Nov 05

Sexuelle Lustlosigkeit belasted zumeist beide Beziehungspartner stark. (photo source: doesitreallywork.org)

“Sind Sexualprobleme bei Frauen eher psychischer oder körperlicher Natur? Welche Faktoren spielen da mit?”

Man ist in diesem Bereich auf SchĂ€tzungen angewiesen, da zu diesem Thema sehr unterschiedliche Studien existieren. Manche Studien behaupten bis zu 80% körperliche (i.d.R. stoffwechselbedingte / hormonelle) Ursachen, andere vermuten mehr als 70% psychische GrĂŒnde fĂŒr sexuelle Lustlosigkeit bei Frauen. Das Problem fĂŒr die Betroffenen: sie können sich gewissermassen “aussuchen”, welchen Theorien sie Glauben schenken und sind am Ende so schlau wie zuvor… Seriöse Ärzte oder Therapeuten werden deshalb – letztlich auch, beide AnsĂ€tze respektierend – beide ErklĂ€rungsmodelle prĂŒfen.

Besonders im Fall lang anhaltender und emotional unerklĂ€rlicher sexueller Lustlosigkeit ist somit zunĂ€chst eine Ă€rztliche AbklĂ€rung empfehlenswert, um körperliche Ursachen wie etwa Störungen des Hormonspiegels, Stoffwechselerkrankungen u.dgl. auszuschliessen. Werden dabei keine eindeutigen Hinweise gefunden, dĂŒrften zumindest psychische Mit-Ursachen vorliegen – von denen aber gibt es viele, die in Frage kommen. Bei Frauen unterscheiden sich diese meinen Erfahrungen in der Sexualberatung zufolge ĂŒbrigens bemerkenswerterweise gar nicht so sehr von jenen, die auch bei MĂ€nnern zu sexuellen Problemen fĂŒhren können: etwa Probleme in der Partnerschaft, sexueller Leistungsdruck oder Depression, um nur einige davon zu nennen.

“Was gibt es fĂŒr Therapiemöglichkeiten – psychologisch und medikamentös?”

Wenn eindeutige physiologische Ursachen gefunden werden, ist eine medikamentöse Therapie sinnvoll, etwa die Einnahme von Testosteron bei hormonell bedingtem Libidoverlust. Viele Frauen sind zunĂ€chst ĂŒberrascht, wenn sie dies hören, da Testosteron bekanntlich doch ein “mĂ€nnliches” Sexualhormon ist. TatsĂ€chlich aber wird es auch in den weiblichen Eierstöcken produziert, wenn auch in weitaus geringeren Mengen als es in den mĂ€nnlichen Sexualorganen geschieht. Testosteron ist damit sozusagen ein “gender-neutrales” Hormon 😉 , das bei beiden Geschlechtern eine wichtige Rolle fĂŒr den Sexualtrieb und sexuelle Lust, aber auch wie bei den MĂ€nnern fĂŒr Knochendichte und Muskelbildung spielt. Wichtig ist es mir allerdings, darauf hinzuweisen, dass kĂŒnstliche Testosteron-Gaben speziell in höherem Alter indiziert sind, also dann, wenn die körpereigene Testosteron-Produktion abnimmt. Bis zu den weiblichen Wechseljahren sollten Testosteron-Behandlungen nur in AusnahmefĂ€llen erfolgen – denn speziell bei Frauen sind die Langzeitfolgen solcher Gaben noch nicht gut erforscht, bei MĂ€nnern haben sie sich als risikoreich (etwa durch ein deutlich gesteigertes Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken) erwiesen.

Die “Falle”, aber auch die Chance liegt in der BerĂŒcksichtigung der psychischen Komponenten, die ihrerseits ebenfalls die Produktion der Sexualhormone beeinflussen: diese Produktion lĂ€ĂŸt nach, wenn es uns schlecht geht, und sie nimmt zu, wenn wir glĂŒcklich sind und Lust auf unseren Partner haben. Es gibt eine enge Wechselwirkung zwischen unserem Hormonhaushalt, unserem psychischen Wohlbefinden und der sexuellen Lust. So wĂŒrde ich Betroffenen, die an sexueller Lustlosigkeit leiden, als ersten Schritt “daheim” empfehlen, sich zu fragen, ob sie in ihrer Partnerschaft glĂŒcklich sind und aktuell einen entspannten Zugang zur SexualitĂ€t haben.
Wenn dies nicht der Fall ist oder auch keine klaren körperlichen Ursachen identifiziert werden können, wĂ€re es im Sinne sexueller Zufriedenheit empfehlenswert, sexualtherapeutische Beratung einzuholen. HĂ€ufig gelingt es meiner Erfahrung nach recht rasch, zumindest den Ursachen der “gebremsten Lust” auf die Spur zu kommen. Wie diese dann zu aufzulösen sind, ist natĂŒrlich von Person zu Person (und mitunter von Paar zu Paar) sehr unterschiedlich.

(Interview mit A. Iiosa / “Die Presse”, Nov 2012)

ï»ż01.09.19