Jul 10
Freie Meinungsäußerung - hart erkämpft (Image src: isreview.org)

Freie Meinungsäußerung Рein hart umkämpftes Gut.

Dieser Tage wurde ein bemerkenswerter “offener Brief” im “Harper’s Magazine” ver√∂ffentlicht: √ľber 150 bekannte Autoren und Intellektuelle wie Margaret Atwood, Noam Chomsky, Salman Rushdie, J. K. Rowling, Khaled Khalifa oder Daniel Kehlmann dr√ľckten darin ihre Unterst√ľtzung f√ľr die j√ľngsten Proteste gegen Polizeibrutalit√§t und Rassismus in den USA aus. Gleichzeitig kritisieren sie aber auch, dass “der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, mit jedem Tag immer mehr eingeengt wird”.

Laut Thomas Ch. Williams will man verteidigen, “‚Ķ dass Menschen frei sprechen und denken k√∂nnen, ohne Angst vor Strafe oder Vergeltung haben zu m√ľssen”, es ging um “eine Verteidigung des Rechts, anderer Meinung zu sein, ohne sich um seine Arbeitsstelle sorgen zu m√ľssen”.

Dieser offene Brief dr√ľckt ziemlich exakt etwas aus, das ich selbst seit Monaten sorgenvoll empfinde: das Spektrum “offen aussprechbarer Meinungen” schrumpft. Und das seit Jahren.
Ich bin ein Kind der 68er – damals war “Revolution” gegen das sogenannte “Establishment” en vogue, man kleidete sich provokant, trug langes Haar und konsumierte Drogen. Die darin verpackte Botschaft lautete: “wir wollen nicht mehr brav und angepasst sein!”. Viele Menschen versp√ľrten einen unb√§ndigen Drang, mehr invidivuelle Freiheit und Entfaltungsm√∂glichkeiten zu erringen und alte Korsette von “Folgsamkeit” und Konvention abzusch√ľtteln. Wie sich andere dabei “f√ľhlten”, war weitgehend irrelevant – ja auf merkw√ľrdige Weise existierte h√§ufig sogar Faszination und Respekt f√ľr den Kampf der “Baby-Boomer” nach kompromissloser “Selbstverwirklichung”, die zum Inbegriff und einem der wichtigsten Werte dieser Generation wurde und ein riesiges Potenzial an Kreativit√§t und Innovation freisetzte.

Paradoxerweise (mit exakt jenen Personen in Machtpositionen, die der freiheitsliebenden “Hippie-Generation” angeh√∂ren) scheinen wir uns heute allerdings inmitten eines Individualismus-Backlash-Prozesses zu befinden: weltweit ist eine R√ľckkehr zu mehr Konformit√§t und Kollektivismus feststellbar. Gerne zeigen wir im Westen auf China: deren omnipr√§sent in den Lebensalltag eingewobenen Kontrollinstrumente, digital und mit k√ľnstlicher Intelligenz ausgestattet auf das h√∂chste Niveau technischer Machbarkeit gebracht, entr√ľsten und entsetzen uns. Doch gleichzeitig entgeht uns, dass auf einer subtileren Ebene √§hnliche Tendenzen auch bei uns nicht nur existieren, sondern auch immer st√§rker exekutierbar zu werden drohen.

