May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigerma√üen versp√§tet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich k√ľrzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und r√ľcksichtslos agiert und schlie√ülich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtm√§√üigen Anteile betrogen. Sp√§ter werden auf Anraten der Anw√§lte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt –¬†dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit j√ľngste Milliard√§r.

Auch wenn nat√ľrlich keinerlei Sicherheit dar√ľber besteht, ob die dargestellten Pers√∂nlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die k√ľhle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits w√§hrend der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit M√§dchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der f√ľr “Aspies” h√§ufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine v√∂llige Au√üerachtlassung ihrer Gef√ľhle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog ver√∂ffentlicht und andere Vorf√§lle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines Gef√ľhls von Absurdit√§t nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verst√§rken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verst√∂rt, Freundschaften zerbrechen am Au√üerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder gesch√§ftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer St√∂rung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschl√§gigen Websites entnehmen kann, √ľbrigens auch den √ľberwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich h√§ufig durch hohes Talent, was spezifische F√§higkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder k√ľnstlerischen Berufen t√§tig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich ver√§ndernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum ann√§hert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verf√ľgt √ľber hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” f√ľhlen kann – wie w√ľrde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben tr√§fe … und w√ľrde man dies √ľberhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erh√∂hen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu h√§ufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter Ber√ľcksichtigung der Erkenntnisse √ľber Neuroplastizit√§t auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren pr√§frontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen F√§higkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erkl√§ren, dass wir immer h√§ufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen Mitsch√ľlern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktst√∂rungen neben Depressionen zur Gruppe zur am st√§rksten zunehmenden Gruppe psychischer St√∂rungen dieses Jahrhunderts geh√∂rt.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

Jan 16

Psychotherapie TV Serien FilmeFrasier Crane und sein Bruder Niles sind beide Psychiater in der popul√§ren NBC-Sitcom “Frasier“. Mafia-Boss Tony Soprano hatte seine Therapeutin in der Hit-Show “The Sopranos” auf HBO – einem Sender, der Psychotherapie mit “Tell Me You Love Me” und “In Treatment” vor√ľbergehend sogar zu einem Schwerpunkt seiner Neuproduktionen machte.

Doch all diese Darstellungen im TV f√ľhren Zuseher im Endeffekt weit seltener in die therapeutische Praxis, wie eine Studie an der Iowa State University (p=369) gezeigt hat. In ihr wurde untersucht, wie Exposition gegen√ľber Fernsehshows zu negativen Wahrnehmungen √ľber psychologische Dienstleistungen f√ľhren kann, die letztlich die Absicht verringert, solche Dienstleistungen auch selbst in Anspruch zu nehmen. Das Papier mit Titel “The Influenct of Television on Willingness to Seek Therapy” wurde 2008 in der Fachzeitschrift “Journal of Clinical Psychology” ver√∂ffentlicht.

Begleitend wurden die Indikatoren f√ľr die psychische Gesundheit und das professionelle Agieren der gezeigten “Profis” analysiert. Das Ergebnis war alles andere als g√ľnstig: “Die agierenden Therapeuten werden tendentiell unethisch dargestellt – sie schlafen mit ihren Klienten, induzieren falsche Erinnerungen oder sprechen mit Dritten √ľber ihre Klienten,” so D. Vogel, einer der Studienleiter. “Das sind Dinge, die bei echten Therapeuten fast nie geschehen, in einer TV-Show aber passieren sie viel h√§ufiger – vermutlich, weil sie die Spannung erh√∂hen.”

“Therapeuten werden h√§ufig auch als Possenrei√üer dargestellt, entweder als Spa√üvogel, so wie Frasier, oder als Zielscheibe des Spotts. In jedem Fall sind dies keine positiven Darstellungen, und zeigen nicht die F√§higkeit, das Fachwissen und die Ethik professioneller Therapeuten.”

Aber es ist nicht nur die Darstellung der Therapeuten, die Menschen von einer Therapie abhalten kann. Es ist auch die Darstellung derer, die in den betreffenden TV-Shows Unterst√ľtzung suchen: “Sieht man sich die Darstellung der Klienten an, wird es noch schlimmer… W√ľrden Sie eine Therapie beginnen wollen, wenn Sie mit einer derart negativen Wahrnehmung rechnen m√ľ√üten oder jemandem Inkompetenten anvertraut w√ľrden, der nicht in der Lage ist, Ihnen zu helfen oder Sie zu verstehen?” (R. L. Fellner: √ľberraschenderweise blieb der √ľberstarke Fokus auf Sexualit√§t in vielen dieser Serien in der Studie unerw√§hnt – einen Raum, den dieses Thema in regul√§ren Psychotherapien nur selten in dieser Intensit√§t einnimmt)

