Mar 17

Nach einer US-Studie k√∂nnte es einen Zusammenhang zwischen ADHD-Medikamenten und Herzstillstand bei Kindern und Jugendlichen geben, wie die US-Lebensmittel- und Medikamentenbeh√∂rde FDA in einem Hinweis gewarnt hat. Stimulierende Mittel wie Ritalin, die zur Behandlung der Aufmerksamkeitsst√∂rung ADHD gegeben werden, k√∂nnten demnach auch bei ansonsten gesunden Kindern und Jugendlichen zu einem pl√∂tzlichen unerkl√§rten Tod durch Herzstillstand f√ľhren.

Die Aussagekraft der Studie, die vom American Journal of Psychiatry ver√∂ffentlicht wurde, ist allerdings hinterfragbar, worauf die FDA auch hinweist und erkl√§rt, dass die Warnung nicht bedeuten soll, dass Eltern die Medikation bei ihren Kindern einstellen sollen. Die behandelten √Ąrzte werden jedoch aufgefordert, den Therapieplan erst nach einer genauen Anamnese f√ľr Herzkreislauferkrankungen der Kinder und ihrer Familien zu erstellen.

Allein in den USA werden 2,5 Millionen Kindern mit Medikamenten wie Ritalin, Dexedrin, Modafinil oder Adderall behandelt, die auf diesen Wirkstoffen basieren. Bekannt ist, dass Ritalin und andere dieser Medikamente zu Herzkreislaufst√∂rungen f√ľhren und den Blutdruck erh√∂hen k√∂nnen, bei Hochdruck, Herzfehlern und √ľberhaupt Herzkreislauferkrankungen sollen sie nicht gegeben werden. Es gab auch immer wieder Berichte √ľber pl√∂tzliche Tode bei Kindern, die mit den Medikamenten behandelt wurden. Die FDA fordert weitere Studien, um mehr Aussagekraft hinsichtlich der kausalen Zusammenh√§nge zu erreichen.

(Quellen: [1], [2], [3])

Mar 13

Seit Jahrzehnten besteht ein wissenschaftlicher Disput dar√ľber, ob Zusammenh√§nge zwischen der psychischen Verfassung von Menschen und dem Verlauf von Krebserkrankungen existieren.

Wie nun eine Studie von Medizinern an der amerikanischen Mayo-Clinic mit rund 530 Lungenkrebs-Patienten zeigte, kann eine optimistische Lebenseinstellung möglicherweise die Prognose von Krebspatienten verbessern.

Studien-Teilnehmer mit einer optimistischen Grundhaltung (diese wurde bereits durchschnittlich 18 Jahre vor der Erkrankung erhoben, die Compliance der Patienten oder die Lebenseinstellung w√§hrend der Erkrankung wurde also nicht analysiert) lebten nach der Diagnose des Lungenkarzinoms im Mittel noch rund 19 Monate, bei den negativ eingestellten Personen waren es lediglich 13 Monate. Bei der Auswertung ber√ľcksichtigten die Forscher wichtige Faktoren wie Alter, Geschlecht, Krebsstadium oder Art der Therapie.

“Der gefundene √úberlebensvorteil einer optimistischen Haltung von sechs Monaten ist umso beeindruckender, wenn man ber√ľcksichtigt, dass die mittlere Lebenserwartung der untersuchten Patientengruppe unter einem Jahr liegt”, sagt Studienleiter Paul Novotny. Er betont im “Journal of Thoracic Oncology” deshalb, die Krebstherapie solle nicht nur auf rein medizinische Aspekte fokussieren, sondern auch die psychosoziale Situation eines Patienten ber√ľcksichtigen und behandeln.

Hinweis R.L.Fellner: die Studie zeigt nur eine Korrelation, nicht aber einen kausalen Zusammenhang auf, dies sei erg√§nzend erw√§hnt. Im Abstract der Studie (siehe Quellenverweis unten) wird auf die Notwendigkeit weiterer Forschung in diesem Bereich hingewiesen – eine, wie ich meine, sehr treffende Einsch√§tzung, zumal die Lebenseinstellung der Studie zufolge in etwa denselben Einflu√ü haben d√ľrfte wie die √§u√üerst kostenintensiven Chemotherapien. .

