Apr 01

Woran es sicherlich keinen Mangel gibt, sind Erfolgsberichte etwa über die positive Wirkung von ADHS-Medikamenten, zahlreiche einschlägige Artikel in der Fach- und etwas zeitversetzt dann in der Regel auch in der Laien-Presse. Häufig gehen im Zuge des Informationstransports bis zum Endkonsumenten auch die letzten Reste von Wissenschaftlichkeit verloren und weichen einem “Informationscharakter”: etwa wenn das Verhältnis von Erfolgs- und Mißerfolgs-Raten gar nicht mehr Erwähnung findet, sondern generalisierend von “mit Erfolg angewendet” oder “Erfolg in der Behandlung von ADHS mit Medikament XY” gesprochen wird. Wie in anderen Blog-Artikeln angeführt, investiert die Pharmaindustrie darüber hinaus deutlich höhere Anteile ihrer Einnahmen in das Marketing ihrer Produkte als in die Forschung, wobei allerdings nur der geringste Teil des Marketings aus expliziter Werbung besteht – viel häufiger werden themenorientierte Kongresse mitfinanziert (indirekte Werbung), Studien in Auftrag gegeben (bei denen dann zumeist die Wirksamkeit der eigenen Produkte bestätigt wird) oder andere vertriebsrelevante Kanäle gesponsert.

ADHD Kid (Image © 123rf.com)

Ein symptomatisches Beispiel für den sich durch diese Effekte schleichend verändernden Zugang der Bevölkerung zur Anwendung von Medikamenten ist der Bereich des Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS). Es muss sich dabei entweder um eine regelrechte Epidemie oder um eine Modediagnose handeln, denn bereits 7% aller Kinder (!) werden heute in den USA wegen ADHS behandelt. Warum jedoch dieses Störungsbild so häufig aufzutreten scheint, und wie dieser enorme Anstieg an Diagnosen tatsächlich zu erklären ist, wird wenig gefragt und ist bis heute in keine Weise geklärt. Bemerkenswert ist insbesondere auch der “shift” von ganzheitlichen Behandlungsmodellen zu rein physiologischen. So bestand noch vor wenigen Jahren ein weitgehender Konsens darüber, dass die Verhaltensstörungen der betroffenen Kinder und Jugendlichen aus verhaltensorientierter Psychotherapie (in die auch die Eltern einzubinden sind) bestehen, und nur in schweren Fällen Medikamente (damals vorrangig das bekannte Ritalin) verschrieben werden sollten. Heute dagegen scheint weitgehende Einigkeit darüber zu bestehen, dass eine simple Verabreichung der entsprechenden Medikamente die empfehlenswerte Art der Behandlung darstellt – jene Variante also, die für die Pharmakonzerne zweifelsfrei die vorteilhafteste, und für Eltern und Lehrer die bequemste Herangehensweise darstellt. Es existiert nun einmal keine Lobby für die kritische Reflexion jahrelanger Medikation von Minderjährigen mit Psychopharmaka.

Die Publikation kritisch-reflektiver Studien wie die eben von Psychiatern des Johns Hopkins Children’s Center geleitete aktuell größte Langzeitstudie zum Thema, welche im Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry veröffentlicht wurde, sind daher die Ausnahme. In ihr wurden 207 klinisch mit ADHS diagnostizierte Vorschulkinder (75 Prozent davon Jungen) untersucht. Weitere Testungen der Kinder erfolgten 3 Monate später, bevor die Kinder an andere Ärzte überwiesen und teils mit Medikamenten wie etwa Methylphenidat behandelt wurden. Nach 3, 4 und 6 Jahren wurden die Kinder erneut von Ärzten auf die ADHS-Symptome untersucht. Eltern und Lehrer beurteilten zusätzlich die Schwere der Kernsymptome Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität. Analysiert wurden die Veränderungen der Symptome über die Zeit und die Diagnose.

