Jan 16

Dass gerade bei Psychopharmaka oder anderen psychoaktiven Medikamenten auch viele negative Auswirkungen auf das Verhalten zu vermuten sind, liegt auf der Hand. Dass ihre Einnahme Aggressionen auslösen kann, ist etwa bei Antidepressiva wie Prozac oder Ritalin bekannt. Systematisch untersucht auf ihre Auswirkung auf Gewalt wurden Medikamente und Medikamentengruppen aber noch nicht

Nun haben US-Wissenschaftler vom Institute for Safe Medication Practices in einer Studie, die im Open Access Journal PLoS One erschienen ist, Daten der fĂŒr Medikamente zustĂ€ndigen Behörde FDA ausgewertet und bei 31 Medikamenten von insgesamt 484 untersuchten Medikamenten festgestellt, dass sie ungewöhnlich oft mit Berichten von Gewalt gegen andere verbunden sind. Das bedeutet zwar nicht, dass diese Medikamente direkt Gewalt verursachen, es könnte jedoch einen Zusammenhang geben.

31 der in einem Zeitraum von 69 Monaten insgesamt 464 evaluierten Medikamente waren mit 79 Prozent der GewaltfĂ€lle verbunden, darunter 11 Antidepressiva, 3 Medikamente zur Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit/HyperaktivitĂ€ts-Syndroms (ADHS/ADHD), 5 Beruhigungsmittel und Vareniclin, das als Nikotinentwöhnungsmittel dient. Dessen Wirkstoff wird unter dem Namen Champix vertrieben, zahlreiche Nebenwirkungen sind bekannt, darunter auch SuizidalitĂ€t und AggressivitĂ€t, die FDA hat deshalb fĂŒr diese Substanz einen Warnhinweis veröffentlicht. Vareniclin ist auch nach dieser Studie höchst bedenklich und steht an der Spitze. Ein FĂŒnftel der Berichte ĂŒber Gewalt ist mit diesem Wirkstoff verbunden, damit ist die Neigung zur Gewalt um das 18-Fache höher als bei den anderen Medikamenten. Bupropion (in Deutschland gehandelt als Elontril), bei dem es eine geringe Verbindung zur Gewalt gibt, wird zwar auch zur Raucherentwöhnung eingesetzt, ist aber vor allem ein Antidepressivum.

Verbindungen zur Gewalt gibt es bei allen Antidepressiva, allen voran bei Fluoxetin (Prozac) mit einer mehr als zehnmal so hohen Wahrscheinlichkeit, an dritter Stelle liegt Paroxetin. Bei allen Antidepressiva ist eine Verbindung zur Gewalt 8,4-fach wahrscheinlicher als bei allen anderen psychoaktiven Medikamenten. Eine hohe Wahrscheinlichkeit liegt auch bei Amphetaminen wie Atomexitin (Strattera) und Methylphenidat (Ritalin) vor, die zur Behandlung von ADHD verwendet werden und ein 9- bzw. 3,4-fach höheres Risiko der Verbindung zur Gewalt aufweisen. Von den psychoaktiven Medikamenten wÀren noch die Schlafmittel Triazolam (Halcion) mit einem 8,7-fach und Zolpidem mit einem 6,7-fach erhöhten Risiko zu nennen. Unter den nicht-psychoaktiven Medikamenten fiel Mefloquin (Lariam), das zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria dient, mit einem 9,5-fachen Risiko auf.

(Quelle mit weiteren Linkverweisen zu Studien, Tabellen etc.: “Medikamente und Gewalt” in telepolis 12.01.2011; Image src:patientsrights.org.nz)

Jan 14
(Foto: Psychotherapie in Thailand bei R. L. Fellner)

(Photo: R.L.Fellner)

Ich bin an meiner psychischen Belastungsgrenze! Aber was tun: mir Medikamente verschreiben lassen oder einen Therapeuten besuchen?

Die meisten Menschen entscheiden sich zunĂ€chst fĂŒr den ersten Weg. Die meisten Psychopharmaka (so heißen die Arzneimittel, die auf die Psyche des Menschen symptomatisch einwirken) sind heute unkompliziert in der Apotheke um’s Eck zu bekommen, und den Rest verschreiben die meisten Psychiater bereits nach einem 5-minĂŒtigen GesprĂ€ch. Man kann es hiermit also angenehmerweise vermeiden, sich ĂŒber seine “schwachen Punkte” mit jemandem austauschen zu mĂŒssen, sondern darf darauf hoffen, dass uns der unangenehme “Gast” in Form von Ängsten, Depressionen, Zwangsgedanken etc. in KĂŒrze wieder verlĂ€ĂŸt. Diese Vorgangsweise folgt der Vorstellung des Menschen als Apparat: dreht man (pharmakologisch) am rechten SchrĂ€ubchen, lĂ€uft das Uhrwerk wieder.