(Quelle: Journal of Thoracic Oncology Mar 2010, Vol 5 – Issue 3, pp 326-332; doi: 10.1097/JTO.0b013e3181ce70e8: A Pessimistic Explanatory Style Is Prognostic for Poor Lung Cancer Survival [Link])

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth√§lt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst√∂rungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie√ülich psychischer und Verhaltensst√∂rungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf√ľgen aber nicht nur √ľber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf√§higkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f√ľr diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f√ľr neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw√ľrfe zur Ver√∂ffentlichung freigegeben, die endg√ľltigen Fassungen werden dann f√ľr beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl√§ge f√ľr den neuen DSM-V ver√∂ffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m√ľssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal √ľberarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was √ľber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f√ľr heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V√§ter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da√ü die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T√ľren stattfinden, selbst ihm habe man einschl√§gige Ausk√ľnfte verwehrt. Sein Nachfolger f√ľr das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au√üerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl√ľgelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit√§t, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro√üe Bedeutung solcher Diagnosem√∂glichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h√§tten sich diese Erwartungen aber nicht erf√ľllt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl√§ssig feststellen lie√üen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers√∂nlichkeitsz√ľge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche √Ąnderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit√§t der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f√ľnf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr√§gt sind. Solcherart soll dem h√§ufigen Umstand besser gerecht werden, da√ü viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St√∂rung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k√∂nnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest√∂rt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k√∂nnte auch dazu f√ľhren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f√ľr eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f√ľr eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den √Ąrzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l√∂st aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar√ľber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef√ľhrt, die ebenfalls f√ľr Diskussionsstoff sorgen d√ľrften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr√ľhe Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k√∂nne zu einer verfr√ľhten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn√∂tigen Stigmatisierung f√ľhren, Bef√ľrworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr√ľher helfen zu k√∂nenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit√§tsst√∂rung) ist f√ľr Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W√ľnschen Transsexueller d√ľrfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit√§tsst√∂rung) geben.

Statt der bisher zw√∂lf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f√ľnf Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen geben, n√§mlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St√∂rung. Damit w√ľrde auch das fr√ľher im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f√ľr Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef√ľhlsregulationsst√∂rung mit schlechter Stimmung” zu √ľbersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef√ľhlsausbr√ľche und negativer Stimmungszust√§nde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k√ľnftig von den “St√∂rungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w√ľrde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f√ľr eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver√§nderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh√§ngigkeit wurde vollst√§ndig durch diejenige von St√∂rungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst√∂rung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh√§ngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh√§ngigkeit, sondern von substanzbezogenen St√∂rungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst√∂rungen f√§llt. Ein Pendant f√ľr Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m√∂chte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen√ľgend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f√ľr viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k√∂nnte alternative L√∂sungsm√∂glichkeiten ins Abseits dr√§ngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst√∂rungen d√ľrfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R√§tsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel√∂st werden.” (tp)

(Quellen und Ausz√ľge aus: tp, Science 02/2010)

Feb 12

Die meist verwendeten Schlaf- und Beruhigungsmittel wie beispielsweise Temesta, Dalmadorm oder Valium geh√∂ren zur Klasse der Benzodiazepine. Im Magazin “Nature” wurden nun die Ergebnisse einer Studie des Forschungsteams um Ch. L√ľscher an der Universit√§t Genf publiziert, nach denen Benzodiazepine – genau wie Heroin, Haschisch und andere Drogen auch – gezielt die Aktivit√§t derjenigen Nervenzellen reduzieren, welche normalerweise das Belohnungssystem im Mittelhirn im Zaum halten. Wenn das entfesselte Belohnungssystem jedoch keiner Kontrolle mehr untersteht, kann es abw√§gende Entscheidungen zunehmend verunm√∂glichen und das zwanghafte Verhalten ausl√∂sen, das die Sucht definiert.

Selektiv wirksame Substanzen, die nur mit vereinzelten Untereinheiten der beteiligten GABA(A)-Rezeptoren interagieren, also zwar schlaff√∂rdernd wirken, jedoch nicht s√ľchtig machen, seien zwar vorhanden, wurden bisher jedoch nicht klinisch entwickelt.

Psychotherapie oder andere erfolgreiche und seit Jahrzehnten etablierte Methoden, den Schlaf zu verbessern bzw. Schlafstörungen zu beseitigen, fanden in den Schlußfolgerungen keine Erwähnung.

