Nov 18

Die meisten Betroffenen gestehen sich selbst viel zu spĂ€t ein, ‘burned out’ zu sein.
(Photo credit: Flickr/Zach Klein)

Burnout” ist eines der diagnostischen Modeworte der letzten Jahre, und von daher nicht ganz ĂŒberraschend stiegen die Zahlen der entsprechend diagnostizierten Patienten exorbitant an –  deutlich stĂ€rker, als Faktoren wie “schwierige Wirtschaftslage” oder “gestiegener Druck am Arbeitsplatz” dies erwarten lassen wĂŒrden. Dies lĂ€ĂŸt die Vermutung zu, dass es sich hĂ€ufig um Verlegenheitsdiagnosen handelt, welche dann gegeben werden, wenn die vorliegenden Symptome von Patienten nicht eindeutig einem physiologischen Krankheitsbild zuzuordnen sind oder eine “problematischer” klingende Diagnose – und das ist z.B. “Depression” fĂŒr die meisten immer noch – vermieden werden soll.

Doch worum handelt es sich tatsĂ€chlich bei diesem Diagnose-Begriff “Burnout” und was beschreibt er genau? Wie kann man feststellen, ob man selbst an “Burnout” leidet?

WĂ€hrend der letzten Jahre wurde von Psychologen, Ärzten und Therapeuten fĂŒr die Diagnosestellung, PrĂ€ventions- und TherapieansĂ€tze des “Burnout-Syndroms” eine ganze FĂŒlle an Publikationen herausgebracht. Im Wesentlichen wird das Burnout-Syndrom dabei als Resultat einer chronischen Arbeits- oder interpersonellen Stressbelastung beschrieben, die sich in den drei Dimensionen emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung  / Zynismus und subjektiv empfundene reduzierte LeistungsfĂ€higkeit Ă€ussert (Maslach, C., 1976):

  • Emotionale Erschöpfung wird als der wesentlichste Aspekt des Syndroms betrachtet und zeigt sich als emotionale und körperliche Kraftlosigkeit.
  • Depersonalisation/Zynismus beschreibt eine gefĂŒhllose, abgestumpfte Reaktion auf Klienten wie z.B. SchĂŒler, Patienten, Kunden oder Mitarbeiter. Dieses Verhalten wird als Versuch interpretiert, Distanz zu schaffen.
  • Verminderte subjektive Leistungsbewertung beschreibt GefĂŒhle des Versagens und UngenĂŒgens, den zunehmenden Verlust des Vertrauens in die eigenen FĂ€higkeiten.

Der in der Psychologie verwendete und dort noch etwas genauer spezifizierte  Begriff, der den prozesshaften Verlauf des Burnout-Zustandes (im Unterschied zum Burnout-Syndrom) beschreibt, wird auf den in Frankfurt geborenen US-Psychologen Herbert Freudenberger zurĂŒckgefĂŒhrt, der diesen im Jahre 1974 auf der Basis persönlicher Überlastungs-Erfahrungen in seinem Buch “Staff Burnout” geprĂ€gt (und selbst vermutlich einer Novelle von Graham Greene entliehen) hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gail North definierte er 12 sogenannte “Burnout-Phasen”, die im Gesundheitswesen bis heute hĂ€ufig zum Zweck der Diagnose herangezogen werden. Die Symptome mĂŒssen allerdings weder in der beschriebenen Reihenfolge auftreten noch alle vorhanden sein, damit man laut H. Freudenberger / G. North1 von “Burnout” sprechen kann:

Die 12 Burnout-Phasen

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erfĂŒllen
  • Überarbeitung mit VernachlĂ€ssigung anderer persönlicher BedĂŒrfnisse und sozialer Kontakte
  • Überspielen oder Übergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und GeringschĂ€tzung Anderer
  • RĂŒckzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche VerhaltensĂ€nderungen, fortschreitendes GefĂŒhl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu anderen, das Leben verlĂ€uft zunehmend „mechanistisch”
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese GefĂŒhle durch Überreaktionen zu ĂŒberspielen (SexualitĂ€t, Essgewohnheiten, Alkohol und Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie GleichgĂŒltigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

