Dec 07
Photo: Reset.me

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Die Nahrungs- und Arzneimittel-Behörde FDA in den USA könnte bis zum Jahr 2021 die chemische Substanz MDMA als Arzneimittel zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen legalisieren, wenn der Nachweis positiver Wirkungen unter kontrollierter Dosierung in Kombination mit Psychotherapie gelingt.

Die FDA hat damit grünes Licht für die sog. “Phase 3” der Versuche mit MDMA gegeben, die abschließende Phase der Validierung, die erforderlich ist, um der Partydroge den Status einer im staatlichen Gesundheitssystem anerkannten Arzneimittels zu verleihen.

Die Behandlung beinhaltet die insgesamt 3-malige Verabreichung der Droge (1x pro Monat) ergänzt durch wöchentliche Psychotherapie-Sitzungen. Frühere Studien rund um die Substanz, welche derzeit von der DEA (Drug Enforcement Administration) gemeinsam mit Heroin und LSD in der Drogenkategorie 1 enthalten ist, zeigten ermutigende Ergebnisse für Patienten mit hartnäckigen Formen posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS). “Wir haben signifikante Hinweise darauf, dass sich MDMA in der unterstützenden Behandlung von PTSD als wirksam erweist,” sagte Brad Burge von der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), einer gemeinnützigen Organisation in Santa Cruz, Kalifornien, die sich bemüht, MDMA medikamenten-Status zu verleihen: “Dass die FDA nun die Einleitung der Phase 3 bewilligte, ist ein starker Hinweis darauf, dass die Behörde dies genauso sieht”.

Etwa 50% der in “Phase 3” eingereichten Medikamente versagen. Passiert dies mit MDMA bei der Verwendung in der Therapie von PTBS-Patienten jedoch nicht, könnte die Substanz bereits im Jahre 2021 zur Verwendung eingereicht werden. Das Medikament wäre dann nicht auf Verschreibung für die Patienten zu Hause (ähnlich wie Marihuana in vielen US-Bundesstaaten) verfügbar, sondern gemäß dem Design der Studien würde es von ausgebildeten Psychotherapeuten in lizenzierten Zentren verwaltet und verabreicht werden. “Die Menschen kommen in eine Klinik, erhalten eine MDMA-Pille vom Arzt und nehmen sie sofort für ihre Therapiesitzung. Sie nehmen die Pille nicht nach Hause”, so Burge.

MDMA ist per se nicht mit der Partydroge Ecstasy oder “Molly” vergleichbar. “Weniger als die Hälfte der auf der Straße erhältlichen Ecstasy- oder Molly-Pillen enthält überhaupt MDMA, sondern in der Regel schädliche Ersatzstoffe”, erklärt Burge. Das bedeute aber im Umkehrschluß nicht, dass MDMA ungefährlich sei. Die Droge kann unter bestimmten Bedingungen zu Überhitzungssymptomen und Organversagen führen. Die MDMA-Pillen, die Patienten während der Versuche verabreicht werden, haben pharmazeutische Qualität mit einer festgelegten Dosis des Wirkstoffs und werden für die Versuchsreihe in Nordengland hergestellt.

Mar 25

Bild: MOD/Crown (c) 2012

Einer britischen Studie zufolge ist die Zahl der Verurteilungen wegen Gewalttaten bei ehemaligen Soldaten dreimal so hoch wie in der männlichen Gesamtbevölkerung. Dies deckt sich mit Studien in den USA, wo Veteranen der Kriege im Irak und Afghanistan nach der Rückkehr in ihr ziviles Leben zu gewalttätigem Verhalten in der Familie neigen und häufig in die Kriminalität rutschen. In den Gefängnissen beider Länder befindet sich ein relativ hoher Anteil an Ex-Soldaten, die wegen Gewalttaten verurteilt wurden – so sind fast ein Zehntel der Häftlinge in britischen Gefängnissen ehemalige Soldaten.

