Jan 20

Frauen mit Magersucht (Anorexia Nervosa) weisen eine deutlich reduzierte Dichte grauer Zellen in bestimmten Bereichen des Gehirns auf, die mit der Verarbeitung von Körperbildern zu tun haben.

Dieses Ergebnis brachten Untersuchungen magersĂŒchtiger und gesunder Frauen, deren SelbsteinschĂ€tzungen Forscher der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum mit den Analysen von Kernspintomografen verglichen, zutage. Nicht nur war bei anorektischen Patientinnen das gesamte Volumen des Gehirns verringert, sondern es fielen in zwei Regionen des Gehirns besonders starke Verringerungen der grauen Zellen auf: die eine Region wurde vor einigen Jahren als diejenige identifiziert, die vorrangig fĂŒr die visuelle Verarbeitung von menschlichen Körpern zustĂ€ndig ist (Extrastriate Body Area, EBA), die zweite Region mit verminderter Dichte grauer Substanz befand sich im oberen, hinteren Teil des SchlĂ€fenlappen – und auch diese Gehirnregion wird mit der Verarbeitung von Körperbildern in Verbindung gebracht.

Nicht sicher sind die Forscher derzeit noch, ob es sich bei den AuffĂ€lligkeiten des Gehirns um eine PrĂ€disposition handelt, die die Entstehung einer Essstörung begĂŒnstigt, oder um VerĂ€nderungen, die erst durch die Krankheit auftreten. Die AuffĂ€lligkeiten im Gehirn könnten jedoch das Zustandekommen der gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers bei Frauen mit Essstörungen erklĂ€ren: die Patientinnen nehmen sich selbst als dick wahr, obwohl sie objektiv untergewichtig sind – ein aufrechterhaltender Faktor fĂŒr die Essstörung.

Aus psychotherapeutischer Sicht ist zu sagen, daß eine EinschrĂ€nkung des wissenschaftlichen Suchfokus auf ein simples “Entweder – Oder” vermutlich nur teilweise sinnvoll nutzbare Ergebnisse zutage fördern dĂŒrfte. Die Erfolge von Psychotherapie in der Behandlung von Eßstörungen zeigen ja gerade, daß die betreffenden HirnverĂ€nderungen offensichtlich nicht irreversibel sein dĂŒrften oder zumindest nicht zwangslĂ€ufig lebenslang zur Anorexie verurteilen. Forschungen rund um das PhĂ€nomen der NeuroplastizitĂ€t unterstĂŒtzen die Hinweise auf derartige Wechselwirkungen (siehe auch mein Artikel zur Behandlung der Depression).

(Quelle: Behavioral Brain Research Vol 206, Issue 1, 5 Jan 2010, pg 63-67 (doi: 10.1016/j.bbr.2009.08.035). Bild: badische-zeitung.de)

Jul 30

Bei meiner regelmĂ€ĂŸigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stieß ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Veröffentlichung in einem Fachmagazin:

Warum MagersĂŒchtige an ihrem gestörten Essverhalten festhalten:
Geringe VerhaltensflexibilitÀt ist durch VerÀnderungen im Gehirn bedingt

Als hĂ€tten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft – weil wir dann in unserem persönlichen Leben nichts verĂ€ndern mĂŒĂŸten ;-). Im Anschluß wird erklĂ€rt, daß Wissenschaftler am UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg “mit Hilfe der Magnetresonanztomographie erstmals VorgĂ€nge in den Gehirnzellen entdeckt” hĂ€tten, “welche das gestörte Essverhalten von Anorexie-PatientInnen erklĂ€ren”.

Wow. Ich muß allerdings gestehen, daß mich nach jahrelanger TĂ€tigkeit als Psychotherapeut – trotz großen Interesses und laufender BeschĂ€ftigung mit aktueller Forschung – derartig reißerische Schlagzeilen heute nicht mehr so recht vom Hocker reißen können wie frĂŒher. Meist ertappe ich mich eher beim Gedanken: “welches Gen ist es denn diesmal” oder “dreht es sich wieder um das gute, alte Serotonin oder etwas anderes?” Aber natĂŒrlich lese ich wie immer diszipliniert weiter:

Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 30 junge Frauen mit oder ohne Anorexie mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Dabei erfasste das MRT-GerĂ€t, wie hoch der Blutfluss in verschiedenen Gehirnarealen ist. Eine stĂ€rkere Durchblutung bedeutet vermehrter Stoffwechsel und damit eine grĂ¶ĂŸere AktivitĂ€t dieses Hirnbereich.

