Jan 15

Ein Test, der auf Kriterien und Anzeichen für die folgenden Persönlichkeitsstörungen prüft, wurde von mir nun auch auf meiner deutschsprachigen Website online gestellt:

  • Psychopathie / Antisoziale Persönlichkeitsstörung
  • Narzissistische Persönlichkeitsstörung
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung

Sogar bei manchen Fachleuten besteht Verwirrung über die genauen Unterschiede und Bedeutungen zwischen Psychopathie (“antisozialer Persönlichkeitsstörung”), Soziopathie, Narzissmus und histrionischer Persönlichkeitsstörung – und mehr noch gerade bei jenen Personen, die Probleme in ihren Beziehungen zu anderen wahrnehmen und Orientierung benötigen würden, um dem Ursprung dieser Probleme auf den Grund zu gehen. Dieser Selbsttest versucht dabei zu helfen, indem auf typische Symptome und Wesenszüge jeder einzelne der genannten Störungen geprüft und dann eine separate Auswertung zur Verfügung gestellt wird.

http://www.psychotherapiepraxis.at/surveys/test_psychopathie.phtml

Um so zuverlässige Resultate zu ermöglichen wie möglich, kombiniert dieser Selbsttest Screening-Methoden, die auf der Hare Psychopathie-Checkliste (welche in der klinischen Forschung und Praxis angewendet wird, um Psychopathie festzustellen) mit klinischen Markern für narzisstische Persönlichkeiten und histrionische Persönlichkeitsstörungen, basierend auf den Diagnoseschemata DSM-IV and ICD-10. Der Test hat daher ein vergleichsweise hohes Potential, verläßliche Resultate sogar über das Internet zu erzielen. Es muß jedoch korrekterweise darauf hingewiesen werden, dass die Qualität der Testergebnisse geringer ausfallen kann, wenn die Fragen unehrlich beantwortet werden oder die betreffende Person unter verzerrter Wahrnehmung leidet – gerade diese beiden Persönlichkeitsfaktoren jedoch sind potenzielle Züge von Menschen mit diversen Persönlichkeitsstörungen. Im Unterschied zu den meisten anderen Tests auf meiner Website kann es also sinnvoll sein, sich die Antworten genau zu überlegen und sie ggf. sogar im Beisein des Partners oder eines nahestehenden Vertrauten durchzuführen.

(Image source: 2.bp.blogspot.com)

Nov 06

Hatten Sie kürzlich mit jemandem Kontakt, der völlig die Kontrolle über sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensstörungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich für problematisch, denn denn wer dürfte sich schon anmaßen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivität, Bullying, Lügen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegenüber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck darüber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderjährigen kommen meist aus problematischen Verhältnissen, haben Mißbrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gelöst, können sich bei ihnen Persönlichkeitsstörungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Persönlichkeitsstörung”, bipolare Störungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko für eigene oder fremde körperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gefängnisstrafen, Mord oder Suizid stark erhöhen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und häufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückschrecken. Häufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betrügen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerstören. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen äußerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewußt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, ängstlich und hoffnungslos fühlen, was nicht selten zu Alkoholmißbrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen führt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erklärt werden. Mediziner suchen nach rein körperlichen (z.B. genetischen) Erklärungen, lassen dabei aber häufig außer Acht, dass für viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil für emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen übermäßig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Persönlichkeitszügen mangelt es zusätzlich an Empathie und Verständnis für die Situation der anderen, was die Hemmung für Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur würden diese Leute im Konfliktfall unfähig sein, sich in Ihre persönliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gesprächsebene zu klären, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zunächst auf Abstand zu gehen, um das Gegenüber emotional “abkühlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Sep 14

‘Echo and Narcissus’ by John William Waterhouse (image source: oceansbridge.com)

Narzissmus bzw. “Selbstliebe” ist grundsätzlich eine wichtige Basis unserer Persönlichkeit: er treibt uns dazu an, uns um uns selbst zu kümmern. Als pathologische, schwere Persönlichkeitsstörung wird er nur dann betrachtet, wenn er schädigend wirkt – entweder für andere oder die Betreffenden selbst. Tatsächlich ist es keineswegs immer nur die Umwelt, die unter dem Narzissmus Einzelner zu leiden hat: manche Narzissten neigen dazu, sich selbst zu sehr zu “verwöhnen” – sie leben über ihre Verhältnisse, irgendwann aber bricht ihre Welt zusammen und Schulden, körperliche Krankheiten oder andere durch den Ressourcenmißbrauch verursachte Probleme holen sie ein.