Naheliegend ist die Vermutung, dass viele der Menschen, die aktiv an Kriegseinsätzen teilnehmen, nach ihrer Heimkehr unter posttraumatischen Belastungsstörungen, Angst, Depressionen und anderen psychischen Folgen zu leiden haben. Doch es sollte auch untersucht werden, ob einer erhöhte Gewaltneigung auch schon vor dem Eintritt in das Militär bestanden. Den Ergebnissen zufolge sind neben dem Geschlecht (v.a. Männer) und Alter (v.a. unter 30-Jährige) am stärksten untergeordneter Rang und schon vor dem Eintritt ins Militär bestandene Gewalttätigkeit Risikofaktoren für nach Verlassen des Militärs begangene Gewalttaten. Die Teilnahme an Kampfeinsätzen und auch das wiederholte Erleben traumatisierender Ereignisse erhöhen die Wahrscheinlichkeit, eine Gewalttat zu begehen, um das Doppelte gegenüber anderen Soldaten. Alkohol, posttraumatische Belastungsstörungen und gegen sich selbst gerichtetes aggressives Verhalten (->Suizid-Risiko) nach der Rückkehr sind Risikofaktoren.

Wer schon vor dem Militärdienst gewalttätig oder aggressiv war, scheint sich eher zu Kampfeinsätzen zu melden und neigt auch danach vermehrt zu Gewalt. Nach dem Militärdienst verdoppeln sich die allgemeinen Straftaten beinahe. Die Ausbildung als Soldat mit Waffen schon scheint die Neigung zu Straftaten und Gewalt statistisch zu erhöhen. Zu begrüßen wären insofern den Forschern zufolge Eignungsverfahren und Prüfung auf registrierte Gewaltdelikte bereits bei den Eignungstests für das Militär. Ob diese Forderung Chancen auf Umsetzung hat, ist freilich dahingestellt.

(Quellen: Telepolis [1], [2], The Lancet [1)

Sep 22

Auch wenn die schlimmsten Befürchtungen über die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine geschätzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder übertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, veröffentlichte.

Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten später ähnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am größten waren, wenn die Mütter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Streßkompensation – auch hier fand man höhere Belastungen der Kinder, deren Mütter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die stärksten Symptome bei den Kindern, deren Mütter diese während dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies möglich?

Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.

Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, veröffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualität der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Sprößlinge im Erwachsenenalter beeinflußt. Rattenjungen, die von ihrer Mütter während der ersten Woche des Lebens regelmäßig umsorgt und geleckt wurden, konnten im späteren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst wären nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des Körpers auf Stress verändern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von 1 Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Moleküle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.

Welpen, die ein hohes Maß an Pflege und lecken erhielten, zeigten höhere Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivität des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig behüteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Fähigkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den Müttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivität. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivität dieser Gene reduziert, was die hone Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivität bei dieser Störung erklären könnte. Ähnliche Effekte wurden seither auch bei Mißbrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.

Hohe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Veränderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen für die Streßbewältigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen übertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren könnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erklären, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.

In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen Änderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die für Lernen und Gedächtnis zuständig ist. Epigenetische Marker könnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Letzten Monat berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von Mäusen übertragen werden können, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Gebärmutter von ihren Müttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben könnten.

(Quellen: The Guardian 11.09.2011 (also:Image source);
Yehuda, R et al (2005): Transgenerational Effects of Posttraumatic Stress Disorder in Babies of Mothers Exposed to the World Trade Center Attacks during Pregnancy. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, DOI: 10.1210/jc.2005-0550;
Yehuda, R et al (2009): Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.02.03;
Sarapas, C et al (2011): Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. Disease Markers, DOI: 10.3233/DMA20110764

Aug 16

Die Medizin, Psychologie und andere Humandisziplinen der Forschung befassen sich traditionellerweise vorrangig mit den Ursachen von Problemen und der Suche nach Möglichkeiten, diese zu beheben. Seit einigen Jahren jedoch gewinnt ein neuer Ansatz verstärkte Bedeutung: die Resilienzforschung. Der Begriff stammt vom lateinischen resilio ab (“abprallen”, “zurückspringen”) und bezeichnet in der Physik hochelastische Materialien, die nach Verformungen ihre ursprüngliche Form wieder annehmen. In den Humanwissenschaften forscht man nach jenen Potentialen, die Menschen dazu befähigen, Niederlagen, Unglück, Stressoren und Schicksalsschläge besser und schneller zu meistern oder den Körper zu heilen.

