Jun 25

“Man fĂŒhlt zwar keine physischen Schmerzen, trotzdem kann das Leid viel grĂ¶ĂŸer sein.” Dass Gewalt im Internet nicht weniger schlimm ist als reale, war eine der Kernaussagen von Carmel Vaismans Referat “Don’t Feed The Trolls. Countering The Discourse Patterns of Online Harassments”. Die israelische Kommunikationswissenschafterin sprach auf Einladung der UniversitĂ€t Wien ĂŒber Mobbing, Beschimpfungen und Erniedrigungen als PhĂ€nomen in Foren und Online-Medien und stellte ein  Stufenmodell virtuellen Fehlverhaltens vor.

Als mildeste Ebene bezeichnete sie das auf die Monty-Python-Wortschöpfung “Spam” zurĂŒckgehende Wiederholen informationsleerer bis -armer Inhalte. Über Flaming – polemische Kommentare, die immerhin noch einen Bezug zum Diskussionsthema haben – fĂŒhrt die Leiter zum bekannteren Trolling: Trolle sind Menschen, die Aufmerksamkeit erregen und Chaos stiften wollen, meist nicht argumentativ in Debatten eingreifen, sondern bloß einen Köder werfen, um Vertreter verschiedener Weltanschauungen gegeneinander aufzuhetzen.

Als weitaus schlimmere GrenzĂŒbertretung wertet Vaisman Stalking. Wiederholte unerwĂŒnschte Kontaktaufnahme kann wie auch offline als penetrantes Nachstellen empfunden werden: “Wenn es jemanden gibt, der Blogposts immer als erster kommentiert, in Facebook unter jedes Update zuerst auf ‘Like’ klickt und immer den ersten Retweet versendet, dann ist das zwar nicht verboten, fĂŒr die Betroffenen aber höchst unangenehm, weil sie stĂ€ndig das GefĂŒhl haben, jemand beobachtet in Echtzeit jeden Schritt, den sie virtuell setzen.” Auf der vorletzten Stufe platzierte Vaisman Cyberbullying – die systematische Verleumdung einer Person oder Gruppe, die sogar schlimmer sein kann als ihr Pendant im Real Life: “Das Mobbing am Schulhof oder im BĂŒro hört mit der Schlussglocke oder dem Feierabend auf, diverse Hassgruppen auf Facebook sind aber rund um die Uhr erreichbar und auch fĂŒr jedermann außerhalb von Schule oder Arbeit einsehbar.”

Als Kapitalverbrechen im Internet bezeichnet Vaisman schließlich die “virtuelle Vergewaltigung“. Der Begriff “Vergewaltigung” als SchĂ€digung der Person sei laut der Sozialwissenschafterin durchaus auch hier angebracht, “denn wir leben nicht nur offline, sondern auch online und die Online-Persönlichkeit besteht nicht neben, sondern als Teil unserer Persönlichkeit. Wenn nun jemand ein gefĂ€lschtes Profil von jemandem erstellt oder das richtige hackt, dort Telefonnummern, rufschĂ€digende Bilder oder wahre oder falsche Aussagen ĂŒber die sexuelle Ausrichtung oder Meinungen des Betroffenen veröffentlicht, dann ist das ein Missbrauch der Persönlichkeit, die tiefe Spuren hinterlĂ€sst. In letzter Zeit haben solche Aktionen nicht nur zu vermehrten Anzeigen, sondern sogar zu Selbstmorden gefĂŒhrt.” Hier wĂŒrde laut Vaisman am deutlichsten sichtbar, welch zweischneidiges Schwert die “Macht zu veröffentlichen” ist. WĂ€hrend frĂŒher Professionisten fĂŒr die publizierten Inhalte einstehen mussten, habe es heute jeder AchtjĂ€hrige in der Hand, vor einer qualifizierten Öffentlichkeit eine Verleumdungskampagne gegen seinen Lehrer zu starten.