Psychologen und Psychotherapeuten haben mit dieser Vorstellung naturgemĂ€ĂŸ Probleme, denn sie reduziert den Menschen nicht nur auf die Funktion einer “Denk- und Verdauungsmaschine”, sondern ignoriert auch die wichtigen anderen beiden SĂ€ulen des humanistischen Menschenbildes: Geist (unsere rational-/intellektuellen Möglichkeiten, Probleme zu bewĂ€ltigen) und Seele (die Vorstellung, dass psychische Probleme konkrete Ursachen haben, die wir lösen oder beheben sollten).

Aus diesen zwei recht gegensĂ€tzlichen Sichtweisen heraus hat sich eine moderne psychotherapeutische Vorgangsweise etabliert, die sich in den meisten aller psychischen Notlagen gut bewĂ€hrt: bei Psychosen, schwerwiegenden psychischen Erkrankungen und akuten Problemen dominiert zunĂ€chst einmal der pharmakologische Ansatz. Arzneimittel sollen helfen, die psychische Lage soweit zu stabilisieren, dass Patienten fĂŒr Psychotherapie und andere Therapieformen ĂŒberhaupt erst aufnahmefĂ€hig werden. Bei herkömmlichen psychischen Störungen wird in der Regel Psychotherapie angewandt, fallweise kann aber auch hier wĂ€hrend der ersten Behandlungsmonate pharmakologische UnterstĂŒtzung hilfreich sein. Von rein pharmakologischen Therapien ohne jede begleitende Psychotherapie ist man zu Beginn des 21. Jahrhunderts fĂŒr die meisten Beschwerdebilder eher abgekommen. Im konkreten Fall sollte im Interesse des bestmöglichen Therapieansatzes die Diagnose und EinschĂ€tzung der korrekten Vorgangsweise ein ausgebildeter Psychiater, Psychologe oder Psychotherapeut vornehmen.
Von Selbstdiagnosen und besonders auch der Selbstbehandlung mit Psychopharmaka ist aufgrund derer potentiellen Nebenwirkungen unbedingt abzuraten.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011)

Nov 01

In den letzten 30 Jahren gab es einen RĂŒckgang der Zahl der Suizide in Deutschland von 18.000 auf ca. 9.400, mit dem stĂ€rksten RĂŒckgang in den neuen BundeslĂ€ndern nach der Wiedervereinigung.

Einer der wichtigsten GrĂŒnde fĂŒr diesen sensationellen RĂŒckgang dĂŒrfte die bessere Versorgung depressiv Erkrankter sowie eine bessere FrĂŒherkennung des Krankheitsbildes sein. Aber trotz dieser Fortschritte werden auch heute nur weniger als 10% der ca. 4 Millionen depressiv Erkrankten in Deutschland optimal behandelt, schĂ€tzen Experten. „Dies ist ein nicht tolerierbarer Zustand, da Depressionen schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen sind und wirksame Behandlungen (..) zur VerfĂŒgung stehen“, sagte Prof. Dr. U. Hegerl, Direktor Klinik und Poliklinik fĂŒr Psychiatrie der UniversitĂ€t Leipzig, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Sprecher der Deutschen BĂŒndnisse gegen Depression in einem Interview in Berlin.

Zu den GrĂŒnden fĂŒr die schwierige zeitgerechte Diagnose und Therapie zĂ€hlen unter anderem auch die Depressionssymptome selbst wie Hoffnungslosigkeit, SchuldgefĂŒhle und Erschöpfung, die es den Betroffenen erschweren, sich professionelle Hilfe zu holen und empfohlene Behandlungen konsequent mitzugehen. Außerdem wissen hĂ€ufig weder die Betroffenen selbst noch die Ärzte (!) nicht um die adĂ€quaten Behandlungsmöglichkeiten. Mit Psychotherapie und dem Einsatz von Antidepressiva kann bei ĂŒber 90 Prozent der Betroffenen die Depression zum Abklingen gebracht oder ihnen zumindest deutlich geholfen werden. Immer noch glauben 80 Prozent der Bevölkerung, dass Antidepressiva sĂŒchtig machen oder die Persönlichkeit verĂ€ndern. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Psychotherapeutische Behandlungsangebote gehören heute zum Standard der therapeutischen Arbeit mit depressiv kranken Menschen.