Zu diesen psychischen Anzeichen kommen meist nach einiger Zeit des Leidens auch noch körperliche. Abgesehen von der reduzierten Performance und EffektivitĂ€t im Beruf wird bei “Burnout”-PatientInnen meist auch eine erhöhte AusschĂŒttung von Stresshormonen festgestellt. Die Betroffenen werden dadurch deutlich anfĂ€lliger fĂŒr Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems und zahlreiche andere psychosomatische und rein somatische (sind es diese dann noch?) Erkrankungen, aber auch Depression.

Und hier liegt das SchlĂŒsselwort, denn “Burnout” ist tatsĂ€chlich (zumindest derzeit) gar kein wissenschaftlich anerkannter Diagnosebegriff, weder im Klassifikationsschema ICD-10, noch im aktuell gĂŒltigen und vor allem im angloamerikanischen Raum hĂ€ufig eingesetzten DSM-IV. Und es sieht auch nicht danach aus, dass sich das in den derzeit in Begutachtung befindlichen nĂ€chsten Versionen dieser Manuals, dem ICD-11 und DSM-V Ă€ndern wĂŒrde. Wie also lĂ€sst sich “Burnout” medizinisch korrekt definieren und wie ist es von anderen Störungsbildern abzugrenzen?

Emotionale Erschöpfung: es gibt starke Parallelen zwischen dem Auftreten beider Störungsbilder, auch kann emotionale Erschöpfung unbehandelt in Burnout mĂŒnden.

– Auch zwischen Schlafstörungen und Burnout bestehen ZusammenhĂ€nge und Wechselwirkungen: der Schlaf wird von vielen Burnout-Patienten als mangelhaft und nicht erholsam beschrieben, tagsĂŒber besteht hĂ€ufig SchlĂ€frigkeit und mentaler Energiemangel. Umgekehrt können Schlafprobleme einen Risikofaktor fĂŒr spĂ€teres Burnout darstellen.

Stress und Psychosomatik: akuter Stress kann kardiale Störungen, Herzinfarkte und Diabetes Typ-2 auslösen. Chronisch höhere Spannungen in der Arbeit wiederum fĂŒhren zu erhöhter Kortisol-AusschĂŒttung, die ihrerseits die Bildung des metabolischen Syndroms mit HyperlipidĂ€mie und arterieller Hypertonie begĂŒnstigt. Die hĂ€ufig stressbedingten gesundheitsschĂ€digenden Verhaltensweisen, etwa erhöhter Nikotin- oder Alkoholkonsum und schlechte Planung körperlicher und psychischer Erholung, dĂŒrften nach einiger Zeit auch ohne körperliche Stressreaktionen massivste Auswirkungen zur Folge haben. Bemerkenswerterweise scheinen Frauen vor allem auf muskuloskelettaler und Stoffwechselebene zu reagieren, MĂ€nner dagegen nahezu ausschließlich auf kardiovaskulĂ€rer Ebene.

Depression: Die hĂ€ufigsten Fehldiagnosen finden vermutlich im vielen Ärzten und Therapeuten nur vage bekannten Graubereich zwischen Depression und “Burnout” statt. Ahola und Hakanen (2007) schlussfolgern auf Basis ihrer Untersuchungen, dass Burnout und Depressionen nicht gleichzusetzen sind, dass aber chronische Stressbelastungen ĂŒber Burnout-ZustĂ€nde in Depressionen mĂŒnden können. So steigt bei zunehmendem Schweregrad von Burnout die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, auf bis zu 50% an (Ahola, Honkonen et al., 2005). Iacovides et al. (2003) betrachten Burnout und Depression jedoch als zwei separate PhĂ€nomene und Krankheitskonzepte, die aber gemeinsame Charakteristika aufweisen. Auch ihnen zufolge mĂŒndet unbehandeltes Burnout in seiner schwersten Stufe letztlich hĂ€ufig in Verzweiflung und Depression.