Die Ergebnisse sind zumindest für die Pharmakonzerne, aber auch für die Eltern und die behandelnden Ärzte, welche sich von einer medikamentösen Therapie ja Besserung oder Heilung erwarten, ernüchternd. Zwar ging bei einigen Kindern die Intensität der ADHS-Symptome zurück, bei der Mehrheit der Kinder bewirkten die Medikamente jedoch nichts, das ADHS blieb in diesem Sinne chronisch. Möglicherweise auch deshalb, da die jeweiligen Eltern und Ärzte sich ausschließlich auf die Wirkung der Medikamente verließen, dieser Aspekt wurde in der Studie jedoch nicht untersucht. Fest steht jedoch, dass 89% der an der Studie dauerhaft teilnehmenden Kinder auch nach 6 Jahren noch schwere ADHS-Symptome zeigten.

Bemerkenswerterweise war es praktisch egal, ob sie, wie zwei Drittel der Kinder, Medikamente erhielten oder diese abgesetzt wurden – daraus ließen sich keine Vorhersagen über die Stärke der Symptome ableiten. 62 der Kinder, die mit Anti-ADHS-Medikamenten behandelt wurden, zeigten weiter signifikante Konzentrationsstörungen, bei den Kindern ohne Medikamente waren es mit 58 Prozent kaum weniger. Dass Pharmakonzerne keinerlei Interesse daran haben, kritische Studien wie diese zu finanzieren, liegt auf der Hand.

Interessantes wird dagegen entdeckt, wenn doch einmal neutrale Untersuchungen nichtmedikamentöser Behandlungsansätze stattfinden und finanziert werden. Einer aktuellen Metastudie (auf der Basis von 54 Studien mit fast 3.000 Patienten) der europäischen ADHS-Leitliniengruppe zufolge, welche im American Journal of Psychiatry erschien, ist – eine korrekte ADHS-Diagnose einmal vorausgesetzt – der Griff zum Medikament nicht unbedingt notwendig. Hier wurden in Doppelblindstudien vor allem einer Ernährungsumstellung positive Wirkungen auf die Hauptsymptome Impulsivität, schlechte Aufmerksamkeit und motorische Unruhe bescheinigt.

Wirksam erwies sich vor allem die Vermeidung künstlicher Lebensmittelfarben und noch stärker die Vermeidung von Lebensmitteln, gegen welche die Patienten eine Unverträglichkeit besitzen. Daraus könne man nicht notwendig ableiten, dass andere Therapieansätze keine Besserung erzielen. Es gebe allerdings aufgrund von Finanzierungsproblemen zu wenige valide Studien, weswegen die Datenlage ungenügend sei, sagt Prof. Dr. M. Holtmann von der LWL-Universitätsklinik der RUB in Hamm, Mitautor der Studie.

(Quellen: The Preschool Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Treatment Study (PATS) 6-Year Follow-Up in: Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry Vol 52, Issue 3, p264-278.e2, March 2013; Nonpharmacological Interventions for ADHD: Systematic Review and Meta-Analyses of Randomized Controlled Trials of Dietary and Psychological Treatments in: American Journal of Psychiatry 2013;170:275-289. 10.1176/appi.ajp.2012.12070991; Telepolis [1, 2])

Mar 18

Gastbeitrag von Mag. Karin Steiner

z.B. Reizdarm, Reizmagen

Magen- und Darmbeschwerden stellen häufige körperliche Symptome dar, die oft mit einem erheblichen Leidensdruck einhergehen.
15-30% der Bevölkerung sind davon betroffen. Frauen doppelt so häufig als Männer.
Eine Reizdarmsymptomatik führt oft zu schweren Beeinträchtigungen der sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit, da die Angst vor einer körperlichen „Unpässlichkeit“ (wie bspw. Durchfall) die gesamte innere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

Was ist ein Reizdarm?

Ein Reizdarm macht sich bemerkbar mit wiederkehrenden Bauchschmerzen bzw. chronischem Unbehagen der Bauchregion über einen längeren Zeitraum hinweg (seit mindestens 6 Monaten). Zusätzlich können Blähungen, Schleimbeimengungen im Stuhl und auch das Gefühl der inkompletten Stuhlentleerung auftreten.

Das Reizdarmsyndrom kann vorwiegend eher mit Verstopfung, oder eher mit Durchfall, bzw. mit beiden Beschwerden einhergehen.

Was ist ein Reizmagen?

Beim Reizmagen treten dauerhafte oder wiederkehrende Schmerzen/Brennen bzw. Beschwerden im Oberbauch auf. Begleitet können die Schmerzen durch ein Völlegefühl bzw. ein frühes Sättigungsgefühl nach der Mahlzeit werden. Manchmal kann es auch zu einem vermehrt auftretenden Übelkeitsgefühl und Erbrechen kommen.