Weitere Analysen ergaben eine positive Korrelation zwischen der Exposition der Zuseher gegen√ľber Kom√∂die und Drama und deren Wahrnehmung einer Stigmatisierung bei der Suche nach professioneller Hilfe. Dieses Stigma wurde als Indiz f√ľr eine niedrigere Bereitschaft, professionelle psychosoziale Angebote in Anspruch zu nehmen, interpretiert. “Letztlich best√§rken diese Sendungen das Vorurteil, dass man als ‘verr√ľckt’ gilt, wenn man sich in Therapie begibt.”

Das ist ein Problem f√ľr diejenigen, die wirklich von professionellen psychosozialen Angeboten profitieren k√∂nnen. Laut Vogel hat aktuellen Studien zufolge etwa die H√§lfte der Bev√∂lkerung zumindest eine Situation in ihrem Leben erlebt, nach der psychologische Therapie hilfreich sein und die Lebensqualit√§t wieder erh√∂hen k√∂nnte – etwa 20% davon allein in einem einzigen Jahr. Aber in einem bestimmten Jahr werden nur von etwa 10% der Menschen, die von Therapie profitieren k√∂nnten, professionelle Hilfe gesucht

“Psychische Gesundheits-Dienstleistungen werden deutlich zu wenig genutzt, und das damit verbundene kulturelle Stigma ist daf√ľr ein Mitgrund”, so Vogel. “Und diese Studie legt nahe, dass diese kulturelle Stigmatisierung teils wegen der Art und Weise besteht, in der Therapeuten und ihre Patienten im Fernsehen dargestellt werden.”

(frei √ľbersetzt vom Originalartikel “TV Portrayals Of Mental Health Professionals Make Audiences Less Likely To Seek Psychological Services Themselves” auf Science Daily, issue 2008-05-01)

Hinweis: auf dieser Seite hier auf der Website finden Sie eine regelmäßig ergänzte Sammlung von Filmen (basierend aus dem Empfehlungen im Psychotherapie-Forum) zum Thema Psychologie, Psychotherapie und Spiritualität.

Aug 08

Dr. Fiona Wallice kann das “uneffiziente” Geschwafel √ľber “Tr√§ume” und “Gef√ľhle” nicht mehr h√∂ren. Sie entwickelt eine “optimierte” Therapiemethode: 3 Minuten via Webcam, so Wallice, seien wesentlich effizienter als die √ľbliche “50-Minuten-Stunde”, da diese h√§ufig zu langweilig w√§ren – bei nur 3 zur Verf√ľgung stehenden Minuten dagegen w√ľrden Patienten ein Gef√ľhl “einer Waffe an ihrem Kopf” versp√ľren und wesentlich rascher auf den Punkt kommen…

Obwohl nat√ľrlich schon im Vorhinein klar war, da√ü es sich bei der Serie nur um Parodie und Comedy handelt, konnte ich mich – der ich selbst Psychotherapeut bin – nicht selten beim Gedanken ertappen: “Um Himmels willen, wie kann sie nur?!!”¬†

Kein Zweifel: Fiona Wallice ist vermutlich die schlechteste Psychotherapeutin der Welt. Sie ist arrogant, geldgierig und ungeduldig. Sie ermahnt Patienten, keine wertvolle Sitzungszeit zu verschwenden, dr√§ngt sich aber st√§ndig selbst mit abstrusen Theorien, Anekdoten aus dem eigenen Leben oder alltagspsychologischem Nonsens in den Vordergrund. Mitunter versucht sie sogar, Klienten zu √ľberreden, ihre Sitzungen zu Werbungszwecken zur Verf√ľgung zu stellen. Ein Therapie-fauxpas jagt den anderen!