In die neue, Ende 2009 verabschiedete deutsche  S3/NV-Leitlinie fĂŒr die Behandlung der unipolaren Depression ging Psychotherapie umfĂ€nglich ein. „Erstmals wurde damit auch fĂŒr schwer und schwerst depressiv Kranke Psychotherapie, in Kombination mit Medikation, als Standard benannt“, sagte Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf, Sprecher Arbeitskreis Depressionsstationen D/CH und Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, anlĂ€sslich des 7. EuropĂ€ischen Depressionstages im Oktober 2010. Depressive Störungen gehören zu den hĂ€ufigsten BeratungsanlĂ€ssen und Erkrankungen in der Versorgung. FĂŒr Patienten besteht vor allem hinsichtlich einer abgestuften und vernetzten Versorgung zwischen haus-, fachĂ€rztlicher und psychotherapeutischer Behandlung und bei der Indikation fĂŒr ambulante oder stationĂ€re Behandlungsmaßnahmen Optimierungsbedarf. Mit der neuen Leitlinie kommt man dieser Optimierung nĂ€her.

Ziele der Leitlinie sind unter anderem, Depression besser zu erkennen und Diagnostik und Behandlung von Depressionen in Deutschland zu optimieren. Ebenso sollen spezifische Empfehlungen zur Abstimmung und Koordination der Versorgung aller beteiligten Fachdisziplinen gegeben werden. Die Leitlinie gibt dabei keine Richtlinien vor, sondern Empfehlungen, wie zum Beispiel nach aktuellem Wissenschaftsstand und nach den Kriterien der Evidenzbasierten Medizin am sinnvollsten vorzugehen ist. „In der Praxis gibt die Leitlinie Anhaltspunkte, wie die Hauptsymptomatiken von Depressionen und die Begleitsymptome leichter erkennbar werden,“ sagte Prof. Manfred Wolfersdorf.

Ebenso sei ein Screening zur FrĂŒherkennung von Depressionen in der Leitlinie beinhaltet. Hiermit kann man zum Beispiel bei Patienten, die einer Hochrisikogruppe angehören (z.B. aufgrund frĂŒherer depressiver Störungen oder komorbider somatischer Erkrankungen) Maßnahmen zur FrĂŒherkennung von Depressionen bereits bei Kontakten in der Hausarztversorgung und in AllgemeinkrankenhĂ€usern einsetzen. FĂŒr ein Screening geeignete Instrumente sind der WHO-5-Fragebogen zum Wohlbefinden, der Gesundheitsfragebogen fĂŒr Patienten (PHQ-D) sowie die Allgemeine Depressionsskala (ADS). Eine weitere Möglichkeit der schnellen Erfassung einer möglichen depressiven Störung ist der so genannte „Zwei-Fragen-Test“:

1. FĂŒhlten Sie sich im letzten Monat hĂ€ufig niedergeschlagen, traurig bedrĂŒckt oder hoffnungslos?
2. Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Werden beide Fragen mit „Ja“ beantwortet, ist die klinische Erfassung der formalen Diagnosekriterien erforderlich, da nur durch die explizite Erhebung aller relevanten Haupt- und Nebensymptome eine adĂ€quate Diagnosestellung nach ICD-10 möglich ist. Dies geschieht in aller Regel ĂŒber eine fundierte Exploration.

(Quellen: MedAustria; Hegerl et.al., “Sustainable effects on suicidality were found for the Nuremberg alliance against depression” in: European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience Vol 260, Nr 5, 401-406, DOI: 10.1007/s00406-009-0088-z; Image src:fallenpastor.com)

Interessiert Sie dieses Thema? Dann ist fĂŒr Sie vielleicht auch mein umfangreicherer Artikel zur Behandlung der Depression interessant.
Einen Screening-Selbsttest auf Depression finden Sie ebenfalls auf dieser Website (Link klicken).