(Quelle: Neural bases for addictive properties of benzodiazepines in: Nature 463, 769-774 (Feb 11, 2010); doi:10.1038/nature08758; Bild: fernsehen.ch)

Dec 13

In der vorletzten Ausgabe der deutschen Ausgabe des Magazins “Wirtschaftswoche” erschien ein Artikel, der einem beim Lesen mitunter die Haare zu Berge stehen lie√ü.

Mit Geschenken, Gutscheinen, Geld und Umsatzbeteiligung k√∂derte Ratiopharm √Ąrzte. Geheime Unterlagen zeigen nun im Detail, mit welch dubiosen Methoden der Pharmahersteller seinen Konkurrenten Hexal bek√§mpfte. Der Bericht ist insgesamt
96 Seiten lang, und gibt einen Einblick davon, wie es um das moralische Innenleben eines Medikamentenkonzerns noch j√ľngst bestellt war. Penibel haben Ermittler der Landespolizeidirektion T√ľbingen E-Mails und Tagungsunterlagen des Pillenherstellers Ratiopharm ausgewertet, die sie bei Managern und Au√üendienstmitarbeitern im Herbst 2006 sicherstellen lie√üen. “Alle Mittel einsetzen!” oder “Umsatz um jeden Preis!” hie√ü es da. Einmal auch schlicht: “Verordner kaufen.” Der komplette, bisher unter Verschluss gehaltene Bericht liegt der WirtschaftsWoche vor.

Den vollen Artikel finden Sie in der Wirtschaftswoche (Auszug siehe Quellenverweis), und der Anti-Korruptions-Organisation WikiLeaks sei Dank steht die dem Artikel zugrundeliegende Ermittlungsakte auch online zur Verf√ľgung (Links siehe unten).

(Quellen: WirtschaftsWoche, WikiLeaks)

Oct 19

59 Prozent aller Medikamente gegen psychische St√∂rungen werden in den USA von praktischen √Ąrzten – also nicht von Psychiatern – verschrieben. Nach einer k√ľrzlich im Fachjournal “Psychiatric Services” ver√∂ffentlichten Studie, im Zuge derer 472 Millionen Rezepte, die in den USA zwischen August 2006 und Juli 2007 ausgestellt worden waren, untersucht wurden, verschrieben praktische √Ąrzte den Hauptteil aller Medikamente: 62 Prozent aller Antidepressiva und 52 Prozent aller Stimulanzien (welche haupts√§chlich bei ADHS verschrieben werden). Zur Behandlung von Psychosen wurden 37 Prozent verschrieben, 22 Prozent gegen Zw√§nge und Wahnvorstellungen.

Mindestens 27 Millionen Amerikaner nehmen Antidepressiva ein, und einige Millionen (die genaue Zahl ist unbekannt) Medikamente gegen ADHS. Die Hauptsorge der Wissenschafter ist, ob die Patienten bei Allgemeinmedizinern damit auch eine adäquate Behandlung bekommen. Die chemischen Substanzen der Medikamente beeinflussen das Gehirn und können erhebliche Nebenwirkungen haben, andererseits kann eine nicht-behandelte Depression suizid-gefährdend sein.

(Quelle: Reuters, 10/2009. Photo:Cordis)

Oct 15

Das trizyklische Antidepressivum Nortriptylin (vertrieben unter den Markennamen Nortrilen, Sensoval, Aventyl, Pamelor, Norpress u. Allegron) f√∂rdert Forschern zufolge bei m√§nnlichen Patienten Selbstmordgedanken st√§rker als ein anderes Mittel. In einer Studie h√§tten die mit der Substanz behandelten M√§nner zehnmal h√§ufiger an Suizid gedacht als mit dem Wirkstoff Escitalopram behandelte Patienten, schreiben die Wissenschafter vom Kings College London im Fachmagazin “BMC Medicine”. Bei den weiblichen Probanden wurde der Effekt nicht beobachtet. Eine mit einem wirkstofflosen Mittel (Placebo) behandelte Kontrollgruppe gab es jedoch nicht.

Schon mehrfach haben Studien gezeigt, dass bestimmte Antidepressiva (vermutlich bedingt durch den erh√∂hten Antrieb, den sie verursachen) ‘paradoxerweise’ zu mehr Suizidgedanken f√ľhren k√∂nnen, was gerade dann fatal ist, wenn sie als ausschlie√üliche Therapiema√ünahme (statt mit Psychotherapie kombiniert) verschrieben wurden. Bei Kindern, die mit Mitteln wie Paxil (Wirkstoff Paroxetin), Zoloft (Sertralin) und Effexor (Venlafaxin) behandelt wurden, wurde ein Anstieg an Selbstt√∂tungsgedanken und -aktionen festgestellt, vor der Verschreibung von Antidepressiva an junge Menschen wurde deshalb gewarnt.