Zum Vergleich mit den oben beschriebenen Spezifika von “Burnout” hier die Merkmale einer depressiven Episode gemĂ€ĂŸ ICD-10:

“Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedrĂŒckten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und AktivitĂ€t. Die FĂ€higkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. AusgeprĂ€gte MĂŒdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. SelbstwertgefĂŒhl und Selbstvertrauen sind fast immer beeintrĂ€chtigt. Sogar bei der leichten Form kommen SchuldgefĂŒhle oder Gedanken ĂŒber eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrĂŒckte Stimmung verĂ€ndert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf LebensumstĂ€nde und kann von sogenannten “somatischen” Symptomen begleitet werden, wie Interessenverlust oder Verlust der Freude, FrĂŒherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. AbhĂ€ngig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen.”

Es ist also davon auszugehen, dass ein betrĂ€chtlicher Teil der Menschen, die wegen „Burnout” eine lĂ€ngere Auszeit nehmen, de facto an einer depressiven Erkrankung leiden (wobei diese durchaus auch mit beruflichen Problemen in Zusammenhang stehen kann) – nĂ€mlich dann, wenn alle fĂŒr die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen vorliegen. Zur Depression gehört immer auch das GefĂŒhl tiefer Erschöpftheit, welches so manchen Arzt, Coach oder Therapeuten zur vorschnellen Diagnose “Burnout” verleiten dĂŒrfte, da dieser Zustand SelbstĂŒberforderung oder Überforderung durch außen als Ursache suggeriert. Doch fatalerweise ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsĂ€chliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung, was dann zu Fehlbehandlungen fĂŒhren kann. Viele depressiv Erkrankte etwa fĂŒhlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; doch nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche TĂ€tigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Das ist bei Burnout jedoch nicht so: hier wird als Teil der Behandlungsstrategie hĂ€ufig empfohlen, langsamer zu treten, lĂ€nger zu schlafen und Urlaub zu machen. Liegt jedoch tatsĂ€chlich eine depressive Erkrankung vor, wĂ€ren dies zumeist keine empfehlenswerten oder sogar gefĂ€hrliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf lĂ€ngeren Schlaf und eine lĂ€ngere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und weiterer Stimmungsverschlechterung. Auch sind Urlaube oder Krankschreibungen etwas, von dem vielen depressiv Erkrankten abgeraten wird, da man die Depression “mitnimmt” und der eigene Zustand mit Antriebsstörung, GrĂŒbeln und der UnfĂ€higkeit, irgendeine Freude zu empfinden, allein daheim oder im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedrĂŒckend und schmerzlich erlebt wird. Nicht selten treten gerade in solchen Situationen dann erste Suizidgedanken auf. Aus diesem Grund ist eine fachkundige Diagnose, idealerweise durch Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten, die sowohl im Feld der Depressions- als auch der Burnout-Betreuung Erfahrung haben, dringend anzuraten. Nur eine korrekte Diagnose ermöglicht einen adĂ€quaten Therapieansatz sowie ein möglichst rasches Greifen des therapeutischen Angebots!

TherapieansÀtze bei Burnout-Symptomatik

Aufgrund der KomplexitĂ€t der möglichen Ursachen und ZusammenhĂ€nge, aber auch aus GrĂŒnden der hĂ€ufig schwierigen Abgrenzung der Ätiologie und gegenĂŒber anderen Störungsbildern steht am Beginn einer erfolgreichen Therapie eine sorgfĂ€ltige medizinische und psychotherapeutische oder psychiatrische, sowie ggf. eine schlafmedizinische Diagnose. Die Therapie richtet sich dann naturgemĂ€ĂŸ nach den Erkenntnissen dieser Diagnosestellung.

