May 03

Betrug, Verschuldung, MordfĂ€lle, Suizide, Liebeskummer, Depression, Psychosomatische Erkrankungen, Mittellosigkeit, DrogenabhĂ€ngigkeit, berufliche Perspektivlosigkeit, ZerwĂŒrfnisse mit der Herkunftsfamilie, StraffĂ€lligkeit in der Heimat,
 dies sind nur einige der GrĂŒnde (oder Folgen), wenn in Asien lebenden “Expats” eine RĂŒckkehr in ihre Heimat unmöglich erscheint. Ein Blick in die Zeitung genĂŒgt: viele der Pressemeldungen ĂŒber in Schwierigkeiten verwickelte westliche Expats beschreiben im Grunde Personen, die keinen Ausweg mehr sahen aus dem Spannungsfeld von Problemen hier in Asien einerseits und einem “nicht mehr zurĂŒck können” andererseits.

Auch wenn sich eine Auswanderung zunĂ€chst großartig anfĂŒhlt und viele der vorher bestehenden Probleme, Frustrationen oder “EngegefĂŒhle” zu beseitigen scheint – ĂŒber kurz oder lang treten entweder völlig neue und unerwartete Probleme auf oder die alten Probleme holen uns wieder auf die eine oder andere Weise ein. Denn nicht nur ist ein am Beginn der Auswanderung hĂ€ufig stark unterschĂ€tzter kultureller Umstellungsprozess zu leisten, sondern wir nehmen auch unseren “psychischen Problemrucksack” in das neue Land mit. Unsere “Macken”, SchwĂ€chen, Neigungen und AnfĂ€lligkeiten werden zunĂ€chst zwar vom HochgefĂŒhl der Auswanderung ĂŒberlagert, nach und nach aber merken die meisten Menschen auch im neuen Land, wie diese Schwachpunkte zunehmend fĂŒr Probleme und Schwierigkeiten sorgen. Ein Mensch, der in Europa unter Depressionen litt, wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Thailand frĂŒher oder spĂ€ter von der Depression eingeholt, jemand mit einer Neigung zu aggressivem Verhalten wird dieses nicht automatisch an der Grenze ablegen können, und es ist eher unwahrscheinlich, dass jemand, der schon im Westen Schwierigkeiten hatte, eine Lebenspartnerin zu finden, bei einem Barbesuch die ideale “Traumfrau” findet.

Das unangenehme Erwachen folgt jedoch hĂ€ufig erst Monate oder gar Jahre spĂ€ter – nicht selten zu einem Zeitpunkt, zu dem eine RĂŒckkehr in die alte Heimat schwieriger denn je erscheint, sei es aus finanziellen GrĂŒnden, aufgrund dorthin abgebrochener Beziehungen oder gar, weil eine RĂŒckkehr noch weitaus unangenehmere Probleme oder Fragen aufwerfen wĂŒrde. Die Folge ist ein GefĂŒhl des Gestrandet-seins … in einer Sackgasse, aus der nur mehr schwer zu entkommen ist. Viele Betroffene ertrĂ€nken dieses GefĂŒhl in Alkohol oder anderen Drogen, lenken sich mit OberflĂ€chlichkeiten ab oder das tĂ€gliche Leben wird zunehmend zu einem Wechselspiel zwischen Phasen von Aggression und Frustration.

Expat-Clubs sowie soziale Einrichtungen oder in NotfĂ€llen auch die lokale Landesvertretung können hier wichtige erste Orientierungsmöglichkeiten bieten. Wer seine Situation nachhaltig verbessern und die GrĂŒnde fĂŒr die wiederholten Schwierigkeiten im Sinne einer besseren LebensqualitĂ€t klĂ€ren und verĂ€ndern möchte, sollte professionelle Beratung bzw. Coaching suchen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:examiner.com)

Mar 13

Jeder von uns kennt mindestens einen von ihnen: unzufriedene Expats. Tja, vielleicht muss der eine oder andere Leser nur in den Spiegel blicken.

HĂ€ufige Beschwerden ĂŒber “die Thais” und die kleineren und grĂ¶ĂŸeren Ärgernisse des tĂ€glichen Lebens in Thailand, Klagen ĂŒber andere Expats oder stĂ€ndig um Krankheit kreisende Gedanken, ein GefĂŒhl von Einsamkeit, Langeweile oder latenter Ärger: all diese Symptome sind ganz typisch bei Menschen, die sogenannten kulturellen Stress erleben.

In den spĂ€ten 1960er Jahren beschrieb der amerikanische Anthropologe Kalervo Oberg das, was er als “Kulturschock” bezeichnete: hier folgt auf die sogenannte “Flitterwochen-Phase” (Idealisierung des Gastlandes und Freude ĂŒber die Auswanderung dorthin) die “Krisen-Phase” (emotionaler Stress und steigende Frustration, hĂ€ufig gepaart mit körperlichen Erkrankungen, Übergewicht, reduziertem Immunsystem und Verdauungsproblemen), spĂ€ter abgelöst von der “Erholungs-Phase” (Kennenlernen des Gastlandes, Erlernen der Sprache, das VerstĂ€ndnis kultureller Unterschiede) und schließlich der “Anpassungs-Phase” (Integration kultureller Unterschiede und Anpassung an das Gastland).

