Feb 12

Immer mehr Senioren leiden an psychischen Erkrankungen. In einem Interview mit der √∂sterr. Tageszeitung “Der Standard” erkl√§rte der Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD) Wiens, G. Psota: “Wir haben eine wachsende Problematik mit den ‘drei Ds’ – Demenz, Delirium und Depression. Davon sind 35 bis 45 Prozent der √ľber 80-J√§hrigen betroffen”.

Immer noch w√ľrden psychisch Kranke oft diskriminiert und stigmatisiert. Doch psychische Leiden spielen sich mitten in der Gesellschaft ab: Ein Prozent der √Ėsterreicher leiden an Schizophrenie, 870.000 haben ein Alkoholproblem, fast 110.000 Menschen sind dement, 400.000 depressiv. Psota: “Psychische Erkrankungen sind eine Herausforderung an Alle.”, eine Organisation allein k√∂nne l√§ngst nicht mehr eine Vollversorgung gew√§hrleisten. Vielmehr m√ľsste das Wissen √ľber eine ad√§quate Betreuung der Betroffenen sich in alle relevanten Bereiche erstrecken, wozu neben den Angeh√∂rigen und √Ąrzten der verschiedenen Fachrichtungen auch die sozialen Dienste ebenso wie beispielsweise auch die Exekutive geh√∂rten. Wichtig sei auch die ambulante Versorgung durch Psychiatrie und Psychotherapie.

Psota: “Wir haben mittlerweile sehr verschiedene Gruppen von Patienten, die wir betreuen und behandeln. Da sind erstens jene alt gewordenen psychisch Kranken, die durch die Wiener Psychiatriereform aus den Anstalten heraus kamen. Die sind mittlerweile √§lter als 60 Jahre. Sie sind durch langfristige Behandlung und in geeigneten Rahmenbedingungen oft einigerma√üen stabil, man muss sich bei ihrer Betreuung aber zunehmend auch um die k√∂rperlichen Aspekte k√ľmmern, weil die Menschen eben √§lter werden.”

Die zweite Gruppe seien “relativ junge Personen, die Psychosen entwickelt haben, schwere (oft bipolare) Depressionen oder andere psychiatrische Erkrankungen wie beispielsweise das Borderline Syndrom haben und Behandlung f√ľr viele Jahre brauchen. Aber auch Patientinnen und Patienten mit mittelgradigen Depressionen und Angstst√∂rungen, die kurz bis mittelfristig eine psychiatrische Betreuung ben√∂tigen, bis sie von niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern betreut werden k√∂nnen.”

(Quellen f. Teile des Textes u. Bild): Der Standard, 11.02.2010)

Dec 15

Den aktuellen Stand der Behandlung von Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen wurde k√ľrzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) pr√§sentiert.

Unter einer Persönlichkeitsstörung versteht man die extrem starke Ausprägung eines Persönlichkeitsstils wie etwa die zwanghafte, stark abhängige, ängstlich-vermeidende, paranoide, schizoide, die Aufmerksamkeit suchende, antisoziale oder stark narzisstische Veranlagung (Klassifikation siehe ICD-10). Charakteristisch ist bei allen Formen fehlende Flexibilität im Verhalten. Zwischen sechs und neun Prozent der Europäer leben mit so einer Störung, unter Psychiatrie-Patienten beträgt der Anteil in Deutschland sogar 40 Prozent. Betroffene, die besonders stressanfällig, emotional labil und ängstlich sind, entwickeln häufig andere psychische Folgeerkrankungen.

Man nimmt heute an, dass ein belastendes Lebensereignis oder eine nicht gel√∂ste Lebensaufgabe dazu f√ľhren k√∂nnen, dass ein durch Vererbung, Beziehungs- oder Esserfahrungen gepr√§gter Pers√∂nlichkeitsstil kranke Formen annimmt, die auch Behandlung erfordern. “Glaubte man lange, PS w√ľrden erstmals in der Pubert√§t auftreten und dann stabil bleiben, k√∂nnen das aktuelle Studien nicht best√§tigen. Bei 35 Prozent der Patienten liegt das Vollbild der St√∂rung nach zwei Jahren, bei 85 Prozent nach acht Jahren nicht mehr vor”, so Sabine C. Herpertz, Direktorin der Heidelberger Universit√§tsklinik f√ľr allgemeine Psychiatrie. Ohne Behandlung k√∂nne ein zur Krankheit gewordener Pers√∂nlichkeitsstil fatale Auswirkungen haben, die bis zum Suizid reichen.