Bei leichteren Beschwerden ohne Depression genĂŒgen mitunter geringe Interventionen wie die Ausarbeitung alternativer Strategien fĂŒr das Arbeitsumfeld, Entspannungsverfahren und StressbewĂ€ltigungs-Techniken. Dies kann direkt am Arbeitsplatz (z.B. Arbeitspsychologe oder Coach) oder privat (Kurzzeit-Psychotherapie oder Coaching) geschehen.

Entspricht die Symptomatik jedoch einer depressiven Episode oder bestehen körperliche Symptome, die direkt oder indirekt mit einer Burnout-Symptomatik im Zusammenhang stehen, ist adĂ€quate und regelmĂ€ĂŸige Psychotherapie, nötigenfalls mit pharmakologischer UnterstĂŒtzung, bis zum völligen Abklingen der Symptome ĂŒber einen Zeitraum zumindest mehrerer Wochen indiziert. Ziel dieser Maßnahmen ist verbesserte StressbewĂ€ltigung (Coping) und PrĂ€vention (Coaching). Die Prognose ist i.d.R. gut; in EinzelfĂ€llen jedoch – etwa, wenn die Arbeitsstrukturen nicht adĂ€quat verĂ€ndert werden können und eine positive ArbeitsatmosphĂ€re nicht erreichbar scheint – kann aber auch eine radikale berufliche VerĂ€nderung oder ein vorĂŒbergehender Berufsausstieg (Krankenstand, Sabbatical,..) erforderlich sein, um eine vollstĂ€ndige Regeneration bzw. Rehabilitation zu erreichen.

Literatur zum Thema:
Depression
Burnout

Quellen:
Ahola K, Hakanen J. Job strain, burnout, and depressive symptoms: A prospective study among dentists. J Affect Disord. 2007;104:103-10.
Ahola K, Honkonen T, IsometsĂ€ E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A et al.: The relationship between job-related burnout and depressive disorders – results from the Finnish Health 2000 Study. J Affect Disord. 2005;88: 55-62.
Iacovides A, Fountoulakis KN, Kaprinis S, Kaprinis G. The relationship between job stress, burnout and clinical depression. J Affect Disord. 2003;75:209-21.
Maslach, C. Burned-out. Hum Behav. 1976;5:16–22.
Freudenberg HJ. Staff burnout. J Soc Issues. 1974;30:159–64.
Nil R, Jacobshagen N, SchĂ€chinger H, Baumann P, Höck P, HĂ€ttenschwiler J, Ramseier F, Seifritz E, Holsboer-Trachsler E. Burnout – an analysis of the status quo. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 2010;161(2):72–7.
Bildquelle: timsstrategy.com

Nov 13

In seiner mittlerweile berĂŒhmt gewordenen “Marshmallow-Studie” prĂ€sentierte der Psychologe Walter Mischel 4-JĂ€hrige mit einer Herausforderung: “Iß’ ein Marshmallow gleich jetzt – oder warte eine Weile und bekomme zwei!”

Einige begannen sofort zu essen, andere dagegen waren in der Lage, zu widerstehen. 14 Jahre spĂ€ter fand Mischel erstaunliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen: jene, die gewartet hatten, waren vertrauenswĂŒrdig geworden, selbstsicher und hatten guten schulischen Erfolg; jene, die nicht gewartet hatten, waren dagegen vergleichsweise impulsiv, stur, und schnitten deutlich schlechter bei einem Psychologischen Test ab, der die Problemlösungskompetenz mißt (SAT Reasoning Test).

Der wichtigste Unterschied aber war nach Prof. Philip G. Zimbardo, PhD, ihre zeitliche Perspektive: Menschen, die ihre Belohnung aufschieben können, sind auch in ihrer Entscheidungsfindung zukunftsorientierter, wĂ€hrend diejenigen, die eine sofortige Belohnung erwarten, an ihre gegenwĂ€rtigen BedĂŒrfnisse gekettet sind. Jede Entscheidung ist demnach durch unsere internale Zeitperspektive bestimmt, eine Art unbewusste Reaktion, welche von Faktoren wie Familie, Wirtschaft, Geographie, Bildung und Kultur geprĂ€gt ist. Wichtig sei eine Balance zwischen der Orientierung auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so Zimbardo – wenn man den dunklen Aspekten einer dieser Zeitebenen zu viel Aufmerksamkeit schenke, könne sich das desaströs auf unsere Gesundheit, Beziehungen und Finanzen auswirken.

