Nov 04

Oder: Die Finanzkrise als Ermutigung, seinen eigenen Weg zu gehen

Was hat die aktuelle Finanzkrise mit Psychotherapie zu tun?

Jeder von uns wird sp├Ątestens mit seiner Geburt in bestimmte Denkschemata hineingeboren. Ganz automatisch – durch den Fokus unserer Aufmerksamkeit und im Bed├╝rfnis, uns in unserer Umwelt m├Âglichst rasch zurechtzufinden und unsere Grundstrukturen ihr gegen├╝ber kompatibel zu gestalten – integrieren wir weitgehend unbewu├čt ihre Denkmuster, Gewohnheiten und Grund├╝berzeugungen in unser eigenes Denksystem. Dies beginnt mit so einfachen Dingen wie gewissen Redewendungen (wer von uns hat sich nicht bereits mehrmals dabei ertappt, genauso wie der eigene Vater/die eigene Mutter zu fluchen, am Telefon zu gr├╝├čen oder ein ├Ąhnliches Gemisch an Hochsprache und Dialekt zu verwenden?), betrifft aber auch “Familientraditionen” verschiedenster Art und im Herkunftssystem zu findenden Probleml├Âsungsstrategien bis hin zu Ansichten ├╝ber die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben. Wir alle sind aber nicht nur Kinder unserer Eltern, sondern auch unserer Zeit – so, wie beispielsweise noch vor 50 Jahren im Westen allgemeiner Konsens war, dass “gute” Frauen das traute Heim zu versorgen h├Ątten, ist dieser Konsens heute, da├č zu ihrer Selbstverwirklichung berufliche Karriere geh├Ârt. War fr├╝her beziehungsm├Ą├čige Stabilit├Ąt das Paradigma, nach dem das Ehegl├╝ck bemessen wurde, wird heute der Vorrang individuellem Gl├╝ck gegeben – nur, wenn’s f├╝r beide allein passt, allein dann passt es f├╝r beide.

Es ist schwierig festzumachen, “wer” im Detail derartige belief systems festlegt: sind es “die Medien”, ist es das “kollektive Unbewu├čte” (C. G. Jung), das uns vorantreibt (“voran”? Stellt eigentlich die Ver├Ąnderung von Grund├╝berzeugungen immer auch auch eine H├Âherentwicklung dar, oder sind auch R├╝ckschritte m├Âglich?), oder sind es ausschlie├člich gewisse Individuen, VordenkerInnen oder Revolution├Ąre, die der Gesellschaft jene Impulse verleihen, die sie zur ├ťberwindung der bisherigen Denkmauern verlocken?

(Photo src: libcom.org)

Zur├╝ck zum Thema: die sog. “Finanzkrise“. Ein weiteres Paradigma, das f├╝r die meisten braven Staatsb├╝rger w├Ąhrend der vergangenen Jahrzehnte v├Âllig au├čer Zweifel stand, war, da├č wir unser ganzes Gl├╝ck im Grunde der Wirtschaft zu verdanken haben, und diese daher am besten sich selbst ├╝berlassen bliebe, w├Ąhrend der Staat sich m├Âglichst zur├╝ckzuziehen habe, um sie (und damit uns selbst) m├Âglichst nicht an ihrem Gedeihen und Erbl├╝hen zu hindern.
Das Sch├Âne an der Finanzkrise war ja aus meiner Sicht eigentlich, da├č jeder von uns innerhalb nur weniger Wochen mit eigenen Augen und Ohren Zeuge von einem der m├Ąchtigsten Paradigmenwechsel werden konnte, die w├Ąhrend den letzten Dekaden zu erleben waren: eine einmalige Chance – warum also nicht auch etwas f├╝r sich selbst dabei lernen: wenn sich n├Ąmlich das, was die ├╝berwiegende Mehrheit der Menschheit f├╝r wahr und unzweifelhaft hielt, innerhalb nur weniger Wochen nahezu ins Gegenteil verkehren konnte (nun ist bekanntlich der Staat gefordert, die Wirtschaft zu st├╝tzen; nicht mehr allein der Bankensektor, sondern auch andere Wirtschaftszweige beginnen nun, Unterst├╝tzung und staatliche Regulierung einzufordern), welche ├ťberraschungen warten dann wom├Âglich noch auf uns? Auf welchen mentalen Einbahnstra├čen sind wir sonst noch unterwegs – wir als Gesellschaft, aber auch ganz pers├Ânlich, in unserem eigenen Umfeld sowie unser ureigenstes Leben betreffend? Welche Denkmauern k├Ânnten wir noch einrei├čen, k├Ânnten wir sie nur erkennen, nach all den Jahrzehnten, in denen wir bereits in ihnen lebten, ohne es ├╝berhaupt zu bemerken?

Es kann ein spannender Versuch sein, seine eigenen Sichtweisen und Wahrnehmungen, all die Regeln und Verhaltensleitlinien, die wir uns irgendwann – ohne, da├č wir es bewu├čt wahrnahmen -, und damit unsere Wahrnehmung der sogenannten “Wirklichkeit” einmal massiv zu hinterfragen. Wenn ich X tue, warum tue ich es eigentlich so und nicht anders? Wenn ich ├╝ber X so:Y denke, warum eigentlich .. und warum kam ich nicht zu der Ansicht, die mein(e) Partner(in), mein Nachbar, mein ungeliebter Kollege auf so ├╝berzeugte Weise vertritt? Wenn ich mich andererseits aber in Teilbereichen meiner Pers├Ânlichkeit unsicher f├╝hle: was hemmt mich da eigentlich, und k├Ânnte es nicht sein, da├č das, was mich anderen gegen├╝ber bremst, sich in einer anderen Situation als meine St├Ąrke entpuppen k├Ânnte?

Wir leben in einer spannenden Zeit. Aber das behauptete man ja immer schon. ­čśë

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Zum Weiterlesen:
Systemische Psychotherapie
Wirklichkeit
Literatur zum Weiterlesen

´╗┐01.09.19