Die am besten erforschte Pers√∂nlichkeitsst√∂rung ist Borderline (BPS). Schl√ľsselpunkt sei das Training bestimmter Fertigkeiten, wie z.B. die der Regulation von Emotionen und Stress, die Steigerung des Selbstwertgef√ľhls, das Achten auf sich selbst und sich in Schl√ľsselsituationen abzulenken oder zu entspannen. Bew√§hrte Ans√§tze seien jene der DBT, Tiefenpsychologie, basale Kognitionen (z.B. in der Systemischen Therapie) oder auf Mentalisierung (z.B. in der Hypnotherapie), bei der man unter anderem auch die richtige Interpretation des eigenen oder fremden Verhaltens ein√ľbt.

Wer zu einer Pers√∂nlichkeitsst√∂rung neige, sei laut Herpertz nicht von seiner genetischen Disposition abh√§ngig, sondern k√∂nne lernen, die Auswirkungen auf Psyche und Verhalten zu steuern. Am besten vor Pers√∂nlichkeitsst√∂rung gesch√ľtzt seien extrovertierte, kontaktfreudige Charaktere, die nicht zu hohe Anspr√ľche an sich selbst stellen. “G√ľnstig ist auch Ausdauer in Lebensaufgaben und Frust sowie soziale Zuverl√§ssigkeit.” Allerdings k√∂nnen auch zuviel Skrupel sowie sch√§dlicher Perfektionismus, √ľbertriebene Ausdauer, Unf√§higkeit zum Genuss und extreme Extrovertiertheit zu Problemen f√ľhren. “Es gilt stets den Weg der Mitte zu finden”, so die Heidelberger Psychiaterin.

(Quellen: Der Standard, DGPPN (Presseinfo / Abstract))

Oct 20

Eine Metaanalyse des British Medical Journal (BMJ) ging der Frage der Suizidalität unter Antidepressiva je nach Altersgruppe nach, im Zuge derer bei Kindern und Jugendlichen eine erhöhte Suizidalität durch die Einnahme von Antidepressiva nachgewiesen wurde.

√Ąrzte an der US-FDA schlossen 372 randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien mit insgesamt 99.231 Teilnehmern in die Metaanalyse ein. Das Durchschnittsalter betrug 42 Jahre, 63,1% waren Frauen. Indikationen f√ľr Antidepressiva waren schwere Depression (45,6%), leichtere Depressionen (4,6%), andere psychiatrische Erkrankungen (27,6%) und nicht psychiatrische Leiden (22,2%). Prim√§re Endpunkte der Metaanalyse waren Suizidverhalten und Suizidgedanken.

Bei Personen mit nicht psychiatrischer Indikation f√ľr das Antidepressivum war suizidales Verhalten extrem selten. Bei Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen war das Risiko f√ľr suizidales Verhalten respektive Suizidgedanken altersabh√§ngig. F√ľr Studienteilnehmer unter 25 Jahren lagen die Odds Ratios bei 1,62 respektive 2,30, f√ľr Personen zwischen 25 und 64 Jahren bei 0,79 respektive 0,89 und f√ľr Probanden √ľber 65 Jahren bei 0,37 respektive 0,06. Die Autoren berechneten, dass die Odds Ratio f√ľr suizidales Verhalten mit jedem Altersjahr um 4.6% sank.

Die Wissenschafter schlußfolgerten, dass die Suizidalität unter Antidepressiva bei psychiatrischen Patienten stark altersabhängig ist. Im Vergleich zu Placebo besteht bei Erwachsenen unter 25 Jahren ein erhöhtes Risiko, bei 25-64-Jährigen ein ungefähr neutraler und bei 65-Jährigen ein protektiver Effekt.