Aug 15

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat in ihrem Gesundheitsreport 2010 erstmals die Arzneimittelverordnungen ihrer 3,4 Millionen Mitglieder ĂŒber die letzten zehn Jahre analysiert. Daraus geht hervor, dass sich das Volumen der in Deutschland verordneten Antidepressiva im letzten Jahrzehnt bei Frauen wie MĂ€nnern verdoppelt hat. Damit einhergehend erhöhten sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Ausgaben fĂŒr psychische Erkrankungen zwischen 2002 und 2008 um 5,3 auf 28,7 Milliarden Euro. Deutschland liegt damit aber nur im Trend: bei der Recherche fĂŒr das Psychotherapie-Blog stoße ich regelmĂ€ĂŸig auf Berichte aus aller Welt (oder um genauer zu sein: von den verschiedenen westlichen Industrienationen .. welche gleichzeitig – zufĂ€llig oder nicht? – auch jene sind, in denen die Pharmaindustrie ĂŒber erheblichen Einfluß auf die Gesundheitpolitik verfĂŒgt), in denen ebenfalls Ă€hnliche atemberaubende Zunahmen zu verzeichnen sind (z.B. betr. USA). Wurden doppelt so viele Menschen “depressiv”? Werden die Medikamente auch dann, wenn sie eigentlich gar nicht indiziert oder notwendig wĂ€ren, bedenkenlos verschrieben? Warum eigentlich? Derartige Fragen drĂ€ngen sich fast automatisch auf, scheinen in der Gesundheitspolitik aber keinerlei Denkprozess anzustoßen. Die Ausgaben fĂŒr Arzneimittel nehmen im Gesundheitshaushalt der westlichen Staaten heute einen geradezu extremen Anteil ein: in der Schweiz etwa sind es bereits 21% der Krankenversicherungsleistungen und dieser Anteil stieg seit 1999 etwa 7-10% jĂ€hrlich an. Wurden die Pharmaprodukte tatsĂ€chlich immer erfolgreicher oder schafft es hier eine Industrie, aus anderen Sektoren sukzessive öffentliche Mittel abzuziehen?

Die hĂ€ufig – besonders von PolitikerInnen – gegebene ErklĂ€rung, die VerĂ€nderungen am Arbeitsmarkt wĂŒrden den Druck erhöhen und dadurch zu einer Zunahme an psychischen Beschwerden fĂŒhren, greift offenbar zu kurz: nicht nur Arbeitnehmer erhalten vermehrt Psychopharmaka verschrieben, Arbeitslose sind bei nahezu allen Diagnosen sogar noch hĂ€ufiger betroffen als andere Gruppen, wobei die Schere bei den psychischen Störungen besonders groß ist.

(Quellen: TK Gesundheitsreport 2010, telepolis, sp-ps.ch; Photo:citizen.co.ca)

Jul 13

Ein in bestimmten PflanzenblĂŒten enthaltener Duft hat gleich starke beruhigende und angstlösende Wirkung wie viele der hĂ€ufigsten Psychopharmaka, wie Forscher der UniversitĂ€ten Bochum und DĂŒsseldorf nun herausgefunden haben. Ihre Entdeckung wurde im “Journal of Biological Chemistry” publiziert, ist ein Wissenschaftsnachweis fĂŒr Grundlagen der Aromatherapie – und könnte bald zu neuen Therapieformen mit weniger Nebenwirkungen fĂŒhren.

Konkret wurde der Duftstoff Veracetal und dessen chemisches Pendant erforscht, der aus der Gardenie (Gardenia Jasminoides) stammt, einer ostasiatischen Strauchpflanze mit jasmin-Ă€hnlichem Duft. “Einzelne MolekĂŒle dieses BlĂŒtendufts wirken gleich wie viele Beruhigungsmittel. Diese Natursubstanzen werden Tabletten nicht ersetzen. Doch ist es realistisch, dass in Zukunft Menschen, die etwa wegen Schlafstörungen unnötig Valium oder andere Benzodiazepine einnehmen, auf solche Stoffe wechseln können”, erklĂ€rt Studienleiter Hanns Hatt.

Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine, Barbiturate und Narkosemittel wie Propofol entfalten ihre Wirkung an Haftstellen von Rezeptoren im Gehirn. In geringer Dosierung verstĂ€rken sie den Effekt des Botenstoffs GABA, der diese Rezeptoren hemmt, um das drei- bis fĂŒnffache. Die Forscher testeten nun bei 100 verschiedenen Duftstoffen, ob diese dieselbe Reaktion auslösen. Bei den zwei genannten DĂŒften war dies der Fall. Bei ihnen war die Wirkung auf die Rezeptoren sogar fĂŒnf- bis zehnmal höher wie zuvor.