In der Verhaltensforschung und Psychologie werden Menschen als resilient bezeichnet, die aus Schwierigkeiten das Beste machen, daraus lernen und reifen, oder zumindest weniger Schaden nehmen als andere unter ähnlichen Umständen. Resilienz ist jedoch keineswegs mit Unempfindlichkeit oder der Selbstverleugnung traumatischer Erlebnisse oder zwischenmenschlicher Schwierigkeiten in unserem Leben zu verwechseln. Vielmehr beschreibt diese Fähigkeit eine Haltung innerer Stabilität, eine positive Grundhaltung, die Menschen in die Lage versetzt, an Leidenserfahrungen und Konflikten zu wachsen, statt sich in den damit verbundenen Emotionen festzulaufen und damit ihre Lebensqualität noch weiter einzuschränken. In der Regel erfolgt bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit ein Perspektivenwechsel: entweder wird die Situation neu interpretiert oder der Fokus verlagert sich auf andere, positive Lebensbereiche. Befragt man diese Personen nach ihrer problematischen Erfahrung, werden häufig positive Seiteneffekte oder durch das einschneidende Ereignis verursachte Lernmöglichkeiten mit erwähnt. In besonders schwierigen Lebenssituationen suchen Personen mit hoher Resilienz aktiv professionelle Hilfe, um baldmöglichst wieder auf die Beine zu kommen, statt sich einer womöglich chronisch belastenden Situation auszusetzen.

In der kulturübergreifenden Forschung wurde beobachtet, dass Resilienz eine Fähigkeit ist, die nicht durch die individuelle Person allein erklärt werden kann. “Gute” Familien, Schulen, eine “gesunde” soziale Umgebung und faire gesellschaftliche Bedingungen helfen dabei, die entsprechenden Fähigkeiten zu entwickeln, und jüngere Menschen haben diese eher als ältere. Ebenso existieren entsprechende Risikofaktoren: etwa frühe psychische oder körperliche Gewalterfahrungen, psychische Leiden enger Bezugspersonen sowie diverse kulturelle Faktoren.

Psychologen haben 7 Säulen der Resilienz ausgemacht – Indikatoren für eine starke Fähigkeit zur Stress- und Krisenbewältigung. Über je mehr dieser Eigenschaften jemand verfügt, umso resilienter die betreffende Person:

  • Selbstbewusstsein: Resiliente Menschen glauben an die eigenen Kompetenzen. Sie werden aktiv statt zu jammern und damit in eine Opferrolle zu verfallen, und sie vertrauen ihren Fähigkeiten, über kurz oder lang Problemlösungen zu finden.
  • Kontaktfreude: Resiliente Menschen kommunizieren gern. Sie lösen Schwierigkeiten bevorzugt gemeinsam mit anderen Menschen statt im Alleingang und suchen sich dafür passende Partner aus. Ihren häufig gut entwickelten sozialen Fertigkeiten versetzen sie in die Lage, gute und lang anhaltende Beziehungen aufzubauen.
  • Gefühlsstabilität: Resiliente Menschen verfügen über gute Fertigkeiten, ihre Emotionen und gedanklichen Muster zu analysieren. Dadurch können sie die eigene Gefühlswelt und ihre Reaktionen so steuern, dass sie hohe Belastungen nicht nur als Stress, sondern auch als Herausforderung empfinden, wodurch sie in der Regel handlungsfähiger als andere bleiben.
  • Optimismus: eine Grundüberzeugung hinsichtlich positiver Möglichkeiten, die selbst in schwierigen Lebenssituationen stecken, ist eine integrale Voraussetzung für Widerstandsfähigkeit. Man wird von resilienten Menschen deshalb in schwierigen Situationen nur selten negative Verallgemeinerungen hören, sondern eher hoffnungsvolle Formulierungen wie „Diesmal hatte ich keinen Erfolg, nächstes Mal schon.“
  • Handlungskontrolle: Resiliente Menschen sind alles andere als impulsiv, sondern vielmehr in der Lage, auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen kontrolliert und überlegt zu reagieren. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sofortige Belohnungen zugunsten eines höheren Ziels in der Zukunft aufzuschieben – im Fachjargon heißt das Gratifikationsverzicht. Diese Kontrolle ist zugleich eine wichtige Komponente der emotionalen Intelligenz (EQ).
  • Realismus: Resiliente Menschen denken langfristig und entwickeln für sich realistische Ziele. Dadurch werden sie von vorübergehenden Krisen im Leben – etwa Trennungen, dem Tod der Eltern oder bei beruflichen Problemen – nicht so leicht aus dem Gleichgewicht geworfen. Da sie eine längere Perspektive im Kopf haben, stabilisiert sich ihr emotionaler Zustand zumeist rascher wieder.
  • Analysestärke: Resiliente Menschen sind in der Lage, kreativ zu denken und sich leichter von eingefahrenen Denkpfaden zu lösen. Ihre Fähigkeit, die Ursachen von Krisen zu identifizieren, zu analysieren und damit zukunftsorientiert umzugehen, ermöglicht ihnen, adäquate Lösungen zu entwickeln. Und wenn sie dazu einmal nicht selbst in der Lage sein sollten, holen sie sich pragmatisch Hilfe.