Gemeinsam ist beiden Systemen, dass ein bestimmter Rahmen des Erlaubten existiert, innerhalb dessen man sich bewegen – und frei √§u√üern – darf. Social Credit“Dort” werden diesbez√ľgliche √úberschreitungen weitgehend per Software automatisiert mit negativem “social credit” bestraft, “hier” (in der westlichen Kulturhemisph√§re) erledigen dies die Medien, der Social-Media-Mob oder “ModeratorInnen” mit belehrenden Worten oder mehr oder minder offener Filterung. Die subtile Filterung unerw√ľnschter Inhalte durch “Moderation” (hierzu dienen h√§ufig Bewertungen durch Mitleser, L√∂schungen, “Demonetarisierung” von Videos oder gar die Blockierung oder L√∂schung ganzer Kan√§le oder Accounts) wurde zuletzt durch legistische Mittel weiter versch√§rft: so haben sich diverse Parteien (in der Regel sind es bemerkenswerterweise auch hier wieder gerade jene des linken politischen Spektrums) w√§hrend der letzten Jahre intensiv f√ľr Bestrafungsm√∂glichkeiten der Autoren sogenannter “Hetz-Postings” ein- und diese z.T. auch politisch durchgesetzt. Was als “Hetz-Posting” gilt, ist allerdings – und das ist Teil des Problems – nat√ľrlich Auslegungssache. Wie uns die Vergangenheit lehrt, ist zu bef√ľrchten, dass der betreffende Interpretationssrahmen im Laufe der Zeit ausgeweitet und auch noch deutlich st√§rker politisch instrumentalisiert werden wird. Mit Folgen, die durchaus √§hnlich jenen sein k√∂nnten, die wir derzeit in China sehen: empfindliche finanzielle Strafen, √∂ffentliche “Sch√§ndung”, Einschr√§nkungen der pers√∂nlichen Freiheiten bis zum v√∂lligen Entzug der k√∂rperlichen Freiheit (Gef√§ngnisstrafen). Halt im Unterschied zu China (noch?) nicht auf elektronischem Wege exekutiert, sondern von einem leibhaftigen Richter/Richterin verk√ľndet, der/die sich in aller Regel jedoch nur als Ausf√ľhrungsorgan f√ľr die politisch f√ľhrenden Kr√§fte und Gesetzesrahmen versteht.

Freie Meinungsäußerung - hart erkämpft (Image src: Jeremy Richards / Fotolia)

“Instinktiv befremdlich.” (Bild: Fotolia / J.Richards)

Doch selbst wenn es nicht so weit kommen sollte – geradezu t√§glich k√∂nnen wir beobachten, wie sich unsere Gesellschaft in Riesenschritten kollektivistisch umformt –¬† “Ausrei√üer” werden zurechtgewiesen, gemobbt und sozial attackiert, bis sie (oder ihr Umfeld: z.B. Arbeitgeber, Kunden etc.) klein beigeben und “Strafma√ünahmen” gegen das unliebsame Verhalten anwenden.

Diskurs wird nur innerhalb enger Grenzen toleriert, denn “die Wahrheit” im Sinne der “einzig akzeptablen Sichtweise” ist ja schon bekannt, was gibt es da also √ľberhaupt noch zu diskutieren? Oder ist man etwa “Rechter”, “Verschw√∂rungstheoretiker” oder gar “Trump-Sympathisant”?

Genau diese Einschr√§nkung des politischen und sozialen Diskurses, die stereotypisierende Simplifizierung vieler komplexer Probleme, eine Schubladisierung auf “Links” vs. “Rechts” in der politischen Debatte (“bist du nicht X, dann bist Du Y!”), die Reduktion der erlaubten Denkm√∂glichkeiten und damit verbunden auch eine unausbleibliche intellektuelle und soziale R√ľckentwicklung adressieren die AutorInnen des “offenen Briefes” auf eindringliche Weise.

Es ist nicht zu erwarten, dass der offene Brief viel ver√§ndert, auch weil es ja zu einer sozialen Str√∂mung geh√∂rt, dass die von der Gunst und nicht zuletzt auch dem Geld der Machthaber abh√§ngigen f√ľhrenden Medien das dominierende politische System sch√ľtzen und bewerben. Insofern jedoch kann es eine durchaus spannende Frage sein, wie man sich in einem solchen Klima selbst positioniert: schwenkt man in den “mainstream” ein, will man gar der “Beste der Besten” in der vorherrschenden ideologischen Str√∂mung sein – oder opponiert man, steigt man aus / begegnet ihm mit R√ľckzug, oder (vermutlich die gr√∂sste Herausforderung): erarbeitet man sich m√ľhevoll eine eigene Position und vertritt diese dann auch, wom√∂glich sogar gegen massiven Widerstand?