Nortrilen / Nortriptylin wird h√§ufig bei ‘major’ Depressionen, Bettn√§ssen, CFS und Migr√§ne verschrieben.

Weitere Artikel √ľber Antidepressiva: [1], [2]

Oct 13

Photo src: verslavingsblog.nl

Zur Vermeidung von “schiefer Optik”, wenn nicht gar von Korruptionsvorw√ľrfen, mit dem Ziel unbedingter Achtung der Interessen der Kranken und strengster Schweigepflicht bei gleichzeitiger M√∂glichkeit zur Zusammenarbeit von Behandlern in Teams – die √Ėsterreichische Gesellschaft f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie hat vor kurzem einen von einem Expertengremium formulierten “Verhaltenskodex f√ľr Psychiater” verabschiedet.

Selbstbestimmungsrecht des Kranken

F√ľr die Patienten mit psychischen Leiden, die oft der Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt sind, ganz wichtig: “Jede psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung hat – wie alle medizinischen Interventionen – unter Wahrung der Menschenw√ľrde und unter Achtung der Pers√∂nlichkeit, des Willens und der Rechte der Patienten zu erfolgen. Das Selbstbestimmungsrecht des Kranken ist zu w√ľrdigen. Psychiater achten das Recht ihrer Patienten, den Arzt frei zu w√§hlen oder zu wechseln.”

Schweigepflicht

Besonders streng ist die Schweigepflicht formuliert: “Psychiater haben √ľber all das, was sie w√§hrend ihrer √§rztlichen bzw. psychotherapeutischen T√§tigkeit erfahren, auch √ľber den Tode des Patienten hinaus, zu schweigen, abgesehen von gesetzlich vorgesehenen Ausnahmen.” Auf der anderen Seite soll das nicht die Zusammenarbeit von Psychiatern und Psychotherapeuten und anderen √Ąrzten untereinander behindern: “Wenn mehrere Psychiater und Psychotherapeuten bzw. ein interdisziplin√§res Team den Patienten behandeln, so sind sie untereinander von der Verschwiegenheitspflicht insofern befreit, als das Einverst√§ndnis der Patienten vorliegt oder berechtigterweise angenommen werden kann.”

Einsicht in Krankenakten

Nat√ľrlich hat der Patient ein Recht auf seine Daten: “Psychiater haben Patienten auf deren Verlangen grunds√§tzlich in sie betreffende Krankengeschichten Einsicht zu gew√§hren und gegen Kostenersatz Kopien anzufertigen.”

Verbindungen zur Pharmaindustrie

Schlie√ülich sind in dem von Christoph Stupp√§ck (MedUni Salzburg), Hartmann Hinterhuber (MedUni Innsbruck), Michael Lehofer (Landesnervenklinik Graz) und Helmuth Ofner (Juridische Fakult√§t Uni Wien) formulierten Verhaltenskodex auch die Verbindungen zur Pharmaindustrie geregelt: Jede “Pharmastudie” muss einer Ethikkommission vorgelegt werden, f√ľr Leistungen an die Industrie d√ľrfen Honorare “die Grenze der Angemessenheit nicht √ľbersteigen”. Der Dienstgeber muss √ľber solche Vertr√§ge Bescheid wissen. Bei Fortbildungsveranstaltungen ist der Sponsor offen zu legen. Kongresseinladungen d√ľrfen nur mit einem angemessenen Kostenersatz verbunden sein. Werbegeschenke d√ľrfen bestenfalls angenommen werden, wenn ihr Wert geringf√ľgig ist.

Hinweis R.L.Fellner: F√ľr den Berufsstand der Psychotherapeuten existiert in √Ėsterreich seit 1990 das Psychotherapiegesetz (PThG), seit 2002 sind auch umfassende und detaillierte Ethik-Richtlinien festgelegt.