In der Literatur werden eine Reihe von Ansätzen angeführt, mit denen die eigene Resilienz über bereits vorhandene Fähigkeiten hinaus erhöht bzw. angeregt werden kann:

  • Resiliente Kommunikation: “Das, was bei mir okay ist, hat mehr Einfluß als das, was nicht passt.”
  • Fokus auf die Stärken einer Person – und die Frage: “wie kann ich diese Stärken dazu nutzen, um Probleme zu überwinden?”
  • Positiv sein: das Leben als herausfordernd, dynamisch und gefüllt mit Chancen wahrnehmen
  • Fokus: ein Ziel festlegen und dieses bewusst anpeilen
  • Flexibilität: sich bei Unsicherheiten alle Optionen offen halten
  • Selbstorganisation: unsicheres Terrain benötigt durchdachte Strategien
  • Eigeninitiative: vorausschauend und aktiv handeln
  • Coaching: wenn sich nichts zu bewegen scheint, professionellen Input holen
  • Geduld: sich zu erholen, benötigt selbst bei den besten Strategien Zeit
  • anderen helfen

 

(Quellenangabe: die Beschreibung der Resilienzsäulen basiert auf einem Artikel der “Wirtschaftswoche”).

Mar 14

Für eine Studie zur Auswertung von Kriegsverletzungen wurden die Daten von 34.000 Pentagon-Mitarbeitern ausgewertet, die zwischen 2004 und 2007 aus dem Irak und aus Afghanistan zur Behandlung in das Militärkrankenhaus in Landstuhl gebracht wurden. Normalerweise wird nach zwei Wochen entschieden, ob die Soldaten wieder im Konfliktgebiet eingesetzt oder zur weiteren Behandlung in die USA geschickt werden. Den Studienergebnissen zufolge verändern sich offenbar die Arten von Kriegsverletzungen, mit denen Soldaten konfrontiert sind – oder zumindest die Klassifikationssystem und damit auch die Genauigkeit der Diagnosemöglichkeiten (R.L.Fellner). Im Ersten Weltkrieg standen bei den US-Soldaten noch Infektions- und Atemwegserkrankungen sowie Magen-Darm-Störungen an erster Stelle, nun sind es Muskel- und Knochen- sowie Rückgratverletzungen (24%), die sich die Soldaten allerdings nicht vorwiegend im Kampfeinsatz, sondern im Training oder in der Freizeit zuziehen. Danach kommen mit 14 Prozent erst Verletzungen oder Erkrankungen im Kampfeinsatz: 10 Prozent davon sind neurologische, 9 Prozent psychische Störungen und 7 Prozent Schmerzen in der Wirbelsäule.

