Jan 05

Photoquelle: thetastingnote.com

Bei ihrer Einf√ľhrung wurde Viagra als neue Hoffnung f√ľr all jene beworben (und prompt gefeiert), die unter Erektionsst√∂rungen litten. Tats√§chlich wurden Belege daf√ľr gefunden, was manche Sexualtherapeuten (unter anderem auch ich) bereits von Beginn an vermuteten: √§hnlich den Effekten bei sog. “Testosteron-Kuren” (k√ľnstlicher Testosteron-Verabreichung) l√§√üt die Wirkung der Potenzpille bei l√§nger dauernder Einnahme zum Teil massiv nach.

Wissenschaftler dreier Universit√§ten in den USA und in Saudiarabien untersuchten, ob die Wirkung von Viagra, Cialis und Levitra auch anh√§lt, wenn das Medikament l√§ngerfristig eingenommen wird und ver√∂ffentlichten die Ergebnisse der Studie im Journal of Urology. Per Telephoninterview wurden 151 Patienten befragt, die im Jahre 1997 Viagra verschrieben bekommen hatten. Die Ursachen f√ľr die Erektionsst√∂rungen der Patienten waren operative Prostataentfernungen, Diabetes, oder neurologische St√∂rungen.

Anfangs verbesserte sich bei drei Viertel der Teilnehmer die Erektionf√§higkeit soweit, dass sie wieder normalen Geschlechtsverkehr haben konnten. Bei 15% dieser Patienten waren dazu 100mg Sildenafil (die maximale f√ľr m√§nnliche Erwachsene angeratene Dosis), notwendig, 83% der Patienten kamen mit 50mg aus und 2% ben√∂tigten nur 25mg.
Nach drei Jahren wurden die Patienten nochmals befragt, und es stellte sich heraus: die neuen Sexfreuden hatten nicht lange angehalten. Etwa die Hälfte der Patienten hatte die Potenzpille wegen Wirkungslosigkeit bereits ganz abgesetzt. Und 37% jener Männer, die noch auf Viagra bauten, waren mittlerweile auf die Maximaldosis umgestiegen.

Die Ern√ľchterung √ľber die angeblichen Wunderkr√§fte der blauen Pille ist in der Fachwelt gro√ü. “Nach meinen Beobachtungen wirkt Viagra nur bei der H√§lfte aller Patienten mit k√∂rperlich bedingten Erektionsst√∂rungen”, erkl√§rt P. Derahshani, Leiter der Urologischen Abteilung der K√∂lner Klinik am Ring. Ein gesundheitlich problematischer Aspekt bestehe darin, dass beim Auftreten von Gew√∂hnungseffekten die Dosis nur bei jenen Patienten gesteigert werden kann, die vorher 25 oder 50mg eingenommen haben, denn eine Dosis √ľber 100mg erh√∂ht das Risiko von Nebenwirkungen wie Kreislaufsschw√§che, √úbelkeit oder Kopfschmerzen betr√§chtlich.

Kein Ersatz f√ľr Psychotherapie bzw. Sexualtherapie

“Man sollte nicht vergessen, dass bei Erektionsproblemen Viagra nur bei solchen M√§nnern indiziert ist, deren Potenzschw√§che k√∂rperliche Ursachen hat”, sagte der Wiener Urologe Werner Reiter von der Impotenz-Ambulanz am Wiener Allgemeinen Krankenhaus in einem Interview mit der “S√ľddeutschen” (SZ). Vor allem bei √§lteren M√§nnern, die viel rauchen und an Bluthochdruck oder Herzerkrankungen leiden, verliere Viagra nach l√§ngerer Einnahme an Wirkung. Bei M√§nnern mit stabilem Gesundheitszustand beobachtet der Spezialist hingegen selten einen Gew√∂hnungseffekt.
“Wenn die Gr√ľnde f√ľr die Impotenz im psychischen Bereich liegen, deckt Viagra im besten Fall anfangs die Impotenz-Symptome zu”, warnt Reiter. Langfristig k√∂nne diesen Patienten nur mit einer Psychotherapie bzw. Sexualtherapie geholfen werden.