Warum aber gehen die Menschen in Kommentaren, Foren und Facebook derart grob miteinander um? Der erste Gedanke fĂŒhrte Vaisman zur Annahme, dass die vermeintliche AnonymitĂ€t dafĂŒr verantwortlich sein könnte. Doch in den letzten Jahren zeigte das Klarnamensystem auf Facebook, dass viele Menschen auch unter Angabe ihrer vollen IdentitĂ€t vor Hassbekundungen nicht zurĂŒckschrecken. Vaismans finale These fußt in einer technischen und gleichzeitig biologischen BegrĂŒndung: der Mittelbarkeit des Mediums. Weil wir uns nicht persönlich gegenĂŒberstehen, sondern alleine vor dem Computer sitzen, falle eine Barriere, die laut Vaisman auch bei Skype zu spĂŒren ist: Man sieht sich zwar von Angesicht zu Angesicht und kann Gestik und Mimik des GegenĂŒbers einschĂ€tzen, trotzdem fehle online immer eine gewisse AuthentizitĂ€t zur persönlichen Kommunikation. So wĂŒrden manche User mit vollem Namen andere diffamieren, selbst wenn sie ihnen am nĂ€chsten Tag im BĂŒro begegnen – und sich dort nicht trauen wĂŒrden, die Beleidigungen persönlich zu wiederholen. Dieser Graben wĂŒrde laut Vaisman auch die Reaktionen auf die Absichten eines 19-JĂ€hrigen erklĂ€ren, der 2008 ĂŒber ein bekanntes Streaming-Portal seinen Selbstmord ankĂŒndigte und vor laufender Webcam vollzog: WĂ€hrend die meisten, wenn sie persönlich Zeuge eines Suizidversuchs wĂ€ren, die Polizei anrufen wĂŒrden, sahen im Internet 1.500 Menschen zu, von denen nicht wenige den jungen Mann aufforderten, den Schlussstrich unter sein Leben zu setzen.

(Quelle: Der Standard v. 24.06.2011; Image src:PsychologyToday.com)

May 23

Bei Kindern und Jugendlichen bewĂ€hren sich psychotherapeutische PrĂ€ventionsprogramme definitiv – die einjĂ€hrige Studie „Saving and Empowering Young Lives in Europe (SEYLE): Gesundheitsförderung durch PrĂ€vention von riskanten und selbstschĂ€digenden Verhaltensweisen“, die in Deutschland an der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg durchgefĂŒhrt wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse und wies eine Reduktion psychischer Probleme bei den teilnehmenden SchĂŒlern sowie einen deutlichen RĂŒckgang von depressiven Symptomen, selbstschĂ€digenden Verhaltensweisen und Selbstmordgedanken insbesondere bei MĂ€dchen nach.

Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von PrĂ€ventionsmaßnahmen zu ĂŒberprĂŒfen und effiziente Programme langfristig an bundesweit allen Schulen zu etablieren. Sie lief unter der FederfĂŒhrung des Karolinska-Instituts in Stockholm gleichzeitig in neun anderen EU-Staaten sowie Israel.

„Es gibt ein hohes Maß an gefĂ€hrdeten Jugendlichen, doch viele von ihnen kommen nicht bei den Therapeuten an”, erklĂ€rt Studienleiter R. Brunner. „Bei psychischen Problemen gibt es eine immer noch ausgeprĂ€gte Stigmatisierung.” Viele Jugendliche haben Angst, von ihren MitschĂŒlern ausgelacht zu werden. „Wir waren im Vorfeld mehrfach in den Klassen, um AufklĂ€rung zu betreiben”, sagt Studienkoordinator M. Kaess, „etwa darĂŒber, dass die vertrauliche Kommunikation mit den SchĂŒlern und ihre AnonymitĂ€t gewĂ€hrleistet sind.” Rund 70 Prozent entschlossen sich daraufhin zur Teilnahme.

Über 1.400 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren waren an der Studie beteiligt. Sie kamen von 26 Gymnasien, Real- Hauptschulen des Rhein-Neckar-Kreises und Heidelberg. ZunĂ€chst beantworteten die Acht- und NeuntklĂ€ssler bei der Eingangsuntersuchung im Januar 2010 einen Fragebogen, der unter anderem die Themenbereiche SuizidgefĂ€hrdung, Selbstverletzung, Angst, Depression, Delinquenz, gestörtes Essverhalten, exzessiver Medienkonsum, SchulschwĂ€nzen und Mobbing abhandelte. Je eines von vier PrĂ€ventionsprogrammen wurde den Schulen per Zufall zugeteilt. Beim sogenannten Professional Screening erhielten ĂŒber 60 Prozent der SchĂŒler aufgrund ihrer Antworten eine Einladung zu einem Interview. Bei 30 Prozent derer, die zum Termin erschienen waren, stellten die Psychiater einen Behandlungsbedarf fest.

In einem der anderen drei PrĂ€ventionsprogramme nahmen etwa 100 Lehrer an einem Training teil, dass sie in die Lage versetzte, betroffene Jugendliche zu erkennen und mit ihnen umzugehen („Gatekeeper-Training”). 450 SchĂŒler wurden im Rahmen von fĂŒnf Unterrichtsstunden ĂŒber riskante und selbstschĂ€digende Verhaltensweisen sowie den Umgang damit aufgeklĂ€rt („Awareness Training”). An anderen Schulen wurden den KlassenrĂ€umen Informationsplakate aufgehĂ€ngt und den Jugendlichen Visitenkarten mit den Kontaktinformationen der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgehĂ€ndigt („Minimal Intervention”).