“Diese Wirkung bestĂ€tigte sich in MĂ€use-Verhaltenstests sowie auch auf MolekĂŒlebene fĂŒr die Nervenzellen, die fĂŒr den Schlaf-Wach-Rhythmus zustĂ€ndig sind”, berichtet der Bochumer Zellphysiologe. Dabei war nicht das Geruchsempfinden ĂŒber die Nase, sondern die Aufnahme im Gehirn ĂŒber Atmung und Blutkreislauf entscheidend. Testeten die Forscher transgene MĂ€use, die nicht auf Propofol reagieren, war auch die Wirkung der Duftstoffe auf die Rezeptoren blockiert. Das beweist ebenfalls den Wirkmechanismus. Als nĂ€chstes will man Tests an Menschen durchfĂŒhren.

Interessant ist die Forschung auch, da sie eine Grundlage der Aromatherapie wissenschaftlich beweist. Zuvor ist das bisher nur beim Aromastoff Linalool gelungen. “Die Aromatherapie sagt schon lange, dass Jasmin-Ă€hnliche DufteindrĂŒcke schlaffördernd sind. Wir konnten das nun bestĂ€tigen”, so Hatt. Um weitere Details der Aromatherapie zu bestĂ€tigen, sei die klare Distanzierung von Esoterik nötig, betont der Experte.

(Quellen: Olga A. Sergeeva et.al. in “Fragrant dioxane derivatives identify ÎČ1 subunit-containing GABAA receptors“, doi: 10.1074/jbc.M110.103309; Standard 09.07.2010; Image src:toptropicals.com)

Jun 29

Du hast ja eine Psychose!” Dies ist gewissermaßen die “gebildetere” Form der Floskel “Du bist ja verrĂŒckt!”, die von manchen verwendet wird, wenn sie sich die Handlungen einer Person nicht erklĂ€ren können.

In stark naturverbundenen Kulturen wurden Menschen, deren Verhalten stark von dem abwich, was als “normal” empfunden wurde, durch Magier und Schamanen behandelt. Im Westen dagegen wurden sie frĂŒher in sogenannten “IrrenhĂ€usern” eingesperrt und teils grausam behandelt (-> Artikel: “Geschichte der Psychotherapie“). Erst in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nahm der Psychiater Karl Birnbaum erstmals eine Abgrenzung des medizinischen Begriffs der sog. “Psychose” vor. Seinem Konzept nach war diese durch eine Wechselwirkung zwischen organischen und psychischen Ursachen bestimmt: die organischen Faktoren definierten den Krankheitstyp, ihre AusprĂ€gung, ihr Beginn und ihr Verlauf wĂŒrden dagegen stark von psychischen Faktoren beeinflusst.

Das VerhĂ€ltnis dieser zwei Einflußfaktoren war geschichtlichen Änderungen unterworfen: vor dem Beginn der Psychiatrie hielt man “Geisteskranke” noch fĂŒr unheilbar, gefolgt von einer HochblĂŒte der Psychotherapie. GegenwĂ€rtig befinden wir uns wieder in einer Phase, in der die körperlichen (neurologischen) Faktoren im Vordergrund stehen. Mitunter werden dann auch ausschließlich diese behandelt – selbst wenn die eigentlich Betroffenen dies als nicht befriedigend und ausreichend erleben. Die erfolgreichsten Modelle bestehen heute aber in Kombinationen aus pharmakologischer, psychotherapeutischer und sozialtherapeutischer Behandlung.

Symptome, die auf eine Psychose hindeuten, sind wiederkehrende akustische oder andere Halluzinationen, wahnhafte Denkinhalte oder Beziehungsideen. Die eigene Person oder die Umwelt wird mitunter entfremdet oder verĂ€ndert wahrgenommen, die Sprache kann verwirrt oder konfus wirken. VerĂ€ngstigte, erregte, gereizte oder getriebene Stimmungen sind hĂ€ufig und oft auch Ă€ußerlich wahrzunehmen, manchmal aber auch “gedĂ€mpftes”, passives und gleichgĂŒltiges Verhalten.

Gar nicht oft genug kann ich auf die Wichtigkeit des sozialen Umfeldes hinweisen: da die Betroffenen selbst hĂ€ufig verĂ€ngstigt sind oder ihre eigene Situation verzerrt wahrnehmen, ist es bedeutsam, daß engagierte Freunde oder Verwandte mit Nachdruck auf Diagnose und Therapie hinarbeiten. Eine möglichst frĂŒhzeitige Behandlung verbessert die therapeutischen Interventionsmöglichkeiten nĂ€mlich deutlich.

