May 10

Das letzte filmische Werk des kontroversiellen Regisseurs Darren Aronofsky lie├č wohl viele Zuseher sprachlos und aufgew├╝hlt zur├╝ck – nun, wie so manche seiner Filme wie etwa auch ‘Pi‘…

In Black Swan lernen wir zun├Ąchst ein fragiles Doppelgespann kennen: Nina ist Ballett-T├Ąnzerin, und lebt ├╝berf├╝rsorglich kontrolliert und von der Au├čenwelt weitgehend gesch├╝tzt mit ihrer Mutter in New York. Ihr Zimmer wirkt wie ein Kinderzimmer, und sie selbst wie ein Teenager im K├Ârper einer jungen Frau. Ihre Mutter ist selbst Ex-Ballerina, und versucht ihre Tochter “mit Zuckerbrot und Peitsche” bei ihrer Karriere im New York City Ballet zu unterst├╝tzen. Emotionen bleiben dabei weitgehend unterdr├╝ckt und werden der Leistung und harten Arbeit untergeordnet sowie der Angst der Mutter, ihre Tochter k├Ânnte unter dem Druck der bevorstehenden Herausforderung – der Hauptrolle in einer Neuinszenierung von “Schwanensee” – in fr├╝here selbstdestruktive Verhaltensmuster (Selbstverletzung) zur├╝ckfallen. Die destruktive Beziehung zwischen beiden wird besonders in einer Szene illustriert, in der Nina’s Mutter zur Feier eine kitschige Torte vorbereitet. Als Nina erkl├Ąrt, keinen Appetit darauf zu haben, droht die Mutter in vorwurfsvollem Ton, die Torte wegzuwerfen. Nina lenkt ein – und mu├č daraufhin ein St├╝ck der Glasur vom ausgestreckten Zeigefinger ihrer Mutter lecken. Die Botschaft: die Mutter hat immer recht, und Nina hat sich gef├╝gig so zu verhalten, wie “man” (ihre Mutter) das von ihr erwartet.

Nina war offenbar schon vom fr├╝hesten Kindheitsalter an gezwungen, sich an den Erwartungen ihrer Mutter zu orientieren, die identische Berufswahl und die Ausrichtung ihres Alltags am Gelingen der Ballett-Karriere verst├Ąrken diesen Eindruck. Im Zuge der Arbeit am St├╝ck “Schwanensee” wird der Zuseher nun Augenzeuge einer zunehmenden Aufl├Âsung der Grenze zwischen dem, was in der kleinen Welt daheim vorzeigbar und “akzeptabel” ist, und den d├╝nkleren Seiten nicht nur der Welt drau├čen, sondern auch Ninas. Der Choreograph des St├╝cks beschleunigt diese Entwicklung durch seine Bemerkung, dass Nina zwar bestens f├╝r die Rolle des “wei├čen Schwans” geeignet, aber nicht leidenschaftlich genug sei, den “schwarzen Schwan” glaubw├╝rdig darzustellen. Vermutlich gef├Ârdert durch die Angst, die Hauptrolle zu verlieren, brechen sukzessive die “dunklen”, bisher von Nina in keiner Weise zugelassenen und ungelebten Seiten durch: sie zeigt Aggression, beginnt, ihren K├Ârper zu erforschen (sie beendet dies schockiert, als sie ihre Mutter im Raum erblickt) und sich in einzelnen Bereichen von ihrer Mutter abzugrenzen. Eine Kollegin verf├╝hrt sie zu einer rauschenden, ja trance├Ąhnlichen Nacht, von der Nina nach dem Erwachen nicht mehr sicher sagen kann, ob sie dabei tats├Ąchlich auch erste sexuelle Erfahrungen machte oder nicht. Immer ├Âfter bricht ab diesem Zeitpunkt die “andere” Seite durch: zun├Ąchst flackernd und sekundenlangen Dissoziationen ├Ąhnelnd, dann immer h├Ąufiger und l├Ąnger, wobei Nina zunehmend den ├ťberblick dar├╝ber verliert, was noch Phantasie, Wunschdenken und Einbildung, und was Realit├Ąt ist.

Das Thema der Spaltung und Dualit├Ąt zieht sich durch den gesamten Film und beklemmenderweise kann schliesslich nicht einmal mehr der Zuseher mit Sicherheit sagen, was denn nun tats├Ąchlich geschah und ob einige der verdr├Ąngten Phantasien Nina’s tats├Ąchlich durchbrachen – oder es bei diesen blieb. An diesen Stellen l├Ą├čt sich ansatzweise der be├Ąngstigende Zustand einsetzender psychotischer Sch├╝be und Dissoziationen erf├╝hlen.

Zunehmend zeigt sich jedoch, dass Nina durch die Integration der “anderen”, abgespaltenen Seite (in der Analytischen Psychologie C.G. Jung‘s: des “Schattens” bzw. des “Schatten-Selbst”)┬á insgesamt lebendiger und st├Ąrker wird. Nach der Integration der Gef├╝hlsaspekte des “schwarzen Schwans”: Eifersucht, Neid, Hass, Leidenschaft, Erotik und Sexualit├Ąt u.dgl., wird Nina “komplett”. Ohne das Ende des Films vorwegzunehmen zeigt sich aber auch, dass das brutale Hineingetrieben-werden in eine solche Erfahrung f├╝r die Betreffenden mitunter nur schwer verkraftbar ist, da die psychischen Strukturen um die damit verbundenen inneren Konflikte verarbeiten zu k├Ânnen, nur langsam wachsen – was Zeit (und h├Ąufig auch Psychotherapie) erfordert. Im Film ist jedoch meinem Eindruck nach der Weg das Ziel – die Darstellung eines pers├Ânlichen Entwicklungsweges, des in-Erscheinung-Tretens abgespaltener Pers├Ânlichkeitsanteile und Triebe, und schlie├člich die f├╝r uns alle herausfordernde ad├Ąquate Integration dieser Teile in den Alltag.

Insgesamt ein packender und aufw├╝hlender Film, den sich insbesondere Psychologie-Interessierte nicht entgehen lassen sollten!

Links zu den erw├Ąhnten Filmen:

´╗┐10.07.20