Die Grundlage krankhaften Narzissmus’ ist ein schwaches Selbstwertgefühl, auf dessen Basis die betreffenden Personen – gewissermaßen überkompensierend – Grandiositätsgefühle entwickeln, ihre Fähigkeit zur Empathie dagegen nicht ausreichend ausgebildet wird. Es ist deshalb schwierig für sie, die Gründe der Handlungen anderer nachzuvollziehen, viel stärker bewegen sie die Auswirkungen dieser Handlungen auf sich selbst, etwa, wenn ihnen jemand bestimmte “Probleme bereitet”. Meist hört man dann lautstarke Klagen darüber, warum sich die andere Person nicht so verhalten hat, wie der Narzisst sich dies erwartete, und es kann keine Ruhe mehr gefunden haben, bis die Hindernisse aus dem Weg geräumt wurden oder “Gerechtigkeit” wiederhergestellt ist.

Die Größengefühle und die enorme Bedeutung, die das Umsetzen ihrer Ideen, Absichten und Ziele für sie hat, können jedoch auch zu einer massiven Last werden. Personen, die ihre Position in Frage stellen oder auch die Möglichkeit eines Zusammenbrechens ihrer Konstrukte stellen eine latente Bedrohung dar. Auch natürliche Vorgänge wie das Altern oder strukturelle Veränderungen werden als bedrohlich empfunden: denn wenn das Selbstwertgefühl nicht mehr so einfach wie früher durch Macht und Einfluss gestärkt werden kann oder altersbedingt geistige Ressourcen, Kraft und Leistung (bei Männern insbesondere auch die Potenz) nachlassen, sind schmerzvolle Anpassungsprozesse erforderlich, mitunter erfolgen mentale Zusammenbrüche, Suchtverhalten oder Depressionen mit Suizidgedanken stellen sich ein.

Die Wurzeln der narzisstischen Störung liegen wie bei den meisten anderen psychischen Störungen auch in der Kindheit. Die US-Journalistin Jean Liedloff, die bei einem südamerikanischen Stamm gelebt hat, thematisiert in ihrem Buch “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück” (siehe Link unten) den Verlust des narzisstischen Gefühls “Ich bin etwas wert” in der westlichen Welt. Beim Stamm der Yequana werden die Babys ein Jahr am Körper herumgetragen, schlafen bei den Eltern, Tadel oder mahnende Worte gibt es nicht. Die Kinder erhalten damit eine gute und stabile Selbstwertbasis, die sich auf körperlicher Ebene mit der Muttermilch vergleichen ließe, die das Immunsystem des Babys stärkt.

Zurückweisung oder Kritik dagegen erlebt ein Kleinkind als narzisstische Kränkung – erfährt es zuviel davon, kann sich eine destruktive Dynamik entwickeln. Häufig versuchen solche Kinder später, die Zurückweisung anderer mit besonderem Ehrgeiz oder anderen Kompensationsversuchen auszugleichen. Dies könnte erklären, wieso kleine Männer besonders häufig in Machtpositionen zu finden sind. Vor dem Hintergrund des Werteverlusts in der westlichen Gesellschaft wiederum könnten zahlreiche Facetten der westlichen Kultur, etwa die bei vielen beliebte Selbstdarstellung in den sog. “sozialen Netzwerken”, oder Aspekte der Fitneß- oder Selbstfindungs-Bewegung, als narzisstische Kompensationsversuche gedeutet werden.

Kann das vorhandene Selbstwertgefühl besonders starke “narzisstische Kränkungen” (etwa einen Verlust des Arbeitsplatzes und eine kurz darauffolgende Trennung) nicht verarbeiten, kann die Störung ins Pathologische kippen und sich in Gewalttätigkeit, Amokläufen, Somatisierungen (psychosomatische Erkrankungen), Sucht oder Depression manifestieren. Diese Symptome können gewissermaßen als Ventil gesehen werden, über die sich der Schmerz einer nicht verarbeitbaren psychischen Verletzung entlädt.