(Quelle: Der Standard, 10/2008)

Oct 03

In seinem aktuellen Buch “The Emperor’s New Drugs: Exploding the Antidepressant Myth” widmet sich der englische Psychologe, Hypnotherapeut und Verhaltenstherapeut Irving Kirsch den Mythen bez√ľglich der angeblichen Effizienz der Antidepressiva sowie der wissenschaftlichen Theoriebildung um das Krankheitsbild der Depression. Auch ich selbst habe mich vor 4 Jahren in einem Artikel diesem Thema gewidmet (auf meiner Website verf√ľgbar: Link) – wenn auch weitaus weniger umfangreich, aus anderen Perspektiven und mit anderen Begr√ľndungen. √Ąhnlich jedoch waren die Schlu√üfolgerungen – Antidepressiva w√ľrden in ihrer Wirkung √ľbersch√§tzt, sollten nur bei schweren Depressionen tempor√§r und gezielt zur Symptomentlastung eingesetzt werden, das Fundament der Behandlung sollte jedoch Psychotherapie darstellen.

Kirsch illustriert in seinem Buch, dass Antidepressiva nicht wirksamer seien als Placebos, Scheinmedikamente ohne Wirkstoff (was aber nicht bedeutet, dass sie wirkungslos sind – ausdr√ľcklich warnt er Betroffene davor, die Antidepressiva abrupt und ohne Absprache mit einem Arzt abzusetzen.) Seine Auswertungen von einer Vielzahl von z.T. bisher unver√∂ffentlichten Studien rund um die Wirkung von Antidepressiva (siehe Blog-Eintrag “Antidepressiva vertr√§glicher, aber kaum besser wirksam“) ergab, “dass 82 Prozent der medikament√∂sen Wirkung auch durch wirkungslose Placebos erreicht werden kann.” Statt Psychopharmaka empfiehlt er Psychotherapien. Zwar seien auch diese kurzfristig kaum effektiver als Placebos, langfristig aber wirksamer, weil die Therapierten seltener R√ľckf√§lle erlitten.

In einem Artikel auf Telepolis gibt der Journalist Matthias Becker lesenswerte Einblicke sowohl in das erw√§hnte Buch Irvings’ als auch in die Hintergr√ľnde der Marketingt√§tigkeiten der Pharmakonzerne, welche auf verschiedensten Wegen versuchen, die √∂ffentliche Meinung √ľber psychische Krankheiten, deren Ursachen und die empfehlenswerteste (das ist dann i.d.R. eine Psychopharmaka-basierte) “state of the art”-Behandlung etwa √ľber die Finanzierung von “Informations”-Websites, die Manipulation oder Unterdr√ľckung spezifischer Studienergebnisse etc. zu beeinflussen.

Sep 24

Die geringe Heilkraft und der hohe Anteil an Placebowirkung von Antidepressiva geriet w√§hrend der letzten Monate – wohl auch angesichts der exorbitanten Anteile von Ausgaben f√ľr Psychopharmaka in den Gesundheitsbudgets der krisengesch√ľttelten westlichen Industrienationen – verst√§rkt in den Focus der √∂ffentlichen Aufmerksamkeit.

Das Deutsche Institut f√ľr Qualit√§t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen beurteilte nun in einer gro√ü angelegten Meta-Studie die Heilungskraft von SNRI’s, der neuesten Generation von Antidepressiva, neu, wonach man zum Ergebnis kam, da√ü diese keinen wesentlichen Vorteil gegen√ľber den SSRI’s mit sich bringen. Man sieht Hinweise, aber keine Belege daf√ľr, dass z.B. Duloxetin und Venlafaxin bei Patienten mit h√∂herem Schweregrad der Depression gegen√ľber den SSRI’s besser wirken. Bewiesen sieht man den Zusatznutzen im Vergleich zu der Wirkstoffklasse der SSRI nur auf Ebene der √Ąnderung der depressiven Symptomatik in der Kurzzeit-Akuttherapie, daf√ľr kommt es gegen√ľber den SSRI’s zu mehr Therapieabbr√ľchen.

“Mehr noch, die SNRI’s schneiden nicht mal gegen√ľber den Vorl√§ufern der SSRIs, den trizyklischen Antidepressiva, besonders gut ab. Sie sind zwar besser vertr√§glich als diese, besser wirken im Sinne der Linderung oder gar Heilung einer Depression tun sie nicht. (..) In entscheidender Hinsicht befindet sich die medikament√∂se Behandlung der Depression noch im Stadium den fr√ľhen 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ‚Äď da n√§mlich wurden die Trizyklika entwickelt.” (Quelle und Volltext: telepolis)

ÔĽŅ01.09.19