Derartiges haben wir ja alle schon mal irgendwo gehört. Aber nur “30 junge Frauen” zur BegrĂŒndung einer solchen These? Wie auch immer, weiter geht’s:

Die Teilnehmerinnen unterzogen sich einem Test, der die FĂ€higkeit zu einem flexiblen Verhaltenswechsel aus einem kurzfristig eingeĂŒbten Verhalten prĂŒft. Dazu werden den Testpersonen verschiedene geometrische Figuren in schneller Abfolge gezeigt, die zugeordnet werden mĂŒssen. Nach einem Durchlauf wird die Zuordnung geĂ€ndert.

“Wir haben mit der Studie bestĂ€tigt, dass Magersuchtkranke hĂ€ufiger als gesunde Vergleichspersonen an der vertrauten Verhaltensantwort festhielten, wodurch eine alternative Verhaltensweise unterdrĂŒckt wurde”, erklĂ€rte der Leiter der Arbeitsgruppe. Die Analyse der MRT-Bilder zeigte zudem, dass bei Magersucht Patientinnen im Vergleich zu gesunden Testpersonen ein bestimmter Netzwerk-Pfad zwischen Großhirn und Zwischenhirn vermindert aktiviert ist. Dieser Netzwerk-Pfad spielt unter sich rasch verĂ€ndernden Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle fĂŒr die Einleitung und Kontrolle von Handlungen.

Bildquelle: Cartoonstocks.com

Bildquelle: Cartoonstocks.com

Nun ist allerdings die Art, wie hier ZusammenhĂ€nge konstruiert werden, bemerkenswert. Es wird gewissermaßen geschlußfolgert, daß die anorektischen Frauen geistig weniger flexibel seien als andere, und sich daher schwer tĂ€ten, ihre Verhaltensmuster den offensichtlichen Notwendigkeiten anzupassen.
Daß “bestimmte Netzwerk-Pfade” des Gehirns oder der Neurotransmitter-Haushalt bei psychisch leidenden Personen gegenĂŒber jenen von nicht einschlĂ€gig leidenden Menschen verĂ€ndert sind, ist im Grunde alles andere als ĂŒberraschend, denn natĂŒrlich mĂŒssen psychische VerĂ€nderungen irgendwo auch im Gehirn nachweisbar sein, nur AnhĂ€nger esoterischer ErklĂ€rungsmodelle wĂŒrden dies bestreiten. Jedoch zu behaupten, diese VerĂ€nderungen wĂŒrden das entsprechende Verhalten (womöglich sogar unausweichlich) verursachen, und wĂ€ren nicht vielleicht schlicht eine Folge ganz anderer – womöglich auch gar nicht so schlecht erforschter, jedoch halt nicht der Biochemie Nutzen bringender – ZusammenhĂ€nge, ist sehr gewagt, zumal wir heute wissen, daß psychische Erkrankungen ihrerseits hirnorganische VerĂ€nderungen bewirken können (NeuroplastizitĂ€t) und daher die Ursachensuche ein wenig der antiken Frage gleicht, ob zuerst die Henne oder das Ei gewesen sei.

Doch der wirkliche Clou liegt in den Schlußfolgerungen, die die Wissenschafter aus der Studie ableiten:

Die Ergebnisse der Studie tragen maßgeblich zu einem besseren VerstĂ€ndnis der Magersucht bei. Vor allem machen sie deutlich, dass neurobiologische Faktoren beteiligt sind und das Erkrankungsbild aufrechterhalten. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen können, ergeben sich fĂŒr die Anorexie neue TherapieansĂ€tze.

“Wir haben ein Behandlungsprogramm fĂŒr Magersuchtpatientinnen entwickelt, das gezielt den flexiblen Wechsel von Verhaltensantworten trainiert“, so der Untersuchungsleiter. Die Wissenschaftler hoffen dadurch den Erfolg der psychotherapeutischen Behandlung verbessern zu können. Zur Erfolgskontrolle könnte die MRT- Untersuchung des Gehirns einen Beitrag leisten.