Ursachen

Häufige Entzündungsbereiche (Bild: kompetenznetz-ced.de)

Das enterale Nervensystem ist ein komplexes Geflecht aus Nervenzellen, das nahezu den gesamten Verdauungstrakt durchzieht. Es spielt bei der Kontrolle der Verdauungsvorgänge eine wesentliche Rolle. Es funktioniert wie ein Gehirn im Darm und kommuniziert mit dem zentralen Nervensystem (Hirn-Darm-Achse). Diesbezügliche Erkenntnisse lassen vermuten, dass neben biologischen Prozessen auch die psychische Situation einen wesentlichen Einfluss auf Entstehung und Aufrechterhaltung der Magen-Darm-Beschwerden ausübt.
PatientInnen mit funktionellen gastrointestinalen Störungen spüren ihre normale Verdauung als Schmerz. Sie reagieren mit einem gesteigerten Schmerzempfinden auf die Dehnungsreize im Darm.
Diese Überempfindlichkeit kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden. Neben Infektionen des Magen-Darm-Trakts, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, spielen auch psychische Ursachen eine Rolle. Stress und belastende Lebensereignisse haben einen direkten Einfluss auf das Verdauungssystem. Mittels funktionellem Magnetresonanz-Imaging (=bildgebendes Verfahren) von Hirnfunktionen konnten Nachweise für die enge Verbindung zwischen Gehirn und dem Verdauungstrakt unter Stress erbracht werden.
Auch eine familiäre Häufung der Beschwerden konnte nachgewiesen werden. Dies kann sowohl durch eine erbliche Vorbelastung erklärt werden, als auch als Verhalten (Kinder beobachten ihre Eltern, übernehmen deren Klagen und Beschwerden) kopiert werden.

Die Mehrzahl der Betroffenen leiden auch an psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, Angst- und somatoforme (= körperliche Symptome ohne ausreichende organische Ursachen) Störungen.

Wodurch können Symptome ausgelöst werden?

Nahrungsmittel sind häufig Auslöser von Symptomen. Die Mehrzahl der PatientInnen
(50-70%) leiden auch an Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Nahrungsmittelbestandteile, ob natürlich oder künstlich hergestellt, können bei vielen Menschen Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfälle auslösen.
Milch (-zucker), Kaffee (Coffein), fettreiche Nahrung, Alkohol, zuckerfreier Kaugummi (Sorbitol), gasproduzierende Mahlzeiten (Müsli, Hülsenfrüchte, Zwiebel, etc.), aber auch eine hastige Nahrungsaufnahme und Essen unter psychisch belastenden Umständen (Zeitdruck oder bei gleichzeitiger Problembesprechungen usw.) können Magen-Darmbeschwerden hervorrufen.

Behandlungsmöglichkeiten

Viele Betroffene haben bereits eine Odyssee an verschiedenen Behandlungen hinter sich, die häufig wenig Verbesserung der Symptomatik brachten. Dementsprechend können auch Folgesymptome wie bspw. depressive Verstimmungen oder Angstzustände (Angst vor einer Tumorerkrankung) auftreten.

Eine Krankheitsbehandlung, die all den Erkenntnissen über die Zusammenhänge gerecht werden will, muss dementsprechend weit gefasst sein. Das heißt, dass körperliche und psychosoziale Faktoren gleichermaßen in der Behandlung berücksichtigt werden.
Somit ist die Kombination von medikamentöser Behandlung der körperlichen Symptome einerseits, und Psychotherapie, um die psychosozialen Leiden der betroffenen Personen zu mildern, andererseits, die wirkungsvollste Methode.

