Jan 05

Was ist der Unterschied zwischen dem Störungsbild der Depression und “schlechter Stimmung” bzw. “Traurigkeit”? Diese häufig gestellte Frage ist mitunter schwierig zu beantworten, und tatsächlich kann es alles andere als einfach sein, zu unterscheiden, ob es sich bei verschiedenen Zeichen von Niedergeschlagenheit oder etwa auch körperlichen Symptomen nicht tatsächlich im Grunde um eine Depression handeln könnte.

Um diesbezüglich etwas Licht ins Dunkel zu bringen (vielleicht sogar in metaphorischem Sinne), möchte ich Sie einladen, den auf meiner Website verfügbaren Online-Test auf Depression durchzuführen, oder sehen Sie sich das untenstehende kurze Video mit ersten Informationen zu dieser Thematik an. Gerne können Sie weiter unten auch Ihre Erfahrungen und Beobachtungen anbringen – vielleicht können diese anderen weiterhelfen, die sich selbst ähnliche Fragen stellen.

Hier bei dieser Gelegenheit noch ein schöner Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Depression und verfügbaren Therapie-Ansätzen:

Sep 30

Suizid / Präsuizidales Syndrom / Depression

img source: menstylefasion.com

Der Begriff “präsuizidales Syndrom” stammt vom Wiener Psychiater Dr. Erwin Ringel, der die Gemeinsamkeiten im seelischen Erleben von Überlebenden untersuchte. Er spricht von drei Punkten:

  1. Einengung
  2. Gehemmte und gegen die eigene Person gerichtete Aggression
  3. Selbsttötungsphantasien

Durch das Zusammenspiel dieser drei “Bausteine” kommt es nahezu unvermeidbarerweise zu einem Teufelskreis, in dem sich diese gegenseitig verstärken.

  1. Einengung
    • Situative Einengung (Einengung der persönlichen Möglichkeiten): Das menschliche Leben ist durch eine Fülle von Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten geprägt. Im Zustand des präsuizidalen Syndroms ist dieses Gefühl jedoch weitestgehend nicht mehr vorhanden. Die Lebensumstände werden als bedrohlich, unveränderbar und unüberwindbar erlebt. Die eigene Person wird als klein, hilflos, ausgeliefert und ohnmächtig empfunden, die den übermächtigen Umständen ausgeliefert ist.
    • Dynamische Einengung (Einengung der Gefühlswelt): Die Stimmung, Gedanken, Vorstellungen und Assoziationen gehen nur mehr in eine Richtung. Durch diese einseitige Ausrichtung kommt es zu Depression, Verzweiflung, Angst und Panik oder zumindest nach außen hin zu einer unheimlichen Ruhe. Im Moment der Selbsttötung erreicht die dynamische Einengung ihren Höhepunkt. Nur ein gefühlsmäßiger Vorgang und nicht eine bloß rationale Überlegung vermag dies zu bewirken.
    • Einengung der zwischenmenschlichen Beziehung:
      Für die Selbsttötung gefährdete Menschen sind einsam, isoliert, fühlen sich von anderen Menschen verlassen und unverstanden.
    • Einengung der Wertewelt: Es tritt eine Störung der Wertbezogenheit auf, nichts hat mehr einen “Wert”. Mangelnde Wertbezogenheit resultiert in Interessenslosigkeit, Gleichgültigkeit, “Verdünnung” des Lebens, Langeweile. Eine Folge ist die unzureichende praktische Wertverwirklichung, wodurch das Selbstwertgefühl weiter geschädigt oder zerstört wird. Das Überhandnehmen subjektiver Wertungen verstärkt die gefühlsmäßige Außenseiterposition.
  2. Gehemmte und gegen die eigene Person gerichtete Aggression: Adler definiert Selbsttötung als eine klassische Racheaktion, wobei man zwar sich selbst treffe, damit aber zugleich andere für alle Zeiten vorwurfsvoll belaste. Selbsttötung erfordert eine enorm aggressive Haltung, in der sich die Aggression gegen die eigene Person richtet, obwohl im Grunde andere Menschen, auch in ihre Gesamtheit, also als “die Gesellschaft”, das in Wirklichkeit gemeinte Ziel darstellen. Damit dies eintritt, müssen ein starkes Aggressionspotential vorhanden sein und eine Abreaktion nach außen muß verhindert sein.
  3. Selbsttötungsphantasien: Viele Menschen haben schon einmal mit dem Gedanken gespielt, sich umzubringen. Bürger-Prinz meinte einmal, dass wir alle tot wären, wenn wir an unserem Körper eine Vorrichtung hätten, die ähnlich einem Lichtschalter auf “aus” gestellt werden kann. Solche gelegentlichen Ideen führen üblicherwiese nicht zum Suizid, sie sind an sich auch nicht als krankhaft zu sehen. Im Zustand des präsuizidalen Syndroms unterscheidet sich die intensive gedankliche Beschäftigung mit der Selbsttötung davon grundlegend. Es läßt sich zwischen den zunächst aktiven, das heißt willentlich intendierten, Suizidvorstellungen unterscheiden und den späteren passiven, welche sich einfach, oft gegen den Willen und auch in Form von Zwangsgedanken aufdrängen. Was zunächst ähnlich wie ein Entlastungsmechanismus wirkt, kann sich zu einer heftigen Bedrohung entwickeln, wenn sich die Phantasien verselbständigen. Jede derartige Phantasie ist allerdings eine Flucht aus der Wirklichkeit. Dies gilt auch für die Vorstellung tot zu sein. Meist verstehen die Betroffenen schon einige Tage später nicht mehr, wie sie ursprünglich nur auf derartige Gedanken kommen konnten.

Die Inhalte der Phantasien lassen sich in drei Stufen unterteilen:

  • Die Vorstellung, tot zu sein: Es geht bei dieser Phantasie um den Lustgewinn und Effekt, den dieses Ereignis bei den Mitmenschen auslöst und nicht um den Akt des Sterbens selbst. Es geht nicht um den Akt der Selbsttötung, sondern nur um das Ergebnis. Der Vorgang des Sterbens selbst wird übersprungen. Als “Toter” bleibt man in der Phantasie sozusagen am Leben und genießt den “Lustgewinn”. Wie in den Phantasien oder Tagträumen von Kindern kann der Tod dabei jederzeit ungeschehen gemacht werden.
  • Die Vorstellung, Hand an sich zu legen: Die zweite Stufe besteht in der Vorstellung, Hand an sich zu legen, ohne dass dabei konkrete Methoden oder Vorgehensweisen phantasiert werden.
  • Die detaillierte Vorstellung der Methode der Selbsttötung: In der dritten Stufe, in welcher höchste Gefahr besteht, wird die konkrete Durchführung, oft bis in das kleinste Detail gehend, geplant. Von hier zur aktuellen Durchführung ist es nur mehr ein kleiner Schritt.

Suizidphantasien und Suizidgedanken treten auf, wenn ein fortgeschrittenes depressives Störungsbild vorliegt. Depressionen sind heute gut behandelbar, auch wenn es mitunter eine gewisse Zeit dauern kann, bis Psychotherapie (und fallweise erforderliche Antidepressiva) ansprechen.

Wenn Sie Symptome eines präsuizidalen Syndroms an sich bemerken, wenden Sie sich umgehend an einen Facharzt für Psychiatrie oder Neurologie oder an einen/Ihren Psychotherapeuten(in).

(Quellen:  Fellner, R.L.: “Depressionen – Mythen und Fakten rund um eine “Zeitkrankheit” (2007), Fellner, R.L.: “Erwin Ringel” (1990); persönlichkeit & psyche)

25.06.19