akirav, I. (2009), Cannabinoid receptor activation in the basolateral amygdala blocks the effects of stress on the conditioning and extinction of inhibitory avoidance. Journal of Neuroscience, 29(36):11078-11088; [3] Der Standard 04.06.2009. Bildquelle:cannabisculture.com)

Blog-Begriffswolke:
ÔĽŅ10.06.18