Der Narzisst – und die anderen

Narzissten sind häufig entweder Einzelgänger (da sie sich von potenziellen Beziehungspartnern gebremst fühlten oder schlicht kein Interesse haben, ihr Leben mit einer anderen Person zu teilen) oder aber es treffen sich zwei Narzissten, die gemeinsam ihren jeweiligen Zielen nachjagen, emotional aber nur in sehr begrenztem Ausmaß Intimität zueinander herstellen können. Manchmal wird geliebt, um selbst geliebt zu werden – oder das “Haben” einer Beziehung ist im Grunde wichtiger als der Partner selbst. Man lebt nebeneinander her, vom Partner wird in erster Linie Anerkennung und Respekt erwartet sowie Toleranz für die mitunter weit in die Abende oder Nächte dauernden beruflichen und Hobby-Aktivitäten.
In der Arbeitswelt und im Freundeskreis wirken Narzissten häufig souverän, eloquent bis schillernd-charismatisch. Wesentliche Teile des betreffenden Verhaltens sind jedoch mehr oder weniger bewußte Selbstdarstellungen und Inszenierungen, und der Eindruck der Souveränität und Sicherheit ist ein gewollter, ja gesuchter. Wird die eigene Grandiosität überschätzt, kann dies schlimme Folgen haben: etwa wenn beim Einstellungsgespräch ein guter Eindruck erzeugt wurde, später aber durch tatsächliche Inkompetenz Probleme für den Arbeitgeber entstehen. Das starke Streben vieler Narzissten nach Top-Positionen, Inszenierung und Aufmerksamkeit ist besonders dann problematisch, wenn diese Personen über Macht und Einfluß verfügen: aufgrund ihres Mangels an Empathie gehen sie gewissermaßen “über Leichen”, um ihre Ziele zu erreichen und unterschätzen (oder ignorieren) die Folgen ihres Handelns.

Über den Weg einer Psychotherapie kann es Narzissten gelingen, ihre Lebenszufriedenheit signifikant zu erhöhen und zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und anderen zu finden – auch wenn bestimmte Grundzüge besonders ausgeprägter narzisstischer Persönlichkeiten nur schwer oder gar nicht veränderbar sind.

Buchtipps:
Jean Liedloff, “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück” – Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit
Telfener / Liebl, “Hilfe, ich liebe einen Narzissten” – Überlebensstrategien für alle Betroffenen
Wardetzki, B., “Eitle Liebe” – Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können
Behary / Kierdorf / Höhr, “Der Feind an Ihrer Seite.” – Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern überleben und wachsen können
Berschneider, W.: “Wenn Macht krank macht”Narzissmus in der Arbeitswelt
Bergmann, W.: “Ich bin der Größte und ganz allein” – Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder
Wardetzki, B.: “Weiblicher Narzißmus – Der Hunger nach Anerkennung

Jul 23

“Schönheitschirurgen” und die Kosmetikindustrie leben davon (und Kritiker behaupten, sie tun ihr Bestes, um es zu fördern): das “Dorian-Gray-Syndrom” beschreibt ein Phänomen, bei dem Menschen regelrecht zwanghaft kosmetische Produkte kaufen und medizinische Prozeduren auf sich zu nehmen – im Versuch, ihre Jugend zu erhalten. Oscar Wilde griff in seinem berühmten Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” sehr eindrücklich das psychologische Dilemma der Betroffenen auf, nicht altern und seelisch reifen zu wollen. Der Protagonist des Romans wurde in Folge zum Namensgeber für das einschlägige Verhaltensbild.

Während das Syndrom als solches zwar noch nicht in die medizinischen Diagnoseschlüssel aufgenommen wurde, zeigen viele Patienten, die daran leiden, jedoch klar diagnostizierbare Elemente sogenannter Körperbildstörungen (mit starken Sorgen rund um – mitunter nur von ihnen selbst – wahrgenommene Defekte ihrer körperlichen Erscheinungsbildes), narzißtische Persönlichkeitselemente (etwa ein Gefühl der Überlegenheit anderen gegenüber oder starke Beschäftigung mit sich selbst), sowie Zeichen verzögerter psychischer Reifung (Maturation) in bestimmten Teilbereichen ihrer Persönlichkeit. In ihrer Sorge um ihr äußeres Erscheinungsbild und ihrer Schwierigkeit, ihr körperliches Altern zu akzeptieren, sind DGS-PatientInnen häufig intensive Benutzer (oder Mißbraucher) von Haarwuchs- und Diätprodukten, Stimmungsaufhellern und Potenzmitteln, oft sind sie Mitglieder in Fitneßclubs und häufig auch wiederholt Patienten für kosmetische Operationen (Laser-Korrekturen, Botox-Injektionen oder andere ästhetische Eingriffe).