Nicht nur den “Klienten” (allesamt ebenfalls Schauspieler), auch einem selbst bleibt beim Zusehen h√§ufig der Mund offen stehen … aber es hat gute Gr√ľnde, warum diese Web-TV-Serie derzeit zum Beliebtesten geh√∂rt, was dieses Medien-Sujet zu bieten hat: die Dialoge finden angeblich weitestgehend spontan statt, und Lisa Kudrow (welche Fiona Wallice verk√∂rpert) erweist sich als schlagfertiges und brillantes Unterhaltungstalent. Nebenbei bietet die Serie ironische Blickwinkel auf den gegenw√§rtigen Trend in der Psychotherapie, nicht nur m√∂glichst rasche Heilerfolge zu erzielen, sondern diese idealerweise bequem von zu Hause aus – via Internet-Konferenz, noch w√§hrend man die letzten Bissen des Fastfood-Mittagessens verspeist! –¬† “zu erledigen”. Wer zuf√§llig den auf meiner Website ver√∂ffentlichten “Leitfaden zum Scheitern einer Psychotherapie” gelesen hat, wird viele der darin erw√§hnten “Tipps” wiederfinden. Ein zur Abwechselung mal reiner Unterhaltungs-Tipp f√ľr jeden Therapieerfahrenen!

Bisher wurden 3 Seasons der Serie mit insgesamt 45 Episoden ver√∂ffentlicht. Sie k√∂nnen von einschl√§gigen Websites heruntergeladen oder unter einem der folgenden beiden Links online angesehen werden (zumeist bestehen sie aus Mini-Serien von 2-3 Web-Konferenzen zu je 4-7 Minuten pro “Klient”):

http://www.lstudio.com/web-therapy/ (offizielle Website)
http://www.sidereel.com/Web_Therapy

Jun 28

Der k√ľrzliche Tod von Michael Jackson lie√ü wohl die wenigsten Menschen unber√ľhrt – selbst jene, die mit seiner Musik oder den von ihm entwickelten Tanzelementen nichts anfangen konnten. Wie nur wenige √∂ffentliche Ikonen polarisierte Jackson, und sein Lebensweg wurde in einem Ausma√ü von den √∂ffentlichen Medien verfolgt und kommentiert wie kein anderer. In krassem Kontrast zu unserer Aufmerksamkeitskultur wollte dieser K√ľnstler selbst diese Aufmerksamkeit jedoch niemals: bei seinen √∂ffentlichen Auftritten – selbst den inszenierten, vorbereiteten – erlebte man einen Menschen, der sich im Rampenlicht und unter Kamerascheinwerfern alles andere als wohlf√ľhlte und um Worte verlegen war. Als jemanden, dessen Beruf es ist, mich in andere einzuf√ľhlen, schmerzte es mich beinahe, diese Gewaltakte, zu denen Medienauftritte f√ľr ihn geworden waren, mitansehen zu m√ľssen. Seine Aussage, die bevorstehende Welttournee w√ľrde voraussichtlich gleichzeitig auch sein Abschied vom Pop-Business sein, war daher so glaubhaft wie von den wenigsten seiner Berufskollegen. Die Medien werden nat√ľrlich auch nach seinem Tod nicht ruhen – in den n√§chsten Wochen und Jahren wird man jedoch vermutlich Handfesteres als bisher √ľber die Hintergr√ľnde der dramatischen Metamorphose Michael Jacksons – von einem musikalischen Wunderkind in ein emotionales und auch k√∂rperliches Wrack, einen Schatten seiner selbst – erfahren als fr√ľher. Und vermutlich wird auch erst dann die volle Tragweite seiner Traumatisierungen durch einen gewaltt√§tigen Vater und den enormen Druck, dem er von fr√ľhester Kindheit an ausgesetzt war und der nie auch nur ansatzweise nachlie√ü, in vollem Ausma√ü erahnbar. Als Coping-Versuch kann u.a. die Verwirklichung eines seiner gr√∂√üten Tr√§ume, der sog. “Neverland-Ranch”, verstanden werden: ein in seiner Abgelegenheit Schutz bietender Kokon, ein Traumland inmitten der W√ľste, benannt nach der Phantasie-Insel in der Geschichte von Peter Pan, auf der Kinder niemals erwachsen werden (m√ľssen). Als Metapher f√ľr die Themen der Realit√§tsverweigerung, Weltflucht und Unsterblichkeit, dr√§ngen sich hier diverse Analogien zum Leben Jacksons geradezu auf.