Die westliche Gesellschaft hat sich die Freiheiten der freien Rede – also Gedanken und Meinungen offen aussprechen zu k√∂nnen – mit einem Meer an vergossenem Blut und dem Tode gro√üer Geister hart erk√§mpft. Alleine der Durchbruch der Wissenschaft gegen√ľber der Religion, der Triumph humanistischer Grunds√§tze und Menschenrechte √ľber den Vasallenstaat waren wesentliche Errungenschaften, die den Weg f√ľr zuvor undenkbare individuelle Freiheiten er√∂ffneten. Keine seither aufgekommenen ideologischen Ausrichtungen jedoch haben so viele Menschenopfer verursacht wie die kollektivistischen (sowohl der Kommunismus, als auch der Nationalsozialismus fallen in diese Kategorie). Wir sollten zunehmend Acht geben, wie viel von unseren errungenen Freiheiten wir noch aufgeben k√∂nnen, bevor wir uns in einem neototalit√§ren politischen System wiederfinden, aus dem so leicht kein Zur√ľck mehr m√∂glich ist.

“Freedom of speech is essential to a peaceful society.
Our ideas must be free to clash and resolve conflicts – so that our bodies don‚Äôt.”

(Robert Breedlove in: “Masters and Slaves of Money“, 2020)

Querverweis: “The Values of Free Speech” by Richard Chen (engl.)

Oct 24

Arno Gruen (Foto: SRF, 2015)

Ein gro√üer Versteher der menschlichen Psyche ist von uns gegangen – der Psychoanalytiker und Psychologe Arno Gruen (*1923 in Berlin) ist am 20.10.2015 in Z√ľrich verstorben. Im Alter von 13 Jahren emigrierte Gruen’s j√ľdische Familie in die USA, wo er sp√§ter Psychologie studierte und ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in Harlem leitete. 1958 er√∂ffnete er eine psychoanalytische Praxis in New York und promovierte beim Freud-Sch√ľler Theodor Reik. Sp√§ter folgten Professuren in Neurologie und Psychologie. Seit 1979 lebte und praktizierte Arno Gruen wieder in der Schweiz, unterhielt aber nach wie vor viele Verbindungen in die USA.

Unter dem Eindruck der Geschehnisse in den Konzentrationslagern und der Dynamiken des Faschismus entwickelte Gruen ein tiefes Verst√§ndnis f√ľr die Funktionsmechanismen von Autorit√§t, Gewalt, Fremdenhass, menschlicher Destruktivit√§t und Angst, widmete sich aber auch aktuellen gesellschaftspolitischen Themen wie etwa dem islamistischen Terrorismus. Er verfa√üte in ihrer Tiefe au√üergew√∂hnliche Werke, die einen neuen Blick besonders auf die geknechtete menschliche Psyche, die sich h√§ufig unter einer gef√ľhlskalten oder aalglatten Erscheinung verbirgt, er√∂ffnet hat. Mit Gruen geht ein ganz feiner, unaufdringlicher Beobachter der menschlichen Psyche verloren, der mich als praktizierender Therapeut in meinem Tun und meinem eigenen Verst√§ndnis der Triebkr√§fte des Menschseins, der Empathie, den Abgr√ľnden der Gewalt und des Extremismus stark beeinflu√üt hat. Ich hatte vor einigen Jahren brieflichen Kontakt mit Gruen, in dem mich seine Bescheidenheit und sein Bem√ľhen, “da zu sein” und auch da wieder seine Beobachtungsgabe und Einsichtsf√§higkeit beeindruckte. Er war kein “Belehrer”, der sich im Glanz der √Ėffentlichkeit und der Medien sonnte, sondern ein leiser Nachdenker und einf√ľhlsamer Zuh√∂rer, dessen Intensit√§t und Tiefe sich oft erst in dem, was seine Sprache transportierte, erschlo√ü.

Das vorerst letzte Buch “Wider die kalte Vernunft”, einer Kritik der abstrakten Rationalisierung, wird voraussichtlich in wenigen Monaten erscheinen.

Interviews und empfehlenswerte Literatur:

Interview mit Arno Gruen in “Sternstunde Kultur”, 06/2015

 

Dec 22

Eines der kontroversiellsten sozialpsychologischen Experimente der Geschichte wurde im Jahre 2008 an der Santa Clara University wiederholt: das nach seinem Erfinder Stanley Milgram benannte “Milgram-Experiment” (1963), in welchem dieser unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses untersuchen wollte, warum Menschen im Dritten Reich im bekannten extremen Ausma√ü Autorit√§tsh√∂rigkeit gezeigt hatten, sogar gegen ihr eigenes Gewissen.