Bei etwa 25 Prozent der SchĂŒler sank die SuizidgefĂ€hrdung im Laufe der Folgeuntersuchungen. Besonders bei den MĂ€dchen verringerten sich die psychischen Probleme. „Eine genaue Analyse der unterschiedlichen Gruppen und Wirkfaktoren steht noch aus”, betont Brunner. „Diese ersten Ergebnisse stellen ausschließlich Tendenzen bezogen auf die Heidelberger Gesamtstichprobe dar. Es fehlen allerdings noch genaue Analysen im Vergleich mit anderen EU-Staaten, die sicher noch weitere Erkenntnisse bringen werden.”

(Quelle: http://www.seyle.eu , Der Standard v 20.01.2011; Photo:Matthias Cremer)

Jul 30

Wurden Menschen als Kinder gemobbt, haben sie in der frĂŒhen Jugend doppelt so hĂ€ufig mit psychotischen Symptomen zu kĂ€mpfen als diejenigen, die nicht gemobbt wurden. Das Risiko steigt dabei mit der Dauer und der Schwere des Mobbings, wie eine Langzeitstudie mit 6.437 Kindern an der Warwick Medical School in Coventry, England, ergab.

Sowohl Kinder als auch Erwachsene hĂ€tten “hĂ€ufig” psychoseartige Symptome oder Erlebnisse (z.B. visuelle oder auditive Halluzinationen bzw. Dissoziationen, die Wahnvorstellung, bespitzelt zu werden oder die Überzeugung, ihre Gedanken an andere ĂŒbertragen zu können), ohne eine ausgewachsene psychische Erkrankung zu haben. Kleine Kinder, die diese Symptome hĂ€tten, erkrankten mit höherer Wahrscheinlichkeit als junge Erwachsene an Schizophrenie und Ă€hnlichen psychischen Störungen, ergĂ€nzen die Forscher, wĂ€hrend Traumata in der Kindheit ebenfalls mit dem Psychoserisiko im Erwachsenenalter in Zusammenhang gebracht worden seien.

Fast 14 Prozent der Kinder hatten definitive oder vermutliche psychotische Symptome, auch wenn dies Symptome einschloss, die auftraten, wenn die Kinder einschliefen oder aufwachten, Fieber hatten oder unter dem Einfluss von Medikamenten standen; 11,5 Prozent zeigten intermediĂ€re Symptome, das heißt sie hatten mindestens ein vermutliches oder definitives Symptom, das nicht im Zusammenhang mit Schlaf, Fieber oder Medikamenten auftrat; 5,6 Prozent hatten mindestens ein definitives Psychosesymptom. 46 Prozent dieser Kinder gaben an, im Alter von acht oder zehn Jahren schon einmal von Kameraden gemobbt worden zu sein – entweder durch direktes Mobbing oder durch “relationale” Viktimisierung, zum Beispiel ausgeschlossen zu werden -, wĂ€hrend 54 Prozent zu keinem der beiden Zeitpunkte viktimisiert worden waren. Kinder, die angaben, in einer der beiden Altersstufen gemobbt worden zu sein, hatten etwa mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit psychotische Symptome – unabhĂ€ngig von anderen psychischen Problemen, der Familiensituation oder dem IQ.

Wenn Kinder in beiden Altersstufen gemobbt wurden oder das Mobbing sehr schwerwiegend war (d.h., sowohl offen als auch relational), dann war ihr Risiko fĂŒr psychotische Symptome um das 4,6-fache erhöht. Auch wenn Kinder, die gemobbt werden, oft weniger durchsetzungsfĂ€hig und leichter mitgenommen seien als ihre Kameraden, welche nicht viktimisiert werden, schreiben die Forscher, deute die Tatsache, dass die Ergebnisse eine “Dosis-Response-Beziehung” zwischen Mobbing und psychotischen Symptomen zeigten, darauf hin, dass das Mobbing tatsĂ€chlich dazu beitrage, psychotische Symptome bei diesen Kindern zu verursachen – und nicht umgekehrt.

Um psychische Erkrankungen und Psychosen frĂŒhzeitig entgegenzuwirken, wĂ€re es daher ein lohnendes Ziel fĂŒr die öffentliche FĂŒrsorge, die Viktimisierung durch Kameraden und den daraus resultierenden Stress fĂŒr die Opfer zu reduzieren.

(Quellen: Reuter’s Health Jul 2009,  Archives of General Psychiatry; 2009, 66: 527-536, MedAustria. Photo Credit: Words Hurt/Concerned Children Adv.)

ï»ż01.09.19