Link-Tipp: Selbsttest auf Dissoziation / Dissoziative IdentitÀtsstörung

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2010; Image src:psymantra.com)

Jun 17

Die Therapie dauert durchschnittlich eineinhalb Jahre (Photo: TRBfoto)

Depressionen gehören zu den hĂ€ufigsten psychischen Erkrankungen. Aus Forschungsstudien unter kontrollierten Bedingungen war bisher schon bekannt, dass die psychotherapeutische Behandlung depressiver Störungen Ă€ußerst wirksam ist. In der Fachwelt bestanden jedoch Zweifel, ob sich die Ergebnisse aus den Forschungstherapien auch auf Routinetherapien im normalen Praxisalltag ĂŒbertragen lassen – in einer Studie haben Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-UniversitĂ€t Mainz dies nun jedoch auch fĂŒr die Routineversorgung mithilfe der Verhaltenstherapie nachgewiesen.

“Wir können zeigen, dass die Verhaltenstherapie hier eindeutig hilfreich ist”, erklĂ€rt die Psychologin Amrei Schindler von der Uni Mainz. “Die Ergebnisse der sogenannten RCT-Studien werden jedoch nicht ganz erreicht.” An der Studie beteiligten sich 229 Patienten, die zwischen 2001 und 2008 wegen Depressionen zur Behandlung an die Hochschulambulanz kamen. Davon haben 174 die Therapie regulĂ€r abgeschossen, das heißt sie brachen sie nicht ab. “Im Durchschnitt absolvierten die Patienten 35 Therapiesitzungen in unserer Ambulanz. Die Therapie dauerte somit durchschnittlich etwa eineinhalb Jahre”, erklĂ€rt Schindler.

Die depressiven Symptome und die allgemeine psychische Belastung gingen im Verlauf der Behandlung signifikant zurĂŒck. Gemessen anhand des Beck-Depressions-Inventars (BDI)* erreichten 61% aller Teilnehmer eine ĂŒber 50%ige Besserung ihrer Symptomatik. Dabei machte es bemerkenswerterweise offenbar keinen Unterschied, ob die Patienten gleichzeitig Psychopharmaka erhielten oder nicht.

Ein Vergleich der Depressionswerte zum Zeitpunkt der Anmeldung zur Therapie mit denen zu Therapiebeginn (durchschnittlich lagen dazwischen 5 Monate) ergab, dass sich die depressive Symptomatik in dieser Warteperiode nicht bedeutsam verĂ€nderte. “Wir kommen zu dem Schluss, dass die Verbesserungen tatsĂ€chlich auf die psychotherapeutische Behandlung zurĂŒckgehen und nicht oder jedenfalls nicht allein auf Psychopharmaka oder Spontanremissionen.” Schindler macht darauf aufmerksam, dass sich auch bei den Therapieabbrechern markante Verbesserungen eingestellt haben, wenngleich nicht in demselben Maße wie bei den abgeschlossenen Therapien.

Die Ergebnisse der Studie deuten allerdings auch darauf hin, dass die Therapien unter sogenannten naturalistischen Bedingungen wie in der Hochschulambulanz im Vergleich zu den randomisierten kontrollierten Studien, die zu Forschungszwecken angelegt werden, nicht ganz so effektiv sind. In einer weiteren Studie soll nun ĂŒberprĂŒft werden, inwieweit dies etwa mit den Unterschieden bei den Patientengruppen zusammenhĂ€ngt.

Quelle: A. Schindler & Wolfgang Hiller: “Therapieeffekte und Responseraten bei unipolar depressiven Patienten einer verhaltenstherapeutischen Hochschulambulanz” in: Zeitschrift fĂŒr Klinische Psychologie und Psychotherapie 39(2), 2010, 107, doi: 10.1026/1616-3443/a000019; Ärzte Zeitung Online 05/2010)
*) Test verweist auf den Selbsttest auf Depression auf dieser Website

Jun 13

Schon Stunden nach der Gabe von Antipsychotika zeigen sich rasch reversible VerĂ€nderungen des striatalen (s. Striatum) Volumens, wie eine Studie aus dem Zentralinstitut fĂŒr Seelische Gesundheit in Mannheim und dem National Institute of Mental Health, Bethesda, USA, zeigte, welche kĂŒrzlich in “Nature Neuroscience” veröffentlicht wurde.