Allerdings haben einige Leute Schwierigkeiten, die Erholungs- und Anpassungs-Phase zu erreichen oder schwanken stĂ€ndig mit RĂŒckfĂ€llen in Phasen starken kulturellen Stresses, selbst nach vielen in der Fremdkultur verbrachten Monaten oder sogar Jahren. Sie leiden unter dem, was Experten als “Expat-Syndrom” bezeichnen. Der Grund fĂŒr derartige Schwierigkeiten ist ein Mangel an Anpassungs- und/oder KommunikationsfĂ€higkeit, ein Mangel an Informationen ĂŒber den adĂ€quaten Umgang mit kulturellem Stress, und schließlich können einige Expats einfach nicht akzeptieren, dass sich bestimmte Aspekte der anderen Kultur vermutlich nie Ă€ndern werden. Dies aber bedeutet, dass sie stĂ€ndig unter emotionalem Stress stehen – eine ernsthafte Belastung fĂŒr den gesamten Körper, die frĂŒher oder spĂ€ter zur körperlichen Krankheiten fĂŒhren kann. Psychologen beobachten sogar, dass viele Symptome von kulturellem Stress den Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung Ă€hneln.

NatĂŒrlich kann eine Beratung helfen, den kulturellen Anpassungsprozess zu fördern, doch es gibt auch Einrichtungen wie die Expat-Clubs, die eine sehr wertvolle Ressource an Erfahrungen darstellen, ebenso wie eine lange Liste an BĂŒchern, die sich mit kulturellen Unterschieden befassen und es erleichtern, unsere GefĂŒhle zu verstehen und unsere Situation zu verbessern. Gönnen Sie sich etwas und nĂŒtzen Sie diese Mittel, wenn Sie es einrichten können – denn schließlich kam jeder von uns ja ursprĂŒnglich hierher, um ein glĂŒcklicheres Leben zu leben, oder nicht?

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:gadling.com)

Jan 26

Migration kann indirekt krank machen. Das in etwa ist die Schlußfolgerung von Andrea Topitz, der Leiterin der Abteilung fĂŒr Transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen am AKH.

Besonders hĂ€ufig sei sie in ihrer TĂ€tigkeit mit PatientInnen konfrontiert, die entweder der Landessprache nicht mĂ€chtig sind – und daher ihre Probleme nur unzureichend oder gar nicht beschreiben können. Und gerade bei ungeklĂ€rtem Asylstatus verfĂŒgen sie hĂ€ufig auch ĂŒber keine Versicherung, was dann nicht nur fĂŒr die Patienten selbst problematisch und riskant ist, sondern auch fĂŒr die medizinischen Einrichtungen ein großes Problem darstellt. Gar nicht selten kommt es zu beidem: sehr geringe prachliche Ausdrucksmöglichkeiten der Patienten UND keine Versicherung.

Wie ich auch im Zuge meiner eigenen bikulturellen Arbeit immer wieder feststelle, ist der Einsatz von Kindern, Verwandten und Bekannten der Patienten und Klienten als “Gratis-Dolmetsch” nicht generell anzuraten: besonders wenn es auch um psychische Probleme geht, besteht dabei das Risiko einer Rollenumkehr oder einem Verlust von IntimitĂ€t und IntegritĂ€t.

Hinzu kommen kulturspezifische Faktoren in Behandlung und Beratung: “Psychosomatik gibt es in jedem Kulturkreis, aber der Umgang damit variiert”, schildert Topitz. So neigen etwa sĂŒdosteuropĂ€ische Frauen dazu, Schmerzen viel dramatischer und massiver zu schildern als Österreicherinnen: “Die Patientinnen drĂŒcken ihre Schmerzen anders aus, diffuser und weniger differenziert, es tut alles weh und stĂ€ndig, und auch die AffektlabilitĂ€t ist gesteigert, die Frauen weinen und klagen viel”, erzĂ€hlt Topitz. Die Schmerzen können dann ein Ausdruck fĂŒr die prekĂ€re Gesamtsituation sein, denn es ist leichter, ĂŒber körperliche Beschwerden eine Anlaufstelle und eine Ansprechperson zu finden. Der eine oder andere Arzt versorge dann die Patienten ohne Rezept mit Medikamenten, aber solche Maßnahmen können nur Tropfen auf den heißen Stein sein.

Die Patientengruppe der Migranten zeichne sich darĂŒber hinaus durch einen ĂŒbermĂ€ĂŸigen und wahllosen Umgang mit Medikamenten aus. Das kann unter anderem daran liegen, dass Ärzte normalerweise nicht die Möglichkeit haben, sprachunkundigen Patienten genĂŒgend Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen und diese mit Tabletten “abfertigen.”

Manche Klienten der transkulturellen Ambulanz stehen unter hohem Druck, weil ihr Aufenthaltsstatus nicht geklĂ€rt ist und sie stĂ€ndig von einer Abschiebung bedroht sind (Fellner: bzw. eine RĂŒckkehr in das Heimatland aus anderen, etwa finanziellen GrĂŒnden unmöglich erscheint). Solche UmstĂ€nde generieren einen Teufelskreis von Angst, RĂŒckzug und Schmerzen, aus dem die Patienten selbst mit Medikation und Betreuung kaum herausfinden können.

(Quellen: Der Standard v. 25.01.2011, Fellner, “Wenn zwei Welten aufeinander treffen – Bikulturelle Partnerschaft” (2011); Image src:womenhealthzone.com)

ï»ż12.08.20