Fr√ľhe Traumatisierungen und ein Gef√ľhl sozialer Isolation f√ľhren h√§ufig auch zu einer Affinit√§t zu Drogen – vor diesem Hintergrund ist die massive Abh√§ngigkeit Jacksons von Analgetika, Opiaten und Beruhigungsmitteln zu sehen, √ľber die erstmals bereits vor 15 Jahren Details an die √Ėffentlichkeit gelangten. Der Einstieg erfolgte wohl im Zuge der Folgetherapie der massiven medizinischen Eingriffe und Ver√§nderungen, welche Jackson an sich vornehmen lie√ü; die Suchtdynamik jedoch ist im Zusammenhang mit seinen psychischen Problemen wie etwa seiner Angst vor Infektionen, sozialen √Ąngsten, vermutlich auch K√∂rperdysmorphophobie und Anorexie, allesamt in psychotherapeutischen Praxen bekannte Problembilder, zu sehen – “nicht einmal” Jackson mit seinem enormen Stab an Betreuern und Beratern war offenbar vor der typischen Suchtdynamik wie Einengung, Abkapselung usw. gefeit. Vertraute berichteten, Jackson habe bez√ľglich seines Suchtverhaltens seit Jahren sukzessive eine Mauer um sich herum aufgebaut, hinter die nur wenige Zutritt erhielten: darunter tragischerweise exakt die Personen, welche die Abw√§rtsspirale, in der er sich befand, ebenso wie er selbst verdr√§ngten und negierten, ja teils sogar beschleunigten, indem sie ihn weiterhin mit den einschl√§gigen Arzneimitteln versorgten. Seinem sonstigen Umfeld wiederum scheint, wohl aus Angst vor den Reaktionen der Medien, der Mut gefehlt zu haben, wirkungsvolle Hilfsma√ünahmen einzuleiten. Gegen√ľber seiner Ex-Frau Lisa-Marie Presley hatte Jackson schon vor mehreren Jahren angedeutet, da√ü ihm ein √§hnliches Schicksal wie ihrem Vater bevorstehen k√∂nnte – was nun tats√§chlich der Fall gewesen zu sein scheint. Die bevorstehende Konzertserie mu√ü f√ľr Jackson unvorstellbaren Druck bedeutet und immense Versagens√§ngste ausgel√∂st haben, von den Proben durchgesickerte Details lie√üen die Frage aufkommen, ob er √ľberhaupt in der Lage gewesen w√§re, die Konzerte k√∂rperlich und psychisch durchzustehen. Michael Jackson hat versucht, diese Ausnahmevariante von Leben, in die er bis unmittelbar vor seinem Ableben wohl von Dritten stets mehr hineingedr√§ngt wurde als er es sich selbst gew√ľnscht und ausgesucht h√§tte, zu bew√§ltigen. Seine Eltern hatten ihn zu einer Ikone und Marionette geformt, welche sich alleine, ohne Ziehf√§den, zunehmends ausgeliefert und dem aggressiv-invasiven Leben drau√üen immer weniger gewachsen f√ľhlte. Nicht zuf√§llig geh√∂rten wohl Kinder in ihrer Unbefangenheit und Naivit√§t zu jenen, denen gegen√ľber er am ehesten Vertrauen und ihm sicher erscheinende Beziehungen aufbauen konnte, und die er schlie√ülich als eigentliche Zielgruppe seiner Bem√ľhungen – sowohl was seine k√ľnstlerischen, als auch seine sozialen und karitativen Ambitionen betraf – sehen wollte. Wie weit diese Vertrautheit mit Kindern in einzelnen F√§llen ging, war die Schl√ľsselfrage aufsehenerregender Prozesse, die seinem bereits angeschlagenen Image in der √Ėffentlichkeit wohl nicht wieder zu reparierenden Schaden zuf√ľgten. Michael Jackson – glitzernder “King of Pop” und sanftes, verletzliches Kind zugleich – hat versucht, dieses Leben auszuhalten, und wohl an einen bestimmten Punkt festgestellt, da√ü ihm Bet√§ubung nicht nur die Schmerzen seines K√∂rpers, sondern wohl auch den Schmerz an der Welt und seinen Lebensumst√§nden ein St√ľck weit erleichtern konnte. Und so beschleicht einen bei aller Betroffenheit die Vermutung, ob es sich der “Peter Pan” des Pop – in seinen Lebensumst√§nden und immanenten Zw√§ngen eingeschlossen wie ein Paradiesvogel in einem zu kleinen K√§fig – nicht ausgesucht haben oder zumindest in Kauf genommen haben k√∂nnte, diesen Weg, dessen Verlauf er wohl nur selten jemals das Gef√ľhl gehabt hatte, kontrollieren zu k√∂nnen, nicht mehr weitergehen zu wollen. Was Michael Jackson neben einem Berg an Schulden und offenen Fragen hinterl√§√üt, ist jedoch vor allem auch eines: ein zeitloses kreatives Verm√§chtnis und ein Reigen unverge√ülicher Erinnerungen vor den Plattenspielern und TV-Ger√§ten (Thriller“!) seiner abermillionen Fans.

ÔĽŅ25.06.19