Antipsychotika werden bei der Behandlung von Schizophrenie und anderen schweren seelischen Störungen eingesetzt und blockieren einen Rezeptor des Botenstoffs Dopamin im Gehirn. Sie verursachen oft sog. extrapyramidalmotorische Symptome (EPS) – Ruhelosigkeit sowie unfreiwillige Bewegungen der Gliedmaßen und des Gesichts -, die bereits innerhalb von Minuten nach der Medikamenten-Einnahme einsetzen können.

Im Zuge der Studie fand man heraus, dass das Medikament Haloperidol bei jungen gesunden MĂ€nnern innerhalb von Stunden nach einer einzigen Gabe das Volumen der grauen Substanz des Gehirns in einer fĂŒr die Motorik wichtigen Gehirnregion, dem Putamen, reduzierte. Dieser Volumenverlust war reversibel: innerhalb von 24 Stunden erreichte das Gehirnvolumen wieder sein normales Maß. Eine so schnelle VerĂ€nderung der Hirnstruktur war zuvor noch nie beobachtet worden, was nahelegt, dass Dopamin fĂŒr plastische VerĂ€nderungen des menschlichen Gehirns (NeuroplastizitĂ€t) wichtig ist.

Das internationale Forscherteam fand weiterhin, dass die Schwere von EPS bei gesunden Probanden stark mit dem Ausmaß an Gehirnvolumenreduktion korrelierte. Der Zeitverlauf der motorischen Störung spiegelt deutlich die raschen VerĂ€nderungen der Gehirnstruktur und der KonnektivitĂ€t wieder. Diese Studie legt nahe, dass kurzfristige strukturelle HirnverĂ€nderungen fĂŒr einige der Nebenwirkungen von Antipsychotika beim Menschen verantwortlich sein können.

Anmerkung R.L.Fellner: offensichtlich dĂŒrften aber sehr wohl auch chronische / dauerhafte VerĂ€nderungen bei der Langzeitkonsumation von Antipsychotika bzw. Neuroleptika auftreten – wenn die Nebenwirkungen stets nur “kurzfristig strukturell” wĂ€ren, existierten extrapyramidalmotorische Symptome bei entsprechenden Patienten ja nicht…

(Quelle: Tost H, Braus DF, Hakimi S, Ruf M, Vollmert C, Hohn F, Meyer-Lindenberg A., “Acute D(2) receptor blockade induces rapid, reversible remodeling in human cortical-striatal circuits”, in: Nature Neuroscience 2010 Jun 6 [Epub ahead of print], PMID: 20526332; Image src:bonkersinstitute.org)

Jun 03

Kinder und Jugendliche waren gemĂ€ĂŸ einer Studie der US Pharmaproduktions- und Gesundheitsmanagement-Firmengruppe MedCo Health Solutions die in den USA am stĂ€rksten wachsende Medikamenten-Konsumentengruppe – sie nahmen 4x so viel verschreibungspflichtige Arzneimittel wie der Rest der Bevölkerung ein. Jedes 4. Kind unter 10 Jahren erhielt Mittel gegen chronische Beschwerden, und bei den 10-19 JĂ€hrigen stieg dieser Anteil sogar auf 30 %.

Zwei Medikamentengruppen verzeichneten wĂ€hrend der letzten Jahre den grĂ¶ĂŸten Anstieg – Medikamente, die man normalerweise eigentlich nicht mit Heranwachsenden in Verbindung bringt: Antidiabetika und Neuroleptika (Antipsychotika). So stieg seit 2001 die Anzahl der 10-19 jĂ€hrigen Jugendlichen, die cholesterinsenkende Arzneimittel einnahmen, um unglaubliche 50%. Die Gruppe der Neuroleptika wird aber in den USA keineswegs nur gegen Psychosen wie z.B. Schizophrenie, sondern zunehmend auch bei AngstzustĂ€nden und Depressionen eingesetzt. Der Gebrauch dieser Arzneimittel-Gruppe hat sich in den USA seit 2001 deshalb verdoppelt, wĂ€hrend der von Antidepressiva seit 2004 um ĂŒber 20% abnahm – etwa zur gleichen Zeit hatte die Arzneimittelbehörde FDA eine Warnung veröffentlicht, dass einige Antidepressiva Selbstmordgedanken bei Jugendlichen verstĂ€rken können. Seither setzen die behandelnden Ärzte eher Neuroleptika ein. Doch ironischerweise vergrĂ¶ĂŸert der Konsum dieser Neuroleptika wiederum die Chance auf das Entstehen einer Typ 2 Diabetes.