Gesundheitsrisiken mitunter fatal unterschätzt

Fatalerweise wird von vielen M√§nnern das Risiko von Selbstmedikation ignoriert. Doch stattliche 40 Prozent der M√§nner, die wegen Erektionsproblemen zum Arzt gehen, leiden an einer Arteriosklerose der Herzkranzgef√§√üe (welche jedoch nicht immer die Ursache der Erektilen Dysfunktion darstellen muss). Impotenz “kann jedoch das Anzeichen einer Erkrankung oder einer beginnenden Erkrankung sein. Symptome aber einfach blind wegbringen zu wollen hat sich weder in der Medizin, noch in der Psychotherapie als gewinnbringend erwiesen”, so Sexualtherapeut Karl F. Stifter. Es gehe darum, den Menschen ganzheitlich im Auge zu behalten, und dazu geh√∂rt auch, bei Erektionsproblemen zun√§chst einmal k√∂rperliche Ursachen und Symptome abzukl√§ren.

Der in den Pillen enhaltene Wirkstoff (Sildenafil bei Viagra, Vardenafil bei Levitra und Tadalafil bei Cialis) f√∂rdert die Entspannung der glatten Muskulatur im Schwellk√∂rper und unterst√ľtzt so die Erektionf√§higkeit. Die Besonderheit ist, dass die Wirkung erst mit einer sexuellen Erregung einsetzt – Erektionsprobleme werden also insbesondere dann nicht von ihr gel√∂st, wenn psychische Ursachen die Erektion behindern.

In geringem Ma√üe beeinflussen die Wirkstoffe auch chemische Reaktionen innerhalb unseres K√∂rpers, die unsere visuellen Empfindungen steuern. Daher geh√∂rt zu ihren Nebenwirkungen auch eine spezielle Form der Sehst√∂rung, bei der man alles leicht blau get√∂nt sieht. Piloten d√ľrfen daher mindestens 12 Stunden vor einem Flug kein Viagra einnehmen. Auf die mittlerweile nachgewiesene Sch√§digung des H√∂rverm√∂gens durch eine Langzeiteinnahme der Potenzmittel habe ich bereits in einem fr√ľheren Blog-Artikel hingewiesen.

Noch weitaus problematischer als dieses “blaue Wunder” ist aber wie erw√§hnt die Gefahr, bei bestehender Herzschw√§che einen Infarkt zu erleiden. Denn als Medikamente, die in die Blutzirkulation des K√∂rpers eingreifen, haben Viagra & Co. besondere Risiken f√ľr Herz und Kreislauf. Insbesondere Patienten, die Nitroglycerin oder Blutdruck senkende Mittel einnehmen m√ľssen, welche ebenfalls die glatte Muskulatur entspannen, d√ľrfen die Tabletten nicht einnehmen, da sich die Wirkung der Mittel gegenseitig verst√§rkt. Zusammen mit nitrathaltigen Medikamenten (z.B. f√ľr Angina pectoris) kann der Wirkstoff zu einem t√∂dlichen Blutdruckabfall und bei M√§nnern mit Herzkrankheiten zu Kreislaufversagen f√ľhren. Eine entsprechende Untersuchung durch einen Arzt ist daher unbedingt angezeigt, bevor man diese einnimmt.

Tats√§chlich sind keine anderen Medikamente aufgrund fahrl√§ssiger Anwendung f√ľr so viele Todesf√§lle verantwortlich wie die neuen “Erektionshelfer”. Europaweit wurden allein w√§hrend der ersten 3 Jahre nach dessen Einf√ľhrung weltweit 616 Todesf√§lle nach der Einnahme von Viagra gemeldet. Die leichte Verf√ľgbarkeit der Tabletten √ľber das Internet oder den Schwarzmarkt stellt ein gro√ües Problem dar, da sie zum einen zur Selbstmedikation regelrecht einl√§dt, und es sich zum anderen bei manchen so bezogenen Tabletten um gesundheitsgef√§hrdende Imitate handelt. Der Markt der Imitate, die gr√∂√ütenteils aus Indien und China stammen, ist n√§mlich kaum zu kontrollieren, mit den damit verbundenen Risken f√ľr die Endanwender, die die so bezogenen Tabletten h√§ufig nicht nur in viel zu jungen Jahren, sondern auch auf eigene Faust als “Lifestyle”-Droge einsetzen.