Nach Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser (AKH Wien) sollte die Therapie – abgestuft nach Schweregrad – folgendermaßen erfolgen:

  • Medizinische Abklärung (Anamnese) und Ausschluss anderer Erkrankungen
  • Aufklärung über Symptome und mögliche Ursachen sowie auslösende Wirkung verschiedener Faktoren (Nahrungsmittel, Hormonveränderung beim Menstruationszyklus, Stress etc.)
  • Führen eines Symptomtagebuchs über 4 Wochen: Herausfiltern von auslösenden oder verstärkenden Reizen, Aufzeichnung der Symptomstärke (mit Schweregraduierung von 1-10), hinzukommende Faktoren (Ernährung, körperliche Aktivität, belastende Situation, Stress, etc.), Emotionen (traurig, ängstlich, wütend,…) und Gedanken („bin zuversichtlich/hoffnungslos“, „halte das nicht mehr aus“ etc.)
    Dies ist zumeist der erste Schritt, Kontrolle über die körperlichen Beschwerden zu erlangen, da von den Betroffenen Zusammenhänge erkannt werden können.
  • Symptomorientierte Medikation durch die Gabe von Antidepressiva
    Gerade bei chronischen und kaum beeinflussbaren Schmerzen haben Antidepressiva gute Erfolge erzielt. Diese werden nicht primär wegen der antidepressiven Wirkung verabreicht, sondern um das Schmerzempfinden zu vermindern. Über Nebenwirkungen müssen die Patienten aufgeklärt werden, da die eigentliche Wirkung erst ab der 3. Behandlungswoche einsetzt.
  • Psychotherapie/Hypnose
    Psychotherapie zählt zu den wirkungsvollsten Behandlungsmethoden, vor allem bei jenen, denen bisher nicht anders geholfen werden konnte.
    Dies konnte auch wissenschaftlich nachgewiesen werden. In den meisten Studien wurde Psychotherapie mit „herkömmlichen“ Methoden (=medikamentöser Behandlung) verglichen und zeigte sich meist deutlich wirksamer.
    Vor allem die Hypnosetherapie zählt mittlerweile beim Reizdarmsyndrom zu den Standardtherapien.

Verdauungstrakt-gerichtete („gut-directed“) Hypnose

Der Einsatz einer spezifisch auf den Bauch gerichteten Hypnose zur Behandlung von Reizdarm- oder Reizmagenbeschwerden wurde erstmals von einer Arbeitsgruppe um Prof. Peter Whorwell in Manchester entwickelt. Mit dieser Methode wird den Patienten im Rahmen von 12 Hypnosesitzungen unter anderen suggeriert, dass ihr Magen-Darm-Trakt ruhig und rhythmisch funktioniert und die Betroffenen wieder die Kontrolle über diese Körperregion übernehmen. Dadurch werden nicht nur die Schmerzüberempfindlichkeit des Magen-Darm-Traktes, sondern auch die Darmbewegungen positiv beeinflusst und beruhigt.
Auch im AKH Wien wurde diese Methode erfolgreich als Gruppenhypnose (bis zu 8 Personen) eingesetzt.

Ablauf der Einzelhypnosen

12 Sitzungen zu je einer Stunde einmal wöchentlich, über einen Zeitraum von zirka 3 Monaten, gelten als erfolgreichste Dauer dieser Kurzzeittherapie, damit der gewünschte Langzeiterfolg erzielt werden kann.

In der ersten Stunde werden die individuelle Situation und die genauen Beschwerden erfragt, damit die Hypnose genau an die betroffene Person angepasst werden kann. Ab der zweiten Sitzung wird mit einem psychotherapeutischen Gespräch (zirka 20 Minuten) die aktuelle Situation erfasst und dann eine Hypnose durchgeführt.
Neben dem Effekt einer tiefen Entspannung, werden durch das Erzeugen von inneren Bildern ein Gefühl von Ich-Stärkung herbeigeführt, sowie die Vorstellung einer Normalisierung der Funktionen des Verdauungstraktes mit Verminderung der Schmerzen.

Ab der zweiten Sitzung sollen zu Hause Entspannungsübungen (zumindest 10-15 Minuten) durchgeführt werden, die durch eine von mir aufgenommenen CD unterstützt werden.
So wird den Betroffenen durch das Üben wieder mehr Selbstkontrolle über ihre körperlichen Empfindungen verliehen. Das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber den Symptomen vermindert sich schrittweise.

Nach Bedarf können ein oder mehrere Sitzungen zum Auffrischen der eingeübten Entspannungstechniken ein halbes bis ein Jahr nach Beendigung der Hypnoseeinheiten durchgeführt werden, um einen noch besseren Langzeiterfolg zu gewährleisten.

Verfasserin des Textes:
Mag. Karin Steiner, Psychotherapeutin (www.reizdarm.cc)

25.06.19