Quellen: MedScape Medical News, Aug 09, “Risk of suicidality in clinical trials of antidepressants in adults: analysis of proprietary data submitted to US Food and Drug Administration” in: BMJ; 2009 Aug 11; 339: b2880

Oct 13

Photo src: verslavingsblog.nl

Zur Vermeidung von “schiefer Optik”, wenn nicht gar von Korruptionsvorw√ľrfen, mit dem Ziel unbedingter Achtung der Interessen der Kranken und strengster Schweigepflicht bei gleichzeitiger M√∂glichkeit zur Zusammenarbeit von Behandlern in Teams – die √Ėsterreichische Gesellschaft f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie hat vor kurzem einen von einem Expertengremium formulierten “Verhaltenskodex f√ľr Psychiater” verabschiedet.

Selbstbestimmungsrecht des Kranken

F√ľr die Patienten mit psychischen Leiden, die oft der Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt sind, ganz wichtig: “Jede psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung hat – wie alle medizinischen Interventionen – unter Wahrung der Menschenw√ľrde und unter Achtung der Pers√∂nlichkeit, des Willens und der Rechte der Patienten zu erfolgen. Das Selbstbestimmungsrecht des Kranken ist zu w√ľrdigen. Psychiater achten das Recht ihrer Patienten, den Arzt frei zu w√§hlen oder zu wechseln.”

Schweigepflicht

Besonders streng ist die Schweigepflicht formuliert: “Psychiater haben √ľber all das, was sie w√§hrend ihrer √§rztlichen bzw. psychotherapeutischen T√§tigkeit erfahren, auch √ľber den Tode des Patienten hinaus, zu schweigen, abgesehen von gesetzlich vorgesehenen Ausnahmen.” Auf der anderen Seite soll das nicht die Zusammenarbeit von Psychiatern und Psychotherapeuten und anderen √Ąrzten untereinander behindern: “Wenn mehrere Psychiater und Psychotherapeuten bzw. ein interdisziplin√§res Team den Patienten behandeln, so sind sie untereinander von der Verschwiegenheitspflicht insofern befreit, als das Einverst√§ndnis der Patienten vorliegt oder berechtigterweise angenommen werden kann.”

Einsicht in Krankenakten

Nat√ľrlich hat der Patient ein Recht auf seine Daten: “Psychiater haben Patienten auf deren Verlangen grunds√§tzlich in sie betreffende Krankengeschichten Einsicht zu gew√§hren und gegen Kostenersatz Kopien anzufertigen.”

Verbindungen zur Pharmaindustrie

Schlie√ülich sind in dem von Christoph Stupp√§ck (MedUni Salzburg), Hartmann Hinterhuber (MedUni Innsbruck), Michael Lehofer (Landesnervenklinik Graz) und Helmuth Ofner (Juridische Fakult√§t Uni Wien) formulierten Verhaltenskodex auch die Verbindungen zur Pharmaindustrie geregelt: Jede “Pharmastudie” muss einer Ethikkommission vorgelegt werden, f√ľr Leistungen an die Industrie d√ľrfen Honorare “die Grenze der Angemessenheit nicht √ľbersteigen”. Der Dienstgeber muss √ľber solche Vertr√§ge Bescheid wissen. Bei Fortbildungsveranstaltungen ist der Sponsor offen zu legen. Kongresseinladungen d√ľrfen nur mit einem angemessenen Kostenersatz verbunden sein. Werbegeschenke d√ľrfen bestenfalls angenommen werden, wenn ihr Wert geringf√ľgig ist.

Hinweis R.L.Fellner: F√ľr den Berufsstand der Psychotherapeuten existiert in √Ėsterreich seit 1990 das Psychotherapiegesetz (PThG), seit 2002 sind auch umfassende und detaillierte Ethik-Richtlinien festgelegt.

(Quelle: Der Standard, 10/2008)

ÔĽŅ01.09.19