Neigen Sie, das Leben in vollen ZĂŒgen zu genießen, haben aber nie genug Geld am Konto? Dann sind Sie gegenwartsorientiert, was sowohl das Potenzial fĂŒr große StĂ€rken, aber auch Risken hat: Gegenwartsorientierung findet sich einer einschlĂ€gigen Studie zufolge hĂ€ufig bei Spielern und Menschen, die riskante Formen von Sexualverkehr ausĂŒben, oft ist sie verbunden mit Drogenmißbrauch oder alkoholisiertem Fahren. Unter ihnen finden sich jedoch auch die am meisten energiegeladenen, freundlichen, spontanen und kreativen Menschen (Personality and Individual Differences Vol. 23, No. 6, p=1700).

Auch bei vergangenheitsorientierten Personen gibt es diese PolaritĂ€t: “Vergangenheits-Negative” glauben, die beste Zeit liege hinter ihnen, oder sie machen die Vergangenheit fĂŒr ihre aktuellen Probleme verantwortlich. “Vergangenheits-Positive” dagegen haben ein vergleichsweise hohes SelbstwertgefĂŒhl, schĂ€tzen Weisheit und zeigen Dankbarkeit. Aber beide Typen haben Probleme, wenn sie mit ihrem Denken zu sehr in der Vergangenheit verhaftet sind: es sind die sog. Fortschrittsverweigerer – sie zĂ€hlen in einer Welt der stĂ€ndigen VerĂ€nderung bald zu den Verlierern.

Hinsichtlich des materiellen und sozialen Erfolgs im Leben bewĂ€hrt sich offenbar ein leichter Hang zur Zukunftsorientierung, erlĂ€utert Zimbardo anhand Mischel’s Studie. Zukunftsorientierte Denker sind öfters erfolgreich, sparen Vermögen an und achten mehr auf ihre körperliche und seelische Gesundheit. Eine zu starke Zukunftsorientiertheit allerdings kann zu sozialer Isolierung fĂŒhren oder zur VernachlĂ€ssigung von Beziehungen, Sex und Schlaf zugunsten der Arbeit oder abstrakten Lebenszielen.

Das Wissen ĂŒber die zeitbezogene Denkorientierung kann helfen, Patienten in Bezug auf ihre Therapieerfolge besser einzuschĂ€tzen, vielleicht auch zu unterstĂŒtzen. Sowohl in der medizinischen Therapie, der Rehabilitation als auch in Psychotherapien sind Erfolge “vom Fleck weg” eher selten, zumeist muß eine Phase ohne deutliche VerĂ€nderung oder sogar UnwohlgefĂŒhle (in der medizinischen Therapie nicht selten auch Schmerzen) ausgehalten werden, um gute Heilungserfolge zu erzielen. Patienten, die Therapien frĂŒhzeitig abbrechen, sind meist vergangenheits- oder gegenwartsorientiert. Jene, die durchhalten, realisieren, daß es ihnen langfristig besser gehen wird, auch wenn es im Moment unangenehm ist oder gar weh tut.

Insofern ist es wichtig, Patienten zu helfen, diese Dynamik zu verstehen, sie dabei zu unterstĂŒtzen, ihre Perspektiven je nach Notwendigkeit flexibel anzupassen und damit ihr Potenzial besser zu nĂŒtzen. “Wenn es Arbeit zu erledigen gibt, seien Sie zukunftsorientiert. Nach der Arbeit aber legen Sie eine Pause ein, gönnen Sie sich eine Massage, belohnen und verwöhnen Sie die hedonistische Seite in Ihnen”, sagt Zimbardo. Auf die Balance kommt es an.”

(Photo credit: creatas; Quelle: Focus.de)

ï»ż10.06.18