Im Ersten Weltkrieg kamen psychische Störungen erst an 11. Stelle, das blieb auch noch im Zweiten Weltkrieg so, in dem aber auf Atemwegs- und Infektionserkrankungen bereits nicht mit dem Kampfeinsatz verbundene Verletzungen folgten. Im Vietnamkrieg lagen letztere schon an erster Stelle, psychische Störungen stiegen auf Platz 6. Im ersten Golfkrieg standen bei den Einlieferungen ins Krankenhaus Verletzungen an erster Stelle, psychische Störungen lagen an achter Stelle. Die neurologischen (13%) und die psychischen Störungen (13%) haben somit die Kampfverletzungen (12%) überschritten – zumindest derer, die in Landstuhl -also nicht vor Ort- behandelt wurden. In aller Regel wurden Soldaten, die wegen psychischen Störungen behandelt wurden, nicht mehr in den Einsatz zurückgeschickt. Während sich der Anteil der übrigen Verletzungen und Erkrankungen nicht verändert hat, sind die psychischen Störungen 2004/2005 um 32,4 Prozent, 2005/2006 um 3 Prozent und 2006/2007 um 61,9 Prozent gestiegen. In Afghanistan ist die Zahl zunächst leicht gesunken, dann aber 2006/2007 gleich um 225 Prozent angestiegen. Dieser Anstieg sei auch deswegen überraschend, weil zur selben Zeit die Zahl der Psychologenteams zur Behandlung von Kampfstress stark angehoben wurde (Anmerkung R.L.Fellner: möglicherweise ist dies aber schlicht dadurch erklärbar, daß PTSD’s von Medizinern häufig nicht diagnostiziert werden, einfach, weil sie zu wenig hinsichtlich psychischer Störungsbilder ausgebildet und sensibilisiert sind). Posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) überwiegen bei den psychischen Störungen. Man geht davon aus, dass 11-17 Prozent aller in Afghanistan und im Irak eingesetzten Soldaten darunter leiden oder gelitten haben. (Quellen: The Lancet  Vol 375, Issue 9711, Pages 301 – 309, 23 January 2010, tp; Bild: US Air Force)

Nov 29

Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS oder PTSD) rückten während der letzten Jahre ins Zentrum psychologischer Forschung. Sie entstehen, wenn Menschen lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt sind – etwa bei Naturkatastrophen, Attentaten, Mißbrauchserfahrungen oder Kriegsgeschehnissen. Schätzungen zufolge leiden beispielsweise bis zu 50% aller aus Kriegsgebieten zurückkehrenden US-Soldaten an Formen posttraumatischer Belastungsstörungen. Doch PTBS sind nur schwierig und zumeist auch langwierig therapeutisch zu behandeln, auch wenn diverse medikamentöse Ansätze mittels dem Stresshormon Cortisol, dem Betablocker Propranolo u.a. [1] und Psychotherapie (v.a. die speziellen traumatherapeutischen Ansätze der Hypnotherapie bzw. EMDR sowie kombinierte Ansätze wie etwa die nach Reddemann) deutliche Fortschritte brachten.

Neue Hoffnung kommt nun aus einer ganz unerwarteten Richtung: in einer zusammen mit der Studentin E. Ganon-Elazar durchgeführten und im Journal of Neuroscience veröffentlichten Studie [2] wird dargelegt, dass die Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren im basolateralen Kernkomplex der Amygdala (BLA) den verstärkenden Effekt von Stress bei der Konditionierung ausgleicht. Schon vor Jahren hatte der Pharmazeut Rafael Meshulam an der Jerusalemer Universität positive einschlägige Wirkungen erzielt, als er es traumatisierten Mäusen verabreichte, nun konnten seine Ergebnisse in Versuchsreihen mit Ratten bestätigt werden. Nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von Kroatien in einem Berufungsverfahren gegen einen Mann, der im Jugoslawienkrieg gekämpft hatte und seitdem an einer PTBS leidet, dürfen Kriegsveteranen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen mittlerweile sogar Marihuana zur Selbstbehandlung züchten. [3]

Quellen: [1] Andrea Naica-Loebell: “Die Pille für das Vergessen” in: telepolis Online-Magazin, 08/2005; [2] Ganon-Elazar, E. & Akirav, I. (2009), Cannabinoid receptor activation in the basolateral amygdala blocks the effects of stress on the conditioning and extinction of inhibitory avoidance. Journal of Neuroscience, 29(36):11078-11088; [3] Der Standard 04.06.2009. Bildquelle:cannabisculture.com)

Jul 22

Das Erleben von Gewalt belastet nicht nur die Seele von Kindern, sondern beeinträchtigt offenbar auch die körperliche Gesundheit. Bei jungen Menschen aus Stadtvierteln mit hoher Kriminalitätsrate kommt es häufig zu Störungen in der Produktion des körpereigenen Hormons Cortisol, wie eine Studie an der Harvard School of Public Health ergab. Derartige Änderungen an der Cortisolproduktion und -regulierung als Folge von Stress können jedoch das Immunsystem schwächen und erhöhte Fettablagerungen im Bauchbereich zur Folge haben, welche wiederum häufig zu Erkrankungen der Herzkranzgefäße oder Diabetes führen.