Auch die oft kritisierte Vergabe von Medikamenten gegen ADHS ist weiterhin im Anstieg begriffen (2009: 9,1%) und hat sich – wohl aufgrund der Sensibilisierung bezĂŒglich des vielpublizierten “ADHS bei Erwachsenen” – auf die Gruppe der 20-34 JĂ€hrigen ausgeweitet. Dort stiegen die Verschreibungszahlen um ĂŒber 21% an.

Medco analysierte fĂŒr den Report seine 200 Top-Kunden, die ĂŒber 40 Millionen Menschen reprĂ€sentieren. Die Firma sieht eine blĂŒhende Zukunft fĂŒr Pharma-Hersteller: bis 2012 sollen die Ausgaben fĂŒr Arzneimittel um weitere 18% steigen.

Kommentar R.L.Fellner:
Der schon in einer US-Studie vom November letzten Jahres festgestellte Trend in der Sozial- und Gesundheitspolitik wird damit ein weiteres Mal bestĂ€tigt: er fĂŒhrt offenbar weg von AnsĂ€tzen, die Ursachen psychischer, sozialer und körperlicher Probleme und Erkrankungen mit all den uns heute zur VerfĂŒgung stehenden wirksamen Methoden (‘ganzheitlich’) zu behandeln und ihnen damit letztlich -hoffentlich- dauerhaft Herr zu werden, sondern der Mensch soll primĂ€r mit einer auf ihn abgestimmten Palette von parmakologischen Produkten versorgt werden, deren diverse Nebenwirkungen dann im (fĂŒr den Betroffenen..) ungĂŒnstigsten Fall wiederum weitere Arzneimittel nötig machen. Und wer sich von Kindern und Jugendlichen heute zu sehr herausgefordert oder provoziert fĂŒhlt, findet entweder einen Arzt, der nach ein paar Minuten Konsultation ADS / AHDS diagnostiziert und dazu auch gleich das passende Rezept ausstellt, oder eine Behörde, die (tĂ€gliche RealitĂ€t im heutigen England) eine sog. “ASBO” verfasst – mit den damit verbundenen “sozialen” Anpassungsmaßnahmen. Die vielgepriesene “freie Gesellschaft” des Westens scheint zu immer grĂ¶ĂŸeren Teilen in ein potemkinsches Dorf – abgelenkt durch glitzernde Konsumprodukte und “mind- & behavior- optimiert” durch immer neue Produkte der Pharmaindustrie – umgesiedelt zu werden.

(Quelle: Kids’ Consumption of Chronic Medications on the Rise (May 19, 2010), tp; Image src:healthpsych.psy.vanderbilt.edu)

Mar 17

Nach einer US-Studie könnte es einen Zusammenhang zwischen ADHD-Medikamenten und Herzstillstand bei Kindern und Jugendlichen geben, wie die US-Lebensmittel- und Medikamentenbehörde FDA in einem Hinweis gewarnt hat. Stimulierende Mittel wie Ritalin, die zur Behandlung der Aufmerksamkeitsstörung ADHD gegeben werden, könnten demnach auch bei ansonsten gesunden Kindern und Jugendlichen zu einem plötzlichen unerklĂ€rten Tod durch Herzstillstand fĂŒhren.

Die Aussagekraft der Studie, die vom American Journal of Psychiatry veröffentlicht wurde, ist allerdings hinterfragbar, worauf die FDA auch hinweist und erklĂ€rt, dass die Warnung nicht bedeuten soll, dass Eltern die Medikation bei ihren Kindern einstellen sollen. Die behandelten Ärzte werden jedoch aufgefordert, den Therapieplan erst nach einer genauen Anamnese fĂŒr Herzkreislauferkrankungen der Kinder und ihrer Familien zu erstellen.

Allein in den USA werden 2,5 Millionen Kindern mit Medikamenten wie Ritalin, Dexedrin, Modafinil oder Adderall behandelt, die auf diesen Wirkstoffen basieren. Bekannt ist, dass Ritalin und andere dieser Medikamente zu Herzkreislaufstörungen fĂŒhren und den Blutdruck erhöhen können, bei Hochdruck, Herzfehlern und ĂŒberhaupt Herzkreislauferkrankungen sollen sie nicht gegeben werden. Es gab auch immer wieder Berichte ĂŒber plötzliche Tode bei Kindern, die mit den Medikamenten behandelt wurden. Die FDA fordert weitere Studien, um mehr Aussagekraft hinsichtlich der kausalen ZusammenhĂ€nge zu erreichen.

(Quellen: [1], [2], [3])

ï»ż01.09.19