Es wird also eine Art revolutionĂ€rer Durchbruch fĂŒr die Behandlung der Anorexie postuliert. FĂŒr ein verhaltenstherapeutisches Konzept, das a) grob gesagt schlicht die geistige FlexibilitĂ€t ein wenig erhöhen soll und b) meint, damit eine Art bisheriger “unsichtbarer Mauer” fĂŒr den ultimativen Behandlungerfolg zu durchbrechen, erscheint dies aber doch als eine sehr gewagte Behauptung.


Daß neurobiologische Faktoren beteiligt sind – nun, da wĂ€re wohl eher das Gegenteil eine aufsehenerregende Neuigkeit gewesen! Daß die neurobiologischen Strukturen das Krankheitsbild aufrechterhalten, dafĂŒr liefert die Studie, liest man sie im Originaltext, keinerlei Hinweise – es handelt sich also um eine reine Hypothese, deren Beforschung wohl weitere Studien (und Studien-Fördermittel..) erfordern wĂŒrde. Und ob es besonders effizient ist, wenn Anorexie-Patientinnen fĂŒr einen derart hypothetischen Zuwachs an Behandlungserfolg regelmĂ€ĂŸig ein extrem kosten- und materialaufwĂ€ndiges MRT absolvieren mĂŒssen, darĂŒber kann sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden…

Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen StudienfĂŒlle, den uns die heutzutage so gehypte Genetik und Neurobiologie beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale TherapieansĂ€tze nur wenig Fundiertes zutage gefördert hat und wohl nicht ĂŒberraschend vermehrt in Kritik gerĂ€t.

(Quelle zur Studie: Am. J. Psychiatry 166, 608-616 (doi: 10.1176/appi.ajp.2008.08050775))

Dec 11

FĂŒr seelische Erkrankungen gilt dasselbe wie fĂŒr die des Körpers: Je frĂŒher man sie behandelt, desto weniger schlimm verlaufen sie. Ein Konzept fĂŒr die FrĂŒherkennung und Behandlung von Schizophrenie, das schon bei den ersten Vorzeichen der Erkrankung greift, entwickeln Forscher der RUB-Klinik fĂŒr Psychiatrie um Prof. Dr. Martin BrĂŒne. Denn auch eine frĂŒhe Behandlung von Schizophreniepatienten verringert in Vorstadien der Erkrankung das Risiko, dass die Störung chronisch wird.

Zur FrĂŒherkennung werden heute wahnhafte Symptome, flĂŒchtige Halluzinationen, die kognitive FlexibilitĂ€t und die allgemeine Intelligenz herangezogen. Dabei bleibt jedoch ein wichtiger Bereich unberĂŒcksichtigt, bemĂ€ngeln die Bochumer Forscher: die “soziale Kognition”. Die FĂ€higkeit, sich in andere hineinzuversetzen und emotionale Reize zu verarbeiten, ist besonders in frĂŒhen Stadien einer Schizophrenie deutlich beeintrĂ€chtigt, und das unabhĂ€ngig von anderen Symptomen. Entsprechend sind zur Behandlung psychoedukative Methoden wirksamer als antipsychotische Medikamente. Bildgebende Untersuchungen haben gezeigt, dass bei schizophrenen Patienten auch die fĂŒr die soziale Kognition verantwortlichen Hirnbereiche vermindert aktiviert werden. FĂŒr Patienten in frĂŒhen Stadien gab es solche Untersuchungen bisher noch nicht.

Quelle: MedAustria, Ruhr-UniversitÀtsklinik Bochum (www.lwl.org)

Zum Weiterlesen: Literaturtipps zum Thema “Psychosen”

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Nov 09

Wenn sie Kritik ĂŒber sich selbst hören oder lesen, reagieren die Gehirne von Personen, die an Sozialphobie leiden, anders als jene, die nicht darunter leiden.

Unter der Anwendung von Magnetresonanztomographen zeigte sich, daß beim Lesen von negativer Kritik die Blutzirkulation im mittleren prĂ€frontalen Cortex und der Amygdala der Probanden, welche unter Sozialphobie litten, erhöht war. Beim Lesen von Kritik an anderen, neutralen oder positiven Beschreibungen der eigenen Person trat diese Schwankung nicht auf. Der prĂ€frontale Cortex und die Amygdala sind u.a. fĂŒr Selbstwahrnehmung, Angst und Stressreaktionen zustĂ€ndig.

(Quelle: Oktober-Ausgabe der Archives of General Psychiatry)

Zum Weiterlesen:
Info-Artikel “Sozialphobie”
Literatur zu Selbstsicherheit und Kommunikation

ï»ż01.09.19