Hierbei hatten die Versuchspersonen (allesamt “Durchschnittsb√ľrger” aus unterschiedlichen sozialen Schichten, rekrutiert direkt auf der Stra√üe, in Kaufh√§usern, Bibliotheken, an Universit√§ten etc.) unter dem Vorwand, bei einer Untersuchung zu helfen, welche den Einflu√ü von Bestrafung auf die Lernf√§higkeit erforscht, die Rolle eines Lehrers einzunehmen, welche einen (von einem Studenten gespielten) “Sch√ľler” vermeintlich mit immer st√§rkeren, schmerzhaften Elektroschocks zu traktieren hatte, wenn dieser einen Fehler machte. Z√∂gerte der “Lehrer”, wurde er vom als √§rztliche Autorit√§t auftretenden “Versuchsleiter” aufgefordert, weiter zu machen. Der “Sch√ľler” st√∂hnte ab 70 Volt, ab 120 Volt schrie er vor Schmerzen, ab 140 Volt forderte er ein Ende des Experiments, ab 200 Volt schrie er noch lauter und verstummte schlie√ülich ab 330 Volt, was aber die jeweiligen “Lehrer” schon im ersten von Milgram ver√∂ffentlichten Test nicht davon abhielt, zu √ľber 60 Prozent die Schocks bis zum Anschlag auf 450 Volt zu verst√§rken. Waren hingegen zwei Versuchsleiter vorhanden, die sich widersprachen, brachen einige Versuchspersonen, welche die “Lehrer” spielten, ab. Um den Versuchspersonen zu suggerieren, dass die Elektroschocks real sind, hatten sie vor dem Testbeginn einen Schlag mit 15 Volt erhalten.



Gut 50 Jahre nach dem ersten Versuch zeigt sich also: wie schon damals sind mehr als 70% der Menschen im vermeintlichen “Ernstfall” bereit, andere zu qu√§len und zu foltern – nicht unbedingt, weil sie Lust daran finden w√ľrden, sondern weil sie einer Autorit√§t gehorchen, die dies erlaubt (der “Versuchsleiter” teilte ihnen mit, da√ü er f√ľr alle etwaigen Folgen die “Verantwortung √ľbernehmen” w√ľrde) und als “notwendig” erscheinen l√§sst. Das menschliche Gewissen erweist sich dabei als schwach, die empfundene “Pflicht” ist st√§rker. Signifikante Unterschiede zwischen M√§nnern und Frauen sowie im Hinblick auf andere Differenzen wie Bildung oder ethnische Abstammung konnte der untersuchende Psychologe Jerry M. Burger nicht feststellen. Die Bereitschaft, andere unter den erw√§hnten Pr√§missen auch in hohem Ma√üe zu qu√§len, war umso h√∂her, desto geringer die anf√§nglichen Konsequenzen waren, je l√§nger also anf√§nglich nur eine niedrige Bestrafung erteilt werden mu√üte. So funktionieren auch Sekten: die hohe Anzahl der Teilnehmer am Massen-Suizid in Jonestown erkl√§rte Burger damit, da√ü die Anh√§nger des Sektenf√ľhrers Jim Jones anf√§nglich nur kleine Geldmengen und wenig Zeit beizutragen hatten, und ihnen erst im Laufe der Zeit immer mehr Verpflichtungsbereitschaft abverlangt wurde.
Was wir daraus lernen k√∂nnen? Solange Gesellschaften einigerma√üen friedlich und ausgeglichen sind, m√∂gen die Schrecken sinken, sobald jedoch die Parole hei√üt: Wir gegen die Anderen, wie sie von verantwortungslosen Politikern ausgegeben wird, kann jeder zum Schl√§chter werden – hier haben sich offenbar weder unsere Gesellschaft, noch wir als Menschen weiterentwickelt, und der Weg zum wirklich m√ľndigen Menschen scheint noch ein weiter zu sein.

Die Versuchsergebnisse werden in der Januar-Ausgabe des ‘American Psychologist’ publiziert.

ÔĽŅ12.08.20