Zu bef√ľrchten ist also einmal mehr, dass bereits derzeit die Zahl der “Viagra-Veteranen” mit multisystemischen Erektionsst√∂rungen (= psychogene Erektile Dysfunktion plus bereits organisch bedingter Wirkungslosigkeit erektionshelfender Mittel) massiv zunimmt. Diese M√§nner d√ľrften sich speziell dann, wenn die Erektionsf√§higkeit aus ganz nat√ľrlichen Gr√ľnden (altersbedingt oder als Nebeneffekt k√∂rperlicher Erkrankungen) abnimmt, in einer ungl√ľcklichen Sackgasse wiederfinden.
Nachgewiesenerma√üen sind bei der √ľberwiegenden Mehrheit der M√§nner unter dem 50. Lebensjahr Erektionsprobleme psychisch bedingt – selbst diesen aber ist aus sexualtherapeutischer Sicht unbedingt angeraten, diese zun√§chst √§rztlich abkl√§ren zu lassen. Werden dabei keine klaren Indizien f√ľr k√∂rperliche Ursachen gefunden, sollte man im Interesse seiner Gesundheit (und vielleicht auch, um sich die “Trumpfkarte” der Pillen f√ľr schwierigere Zeiten aufzuheben) sexualtherapeutische Beratung suchen, statt reflexartig zu den einfach verf√ľgbaren problematischen “blauen Pillen” zu greifen.

(Quellen: Reuters.com; Rizk El-Galley et.al., “Long-Term Efficiacy of Sildenafil and Tachyphylaxis Effect” in: The Journal of Urology – September 2001 (Vol. 166, Issue 3, Pages 927-931); Image source: creakyeasel.com)

Nov 26

50% der jungen M√§nner sind zu dick. 60% der Weltbev√∂lkerung bewegen sich weniger als 30 Minuten am Tag, Bewegung und k√∂rperliche Arbeit werden immer weniger, die Kalorienzufuhr steigt. Die Folge: in den meisten europ√§ischen L√§ndern sind zwei von drei M√§nnern und jede 2. Frau √ľbergewichtig. Hinzu kommen die chronischen Begleiterkrankungen des Herz- und Bewegungsapparats mit der Folge steigender Kosten f√ľr das Gesundheitssystem. Eine weitere Verschlechterung der Situation in den n√§chsten Jahren ist zu erwarten: dringend erforderlich sind Pr√§ventionskampagnen, die eine Lebensstil√§nderung hin zu einer ges√ľnderen und “bewegteren” Lebensweise f√∂rdern.
Insbesondere bei 20- bis 25-J√§hrigen hat √úbergewicht desastr√∂sen Einflu√ü auf die Gesundheit. Bei den 25-j√§hrigen M√§nnern aber sind bereits 50% √ľbergewichtig, 60% rauchen und rund ein Drittel ist sportabstinent. Zwar ist nur ein Viertel der 16- bis 25-j√§hrigen Frauen √ľbergewichtig, jedoch waren die weiblichen Studienteilnehmer wesentlich seltener sportlich aktiv. Lediglich ein Viertel aller Studienteilnehmer weist keinen der untersuchten kardiovaskul√§ren Risikofaktoren auf.
Gro√üen Einfluss hat auch das Bildungsniveau. Die Gefahr, wenigstens einen kardiovaskul√§ren Risikofaktor im jungen Erwachsenenalter zu erwerben, ist mit abnehmenden Bildungsniveau deutlich gr√∂√üer: Im Vergleich zu Abiturienten/Gymnasiasten ist das Risiko der Realsch√ľler um den Faktor 3,2 erh√∂ht, bei den Hauptsch√ľlern ist es mehr als f√ľnfmal so hoch.

Starkes √úbergewicht, ein gro√üer Taillenumfang aber auch ein K√∂rpergewicht am unteren Ende des Normalbereichs sind bei Menschen um die F√ľnfzig mit einem erh√∂hten Sterblichkeitsrisiko verbunden. Das geringste Risiko haben Frauen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 24,3 und M√§nner mit einem BMI von 25,3. Dies sind die Ergebnisse der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC), eine der gr√∂√üten europ√§ischen Langzeitstudien weltweit. Die Studiendaten belegen, dass neben dem K√∂rpergewicht auch die Fettverteilung f√ľr das Sterblichkeitsrisiko von Bedeutung ist. Das Deutsche Institut f√ľr Ern√§hrungsforschung Potsdam-Rehbr√ľcke (DIfE) ver√∂ffentlichte k√ľrzlich seine Forschungsergebnisse in der Zeitschrift New England Journal of Medicine. Die Daten der europaweiten EPIC*-Studie, welche insbesondere den Taillen- und H√ľftumfang ber√ľcksichtigen, boten die gr√∂√üte zurzeit verf√ľgbare Datenbasis und erlaubten somit sehr sichere Schlussfolgerungen zum Zusammenhang zwischen K√∂rpergewicht und Sterblichkeitsrisiko.