Das Hormon Cortisol wird vom Stressreaktionssystem des Körpers reguliert. Der Cortisolspiegel ist in der Regel morgens am höchsten und fällt im Verlauf des Tages ab. Die Wissenschaftler untersuchten nun an Burschen und Mädchen aus Gegenden mit hoher Kriminalitätsrate den Einfluss posttraumatischer Stresssymptome wie mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Schlafstörungen und schlechte Erinnerungen auf den täglichen Cortisolspiegel.

Das Ergebnis: Zwischen dem Erleben von Gewalt im direkten Umfeld und der Störung der Stressbahnen im Körper gibt es eine Verbindung. Je mehr die untersuchten Kinder unter den Stresssymptomen litten, desto stärker war die Cortisolproduktion beeinträchtigt und desto höher war der Cortisolspiegel über den Tag hinweg, vor allem am Nachmittag und am Abend, wie die Forscher berichteten.

(Quelle: Suglia et al. in: Posttraumatic Stress Symptoms Related to Community Violence and Children’s Diurnal Cortisol Response in an Urban Community-Dwelling Sample. International Journal of Behavioral Medicine, 2009; DOI: 10.1007/s12529-009-9044-6. Photo credit: L.Davilla/GettyImages)

Nov 07

(Photo src: medicalnewstoday.com)

Herzinfarkt-Überlebende mit posttraumatischen Belastungsstörungen tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, früher zu sterben – dies ist das Ergebnis einer aktuellen Studie an rund 150 Patienten, die nach einem Herzinfarkt oder Herzstillstand einen Defibrillator erhalten hatten. Die Wissenschafter des Helmholtz Zentrums München, der TU München sowie des Deutschen Herzzentrums fordern, den psychischen Symptomen weitaus größere Aufmerksamkeit zu widmen, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Das Team wies nach, dass Herzinfarkt-Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) ein erhöhtes Risiko tragen, früher zu sterben als Patienten ohne diese Diagnose. Dies wurde in der aktuellen Ausgabe der weltweit renommierten psychiatrischen Fachzeitschrift Archives of General Psychiatry veröffentlicht.

Im Zuge der Untersuchung fragten die Wissenschaftler insbesondere nach Symptomen, die typischerweise bei einer posttraumatischen Belastungsstörung auftreten: angstvolle, sich aufdrängende bohrende “intrusive” Erinnerungen an das lebensbedrohliche Geschehen, das Vermeiden von Verhaltensweisen, die an das Ereignis erinnerten, sowie eine nach dem Erstereignis aufgetretene gesteigerte nervöse Unruhe oder Überwachheit (Hypervigilanz). Ein Teil der Patienten litt in gesteigerter Weise an diesen Symptomen. Ihr Leben war durch immer wiederkehrende bedrohliche Erinnerungen an ihre Erkrankung bestimmt. Sie lebten in einem dauerhaft angstvoll-angespannten Zustand. Diese Menschen wiesen ein 3,5fach erhöhtes Risiko auf, früher als diejenigen Patienten zu sterben, die nicht an solchen Symptomen litten und sich mit ihrer Erkrankung hatten arrangieren können.
In keinem Zusammenhang mit dem Risiko der posttraumatischen Symptomatik standen Risikofaktoren wie das Alter, die Auswurffraktion des Herzens als Maß für die verbliebene Herzmuskelkraft oder Diabetes. Überraschenderweise fand sich auch keine Verbindung mit dem komorbiden Vorhandensein von Depression und Angst. “Dies bedeutet”, so Studienleiter Ladwig, “dass das PTBS-Risiko unabhängig von den genannten weiteren Risikofaktoren besteht und keineswegs durch sie erklärt werden kann.”

Als Konsequenz aus diesen deutlichen Studienergebnissen fordern Ladwig und sein Team, bei Herzinfarkt-Patienten den Symptomen einer PTBS in Zukunft weitaus größere Aufmerksamkeit zu widmen. Spezielle Hilfsangebote, bei Bedarf auch eine psychotherapeutische Begleitung, müssen rasch entwickelt und auf ihre Wirksamkeit getestet werden. Zum anderen bedarf es weiterer Forschung nach den Mechanismen, die dazu führen, dass die PTSD-Symptomatik einen solch fatalen Einfluss auf den Krankheitsverlauf bei Patienten mit Defibrillatoren ausübt.

(Quelle: Der Standard, 07.11.2008)

01.09.19