Falls Sie jemanden kennen, der Anzeichen des Dorian-Gray-Syndroms zeigt, dürften Ihnen vielleicht auch depressive Tendenzen auffallen, die sich – wenn sie unbehandelt bleiben – selbstschädigend auswirken können: etwa wenn der oder die Betroffene versucht, das negative Selbstbild durch den Gebrauch von Medikamenten, Drogen oder wiederholten Operationen zu unterdrücken. Wer aber hätte das Recht, das jeweilige Verhalten als “schädlich” zu bezeichnen? Für manche Menschen wäre es wohl inakzeptabel, ihr Leben ständig nach derartigen Zwangsgedanken auszurichten, andere dagegen verändern lieber ihren Körper, als ihre Psyche zu hinterfragen.

Was läßt sich gegebenenfalls tun? Bei manchen Betroffenen stellt sich eine Persönlichkeitsstörung als eigentliche Ursache für die Körperbildstörung heraus, bei anderen ist es ein Mangel an Selbstwertgefühl. Während zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen unterschiedliche Maßnahmen (häufig eine Kombination aus Psychopharmaka und Psychotherapie) erforderlich sind, kann das Selbstwertgefühl sehr effizient mit Methoden aus der Psychotherapie alleine verbessert werden. Dies erfordert nicht unbedingt jahrelange “Gespräche” – klare und auch dauerhafte Verbesserungen sind in der Regel schon nach einigen Monaten regelmäßiger Sitzungen möglich. Diese haben unter anderem das Ziel, hinsichtlich der körperlichen Veränderungen, die unser Leben mit sich bringt, selbstsicherer und gelassener zu werden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:Dorian Gray Movie 2009)

Dec 15

Den aktuellen Stand der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen wurde kürzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) präsentiert.

Unter einer Persönlichkeitsstörung versteht man die extrem starke Ausprägung eines Persönlichkeitsstils wie etwa die zwanghafte, stark abhängige, ängstlich-vermeidende, paranoide, schizoide, die Aufmerksamkeit suchende, antisoziale oder stark narzisstische Veranlagung (Klassifikation siehe ICD-10). Charakteristisch ist bei allen Formen fehlende Flexibilität im Verhalten. Zwischen sechs und neun Prozent der Europäer leben mit so einer Störung, unter Psychiatrie-Patienten beträgt der Anteil in Deutschland sogar 40 Prozent. Betroffene, die besonders stressanfällig, emotional labil und ängstlich sind, entwickeln häufig andere psychische Folgeerkrankungen.

Man nimmt heute an, dass ein belastendes Lebensereignis oder eine nicht gelöste Lebensaufgabe dazu führen können, dass ein durch Vererbung, Beziehungs- oder Esserfahrungen geprägter Persönlichkeitsstil kranke Formen annimmt, die auch Behandlung erfordern. “Glaubte man lange, PS würden erstmals in der Pubertät auftreten und dann stabil bleiben, können das aktuelle Studien nicht bestätigen. Bei 35 Prozent der Patienten liegt das Vollbild der Störung nach zwei Jahren, bei 85 Prozent nach acht Jahren nicht mehr vor”, so Sabine C. Herpertz, Direktorin der Heidelberger Universitätsklinik für allgemeine Psychiatrie. Ohne Behandlung könne ein zur Krankheit gewordener Persönlichkeitsstil fatale Auswirkungen haben, die bis zum Suizid reichen.

Die am besten erforschte Persönlichkeitsstörung ist Borderline (BPS). Schlüsselpunkt sei das Training bestimmter Fertigkeiten, wie z.B. die der Regulation von Emotionen und Stress, die Steigerung des Selbstwertgefühls, das Achten auf sich selbst und sich in Schlüsselsituationen abzulenken oder zu entspannen. Bewährte Ansätze seien jene der DBT, Tiefenpsychologie, basale Kognitionen (z.B. in der Systemischen Therapie) oder auf Mentalisierung (z.B. in der Hypnotherapie), bei der man unter anderem auch die richtige Interpretation des eigenen oder fremden Verhaltens einübt.

Wer zu einer Persönlichkeitsstörung neige, sei laut Herpertz nicht von seiner genetischen Disposition abhängig, sondern könne lernen, die Auswirkungen auf Psyche und Verhalten zu steuern. Am besten vor Persönlichkeitsstörung geschützt seien extrovertierte, kontaktfreudige Charaktere, die nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen. “Günstig ist auch Ausdauer in Lebensaufgaben und Frust sowie soziale Zuverlässigkeit.” Allerdings können auch zuviel Skrupel sowie schädlicher Perfektionismus, übertriebene Ausdauer, Unfähigkeit zum Genuss und extreme Extrovertiertheit zu Problemen führen. “Es gilt stets den Weg der Mitte zu finden”, so die Heidelberger Psychiaterin.

(Quellen: Der Standard, DGPPN (Presseinfo / Abstract))

01.09.19