“Das wichtigste Ergebnis unserer Untersuchung ist, dass das √úbergewicht an sich, aber auch unabh√§ngig davon die K√∂rperfettverteilung das Sterblichkeitsrisiko eines Individuums beeinflusst”, sagt Tobias Pischon, Erstautor der Studie. Denn das Bauchfett sei nicht nur ein Energiespeicher, sondern es produziere auch Botenstoffe, die die Entwicklung chronischer Erkrankungen f√∂rdern. Dies k√∂nne zum Teil erkl√§ren, warum auch schlanke Menschen mit einem niedrigen BMI aber gro√üem Taillenumfang ein erh√∂htes Sterblichkeitsrisiko aufweisen w√ľrden. In der vorliegenden Studie hatten Schlanke mit viel K√∂rperfett im Bauchraum ein ebenso gro√ües Risiko wie stark √úbergewichtige. “Unsere Ergebnisse unterstreichen damit die Notwendigkeit, auch bei normalgewichtigen Personen die K√∂rperfettverteilung durch eine Messung des Taillenumfangs oder des Taillen-/H√ľftumfang-Quotienten zu ermitteln. Eine Einsch√§tzung anhand des BMI oder des Taillenumfangs allein sei nicht ausreichend”, erg√§nzt Heiner Boeing, Leiter der Potsdamer EPIC-Studie.

Als Ursache f√ľr den beobachteten Zusammenhang zwischen niedrigerem BMI und erh√∂htem Sterblichkeitsrisiko kommt nach Ansicht der Wissenschaftler auch ein durch Alterungsprozesse oder unerkannte Krankheiten bedingter Verlust der Muskelmasse in Frage, die im Vergleich zum Fettgewebe schwerer ist. Menschen, die Gewicht verlieren, bauen oft mehr Muskeln ab als Fett.

Im Vergleich zu M√§nnern mit einem Taillen-H√ľftumfang-Quotienten unter 0,89 haben M√§nner mit einem Quotienten √ľber 0,99 ein um 43 Prozent erh√∂htes Risiko f√ľr fortgeschrittenen Prostatakrebs. Bei europ√§ischen M√§nnern ist diese Krebsart die am h√§ufigsten diagnostizierte und nach Lungen- und Dickdarmkrebs die dritth√§ufigste krebsbedingte Todesursache. Die Ursachen f√ľr Prostatakrebs sind noch wenig erforscht. Bekannte Risikofaktoren sind ein fortgeschrittenes Lebensalter, eine erbliche Vorbelastung und die Zugeh√∂rigkeit zu bestimmten ethnischen Gruppen. Die Gr√ľnde f√ľr den Zusammenhang zwischen Taillenumfang und dem Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, sind noch unklar.
Den Taillen-H√ľftumfang-Quotient berechnet man, indem man den Wert des Taillenumfangs durch den des H√ľftumfangs teilt.¬† Der Taillenumfang und auch der Taillen-H√ľftumfang-Quotient lassen auf die Menge an K√∂rperfett schlie√üen, die im Bauchraum eingelagert ist. Das Bauchfett ist nicht nur ein Energiespeicher, sondern es produziert auch Botenstoffe, die die Entwicklung chronischer Erkrankungen f√∂rdern.

* EPIC: European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition
Quellen:
– MedAustria, 200811
New England Journal of Medicine, Vol 359:2105-2120
Dt √Ąrztebl. 2008; 105(46): 793-800 (doi: 10.3238/arztebl.2008.0793
(Photo-Quelle: docs4you.at)

Noch mehr zum Thema Körpergewicht und Essstörungen:

√úbersichts-Artikel “E√üst√∂rungen”
Literaturtipps zum Thema

Blog-Begriffswolke:
ÔĽŅ10.06.18